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Mauerfall 1989 Und plötzlich war ein Loch im Zaun

20 Jahre Mauerfall: Und plötzlich war ein Loch im Zaun Fotos
AP

Auf und davon: Als 1989 der Eiserne Vorhang zwischen Österreich und Ungarn fiel, nutzten Hunderte DDR-Bürger die Chance zur Flucht. Den historischen Grenzdurchbruch ermöglichten heimliche Drahtzieher und stille Helden - über sie kommen nun erstaunliche Details ans Licht. Von Walter Mayr

Als der Eiserne Vorhang zerreißt, geht ein Bild um die Welt. Es zeigt zwei Herren in festlichem Anzug bei Knochenarbeit unter freiem Himmel: Mit Bolzenschneidern zwicken sie Löcher in einen Stacheldrahtzaun.

Die Außenminister Alois Mock aus Wien und Gyula Horn aus Budapest sind an diesem 27. Juni 1989 zur ungarischösterreichischen Grenze aufgebrochen, um ein Signal zu setzen: Die Teilung Nachkriegs-Europas soll ein Ende haben. Schulter an Schulter, mit klobigem Werkzeug im Drahtverhau, übermitteln sie bildgerecht die frohe Botschaft.

In Wirklichkeit, so spottet Miklós Németh, Ungarns Ministerpräsident der Wendezeit heute in seinem Haus am Nordufer des Plattensees, sei der Abbau der Grenzsicherungsanlagen damals schon seit Wochen in vollem Gang gewesen. Als Außenminister Horn ihm den Bildtermin an der Grenze vorschlug, habe er geantwortet: "Gyula, mach's, aber beeil dich - es ist kaum noch Stacheldraht übrig."

Anzeichen für Ungarns klammheimlichen Abschied vom Lager der Warschauer-Pakt-Staaten gab es seit Jahren. Wirklich ernst genommen wurden die Signale von Verbündeten wie auch den Nato-Staaten nicht. Viel zu viel sprach selbst im Sommer 1989 noch gegen eine Veränderung der Nachkriegsordnung. Noch immer waren Truppen Moskaus im Land. Die Restwelt stutzt erst, als am 19. August Hunderte Ostdeutsche mehr oder minder ungehindert durch ein morsches Holztor bei Sopron nach Westen schlüpfen - es ist der Anfang vom Ende der DDR. Gut drei Wochen später reisen, nun schon legal, binnen weniger Tage mehr als 10.000 Bürger des SED-Staats via Österreich in die Bundesrepublik aus.

Es sei Ungarn gewesen, wo "der erste Stein aus der Mauer geschlagen" wurde, ruft Helmut Kohl seinen Landsleuten am 4. Oktober 1990 in Berlin in Erinnerung, am Tag nach der Wiedervereinigung. Ungarn also, jenes Land, wo bis heute heimliche Drahtzieher wie stille Helden jener Tage sitzen, an denen dem Honecker-Regime der wohl entscheidende Stoß versetzt wurde - weil für Zehntausende DDR-Flüchtlinge das Tor zum Westen aufging.

Die Namen der Reformkommunisten und Bürgerrechtler, Grenzschutzoffiziere und Pfarrer, die Anteil daran hatten, dass im Grenzland hinter dem Neusiedler See vor einem Holztor mit Stacheldrahtkrone Geschichte geschrieben wurde, waren schnell in aller Munde.

Was sie antrieb, kommt dagegen nur langsam ans Licht.

Ungarns Probleme beginnen schon zwei Kilometer vor der Grenze zu Österreich. Auf Fluchtwillige warten hier, Ende der Achtziger, Stacheldraht und ein sowjetisches Signalsystem vom Typ SZ-100, das über 24-Volt-Schwachstromleitungen Alarm auslöst. Nach Jahrzehnten des Kalten Kriegs hat der Signaldraht Rost angesetzt. Der Chef der Grenztruppen klagt in einer Ministervorlage: "Das zum Drahtwechsel notwendige rostfreie Drahtmaterial beschaffen wir uns aus Westimport für Devisen" - Nachschub aus der Sowjetunion sei nicht mehr zu haben.

Mit vernehmlichem Murren hätten die Grenzschutzoffiziere der Gulasch-Kommunisten damals den Stein ins Rollen gebracht, schreibt der Historiker Andreas Oplatka in seinem kenntnisreichen Werk "Der erste Riss in der Mauer". Weil sie Berichte verfassten, in denen stand, dass Feldhasen, Vögel und verirrte Zecher bis zu 4000-mal im Jahr Fehlalarm an der Grenze auslösten. Und dass fast alle geschnappten Flüchtlinge Ausländer seien.

Die Ungarn selbst dürfen bereits seit Jahresbeginn 1988 reisen, wohin sie wollen. Für Unmut in Budapest sorgen deshalb die Kosten zur Instandhaltung der maroden Grenzanlagen: Umgerechnet fast eine Million Dollar pro Jahr sind zwar, gemessen an den 17 Milliarden Dollar Auslandsschulden, die das Land angehäuft hat, nicht viel; aber doch genug, um als Argument ins Feld geführt zu werden für den Abbau der Grenzanlagen.

Kaum im Amt, streicht Ministerpräsident Miklós Németh Ende 1988 den Etatposten betreffs Instandhaltung des Signalsystems. Am 2. Mai 1989 werden erste Stacheldrahtzäune an der Grenze eingerollt. Als Außenminister Horn acht Wochen später öffentlichkeitswirksam mit dem Bolzenschneider anrückt, bessert Ungarns Armee ihr Budget bereits mit dem Verkauf rostiger Stacheldrahtstücke auf.

"Ich sehe da, ehrlich gesagt, gar kein Problem" - mit diesen Worten kommentierte, Protokollnotizen zufolge, der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow beim Moskau-Besuch von Premier Németh im März 1989 die Pläne der Ungarn, den Eisernen Vorhang zu öffnen. Hat der Kreml-Herrscher, wie Németh heute annimmt, die Konsequenzen dieses Schritts unterschätzt?

In Ungarn ist ja zu diesem Zeitpunkt neben Németh bereits ein Häuflein Reformer am Werk, das sich von den Machthabern im restlichen sozialistischen Lager unterscheidet wie ein Pionierbataillon von der Kampfpanzertruppe. Der Lenker und Schutzpatron aller magyarischen Vor- wie Querdenker heißt Imre Pozsgay.

Pozsgay ist seiner Zeit stets voraus: 1968 bereits verfasst er eine Dissertation über "Möglichkeiten der Demokratie im Sozialismus"; 1981, inzwischen Mitglied des Zentralkomitees, warnt er als Erster vor Ungarns "Weg in die Schuldenfalle"; 1988 nennt er die Grenzanlagen "technisch, moralisch, historisch" überholt und wirkt mit beim Sturz des Langzeitherrschers János Kadár vom Thron der Partei; im Mai 1989 reist er nach West-Berlin, um die im DDR-Deutsch "antifaschistischer Schutzwall" getaufte Mauer eine "Schande" zu nennen. Sie müsse verschwinden.

Der von Pozsgay mit eingefädelte Beitritt Ungarns zur Genfer Flüchtlingskonvention wird am 12. Juni wirksam. Die Abschiebung von "Grenzverletzern" in ihre Heimatländer kann nun unter Verweis auf international bindende Vereinbarungen verweigert werden. Am Plattensee wie in Budapest füllen sich in den folgenden Wochen Campingplätze, Parkanlagen und das bundesdeutsche Botschaftsgelände mit Zehntausenden DDR-Bürgern.

Viele von ihnen wittern, wovon zu diesem Zeitpunkt offiziell noch keiner spricht:

dass sich in Ungarn die Tür nach Westen einen Spalt breit geöffnet hat.

Dicht an dicht liegen sie ab dem 14. August auf dem Boden der Kirche Zur Heiligen Familie in Budapest-Zugliget, unter dem Altarspruch "Alles, was nicht Gott ist, ist nichts" - die Männer und Frauen aus dem Staat des atheistischen Arbeiter-und- Bauern-Führers Erich Honecker. Pfarrer Imre Kozma kümmert sich um sie.

Am 13. August, dem Jahrestag des Mauerbaus ausgerechnet, war der deutsche Konsul in Budapest an Kozma herangetreten: ob der nicht auf dem Gelände der überfüllten Deutschen Botschaft festsitzende DDR-Bürger aufnehmen könne? Der Pfarrer willigte ein.

Er lässt in der Folge durch Helfer Zelte aufbauen und Essen verteilen. Er duldet, dass Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes ihn am Eingang zu seinem eigenen Kirchengelände kontrollieren. Und dass im Kircheninneren, wo flugs eine "Konsularische Vertretung" eröffnet worden ist, Beamte von der Deutschen Botschaft die DDR-Bürger mit grünen bundesdeutschen Pässen versorgen.

Ohnmächtig observieren Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit von den Dächern gegenüberliegender Häuser aus das Geschehen. Ohnmächtig, weil sie sehen, wie Kozma, seit Februar Präsident des neugegründeten Malteser Caritas-Dienstes in Ungarn, nun den quasi neutralen Vermittler im deutsch-deutschen Ringen um die Zukunft Zehntausender DDR-Bürger spielt. Premier Németh hingegen steht schon im Verdacht, einen kürzeren Draht nach Bonn zu haben als nach Ost-Berlin: Helmut Kohl und sein Berater Horst Teltschik schätzen den 41-jährigen Wirtschaftsexperten. Kohl telefoniert mit Németh, Németh spricht mit Pfarrer Kozma.

Zehntausende DDR-Bürger mit abgelaufener Aufenthaltsgenehmigung sind im Land, sie wollen nicht nach Hause, eine Lösung muss her. Am 17. August verdichten sich Gerüchte, beim geplanten "Paneuropäischen Picknick" nahe Sopron bestehe die Chance zur Flucht: Vertreter der BRD-Botschaft, sagt Kozma heute, "wussten Bescheid, taten aber so, als ginge sie das alles nichts an".

In der Nacht vom 18. auf den 19. August, kurz bevor sich erste Trabis und Wartburgs in Richtung Westen bewegen, laufen in der Pfarrei Zur Heiligen Familie von Budapest-Zugliget die Vorbereitungen auf Hochtouren - ein deutschsprachiges Flugblatt ist aufgetaucht, angeblich weiß keiner, woher.

Eine stilisierte Rose im Stacheldraht ist darauf zu sehen, dazu die genaue Anfahrtsstrecke zum Picknick und als Dreingabe: der Verlauf der zwei Kilometer nördlich gelegenen österreichischen Grenze.

Hinter Sopronköhida, wo das seit der Kaiserzeit berüchtigtste Zuchthaus Ungarns steht, führt die Straße bergan Richtung Grenze. Kurz vor den Sperranlagen verstecken sich linker Hand in einer Senke Häuser und Ställe einer Kolchose: Hier, in der Sopronpuszta, soll das Paneuropäische Picknick stattfinden.

Die Organisatoren sind Mitglieder mehrerer Oppositionsparteien, die im einstigen Ein-Parteien-Staat Ungarn seit Februar 1989 erlaubt sind. Sie wollen das bis dato Undenkbare proben: eine auf drei Stunden befristete Öffnung der seit 40 Jahren verriegelten Grenze nach Österreich. Genehmigungen liegen vor, Delegationen von beiden Seiten sind geladen, es soll Stacheldraht zerschnitten, Speck gebraten und gute Nachbarschaft gefeiert werden.

Schirmherren der Veranstaltung sind der Reformer Pozsgay auf ungarischer und der Kaisersohn Otto von Habsburg auf österreichischer Seite. Beide sagen ihre persönliche Teilnahme noch im Vorfeld ab. Eine "große Menge von DDR-Staatsbürgern" als Trittbrettfahrer hat sich angekündigt. Das jedenfalls besagt ein Telegramm vom Grenzschutzoberkommando in Budapest, abgesandt am letzten Tag vor dem Picknick, morgens um zehn.

Oberstleutnant Arpád Bella, 43 Jahre alt und verantwortlich für den Einsatz in der Sopronpuszta, hat den Text des Telegramms gewissenhaft studiert. Auch die Passage, in der es heißt, dass er seine sechsschüssige Dienstpistole, Kaliber 9 Millimeter, nur dann einsetzen dürfe, wenn er oder einer der Kollegen angegriffen oder "mit physischer Gewalt" genötigt werde, seinen Posten zu verlassen. Es ist 14.55 Uhr an diesem sonnigen Samstag im August, als Oberstleutnant Bella hügelanwärts einen Tross Menschen auf sich zukommen sieht: Männer, Frauen, Kinder.

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