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20 Jahre Mauerfall "Viele Ostdeutsche sind nicht geheilt"

20 Jahre Mauerfall: "Viele Ostdeutsche sind nicht geheilt" Fotos
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Der Wessi läuft psychisch rund, der Ossi nicht. Oder ist es genau andersrum? Der Psychotherapeut und Bestsellerautor Hans-Joachim Maaz spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über die Fehler nach dem Mauerfall: "Wir Ostdeutschen hätten die Macht übernehmen müssen, statt sie zu verkaufen." Von Stefan Berg und

SPIEGEL ONLINE: Herr Maaz, in Ihrem 1990 erschienenen Bestseller "Der Gefühlsstau" haben Sie die DDR als repressives System beschrieben, das bei den Ostdeutschen schwerste psychische Deformationen verursachte. Sind sie 20 Jahre nach der friedlichen Revolution geheilt?

Maaz: Von einer Revolution sollte man lieber nicht sprechen. Es hat keine Revolution in der DDR gegeben. Wir Ostdeutschen sind zum Westen übergelaufen, in der Hoffnung, dass wir uns überhaupt nicht verändern müssen und den Wohlstand und die Freiheit einfach geschenkt bekommen. Deshalb mussten viele Ostdeutsche gar nicht über sich nachdenken. Auch aus diesem Grund sind sie nicht geheilt.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Ostdeutschen haben doch eine grundlegende Umwälzung erreicht und das Ende des SED-Regimes erzwungen. Warum soll das keine Revolution gewesen sein?

Maaz: Wir Ostdeutschen hätten die Macht übernehmen müssen, statt sie zu verkaufen und zu verschenken. Wir hätten die Fehler des DDR-Systems kritisch analysieren und die Verantwortlichen bestrafen sollen. Wir hätten dafür sorgen sollen, dass das Volkseigentum wirklich in das Eigentum des Volkes überführt wird. Stattdessen kamen Begrüßungsgeld und Beitritt.

SPIEGEL ONLINE: Die Vereinigung war der Mehrheitswille des Volkes, letztlich das Ergebnis der ersten freien Wahl in der DDR, der Volkskammerwahl im März 1990.

Maaz: Ja, natürlich. Aber wir haben damals die westliche Lebensart mit ihren Risiken nicht wirklich verstanden, sondern idealisiert. Wir sind naiv in die Einheit gegangen, ohne über uns nachzudenken.

SPIEGEL ONLINE: Die Menschen hatten 1990 sehr reale Sorgen. Warum sollten politische Umwälzungen Menschen dazu bringen, über sich selbst nachzudenken?

Maaz: Weil sich durch rechtzeitiges Nachdenken Enttäuschungen vermeiden lassen. Wenige Jahre nach der Vereinigung folgte das böse Erwachen. Den Leuten wurde die eigene Naivität bewusst, das hat sie erneut frustriert und bei vielen das Gefühl verstärkt, Verlierer zu sein. Dieser Prozess hat sie paralysiert und den Osten als politische Kraft ausgeschaltet. Ich sage es einmal so: Ich wollte etwas in Ordnung bringen, aber nicht von anderen in Ordnung gebracht werden.

SPIEGEL ONLINE: Aber der Freiheits- und Wohlstandsgewinn ist doch unbestreitbar. Verluste sind bei einer solchen Zäsur - es war immerhin ein Systemwechsel - wahrscheinlich unvermeidlich.

Maaz: Als Psychotherapeut bewerte ich den Prozess anders. 1990 begann sofort wieder ein Anpassungsprozess. Die Ostdeutschen überlegten, wie sie jetzt zurechtkommen, wie sie sich an die neuen Verhältnisse anpassen sollten. Das Nachdenken über Fragen - Wie bin ich in der DDR verbogen worden? Wie habe ich mich verhalten? Was ist aus mir als Menschen geworden? - solches Nachdenken hat es nicht oder nur sehr wenig gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Assimilation die Ostdeutschen so viel Kraft gekostet, dass sie sich nur auf die Gegenwart konzentriert und die Vergangenheit verdrängt haben?

Maaz: Die realen Belastungen und existentiellen Ängste haben das zugedeckt und verhindert. Inzwischen haben manche die Anpassung an das zunächst fremde System gut geschafft, andere weniger. Ich habe in meinen Analysen nach kollektiven Ursachen für Anpassungssyndrome gesucht.

SPIEGEL ONLINE: Zu welcher Diagnose sind Sie gelangt?

Maaz: Wir Deutschen leiden mehrheitlich an einer narzisstischen Störung. Sehr knapp gesagt: Unsere Eltern haben uns zu wenig Bestätigung gegeben, das müssen wir als Erwachsene kompensieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Ostdeutschen kompensiert?

Maaz: Zunächst anders als die Westdeutschen. Im Osten wurde Ideologie angeboten, wer da die Glaubenssätze nachbetete, bekam Bestätigung.

SPIEGEL ONLINE: Und im Westen?

Maaz: Der Westen bot und bietet Ersatzbestätigung in Gestalt von Wohlstand und Geld. Die Ostdeutschen konnten ihr narzisstisches Syndrom dadurch stabilisieren, dass sie Untertan wurden, die Westdeutschen konnten Obertan werden. 1990 trafen nun Untertanen und Obertanen aufeinander.

SPIEGEL ONLINE: Was hat man sich unter einem Obertan vorzustellen?

Maaz: Einen, der immer etwas hermacht, gut drauf ist, sich gut darstellt und verkauft. Das funktioniert so lange, bis der Obertan für das Verbergen seiner Schwächen und Ängste entschädigt wird und sich für Geld etwas kaufen kann.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es den Ostdeutschen als psychologischen Typus überhaupt noch oder ist er auch Obertan geworden?

Maaz: Die meisten, vor allem jüngere, haben die äußerliche Transformation gut vollzogen. Aber die Veränderung im Inneren ist viel schwerer. Werte und Lebenseinstellungen wechselt man nicht wie ein Kleid oder einen Anzug. Etlichen meiner Patienten geht es besser als in der DDR, sie haben Arbeit, sie genießen die Freiheiten. Dennoch sind sie mit dem westlichen System nicht zufrieden, weil sie, um darin zu funktionieren, Verhaltensweisen entwickeln mussten, die ihnen zuwider sind.

SPIEGEL ONLINE: Welche Verhaltensweisen sind denn typisch westdeutsch?

Maaz: Der Westdeutsche wahrt den äußeren Schein, selbst wenn im Innern längst die Krise ausgebrochen ist. Zum typisch Ostdeutschen zählt dagegen, dass man keine Scheu hat, auch mal Ängste oder Unsicherheiten zu zeigen. Dadurch entsteht mehr menschliche Nähe. Ostdeutsche jammern und schimpfen gerne ein bisschen, aber nicht nur über die Verhältnisse, sondern auch über die eigenen Schwierigkeiten. Viele Menschen leiden heute darunter, dass sie sich präsentieren müssen, als seien sie stets gut drauf.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Westdeutsche, der in einer freieren Gesellschaft aufgewachsen ist, nicht psychisch eher gesünder?

Maaz: Die Fehlentwicklungen in der DDR waren so offenkundig, dass man zunächst nicht auf die Westdeutschen geblickt hat. Die demokratischen Freiheiten, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Reisefreiheit, für die wir 1989 auf die Straße gegangen sind, sind hoch zu schätzen. Ich merke bei meiner Arbeit aber, dass diese äußere Freiheit - die die Ostdeutschen gewonnen haben - noch nicht innere Freiheit bedeutet. Sie bringt nicht automatisch Freiheit von Ängsten. Ich beobachte ja wie Individuum und Gesellschaft zusammenhängen. Und da muss ich sagen: Auch das westliche System macht krank. Heute begrenzt der Arbeitsmarkt die Freiheit durch die Knappheit der Ware Arbeit. Stark- und siegreich in einer Wettbewerbsgesellschaft sein zu müssen, ist für viele eine Belastung.

SPIEGEL ONLINE: Wer soll denn die Ostdeutschen, die in den Neuen Ländern weitgehend unter sich sind, zwingen, sich dauernd darzustellen und so zu sein, wie es die Westdeutschen angeblich sind?

Maaz: Die Arbeitsverhältnisse sind es, die Macht des Arbeitsmarktes. Die Ostdeutschen müssen wieder differenzieren, wann sie offen sind, um nicht an Wert auf dem Arbeitsmarkt zu verlieren. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die meisten Menschen im Osten heute die Bedrohung durch den Verlust des Arbeitsplatzes als schlimmer empfinden als in der DDR die Bedrohung durch die Stasi.

SPIEGEL ONLINE: Die Stasi weniger schlimm als die Arbeitslosigkeit? Das klingt nun gewaltig nach Ostalgie.

Maaz: DDR-Nostalgie ist mir wirklich fremd. Und die Stasi bleibt ein schlimmer Geheimdienst. Aber subjektiv ist das Empfinden so: Die Bedrohung durch die Stasi war berechenbar. Ich konnte ihr ausweichen. Viele haben gar keine Erfahrung mit ihr gemacht. Heute hingegen kann ich redlich meine Arbeit tun, aber morgen vor der Türe stehen, weil der Firmeneigentümer sich in die Pleite spekuliert hat. Dem ist man absolut hilflos ausgeliefert.

SPIEGEL ONLINE: Wenn wir uns den Ostdeutschen als Patienten vorstellen, der Sie als Therapeuten aufsucht, welche Phasen können Sie in seiner Krankengeschichte ausmachen?

Maaz: Zunächst kam die kurze Phase der Euphorie, die auch den Westdeutschen ansteckte, weil es eine echte Begeisterung war. Die nächste Phase war geprägt von Neuorientierung, Ernüchterung und Enttäuschung. Ab Mitte der neunziger Jahre kam es zu einer Ausdifferenzierung von Gewinnern und Verlierern. Sie führte zur Ostalgie, zum Erstarken des Rechtsextremismus, zum Anwachsen einer dumpfen Protesthaltung.

SPIEGEL ONLINE: In welcher Phase befinden wir uns heute?

Maaz: Inzwischen wird der Osten auch von Westdeutschen differenzierter betrachtet. Das tut vielen Ostdeutschen gut. Es wird überlegt, was doch nicht ganz verkehrt war: die längere gemeinsame Schulbildung etwa, die Polikliniken und die Kindergärten. Und vor allem stellen sich viele Ostdeutschen wieder die wichtige Frage: Wie wollen wir leben?

SPIEGEL ONLINE: Die Ost-Bundesbürger des Jahres 2009 sind reflektierter und damit also doch psychisch gesünder als die DDR-Bürger des Jahres 1989?

Maaz: Was den Ostdeutschen auf jeden Fall hilft, ist die Krise des Kapitalismus. Bislang fühlten sie sich als ehemalige DDR-Bürger immer als die Dümmeren aus dem gescheiterten System. Die Krise zeigt nun die Grenzen der westlichen Lebensweise auf. Das bringt den Ostdeutschen eine gewisse Genugtuung - und auch eine Gelassenheit, denn sie hängen noch nicht so am Wohlstand wie die Westdeutschen.

SPIEGEL ONLINE: Sie halten die Ostdeutschen für krisentauglicher als die Westdeutschen?

Maaz: Sie haben den Zusammenbruch eines Systems überlebt und können auf verschüttete und abgewertete Fähigkeiten zurückgreifen; sie können in einer Mangelwirtschaft improvisieren, sich gegenseitig helfen.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Krise des westlichen Systems vergoldet und verzerrt gewaltig das Bild der DDR bei vielen Ostdeutschen. Nach einer Umfrage sagen 49 Prozent: "Die DDR hatte mehr gute als schlechte Seiten." Gleichzeitig meinten 85 Prozent der befragten Ostdeutschen, dass die Ostdeutschen auf die "friedliche Überwindung der SED-Herrschaft" stolz sein können. Das sind doch schizophrene Aussagen.

Maaz: Auf den ersten Blick wirken solche Umfragen tatsächlich merkwürdig. Bei der positiven Einschätzung der DDR handelt es sich jedoch um eine subjektive Erinnerung an eine Lebenswelt, in der man sich in all ihrer Enge und mit all ihren regulierten Strukturen auskannte, in der man sich zum Beispiel freute, eine Ware zu bekommen, die schwer zu kriegen war.

SPIEGEL ONLINE: Und das soll gut gewesen sein?

Maaz: Heute ist es doch schwieriger, die richtige Kaufentscheidung zu treffen. Die Auswahl ist so groß, das Risiko, etwas Falsches zu erwerben, größer als früher.

SPIEGEL ONLINE: Wir stellen fest: Der Ostdeutsche erlebt die Vielfalt als Fluch der Freiheit. Die Freiheit mit ihren Möglichkeiten zu wählen ist naturgemäß schwieriger als die Knechtschaft.

Maaz: Jeder Mensch will es einfach und bequem haben. Die Umfragen drücken diese Sehnsucht nach dem einfachen Leben aus, aber nicht die Bejahung des politischen Systems der DDR.

SPIEGEL ONLINE: Sie würden die Umfragen nicht ernst nehmen?

Maaz: Solche Umfragen werden politisch interpretiert, sie werden Teil der Auseinandersetzung zwischen den Parteien. Dabei drücken sie nach meiner Einschätzung nur ein Bekenntnis zum eigenen Leben aus. Die Debatten um den Unrechtsstaat gehen doch an der Lebenswirklichkeit vorbei. Ich konnte doch auch im falschen System ein gutes Leben führen.

SPIEGEL ONLINE: Was war denn gut an Ihrer DDR?

Maaz: Es gab gute menschliche Beziehungen, trotz Stasi und trotz Mangelwirtschaft. Es gab guten Sex, schöne Feiern, kaum Geldsorgen. Die reine Negativdarstellung der DDR wirkt auf viele Ostdeutsche nicht aufklärerisch, vielleicht eher wie eine Schönfärbung der Bundesrepublik. Der Westdeutsche hat sich doch als Sieger der Geschichte gesehen. Die vom Westen angestoßene Diskussion um den Unrechtsstaat ist - psychologisch gesprochen - eine kollektive Abwehrleistung gegen die Beschäftigung mit der Krise des West-Systems. Die Westdeutschen verdrängen doch nicht weniger als die Ostdeutschen.

SPIEGEL ONLINE: Am meisten sind die Ostdeutschen über ihre mangelnden politischen Einflussmöglichkeiten enttäuscht. Nach einer aktuellen Studie sind nur elf Prozent mit der Demokratie und nur sieben Prozent mit ihrem politischen Einfluss zufrieden. Wollen die Ostler wirklich Partizipation?

Maaz: Sie können es noch nicht wirklich. Nach der verständlichen Enttäuschung und Ernüchterung über den Westen müsste eine kritische Auseinandersetzung folgen. Uns fehlt noch eine reife Ablösung vom autoritären Syndrom, ein 1968-Ost, wie es auch im Prager Frühling aufschien. Die noch nicht bewältigte Unterwerfung blockiert Selbstbewusstsein und Kreativität. Erst wenn wir das nichtheldenhafte Verhalten in der DDR kritisch analysieren, werden wir auch reif, uns mit den westlichen Strukturen offen auseinanderzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Ist Angela Merkel nicht eine Figur, auf deren Aufstieg Ostdeutsche stolz sein können?

Maaz: Frau Merkel ist keine Identifikationsfigur für Ostdeutsche. Zur ostdeutschen Sozialisation passen allerdings Eigenschaften, die man ihr nachsagt: Fleiß, Bescheidenheit, Zähigkeit, aber auch Misstrauen und Zögerlichkeit, mehr moderierend als führend. Mit solchen Eigenschaften haben die meisten Ostdeutschen allerdings keine Karriere gemacht. Das erklärt eine gewisse Fremdheit ihr gegenüber.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich eigentlich als Ostdeutscher, als Deutscher, als Europäer oder was?

Maaz: Ich bin Deutscher, aber ich kann mich mehr mit der DDR identifizieren als zu DDR-Zeiten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch Grund, sich an dem Umbruch zu erfreuen, den Sie ja nicht für eine Revolution halten?

Maaz: Ja, dabei bleibe ich: Die Überwindung der DDR ist die größte Sache meines Lebens.

SPIEGEL ONLINE: Herr Maaz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die SPIEGEL-Redakteure Stefan Berg und Michael Sontheimer

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1.
Bert Schwarck, 16.08.2009
Herr Maaz, ich weiß gar nicht was sie Wollen. Die DDR hat doch komplett die Macht übernommen: 1. Wie in der DDR ist es egal, welche Partei sie wählen, es kommt das gleiche dabei heraus. 2. Wie in der DDR sind immer mehr Arbeitsplätze nur noch Selbstzweck statt vorlkwirtschaftlich sinnvoll. 3. Wie in der DDR gibt es keine Meinungsfreiheit. Die Presse steuert unsere Meinungen komplett. 4. Und wie in der DDR stehen die Arbeiter unter Naturschutz und die Bonzen bedienen sich aus der Kasse. Der Mittelstand wird planmäßig ausgebeutet und vernichtet. Der Sozialismus der DDR hat es geschafft sein Systen auf den letzten Rest von Demokratie zu stülpen. Und dafür haben wir auch noch bezahlt.
2.
Benito Fino, 16.08.2009
Der Narzismus von Berg und Sontheimer ist beeindruckend, denn sie haben eine Frage an Maaz, scheinbar in ein Zitat gewandelt, im Titel ihres Artikels genutzt und damit die zentrale Botschaft verfaelscht. Damit haben sie auch die Chance zur Reflektion und zum Lernen vertan. Oder muss hier ein "roter" Faden der Geschichte weitergesponnen werden, der problemlos ins Bild des Nymbus' der (Ost)deutschen eingewoben werden kann? "Wir weben, wir weben"...doch das war mehr Kraft als Angst. Es ist bestuerzend zu sehen, wie 2 Journalisten sich nicht von ihrer eigenen reflexartigen Bewertunen trennen koennen und nicht einmal darueber offen lassen koennen, dass die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes schlimmer ist, als die Angst vor der Stasi. Wie gross muss ihre Angst sein, dass eine solche Ueberlegung gleich als "Ostalgie" deligitimiert werden muss? Wie gut kann eine solche Aussage zum Verstaendnis der Probleme und zum Meinungsaustasuch beitragen? Ich stimme Maaz zu, die Ostdeutschen hatten eine Chance mehr in ihrem Leben ueber sich selbst nachzudenken und sich INNERLICH zu befreien, zu wachsen als die Westdeutschen. Wenn man siegt, heilt man nicht. Die Uebernahme der Macht durch die Ostdeutschen nach dem Mauerfall - das ist eine FABELhafte Idee. Die Ostdeutschen haetten in der Verantwortung gestanden - fuer die Gestaltung ihrer Gesellschaft genauso wie fuer den Umgang mit der Vergangenheit, kein "Wessi" waere da gewesen, auf den man die Schuld haette schieben koennen, doch auch viele Kader, geschult im Umgang mit der Macht, haetten diese Prozesse dann in ihrem Sinne gestalten koennen. Trotzdem eine solche Entwicklung mit all ihren Herausforderungen haette das Rueckrad gestaerkt und die Ostdeutschen waeren aufrechter gegangen am Ende eines Weges aus den Armen des grossen Bruders in die ihrer Brueder und Schwestern. Maaz verweist auf die grossen Fragen, die wir uns alle immer wieder stellen sollten: Was ist aus mir als Mensch geworden? Wie wollen wir leben? Auch 20 Jahre nach dem Mauerfall fuerchten unsere zwei Spiegel Reporter dies immer noch zu sehr als dass sie eine Auseinandersetzung anzuzettlen wagen wuerden. Weniger Angst und hier meine ich Existenzangst gehoert zu so einem Leben. Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik ist ein Teil davon, doch auch die Arbeit von und mit Leuten wie Maaz ist essentiell. Ansonsten veraendern wir wieder nur die Welt, aber nicht uns.
3.
Stefan Germer, 16.08.2009
Ich fühle mich bestätigt in der Meinung über die schreibende Zunft und die Schwierigkeiten für Menschen, von sich selbst zu abstrahieren. Warum (aus welchem Grunde) z.B. wurden zwei Links zu unterschiedlichen Diskussionsforen im Artikel eröffnet? - Einer ganz klein und ganz am Anfang. (leer) - Ein zweiter ganz groß und mit dicken Lettern in der Mitte des Artikels, der auch noch auf eine nebensächliche Aussage des Herrn Maaz verweist! (voll) Nicht nur dadurch (sondern auch z.B. durch besserwesserische Hinweise auf Widersprüche in Aussagen anderer Menschen; dümmliche Versuche der Diskreditierung als Nostalgiker) gewinnt man den Eindruck, als wollten die Journalisten (mit dem typisch oberflächlichen Blick von West AUF Ost) bewusst oder unbewusst auf absolut nebensächliche Aussagen des Herrn Maaz hinweisen: "War die Wende in der DDR 1989 eine Revolution? Hätten die Ostdeutschen damals die Macht übernehem müssen, statt sich dem Westen in die Arme zu werfen?" - wen interessiert das denn angesichts der eigentlichen Kernaussagen des Herrn Maaz? (die Antwort weiter unten ;-)) Was stärker reflektierende Menschen begreifen, ist eine andere zentrale Aussage des Herrn Maaz, auf die die Herren Journalisten auch hätten kommen müssen, wenn, wie gesagt, sie zu stärkerer Reflektion fähig wären: Ist Gesamt-Deutschland ein Land der Psychopathen? Und: Was können wir daraus lernen für das Leben? Aber es ist vielleicht eben genau das, was hier auch wieder deutlich wird, was auch Herr Maaz anspricht: Die Angst vor dem öffentlich werdenden eigenen Staunen, vor dem öffentlich werdenden eigenen Unverständnis über das Hintergrundwissen, vor der Auseinandesetzung mit sich selbst, der eigenen Unzulänglichkeit! Der bequeme Sessel - gedreht in Richtung Ost - bietet den beiden Journalisten als angepasste "Herkunftsgewinnler" - ob Wessi oder Neu-Wessi ist dabei egal - eine ideale Möglichkeit ein bequemes Leben zu führen, trotz ihrer "psychischen" Probleme... ;-)
4.
DIETER WOLF, 16.08.2009
Ist das nicht einfach ein Generationsproblem ? Ich bin 1945 im Rheinland geboren, lebe im Ausland, fuer mcih ist Ostdeutschland deutschsprechendes Ausland. 17 Mio DDR Menschen haben uns 65 Mio Westsdeutschen ihren Willen "aufgezwungen", uns hat niemand gefragt. Heute finden Sie ueberall Ostdeutsche, haben praktisch eine ostdeutsc he Bundeskanzlerin, in den Botschaften im Ausland ist ein ueberproportional hoher Anteil von DDR-Geborenen taetig. Selbst die Hauptstadt haben sie bestimmt - Bonn war das Symbol eines neuen, POSITIVEN Deutschlands, Berlin war nie Symbol fuer etwas Positives,
5.
Bernd Irmler, 16.08.2009
Die kriminellen Verscherbler des Volkseigentums müssen zur Verantwortung gezogen werden! Wurde das Volk der DDR gefragt? Oder handelten einige wenige so genannte "Bürgerrechtler" ohne demokratische Legitimation? Hat nicht sehr vieles in der DDR dem Volk gehört? Warum wurde das Volk der DDR enteignet? Jetzt frage ich einmal ganz anders herum, als die vom Kapital bezahlten Medienagenten: WER hat die damals für die Unterwerfung der gesamten DDR Verantwortlichen überhaupt dazu befugt? WER hat den Auftrag und die Erlaubnis gegeben, Gebäude, Fabriken, Grundstücke und alles sonstige Eigentum ALLER DDR-Bürger so einfach für nen Äppl und Ei zu verkaufen - und was das tollste dabei ist, den Erlös nicht einmal den Eigentümern gegeben, sondern in andere Hände? Diese noch niemals vorher in der Geschichte der Menschheit dagewesene Enteignung, dieser irrsinnige Milliardenbetrug an der DDR-Bevölkerung muß juristisch verfolgt werden! Es ist noch nicht verjährt. Ehemalige Bürger der DDR: Ihr müsst handeln, bevor es zu spät ist. Fordert Euer Eigentum zurück!
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