20 Jahre Mauerfall Geboren am 9. November

Am Tag ihrer Geburt brannten die Synagogen, an ihrem 51. Geburtstag fiel die Mauer: Der 9. November prägte das Leben der bekanntesten ostdeutschen Karikaturistin Barbara Henniger. SPIEGEL ONLINE stellt die ungewöhnliche Künstlerin vor - und zeigt ihre besten Karikaturen aus der Wende-Zeit.

Barbara Henniger

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Ein wenig hat sie ihren eigenen Geburtstag gehasst - und das ein halbes Jahrhundert lang. Barbara Henniger, die bekannteste Karikaturistin der DDR, wurde am 9. November 1938 geboren. An jenem tragischen Schicksalstag, den die Nazis zynisch "Reichskristallnacht" tauften, der in Wirklichkeit aber ein organisiertes Massenpogrom war. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 zündeten Schlägertrupps von SA und SS im ganzen Land Hunderte Synagogen an und zertrümmerten jüdische Geschäfte. Allein in dieser Nacht kamen vermutlich 400 Juden gewaltsam zu Tode - es war das Vorspiel zur Vernichtung.

"Für mich war mein Geburtstag immer belastet", sagt Henniger. "Ein Tag der Schande, an dem keine Freude aufkam". Sogar Scham habe sie empfunden, "nicht als Barbara Henniger, aber als Teil dieses Volks". Denn auch in Dresden, ihrem Geburtsort, wütete der nationalsozialistische Mob, als sie zur Welt kam. Der Furor der NS-Rassisten machte nicht einmal vor der altehrwürdigen Synagoge des berühmten Architekten Gottfried Semper halt. Die SA brannte das Gotteshaus nieder; die Ruine wurde später gesprengt.

Ihren 50. Geburtstag feierte Henniger dann doch groß. Das war 1988. Und dann, im Jahr darauf, erlebte sie den schönsten Geburtstag ihres Lebens. Es war der Tag, an dem in Berlin die Mauer fiel - und der Fluch von ihrem Geburtstag genommen wurde. Mit einer Flasche Sekt und einem Blumenstrauß zog Barbara Henniger in die Stadt, umarmte wildfremde Menschen und jubelte ihnen zu: "Ich habe heute Geburtstag!" Ein "völlig idiotischer Satz", sagt sie im Rückblick, doch damals war es ein Akt der Befreiung. Endlich hatte der 9. November für sie eine positive Bedeutung bekommen.

Einfach nur furchtbar

Und noch einen besonderen Satz rief sie an diesem 9. November 1989 völlig euphorisiert in das Mikrofon eines Reporters: "Ich bin stolz, DDR-Bürgerin zu sein." Nie zuvor hatte sie so etwas gesagt. Doch in dem Moment war sie stolz, dass "wir es geschafft haben, diese Mauer zu öffnen". Friedlich und aus eigener Kraft. Nur Stunden zuvor hätte sie sich noch nicht träumen lassen, dass ihr je so pathetische Worte über die Lippen kommen würden. Gerade ihr, einer Intellektuellen, die über Jahrzehnte das DDR-System kritisiert und mit spitzer Feder aufs Korn genommen hatte.

Es war ein verschlungener Weg, der Barbara Henniger in der DDR zu einer populären Karikaturistin machen sollte. Zu zeichnen angefangen hatte sie Ende der fünfziger Jahre während eines Architekturstudiums. Doch das gab sie 1958 entnervt auf, als sie ständig stupide Skizzen für standardisierte Plattenbauten anfertigen musste. Das Angebot, für das "Sächsische Tageblatt" ("ST") Karikaturen zu zeichnen, kam zufällig, nicht als Berufung. Aber es gab 20 Mark pro Zeichnung, und sie lernte ihren späteren Mann Heinfried kennen, einen Kulturredakteur. Aber sogar der fand ihre ersten Karikaturen "furchtbar".

Sie sattelte um auf Journalismus und wurde Redakteurin beim "Sächsischen Tageblatt". Das war kein SED-Blatt, sondern eine Zeitung der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD), einer der vier DDR-Blockparteien. Das "ST" war eine der wenigen Publikationen, die anfangs noch etwas eigenständig und manchmal auch kritisch berichteten konnten. "Für den damaligen Chefredakteur zählte Demokratie noch etwas, geistig war er ein Kind der Weimarer Republik", erinnert sich Henniger. "Wenn wir an allen Barrieren der Zensur vorbei etwas ins Blatt brachten, war das ein Sieg."

Zeichnen für den "Gemüsegarten"

Doch die Grenzen des Möglichen wurden von den Herrschenden immer enger gesteckt. Alle DDR-Zeitungen hingen am Tropf der staatlichen Nachrichtenagentur ADN. "Wir konnten nur versuchen, undogmatischer zu berichten und die agitative Sprache rauszuwerfen", erklärt ihr Mann Heinfried Henniger. Berichte über Kulturereignisse im Westen sollten "etwas freie Welt in die DDR holen". Doch die Möglichkeiten, auch nur ansatzweise eigenständigen Journalismus zu betreiben, wurden nach dem Mauerbau immer weiter eingeengt. Heinfried Henniger passte - und wechselte den Job: 1967 fand er eine Stelle in einem Berliner Verlag.

Wieder wurde für Barbara Henniger ein 9. November zum Schicksalstag - am 9. November 1967 zogen die Hennigers in ihre neue Wohnung ein. "Das war eine Bretterbude in Strausberg, mitten im Wald", erinnert sie sich mit Schaudern, "weit weg von Berlin, nichts funktionierte". Aber es war die einzige Bleibe, die über den Zentralen Wohnungstausch zu bekommen gewesen war. Nur: Mit der entlegenen Wohnung war es vorbei mit der Arbeit als festangestellte Redakteurin. "Fürchterlich für ein Großstadtkind", fand Henniger ihre Lage.

Aber so wurde der 9. November 1967 zum Startschuss für Barbara Hennigers steile Karriere als freie Karikaturistin - ein Weg, den sie sonst vielleicht nie eingeschlagen hätte. Sie schickte Entwürfe an die Redaktion der einzigen DDR-Satirezeitschrift "Eulenspiegel" - und durfte sich bald in der Rubrik "Gemüsegarten" auf der vorletzten Seite probieren. 1971 schaffte sie es erstmals auf den Titel des in der DDR überaus begehrten und gern gelesenen Heftes.

Zu gut, um gedruckt zu werden

Schon bald merkte sie, dass sie als Karikaturistin deutlich mehr Kritik an den Zuständen üben durfte als in ihrer Zeit als schreibende Journalistin. "Man konnte die Mauer nicht zeigen, wie sie ist", berichtet die heute 70-Jährige, "man musste eine Metapher, eine Codierung oder eine Analogie in einem Märchen finden." So verklausuliert attackierte sie in einer Karikatur beispielsweise den politischen und kulturellen Kahlschlag in den siebziger Jahren: Ein Zwerg steht inmitten abgeholzter Baumstümpfe, neben ihm liegt seine ebenfalls abgesäbelte Zwergenmütze. Er sagt: "Manchmal ist es gesünder, ein Zwerg zu sein."

Doch mancher Entwurf war "zu gut" um gedruckt zu werden, wie es in der "Eulenspiegel"-Redaktion umschrieben wurde, wenn eine Zeichnung dem Zensor zum Opfer fiel. Und natürlich fand auch Selbstzensur statt: "Ich hätte keine diffamierende Zeichnung von Honecker gemacht, aus Angst, dass ich mich damit kriminalisiere", gibt Henniger offen zu. "Die Hemdbrust aufreißen, heroisch einen Schuss abfangen - das war nicht mein Ding. Es galt, listig die Zensur zu unterlaufen." Dass ihre Zeichnungen im Westen mitunter als harmlos kritisiert wurden, störte sie herzlich wenig. Sie wusste ganz genau, dass sie von denen, auf die es ihr ankam, verstanden wurden: "Die DDR-Bürger hatten ein Gespür für die versteckten Botschaften."

In der Tat fand der "Eulenspiegel" reißenden Absatz. Und Zehntausende besuchten Karikaturausstellungen, auf denen auch manches gezeigt werde durfte, was dem "Eulenspiegel" zu brisant war. Es war eine seltene Gelegenheit, um endlich einmal lachen zu können über die Missstände in der DDR - die es offiziell natürlich gar nicht gab. Bis zu einem gewissen Grad war solch ein Ventil vom System durchaus gewollt. Doch je stärker die DDR Ende der achtziger Jahre ins Wanken geriet, desto rigider wurde die Gängelung durch die SED. "Es war auf der Haut zu spüren, dass etwas passiert", sagt Henniger von dieser Endzeit.

Ein West-Bier auf den Mauerfall

Schon von Berufs wegen glaubte die Zeichnerin, ein recht feines Gespür für die Ausschläge der Politik entwickelt zu haben. Aber der Mauerfall am Abend ihres 51. Geburtstags überraschte auch sie völlig. Auf dem Weg in die Komische Oper - von ihren Kindern hatte sie zum Geburtstag Karten geschenkt bekommen - hörte sie die später berühmt gewordenen Worte von Günter Schabowski, die die Maueröffnung ins Rollen brachten. "Doch irgendwie habe ich den Satz nicht richtig interpretiert", lacht Barbara Henniger zwanzig Jahre später. Völlig ahnungslos lauschten sie und ihr Mann in der Oper Georg Friedrich Händels "Giustino". Und völlig arglos fuhren sie nach der Vorstellung zur Tochter nach Berlin-Weißensee.

Erst die Nachrichten im West-Fernsehen öffnete ihnen dort die Augen: "Plötzlich stand da der Journalist Ruprecht Eser und berichtete, eben sei ein Ehepaar tränenüberströmt über die Grenze gelaufen." Einfach so, nur mit Personalausweis! Barbara Henniger konnte es nicht fassen. Sie packte Sekt und einen Blumenstrauß ein und fuhr mit ihrem Mann Richtung Grenzübergang Bornholmer Straße. Doch mit dem Auto gab es kein Durchkommen. Zu Fuß schlug sich das Ehepaar zum Übergang durch. "Die Leute jubelten und jauchzten wie die Verrückten, das war der Wahnsinn. So was erlebt man nur einmal." Was für ein Geburtstag!

Als das große Tor sich öffnete, kochte die Stimmung über. Den Blumenstrauß schenkte die Karikaturistin einem Grenzer, der das Präsent mit dem letzten Funken eiserner DDR-Disziplin ablehnte. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen. Von ihrem bisschen Westgeld leisteten sich die Hennigers ein Bier in einer Weddinger Eckkneipe - für zwei Bier reicht das Geld nicht. "Ich habe dem Wirt gesagt, dass wir aus dem Osten kommen", lacht Henniger. "Aber er hat nur komisch geguckt. Wahrscheinlich wusste er auch noch nicht, dass die Mauer gefallen war."

Auf Normalmaß geschrumpft

Und wieder verändert sich Barbara Hennigers Leben an ihrem Geburtstag von Grund auf. Fast wehmütig spricht sie heute von der "anarchischen Wendezeit". Vor Arbeit konnte sie sich kaum retten; viele ihrer bekanntesten, vielfach preisgekrönten Zeichnungen entstanden in der verrückten Zeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. Wieder landeten etliche ihrer Entwürfe im Mülleimer - aber nicht mehr wegen der Zensur, sondern meist, weil sie binnen Stunden von der Aktualität überholt worden waren.

Und auch ihr Selbstverständnis als Karikaturistin verschob sich nach dem Ende der DDR. Im Realsozialismus hatte ihr Wirken "eine größere politische Bedeutung", glaubt Henniger. Vor ihrem 51. Geburtstag kritisierte sie verschlüsselt das System. Heute glaubt sie an das politische System und kann mit offenem Visier kämpfen. Das ist einfacher, aber auch ein Stück mehr Unterhaltung als Politik. "Die Bedeutung der Karikatur ist wieder auf ein normales Maß geschrumpft", sagt sie - und klingt dabei keineswegs traurig. Denn die DDR wollte sie nie zurück.



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Reimar Dr. Kroll, 05.11.2009
1.
Der Spiegel hat es leider geschafft, in diesem Artikel zwar 24 Zeichnungen von Barbara Henniger zu präsentieren, die samt und sonders aber von der besonders schwachen Sorte sind. Es gibt VIEL bessere Karikaruren von Frau Henniger, zeichnerischsowohl als auch inhaltlich, und zwar sowohl vor als auch nach dem Mauerfall. Schade um die verpasste Gelegenheit!
Andrea_Beatrice Balbierer, 08.11.2009
2.
>Der Spiegel hat es leider geschafft, in diesem Artikel zwar 24 Zeichnungen von Barbara Henniger zu präsentieren, die samt und sonders aber von der besonders schwachen Sorte sind. Es gibt VIEL bessere Karikaruren von Frau Henniger, zeichnerischsowohl als auch inhaltlich, und zwar sowohl vor als auch nach dem Mauerfall. >Schade um die verpasste Gelegenheit!
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