20 Jahre Mauerfall Generalprobe für die Revolution

20 Jahre Mauerfall: Generalprobe für die Revolution Fotos
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Im Herbst 1989 adelten die Montagsdemonstrationen Leipzig zur "Heldenstadt" - doch für Furore sorgten SED-Gegner dort schon ein Dreivierteljahr zuvor: mit der bis dahin größten Anti-SED-Demo seit dem Volksaufstand von 1953. Von

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Für Erich Honecker und die greisen Genossen vom SED-Politbüro war dieser Tag ein ganz besonderes Datum. Im offiziellen DDR-Feiertagskalender stand der 15. Januar in einer Reihe mit dem Gründungstag des SED-Staats und dem 1. Mai. Angeführt von pelzbemützten SED-Granden spazierte dann jedes Jahr wieder eine "Kampfdemonstration" mit roten Fahnen zum Friedhof Berlin-Friedrichsfelde. Dort, an der "Gedenkstätte der Sozialisten", gedachte man dann zweier Märtyrer der Bewegung: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die am 15. Januar 1919 von Reaktionären gemeuchelt worden waren.

1988 allerdings war er zu einem spektakulären Zwischenfall bei der Familienfeier unter Funktionären gekommen. Seinerzeit hatten sich findige SED-Gegner unter die staatstragende Manifestation gemischt und eigene Transparente entrollt - unter anderem mit einem berühmten Rosa-Luxemburg-Zitat: "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden". Die SED-Prominenz war nicht amüsiert, die Teilnehmer des Protests wurden festgenommen. Ein Woche später traf eine zweite Verhaftungswelle die führenden Köpfe der Ost-Berliner Dissidentenszene - die SED wollte das Problem Opposition ein für alle Mal mit Gewalt zu lösen.

Doch organisierter Unmut regte sich keineswegs nur in Berlin. Neue, wirksame Protestformen, Wege heraus aus der geschützten, aber eben auch eingehegten Ersatzöffentlichkeit der Kirchen - diese Fragen bewegten in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre kritische DDR-Bürger überall im "Arbeiter- und Bauernstaat". Besonders im sächsischen Leipzig suchten einige Bürgerrechtsgruppen intensiv Möglichkeiten, auch "normalen" DDR-Bürger zu aktivieren, die sich normalerweise nicht zu staatskritischen Veranstaltungen in Kirchen trauten. Und so kam es, dass im Januar 1989 der symbolträchtige Luxemburg-Liebknecht-Jahrestag auch in Leipzig im Eklat endete - und zu so etwas wie einer Generalprobe für Leipzigs Rolle als "Heldenstadt" in der Herbstrevolution wurde.

Der Verräter schickt ein Telegramm

Eine Gegendemonstration soll für den Gedenktag organisiert werden. Doch wie? Die SED kontrolliert alle Massenmedien, "staatsfeindliche Hetze" steht unter Strafe. Es bleibt nur, heimlich selbstgedruckte Flugblätter zu verteilen - doch selbst die herzustellen, ist in der DDR keine leichte Sache. Der SED-Staat hat das Monopol auf Druckmaschinen und Kopierer, sogar Schreibmaschinen werden staatlich registriert. Papier ist nur schwer zu bekommen, und wer größere Mengen kauft, macht sich sofort verdächtig.

Mit zwei alten Matrizengeräten, einem aus dem Pfarramt der Markus-Kirche, das andere versteckt in einer Privatwohnung, werden Anfang Januar insgeheim 10.000 Demo-Aufrufe hektographiert - eine für den DDR-Untergrund fast unvorstellbare Auflage. Spätabends am 11. Januar macht sich die kleine, verschworene Truppe im Dunkel der Nacht ans Verteilen des subversiven Aufrufs. In verschiedenen Stadtteilen werfen die Aktivisten rund 5000 der selbstgedruckten Botschaften klammheimlich in die Briefkästen der Leipziger ein.

Dass die Aktion gelingt, ist fast ein Wunder - bereits am Tag zuvor war die Stasi durch eine IM vorgewarnt worden. Unter den Organisatoren ist ein IM, der noch am späten Abend ein Telegramm an seine Berliner Auftraggeber schickt, in dem er die Namen aller Beteiligten verrät.

Waterloo für die SED

So kann die Staatsmacht sofort zum Gegenschlag ausholen. Noch in derselben Nacht werden um 3 Uhr morgens die ersten beiden Beteiligten verhaftet, an den folgenden Tagen landen fast alle Teilnehmer der Aktion in Untersuchungshaft, elf Personen insgesamt. "Du wirst abgeführt - lange dunkle Gänge - 'Hände auf den Rücken!' - rote Lampen. Du musst an jeder Ecke warten. 'Gesicht zur Wand!'", notiert Uwe Schwabe, einer der Demo-Initiatoren, über seine Untersuchungshaft. "Jeden Tag Verhöre. Gleiche Szenen, gleiche Fragen. Du hast zur Außenwelt nur Kontakt durch die Klappe, siehst einzig Hände, kein Gesicht. Für dich ist kein Mensch hinter der Tür."

Doch die Rechnung der Stasi geht nicht auf. Schon am 13. Januar beginnen andere Regimekritiker in Erfurt, Zwickau und Bautzen damit, Solidaritätsaktionen für die Verhafteten zu organisieren. Berliner Oppositionelle informieren derweil die Westmedien, im Leipziger Jugendpfarramt wird ein Kontakttelefon eingerichtet. "'DDR'-Polizei verhaftet Menschenrechtler!", titelt im Westen die "Welt" am 15. Januar. SED-Chef Erich Honecker und seine Greisenriege haben in den folgenden Tagen eine denkbar schlechte internationale Presse.

Und die unbeugsamen Leipziger bereiten der DDR-Führung ein zusätzliches Waterloo auf diplomatischen Parkett. Denn ausgerechnet am 15. Januar 1989 geht in Wien die KSZE-Nachfolgekonferenz zu Ende. Das Wiener Abschlussdokument macht die seit 1973 ausgehandelten Vereinbarungen über die Wahrung der Menschen- und Bürgerrechte verpflichtend für alle Unterzeichner - auch für die DDR. Über eingeweihte Dissidentenfreunde aus Polen und der Tschechoslowakei haben die Neuigkeiten auch Wien erreicht. Nun protestieren in ihren Abschlussreden sowohl Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher wie sein US-Kollege George P. Shultz vor aller Welt gegen die Verhaftungen in der DDR.

Der Funke zum Volk

In Leipzig kommt es zur gleichen Zeit zum Showdown. Mehr und mehr Menschen versammeln sich ab 16 Uhr unter den Arkadengängen des Alten Rathauses im Stadtzentrum. Bald sind es nicht mehr nur Dutzende, wie sonst bei "staatsfeindlichen" Demos in der DDR, sondern Hunderte. Und wie erhofft sind darunter vor allem Bürger, die bisher staatskritische Veranstaltungen gemieden haben - der Funke zum Volk ist übergesprungen, der Wille zum Protest ist größer als die Angst vor Stasi-Knast. Rund 800 Demonstranten zählen die Organisatoren schließlich - es ist die bis dahin größte Anti-SED-Demonstration in der DDR seit dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953, wie Westsender am Abend melden.

Dann klettert ein junger Mann auf die Brüstung der Untergrundmessehalle und spricht zur Menge: Man habe mit einem Schweigemarsch an den Todestag von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht erinnern wollen, ruft Fred Kowasch von der oppositionellen "Initiativgruppe Leben". "Aber bevor wir schweigen, werden wir reden, und zwar von den erneuten staatlichen Eingriffen in die Freiheit der Persönlichkeit." Im Vorfeld der Versammlung seien elf Menschen verhaftet worden; dieses Vorgehen zeige "dass zurzeit grundlegende Artikel der Verfassung außer Kraft gesetzt sind".

Dann setzt sich der Demonstrationszug in Bewegung, die Petersstraße entlang. Er kommt 200 Meter weit, dann versperrt eine Polizeikette den Weg. Sechs Polizei-Laster, zahlreiche Streifenwagen und selbst ein Wasserwerfer sind aufgefahren, um dem Bürgerprotest ein Ende zu machen. Innerhalb von Minuten werden die ersten beiden Reihen von Demonstranten, die sich untergehakt haben, überwältigt und abgeführt; die Demonstration löst sich auf. Insgesamt 53 Personen werden "zugeführt", wie es im DDR-Deutsch heißt. Redner Kowasch wird am folgenden Tag um 13 Uhr verhaftet.


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Kratzer im stumpfen Lack

Nicht alle, die im Namen des Politbüros Gewalt gegen die Demonstranten anwenden sollen, sind überzeugt von dem, was ihnen an diesem Tag befohlen wird. "Ich hatte ein beklemmendes Gefühl, Tränen standen mir in den Augen", berichtete zwei Monate später ein anonymer Bereitschaftspolizist in der Untergrundzeitschrift "Umweltblätter" über den Einsatz. "Mein Freund neben mir starrte stumpf vor sich hin. Ich stehe hier als Polizist, muss als Grundwehrdienstleistender Dinge tun, die ich mit meinem Gewissen nicht vertreten kann." Die Saat des Zweifels hat selbst die DDR-Sicherheitskräfte erreicht.

Erich Honecker dagegen plagen keine Zweifel - jedenfalls nicht daran, "anti-sozialistische, staatsfeindliche Bestrebungen" mit aller Härte zerschlagen zu lassen. Doch der SED-Chef ist in der Klemme, denn genauso wichtig wie Kompromisslosigkeit gegenüber DDR-internen Kritikern ist dem Diktator das internationale Ansehen seines Landes. Und das hat durch die Leipziger Oppositionellen nun kräftige Kratzer im ohnehin schon stumpfen Lack. Um sein Regime aus der Schusslinie der internationalen Kritik zu bekommen, befiehlt Honecker der DDR-Justiz am 24. Januar, die Ermittlungsverfahren wegen der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration einzustellen.

Die Generalprobe für die friedliche Revolution hat funktioniert.


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