20 Jahre Mauerfall Der zweite Mann

20 Jahre Mauerfall: Der zweite Mann Fotos
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Der historische Satz ertrank im Jubel: Als Hans-Dietrich Genscher vor 20 Jahren den Prager Botschaftsflüchtlingen vom Balkon der deutschen Botschaft ihre mögliche Ausreise verkündete, wurde der Außenminister zum Helden der Wende. Dabei hatte ein anderer den Coup eingefädelt - bis heute steht er im Schatten. Von Gerd Langguth

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Es ist längst eine legendäre Szene: Vom Balkon des Palais Lobkowicz, der deutschen Botschaft in Prag, verkündete der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher am Abend des 30. September 1989 einen historischen Halbsatz: "Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ..." Der Rest seiner Ansprache ging im Jubel von etwa 4000 Botschaftsflüchtlingen aus der DDR unter, die Bilder gingen um die ganze Welt.

Noch etwas ging damals unter: Dass neben Genscher ein freundlicher Herr mit silbernem Haarschopf stand, der nur still lächelte und sich ansonsten bescheiden im Hintergrund hielt - obwohl er es gewesen war, der dem raumgreifenden Genscher die epochemachenden Fernsehbilder erst ermöglicht hatte: Rudolf Seiters, damals Chef des Bundeskanzleramtes. Nur in dem "Wir" des Außenministers tauchte er auf.

Dabei war Seiters es gewesen, der die Verhandlungen mit der damaligen DDR geführt hatte, um den Botschaftsflüchtlingen die Ausreise zu ermöglichen. "Das Auswärtige Amt hatte mit der Organisation der Ausreise überhaupt nichts zu tun", erinnert sich heute ein Beamter des Kanzleramtes, der damals dabei war.

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Wegen Überfüllung geschlossen

Die Beziehungen der alten Bundesrepublik zur damaligen DDR aber galten für Bonn nicht als Teil der Außenpolitik. Denn nach westdeutscher Rechtsauffassung war die DDR kein Ausland - weshalb die Ressortverantwortung beim Bundeskanzleramt lag und nicht im Außenamt. Das machte den Kanzleramtschef Seiters zum Verhandlungsführer mit der DDR; ein Umstand, den Genscher in seinen Memoiren auch zugibt. Und so war es der geduldige Norddeutsche aus dem emsländischen Papenburg, der im August und September 1989 in einem Verhandlungsmarathon mit Ost-Berlin darum rang, für die Flüchtlinge in den bundesdeutschen Botschaften in Prag und Warschau sowie der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin Ausreisegenehmigungen zu erhalten.

Zwei Verhandlungsstränge gab es in jenen historischen Tagen und Wochen: den internationalen, den der Bundesaußenminister abdeckte, und den deutsch-deutschen, der vom Kanzleramtsminister wahrgenommen wurde. Und erst die Zusammenarbeit von Genscher und Seiters machte den Verhandlungserfolg der Ausreise möglich.

Auf der Bronzetafel am Balkongeländer des Prager Palais Lobkowicz, welches die Bundesregierung jetzt erwerben will, findet sich neben dem berühmten Zitat allerdings nur der Name Genscher, nicht der von Seiters. Im Auswärtigen Amt spricht man schon lange von "Genschers Balkon". Und auch der frühere Bundesaußenminister selbst, der in seinen Memoiren die Zuständigkeit seines Kabinettskollegen Seiters anerkannte, spricht in seinen zahlreichen Interviews inzwischen in der Ichform. In der "Bild"-Zeitung erzählte Genscher dabei kürzlich von einer Verhandlungsrunde mit dem Ständigen Vertreter der DDR in Bonn. Er erwähnte nicht, dass das Treffen im Bundeskanzleramt stattfand - und in Anwesenheit von Seiters.

Durchbruch beim Geheimtreffen

In jenen Tagen und Wochen vor 20 Jahren wurden überall in Ostmitteleuropa die Reformforderungen lauter, voran in Polen und Ungarn, aber auch in der DDR. Dort blieb die greisenhafte Führung jedoch unbeweglich, und verweigerte sich politischen und wirtschaftlichen Reformen bereits im Ansatz. Als Folge stieg die Zahl der Ausreisewilligen DDR-Bürger sprunghaft an; immer mehr Zufluchtsuchende strömten in die Ständige Vertretung Bonns in Ost-Berlin, wie auch in die deutschen Botschaften in Budapest, Warschau und Prag. Am 8. August 1989 sah sich Seiters gezwungen, die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Ost-Berlin wegen Überfüllung schließen zu lassen. Das Auswärtige Amt seinerseits machte die Botschaften in Budapest (14. August), Prag (23. August) und Warschau (18. September) vorerst dicht.

Parallel zu dieser Entwicklung suchte Seiters das Gespräch mit DDR-Repräsentanten. Ihm half, dass die DDR unter Druck stand: Für den 7. Oktober 1989 war der sowjetische Parteiführer und Reformer Michail Gorbatschow zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung eingeladen. Bis dahin wollte die DDR das drängende Ausreiseproblem aus der Welt haben. Am 18. August traf Seiters in Ost-Berlin mit dem stellvertretenden DDR-Außenminister Herbert Krolikowski zusammen, doch das Treffen blieb ergebnislos. Am Tag darauf kam es bei einer Veranstaltung an der österreichisch-ungarischen Grenze zu einer von Budapest tolerierten Massenflucht von 660 Menschen; eine Woche später trafen sich Bundeskanzler Kohl und der ungarische Ministerpräsidenten Miklós Németh zu geheimen Konsultationen auf Schloss Gymnich bei Bonn. Am 11. September öffnete Budapest auch offiziell die Grenze; 7000 ausreisewillige DDR-Bürger durften das Land verlassen. Die Ungarn hatten den ersten Stein aus der deutsch-deutschen Mauer herausgebrochen.

Genschers historische Verdienste sind unbestreitbar: Wenige Tage vor dem Prager Balkonauftritt hatte er in New York am Rande der Generalversammlung der Vereinten Nationen mit dem tschechoslowakischen Außenminister und mit DDR-Außenamtschef Oskar Fischer verhandelt. Und Genscher gelang es auch, den sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse zu beeindrucken. Doch die deutsch-deutschen Entscheidungen wurden weitgehend von Seiters eingefädelt.

Getrennt verhandeln, gemeinsam reisen

Auch die gemeinsame Reise der beiden Minister nach Prag wurde in Seiters' Büro beschlossen. Am Freitag, dem 29. September 1989, erreichte den Kanzleramtsminister ein Anruf: Horst Neubauer, der Ständige Vertreter der DDR, wolle ihn dringend treffen, gleich am folgenden Morgen, einem Sonnabend, um 10 Uhr. Seiters unterrichtete sofort Kanzler Kohl, der gerade zu Hause in Ludwigshafen aufhielt. Der wies Seiters an, Genscher hinzuzuziehen und ihn selbst dauernd per Telefon auf dem Laufenden zu halten.

Als Neubauer dann am Samstagmorgen im Kanzleramt erschien, eröffnete er das Gespräch mit massiven Vorwürfen: Die Bundesregierung dulde "entgegen dem internationalen Recht" den Zustrom von DDR-Bürgern in den Botschaften. Seiters und Genscher widersprachen, die KSZE-Schlussakte mit dem Recht auf Freizügigkeit sei von der DDR selbst unterschrieben worden. Dann kam Neubauer zur Sache. Die Prager Botschaftsflüchtlinge dürften ausreisen, erklärte der Bonner Vertreter Ost-Berlins - allerdings nur über das Territorium der DDR, und zwar in eigenen Sonderzügen. Dies war der Wille von SED-Chef Erich Honecker, mit der die "Souveränität" der DDR bei der Ausreise der Flüchtlinge dokumentiert werden sollte.

Daraufhin wurde die Sitzung unterbrochen. Die beiden Bundesminister nahmen Kontakt mit Kohl auf, Neubauer setzte sich währenddessen mit Ost-Berlin in Verbindung. Genscher und Seiters vereinbarten dann mit Kohl, dass sie gemeinsam nach Prag fliegen würden, "um den Menschen, die den Versprechungen der DDR-Repräsentanten zutiefst misstrauten, persönlich die Sicherheit zu geben, dass für sie jetzt die ungehinderte Ausreise garantiert sei", so Seiters im Rückblick.


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Eiskalt ausgekontert

Genscher witterte sofort, welche öffentlichkeitswirksame Chance sich ihm da bot - und konterte seinen Kollegen eiskalt aus. Auf seinen Vorschlag hin vereinbarten er und Seiters Vertraulichkeit über die Reiseplanung. "Unser Flug nach Prag sollte nicht vorzeitig bekannt werden", erinnert sich Seiters heute, "die Sache war zu sensibel." Genscher habe zu Seiters gesagt: "Es darf kein einziges Wort nach draußen dringen, dass wir nach Prag fliegen."

Als die Luftwaffenmaschine allerdings in Prag landete, erwartete die beiden Politiker bereits ein Pulk von Journalisten und Kameras. "Das Auswärtige Amt hat entgegen der vereinbarten Vertraulichkeit den Flug nach Prag doch bekanntgegeben", war Seiters' ernüchterter Schluss.

Und es wartete eine weitere Enttäuschung: Kaum in Prag, erfuhren die beiden von der deutschen Botschaft, die DDR habe ihre Zusage zurückgenommen, dass Genscher und Seiters die Züge mit den DDR-Flüchtlingen begleiten könnten. So war es mit DDR-Vertreter Neubauer abgestimmt, nun wurde daraus nichts. Offensichtlich fürchtete die DDR-Führung eine gegen sie gerichtete Symbolwirkung, wenn zwei bekannte Politiker der Regierung Kohl den Botschaftsflüchtlingen das Geleit geben würden.

Keine Feier ohne Genscher

Bilder machen Geschichte, auch Reden. Dazu gehört die berühmte Genscher-Ansprache von Prag, die dem langjährigen Außenminister auch als Einstieg in seine Memoiren diente. Die beginnen mit dem Satz: "Die Stunden in der deutschen Botschaft in Prag am 30. September 1989 gehören zu den bewegendsten meines Lebens." Für Seiters gilt das nicht minder, auch wenn er mit seinem Beitrag in den Jahren seit 1989 nicht in die Öffentlichkeit drängte.

Der deutsche Botschafter hat für den 27. September die Botschaftsflüchtlinge von 1989 nach Prag zu einem "kleinen Fest" eingeladen. Am eigentlichen Jahrestag, dem 30. September, findet in der Botschaft ein großer Empfang statt. Natürlich ist auch Hans-Dietrich Genscher eingeladen.

Rudolf Seiters nicht.

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1.
Eugen von Arb, 31.08.2009
Ist es wichtig, seinen Namen auf einer Bronzetafel zu sehen? Ich denke, sowohl für Genscher, wie für Seiters ist es das nicht.
2.
nicholas brautlecht, 08.09.2009
interessanter text. dass der Autor jedoch ein Ex-Bundestagsabgeordneter der CDU ist und sich womöglich deshalb für den armen "zweiten Mann" einsetzt, schmeckt etwas faul
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