Mauerfall 1989 "In meiner Kompanie ist nie einer durchgekommen"

Flüchtende hielt er für Kriminelle - und tut das bis heute: Als DDR-Grenzoffizier verhinderte Claus Schnelle jahrzehntelang sogenannte Grenzdurchbrüche an der Mauer. Als das Regime wankte, stellte er manches in Frage. Nur nicht das System.

Redaktion einestages

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Natürlich hätte er geschossen, auch auf die eigenen Landsleute. Vielleicht hätte er daneben gezielt, aber da ist sich Claus Schnelle nicht einmal sicher. Eines steht für den ehemaligen DDR-Grenzoffizier jedenfalls fest. "Meine Familie und meine Karriere hätte ich nicht geopfert", sagt er. "Meine Laufbahn wäre beendet gewesen, wenn ich jemanden bewusst durchgelassen hätte."

Claus Schnelle ist ein Kind der DDR. Im Mai 1948 wurde er im thüringischen Posterstein geboren, gut ein Jahr vor Gründung des "Arbeiter- und Bauernstaates", den er bis zu ihrem Untergang treu verteidigte. Sein halbes Leben sicherte er Grenzen, zwölf Jahre an vorderster Front, acht Jahre als strenger Ausbilder für den Grenzernachwuchs.

Er brachte es bis zum Oberstleutnant, wurde respektiert und mit Orden überhäuft für "hervorragende Verdienste bei der Sicherung der Staatsgrenze". Und dann musste er 1989 den Zusammenbruch des Staates miterleben, für den er sich mit so viel Verve einsetzte - direkt vor Ort, an der Grenze durch Berlin. Es war aber auch die Zeit, in der er zum ersten Mal ein klein wenig gegen die ehernen Regeln zur Durchsetzung des brutalen "Grenzregimes" verstoßen würde.

Die Treffsicherheit des passionierter Jägers

Heute, 20 Jahre nach der deutschen Einheit, die er als "Übernahme" bezeichnet, hat er sich ein zweites Leben im hessischen Gedern am Vogelsberg aufgebaut: weißes Familienhaus, luftiger Wintergarten, das Wohnzimmer vollgestopft mit Geweihen erlegter Hirsche - Zeichen der Treffsicherheit des passionierten Jägers. Alles strahlt gesicherten Mittelstand aus - und Schnelle, ein freundlicher Mann mit roten Wangen und stechend blauen Augen, ist sich der Widersprüchlichkeit seiner heutigen Situation durchaus bewusst: "Mir geht es weit besser als vielen, die damals gegen die DDR protestiert haben", sagt er.

Dennoch lebt er auch ein wenig die DDR weiter, sie ruht in Fotoalben und in Schränken, aus denen Schnelle plötzlich seine alte Uniform hervorkramt. Sie ist immer noch akkurat gebügelt, und als der 61-Jährige für den Besucher hineinschlüpft, klimpern die Orden.

Dabei war sein Einsatz für den SED-Staat anfangs eher dem Pragmatismus geschuldet. Als die Mutter 1963 an einer Lungenembolie starb, musste der 15-Jährige auf einmal viel Verantwortung übernehmen und suchte nach Halt. "Geh zum Militär, dann hast du ausgesorgt", riet ihm sein Cousin, selbst bei der Armee. Schnelle hörte auf ihn, obwohl seine Mutter "strikt dagegen gewesen wäre". Auch sein Vater blieb skeptisch. Er hatte in Stalingrad gekämpft, war in russische Gefangenschaft geraten und kriegsmüde heimgekehrt. "Überleg dir genau, was du tust", mahnte er.

Schüsse nur nach Vorschrift

Doch der Filius entwickelte sich zum überzeugten Grenzsoldaten. Er mauserte sich in seinem Regiment in Plauen, das für die Region am Dreiländereck mit der Bundesrepublik und der CSSR zuständig war, vom Zugführer zum Kompaniechef. Fluchtversuche in dieser Gegend nennt Schnelle heute noch "Angriffe auf die Grenze", obwohl sie nicht von außen, sondern von innen kamen, von desillusionierten Bürgern, die ihre Unfreiheit nicht mehr ertragen wollten.

Dafür hatte er nie Verständnis: "Man kann nicht einfach den Schwanz einziehen und abhauen. Man muss sich den Probleme stellen und helfen, etwas zu ändern." Aber wie, wenn der Staat einem die Luft zum Atmen nimmt? "Wer weg wollte, konnte einen Antrag auf Ausreise stellen." Aber zog derlei nicht massive Repressionen nach sich? Claus Schnelle zuckt mit den Schultern. "Darüber hatte ich nicht zu befinden." Für ihn galt der Fahneneid. Und ein Grundsatz: "Wer über die Grenze fliehen wollte, beging eine Straftat." Eigenhändig schnappte er vier Fluchtwillige, darunter zwei Jugendliche: "Die haben Rotz und Wasser geheult."

Solche Menschen verstand er nicht als Opfer. "Das waren keine Freiheitskämpfer. Das waren Leute, die ein Vorstrafenregister hatten oder schon mal im Knast gesessen hatten", behauptet er. "Für die BRD wären sie keine wertvollen Bürger gewesen." Trotzdem ist Schnelle heilfroh, dass er, wie er sagt, nie auf seine Landsleute schießen musste. Er hätte es wohl getan, "aber nur nach Vorschrift" - nach der Aufforderung zum Stehenbleiben und einem Warnschuss. Das System der Unterdrückung, das Schüsse auf die eigenen Bürger zur Staatsräson erhob, hinterfragte er hingegen nicht.

Fluchtversuche mit dem Heißluftballon

1979 gab es in seinem Zuständigkeitsbereich in der Nähe von Lobenstein einen spektakulären Fluchtversuch mit einem selbstgebastelten Heißluftballon. Schnelle befand sich damals mit seiner Kompanie zu einer Militärübung im Wald. Die zurückgebliebene Wachmannschaft meldete den Ballonflug nicht weiter, und Schnelle musst sich die Frage anhören, ob er sie ausreichend instruiert hatte. Die Flucht war misslungen, weil der Ballon vor der Grenze zu Boden ging, doch die "Republikflüchtlinge" an Bord waren verschwunden.

Ein Parteiverfahren wurde gegen das SED-Mitglied (seit 1966) angestrengt. Da, so Schnelle, "wurde ich abgeschrubbt nach allen Regeln der Kunst". Bis heute wehrt er sich vehement dagegen, einen Fehler gemacht zu haben. Dennoch erhielt er eine Parteirüge. Und es kam noch schlimmer: Wenige Wochen später flog wieder ein Ballon in Richtung "Staatsgrenze". Diesmal meldete Schnelle den Fluchtversuch sofort, doch der Ballon war schon zu weit weg - zum Glück für zwei Familien, denen als Erste auf diese Weise die Flucht gelang.

Hat ihn das gewurmt, überlistet worden zu sein? Schnelle winkt ab. "Ich hatte keine Möglichkeit, das zu verhindern. Dort, wo der Ballon aufgebaut wurde, hätte man es verhindern können." Der Ballon habe zudem die Grenze im Zuständigkeitsbereich einer anderen Kompanie überflogen. "In meiner Kompanie ist nie jemand durchgekommen."

Nelken aus dem Westen

Damit dies auch anderorts so blieb, bildete Schnelle ab 1981 den Grenzernachwuchs an den Offiziersschulen Plauen und Suhl aus. Er war schon mehrfach als "bester Kompaniechef" ausgezeichnet, als im Sommer 1989 plötzlich das DDR-System ins Wanken geriet: DDR-Bürger flüchteten sich in westliche Botschaften, an der ungarisch-österreichischen Grenze klaffte ein Loch im Grenzzaun. Ein baldiges Ende der DDR fürchtete Schnelle damals jedoch nicht; er freute er sich, bei der großen Militärparade in Ost-Berlin zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 mitmarschieren zu dürfen.

Wochenlang trainierte er eifrig mit seinen Soldaten für den großen Auftritt - und der geriet genau nach seinem Geschmack: Wie im Vorjahr bekam er den Ehrenbanner für den "besten Marschblock". Doch zur Freude blieb keine Zeit. Völlig überraschend wurde seiner Einheit befohlen, "auf unbestimmte Zeit" in Berlin zu bleiben und nicht nach Suhl zurückzukehren. "Wir haben gemerkt, dass da was im Gange war. Aber keiner wusste Genaueres." Es blieb die Unsicherheit. Und beunruhigende Zeichen: LKW lieferten seiner Kompanie die Waffen nach.

Die Lage spitzte sich weiter zu. Schnelles Grenzer patrouillierten am Brandenburger Tor, während sich auch in West-Berlin Menschenmengen versammelten. An einem Abend Anfang November stieg er neugierig auf die Mauer. An das genaue Datum kann er sich nicht erinnern - aber an das, was folgte: Von West-Berlin streckte ihm jemand einen großen Strauß weißer Nelken entgegen. Schnelle kniete nieder und nahm ihn an - "obwohl das gegen die Vorschrift war". Ergebnis: "Die Menschen klatschten und johlten". Eine bizarre Situation: Ein hochdekorierter DDR-Grenzer bringt seiner Frau West-Nelken mit.

In diese Zeit fällt auch eine Anordnung von oben, angeblich von der Stasi, der sich Schnelle widersetzt haben will: Auch den jungen Offiziersanwärtern sollten nun Schusswaffen mit auf die Patrouille gegeben werden. Er und andere Offiziere hätten diesen Wunsch zurückgewiesen, behauptet Schnelle: "Man konnte sich ausrechnen, dass das nicht gut geht." Was, wenn einer der unerfahrenen Soldaten nervös würde und losschoss? "Wir wussten zwar nicht, was mit der DDR passieren wird. Aber wir wollten irgendwie friedlich aus der Sache rauskommen."

Ein Loch in der Mauer

Zu einem Rebell in Uniform macht Schnelle das noch lange nicht. Erst mit dem Mauerfall realisierte er, dass "bestimmte Entwicklungen nicht mehr aufzuhalten sind". Doch sein persönlicher Halt im Chaos der Wendewirren blieben Befehle - selbst wenn sie die Logik seiner bisherigen Arbeit auf den Kopf stellten. Als am 12. November am Potsdamer Platz ein neuer Grenzdurchgang feierlich eingeweiht wurde, war es Schnelle, der das neue Loch in der Mauer bewachte. "Das war die Ausführung eines Befehls wie andere auch", behauptet er 20 Jahre später zunächst etwas steif. Doch dann gibt er zu, es sei "ein komisches Gefühl gewesen, wenn plötzlich Dinge verschwinden, für die man sich Jahre den Hintern aufgerissen hat".

"24 Jahre hat er die DDR geschützt - es hat nichts genützt", reimte sein Bruder einmal sentimental über Schnelles Einsatz. Jetzt, in seinem zweiten Leben im Land des einstigen Klassenfeindes, arbeitet er wieder in einem hochsensiblen Bereich: Claus Schnelle begleitet Hochsicherheitstransporte mit radioaktiven Materialien. Die neuen Gegner des einstigen Sozialisten sind heute Altlinke und Atomkraftgegner.



insgesamt 21 Beiträge
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Lorenz Schumacher, 13.07.2009
1.
Eigentlich unterscheidet diesen Menschen wenig von Eichmann oder Höß: kein "schiesswütiger Killer" aber erbarmungslos, karrieregeil, ohne Skrupel und jede Menschlichkeit.
martin trick, 13.07.2009
2.
widerlich! Es ekelt mich an, wenn derartigen Menschen auch noch ein Forum geboten wird, in dem sich sich selbst auf die Schulter klopfen können. Gerade weil es so viele Herren wie diese gab und gibt, hatten die Schergen von Stasi und ihren Vorgängermodellen so ein leichtes Spiel. Werden wir an dieser Stelle demnächst auch über die erfolgreichsten KZ-Wärter lesen?
Thomas Kretschmer, 13.07.2009
3.
Genau solche Menschen halten Diktaturen am Leben. Die auch heute noch offen vertretenen Äußerungen und die erfolgreiche "Neuanpassung" dieser Personen belegen, dass sich leider nur wenige in unserer Gesellschaft dafür rechtfertigen müssen oder wollen, Teil des Menschen verachtenden Systems der DDR gewesen zu sein.
Jan Fischer, 13.07.2009
4.
Leute wie Claus Schneller gehöhren für Ihre Taten ins Gefängnis. Breit grinsend auf dem Foto zu sehen bereut dieser Mann anscheinend nichts... Er hätte auch auf seinen eigenen Sohn oder die Mutter geschossen, nachdem was er im Interview für Kommentare abgibt. Eine Frechheit das solche Menschen frei herumlaufen. Wie wäre es für ihn nach Nordkorea auswandern und dort die Grenzen beschützen, dort wird er dann evtl. in seiner Diktatur glücklich und kann seinen Vorgesetzten treue Dienste leisten. Dumm und ohne Nachzudenken, das tun was die obrigen von ihm verlangen.
Petra Vaßmers, 13.07.2009
5.
Dieser Artikel ist mit Sicherheit sehr "demokratisch" entstanden und genauso demokratisch zu deuten und zu werten. Eine gewisse Dankbarkeit nach dem Motto (Herr Brecht möge entschuldigen: "Der Schoß ist fruchtbar noch, . . . und sieh, da sitzen sie! ist durchaus angetan. Es gibt sie noch die alten Geister. Zeigt mit dem finger auf sie! Trotzdem ist dieser Artikel von sehr vielen ehemaligen DDR Bürgern wahrscheinlich nur schwer zu verkraften. Es macht sich einfach - auch nach fast 20 Jahren Deutscher Einheit- nur wieder Ekel und eine gehörige Portion Ohnmacht breit. Wieder ensteht das flaue Gefühl im Magen einfach nichts machen zu können und nur Verhöhnung hinnehmen zu müssen. Das auszuhalten ist auch nach so vielen Jahren sehr sehr schwer.
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