Mauerfall 1989 Schüsse auf die DDR

Provokation oder Provinzposse? Im August 1989 nahmen Unbekannte von Westen aus den Ort Wahlhausen auf der DDR-Seite unter Feuer, 91 Einschläge wurden gezählt. Viele glauben bis heute an eine Inszenierung der Stasi - doch es könnte auch ganz anders gewesen sein.

Archiv Grenzmuseum Schifflersgrund

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Das Haus mit der Adresse Am Rain 5 steht nahe der Werra, am Ostufer des Flüsschens, das hier seit 1949 die Grenze zwischen Deutschland und Deutschland bildet. Der Ort Wahlhausen ist die vorderste Front des Kalten Krieges, die Nahtstelle zwischen Kommunismus und Kapitalismus, die Rote Linie zwischen zwei atomwaffenstarrenden Supermächten. Aber es ist eine verschlafene Front - bis zur Nacht des 18. August 1989. Kurz vor Mitternacht hallen Schüsse durch die Dunkelheit. Aus dem Westen wird in Richtung Osten gefeuert. Mehr als eine Stunde lang liegt Wahlhausen unter Beschuss, schlagen Projektile in Hausdächer, bohren sich in Wände und sprengen den Putz von Fassaden.

Vom Lärm geweckt, eilt der 75-jährige Rentner Reinhold F. auf den Hof hinaus. Doch nun ist es plötzlich still. Zurück im Haus entdeckt er Einschusslöcher im Fenster. Projektile stecken in der Tür, in der Zimmerdecke, in der Couch. "Mein Sohn oder meine Schwiegertochter hätten tot sein können", gibt der verstörte alte Herr danach zu Protokoll. Und vielleicht nicht nur sie. Was, wenn DDR-Grenzer in jener Nacht zurückgeschossen hätten? Wenn die ganze Maschinerie des Kalten Krieges in Bewegung gekommen wäre, Nato hüben, Warschauer Pakt drüben? Womöglich sind die beiden deutschen Staaten in diesem Moment an einer gewaltigen Katastrophe vorbeigeschlittert.

Die Krise der DDR steuert in jenen Augusttagen des Jahres 1989 ihrem Höhepunkt entgegen. Seit Januar haben fast 50.000 DDR-Bürger ihr Land verlassen, Hunderte harren in den bundesdeutschen Botschaften in Ost-Berlin, Budapest, Prag und Warschau aus, um ihren Weg in den Westen freizupressen. Der heiße Tipp, über die West-Botschaften abzuhauen, kursiert seit Wochen unter Ausreisewilligen, täglich treffen in den Missionen der osteuropäischen Hauptstädte neue Flüchtlinge ein. Die Ständige Vertretung der BRD in Ost-Berlin muss am 8. August geschlossen werden; am 14. August macht die Bundesrepublik auch ihre Vertretung in Budapest dicht.

Patrosenhülsen im Ufergras

In der hessischen Kleinstadt Bad Sooden-Allendorf wird in diesen Tagen gefeiert. Es ist Erntefest, eine Tradition seit 1858, immer am dritten Wochenende im August. Viele Menschen nutzen das Festwochenende, um Freunde und Bekannte wiederzusehen. Auch Polizeihauptkomissar Wolfgang Ruske, Chef der Schutzpolizei im Werra-Meißner-Kreis, kann entspannt mitfeiern; an diesem Wochenende hat er nur Rufbereitschaft.

Doch schon am Freitagmorgen, dem 18. August, klingelt sein Telefon. Die Nachrichtenagentur dpa fragt nach einem Zwischenfall an der nahen Zonengrenze zur DDR. Vom Westufer der Werra sei in der Nacht auf Häuser der Gemeinde Wahlhausen geschossen worden, erfährt Ruske von dem Journalisten. Das jedenfalls melde der DDR-Nachrichtendienst ADN: "Was wissen Sie darüber?"

Mir Ruskes Festlaune ist es aus. Er informiert den Bundesgrenzschutz und schickt eine Streife an den Tatort, ein Stoppelfeld an der Werra. Die deutsch-deutsche Grenze verläuft hier in der Flussmitte, vom westlichen Ufer sind es etwa 75 Meter bis zu den ersten Häusern der 200-Seelen-Gemeinde Wahlhausen. Als die Beamten eintreffen, bemerken sie am anderen Ufer ungewöhnlich viele Volkspolizisten und DDR-Grenzer. Beamte der Kripo Eschwege suchen die Uferböschung und das angrenzende Feld ab. Sie stellen insgesamt 91 Kleinkaliber-Patronenhülsen sicher. Die Ermittler fertigen eine Strafanzeige gegen Unbekannt. Der Verdacht: "versuchte vorsätzliche Tötung".

Anschlag auf die DDR?

Die Schüsse aus dem Westen auf Wahlhausen werden im Sommer 1989 sofort zum Politikum. Bereits am Morgen nach der Tat protestiert die Ständige Vertretung der DDR beim Kanzleramt in Bonn gegen den "schwerwiegenden provokatorischen Anschlag". Das SED-Regime verlangt, "unverzüglich Maßnahmen zur Unterbindung derartiger verbrecherischer Anschläge" einzuleiten. Selbst die Moskauer "Prawda" berichtet. Auch Bonn nimmt den Vorfall ernst. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble habe sich "einen persönlichen Eindruck von dem Tatort" verschafft, meldet die "Werra-Rundschau". Doch die bundesdeutschen Ermittler können sich auf die Vorgänge keinen Reim machen: Ein Anschlag auf die DDR?

Auch auf DDR-Seite sind die Behörden längst aktiv, eine Sonderkommission des Ministeriums für Staatssicherheit hat die Ermittlungen übernommen. Die Stasi riegelt den Ort ab, die örtliche Polizei bleibt außen vor. Viele Wahlhausener erfahren erst am Freitagabend aus den Abendnachrichten der "Aktuellen Kamera" von den Ereignissen in ihrem Dorf. Mehr als 50 Einschläge in zwei Wohnhäusern und einer Kirche seien registriert worden; mehrere Projektile hätten das Wohnzimmerfenster einer jungen Familie durchschlagen.

Der Erste Sekretär der SED-Bezirksleitung Erfurt, Gerhard Müller, besucht die betroffenen Anwohner "im persönlichen Auftrag" von DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker. Gegenüber DDR-Medien spricht er von einer der "schlimmsten Provokationen gegen die Staatsgrenze der DDR, die je stattgefunden hat". Die Dorfbewohner sollen in den DDR-Medien als Kronzeugen für die These vom Angriff aus dem Westen herhalten - auch Dorfpfarrer Friedrich-August Emmelmann, schließlich wurde die Kirche getroffen. Doch Emmelmann lehnt ab. Er erinnert sich noch daran, wie sieben Jahre zuvor ein DDR-Bürger bei einem Fluchtversuch an der Grenze bei Wahlhausen erschossen worden war. "Da wollten sie auch keine Stellungnahme von mir", sagt der Pfarrer.

Hartnäckiger Verdacht

Unter den Wahlhausenern selbst macht sehr schnell ein ganz anderer Verdacht die Runde. Hat die SED-Führung den Anschlag selbst inszeniert? War es ein Akt politischer Verzweiflung, ein perfides Propagandamanöver, mit dem das unter Druck geratene Regime die Stimmung in der DDR zu drehen versucht hat? Pfarrer Emmelmann jedenfalls glaubt nicht an eine Provokation aus dem Westen. "Der Zeitpunkt der Schüsse lässt darauf schließen, dass das Ereignis von der DDR selbst inszeniert wurde", ist der Gottesmann bis heute überzeugt. Und auch Horst Zbierski, Chronist und erster Nach-Wende-Bürgermeister von Wahlhausen, spricht von Indizien, die "eindeutig auf eine Aktion der Stasi" hinwiesen.

In vielen Köpfen hat sich der Verdacht einer Stasi-Inszenierung 20 Jahre nach dem Fall der Mauer längst zur Tatsache verfestigt. Doch der wahre Hintergrund der nächtlichen Schüsse auf die DDR ist weiterhin ungeklärt. Den mittlerweile pensionierten Polizeichef Ruske - der 1991 als Leiter der Polizeidirektion im thüringischen Nordhausen in den Osten wechselte - beschäftigt der Zwischenfall bis heute. Gemeinsam mit seinem Kollegen Wilfried Wegner, einst Erster Polizeihauptkommissar beim Bundeskriminalamt und wie Ruske an jenem Wochenende im August 1989 beim Bad Soodener Erntefest, sammelt er Indizien für eine "Aktion der Stasi, die von der Massenflucht der DDR-Bürger ablenken" sollte.

Die beiden Ex-Polizisten haben viele Fragen: Warum trieben sich bereits DDR-Reporter in Wahlhausen herum, als der Bundesgrenzschutz gerade erst von den Schüssen erfahren hatte? Weshalb griffen die DDR-Grenzposten nicht sofort zum Roten Telefon, das seit Ende der siebziger Jahre speziell für solche Gefahrensituationen existierte? War es nur Zufall, dass niemand verletzt wurde? Oder wartete der Täter sicherheitshalber, bis sich die Wahlhausener schlafen gelegt hatten, bevor er den Ort über eine Stunde lang unter Feuer nahm?

"Ernsthaftigkeit der angedrohten Gewaltakte"

Chefermittler im Westen war damals Oberstaatsanwalt Klaus Tschepke aus Kassel. "Wir haben noch keinerlei Erkenntnisse darüber, was hinter der Sache steckt", zitierte ihn drei Tage nach der Tat die Nachrichtenagentur AP - und bis zu seiner Pensionierung 1999 änderte sich daran nicht viel. Und das, obwohl sich die DDR bei den Ermittlungen kooperativ zeigt. Auf Bitten der Staatsanwaltschaft übermittelt das MfS Berichte von der Tatortuntersuchung, Vernehmungsprotokolle von Zeugen und kriminaltechnische Gutachten. Die im Osten sichergestellten Projektile passen zu den im Westen aufgefundenen Patronenhülsen - zu einem Verdächtigen führen sie nicht.

Die Stasi-Akten, jedenfalls die bislang bekannten, geben ebenfalls keinen Aufschluss über den oder die Täter. Dabei geht das MfS selbst skurrilen Hinweisen intensiv nach: Zwei Tage nach der Tat meldet sich mehrmals ein Anrufer bei der Volkspolizei, der angibt, Fremdenlegionär in Frankreich zu sein. Er habe den Angriff auf Wahlhausen verübt und plane mit einer 16-köpfigen Gruppe eine erneute Aktion. Die Stasi stellt bald fest, dass der Mann sich offenbar bereits seit 1982 nach Grenzzwischenfällen als Beteiligter ausgibt und vermutlich psychisch gestört ist. Da "eine Ernsthaftigkeit der angedrohten Gewaltakte nicht vollständig ausgeschlossen werden" kann, halten es die Ermittler aber für "zweckmäßig, geeignete Sicherungsmaßnahmen im Grenzabschnitt Wahlhausen einzuleiten".

Auch beim Grenzschutzkommando Mitte in Kassel geht eine Woche nach der Tat ein Anruf ein. Der Mann gibt an, Offizier zu sein und über die "Angelegenheit in Wahlhausen" sprechen zu wollen. Offenbar möchte er unerkannt bleiben, denn der Name, den er nennt, ist falsch, wie die Beamten bald feststellen - doch die Geschichte, die er erzählt, ist interessant.

Adelsposse?

Er rufe auf Veranlassung von Fritz Huschke von Hanstein an, erklärt der Unbekannte. Hanstein, damals 78 Jahre alt und 1996 verstorben, war im Dritten Reich erfolgreicher Autorennfahrer gewesen und hatte später die Rennabteilung von Porsche geleitet. Außerdem war er ein Nachkomme des alteingesessenen Eichsfelder Adelsgeschlechts derer von Hanstein - und bis zur Enteignung durch die Sowjets nach dem Krieg Herr auf Gut Wahlhausen-Unterhof. Es sei im Sinne Hansteins, dass der Zwischenfall sich nicht zu einem Politikum entwickle, behauptet der Anrufer.

Warum, lässt sich im Polizeiprotokoll über das Gespräch, das jetzt von SPIEGEL ONLINE erstmals eingesehen werden konnte, nachlesen. Zum jährlichen Erntefest, so der angebliche Vertraute des Adligen, träfen sich in Bad Sooden-Allendorf ehemalige Südeichsfelder aus der ganzen Bundesrepublik. Aus dieser Gruppe sei jemand nach munterem Gezeche auf die Schnapsidee gekommen, die frühen Familienliegenschaften jenseits der Grenze zu beschießen. Drei junge Männer und ein Mädchen hätten sich auf den Weg an die Zonengrenze gemacht; als Jäger seien die Schützen im Besitz von Waffen gewesen. Dann lässt der Anrufer sein eigenes Motiv durchblicken: Offenbar ist sein eigener Sohn einer der Schützen - und Papa fürchtet nun, der Filius, kurz vor dem zweiten juristischen Staatsexamen, könne sich durch seine Dummheit die berufliche Zukunft verbauen.

Die bundesdeutschen Ermittler tun ihre Pflicht; in einem Amtshilfeersuchen an den DDR-Generalstaatsanwalt erbitten sie alte Grundbucheinträge zu Wahlhausen. Doch damit kann das MfS nicht dienen. Die erbetene Grundbuchauskunft gestalte sich "langwierig", heißt es im internen Schriftverkehr des MfS. Ohnehin solle "beim Leitenden Oberstaatsanwalt der BRD" zunächst einmal "der Hintergrund für derartige Auskünfte erfragt werden", beschied der Chef der Hauptabteilung Untersuchung des MfS Ende Oktober 1989. Im Februar 1991 stellen die Kasseler Strafverfolger die Ermittlungen gegen Unbekannt wegen der Schüsse in Wahlhausen ein.



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