Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Mauerfall-Berichterstatter "Vermassel das hier nicht!"

Mauerfall: "Vermassel das hier nicht!" Fotos
Corbis

Von einem Kran am Brandenburger Tor verfolgte US-Starreporter Tom Brokaw am 9. November 1989 die Maueröffnung - sein Live-Bericht prägte das Bild dieses Tages. Auf einestages erinnert sich der NBC-Journalist an Günter Schabowskis legendäre Pressekonferenz, seine eigenen Versagensängste und den allerersten DDR-Bürger auf der Mauerkrone.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Brokaw, erinnern Sie sich noch daran, wie es war, als Sie von Ihrem Sender NBC Anfang November 1989, unmittelbar vor dem Mauerfall, nach Berlin geschickt wurden?

Brokaw: Am Montag, es war der 6. November, schauten wir in der Redaktion die Bilder von den Ereignissen in Deutschland. Unser Auslandschef sagte zu mir: "Tom, was hältst du davon, hinzufahren? Bei uns ist sowieso nicht viel los." Ich fand, das war eine gute Idee.

SPIEGEL ONLINE Wie bereiteten Sie sich vor?

Brokaw: Ich aß mit ein paar Leuten aus dem außenpolitischen Establishment in Washington zu Mittag. Einer von ihnen war Richard Holbrooke, der dann 1993 US-Botschafter im wiedervereinigten Deutschland wurde. Ich nahm ihn beiseite und sagte ihm, dass ich nach Deutschland wolle. "Das ist großartig", sagte er, "da passiert gerade etwas." Aber dachten wir daran, dass die Mauer fallen würde? Nein.

SPIEGEL ONLINE: Was dachten Sie denn, als sie mit dem Flieger in Berlin landeten?

Brokaw: Wir wussten, dass etwas Bedeutsames im Gange war. Man muss an all die Dinge denken, die im Jahr 1989 bis dahin schon passiert waren. Ich hatte das ganze Jahr praktisch im Flugzeug verbracht, um den Zerfall des sowjetischen Imperiums zu verfolgen. Als wir in Berlin ankamen, hatten wir größere Freiheiten, zwischen Ost und West zu pendeln, als jemals zuvor. Am Anfang hatten wir noch mächtig Schwierigkeiten am Checkpoint Charlie, aber es wurde immer entspannter. Wir konnten zwar keine Live-Berichte aus Ost-Berlin senden. Dafür konnte ich auf der Ostseite des Brandenburger Tores drehen und sogar normale DDR-Bürger befragen. Und wir konnten ein Interview mit Günter Schabowski vom SED-Politbüro arrangieren, gleich für unseren zweiten Tag, um 17 Uhr.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Berliner unmittelbar vor dem Mauerfall erlebt?

Brokaw: Im Westen der Stadt gab es kein Gefühl der Erwartung, von etwas Besonderem, dem die West-Berliner große Beachtung geschenkt hätten. Sie hatten ja in der Vergangenheit eine ganze Menge erlebt und dachten - jedenfalls ist das meine Interpretation -, dass auch diese Aufregung vorübergehen werde. Im Osten konnten wir zwar nicht mit Widerständlern oder Vertretern der neuen Oppositionsgruppen reden, aber mit Theaterleuten und Journalisten. Sie berichteten uns von der Dynamik, die im Ostteil in der Luft lag. Dennoch hatte ich immer noch nicht das Gefühl, die Mauer werde bald weg sein. Niemand hatte das.

SPIEGEL ONLINE: Dann kam die berühmte Pressekonferenz, die Sie direkt miterlebten...

Brokaw: Ich war ziemlich geschlaucht, ich war ja erst Montagnacht eingeflogen. Aber natürlich ging ich zu Schabowskis Pressekonferenz. Zum ersten Mal sah man da ostdeutsche Journalisten die SED-Funktionäre hinterfragen. Sie fühlten sich ermutigt durch die allgemeine Entwicklung. Warum können wir nicht mehr Pressefreiheit haben zum Beispiel - das war so ein Thema. Schabowski behandelte sie ziemlich von oben herab. Es war spät, ich war müde und nickte schon halb weg, während er in seiner bürokratischen Art herumdröhnte. Aber ich hatte ja gleich anschließend ein Interview mit ihm vereinbart.

SPIEGEL ONLINE: Und dann zückte Schabowski seinen berühmt gewordenen Zettel?

Brokaw: Als die Pressekonferenz praktisch zu Ende war, reichte ihm jemand ein Papier. Er nahm seine Brille ab und las es vor. Ich habe das mal so beschrieben: Es war, als ob ein Marsmensch auf die Bühne gestiegen wäre, denn diese Botschaft schien aus einer anderen Wirklichkeit zu kommen. Schabowski verkündete, dass die Ostdeutschen die DDR sofort verlassen könnten "ohne Vorliegen von Voraussetzungen", oder wie immer die genaue Formulierung lautete. Wir saßen alle kerzengerade. Meine deutsche Kamera-Crew filmte sofort wieder los, sie hatten schon aufgehört. Sie sahen mich mit aufgerissenen Augen an und fragten: "Kann das wahr sein?" Der Raum brummte vom Geraune, als Schabowski seinen Zettel zusammenfaltete und das Podium verließ.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie folgten ihm?

Brokaw: Ich rannte raus und die Treppe hoch, mit meinem Kamerateam und meiner Redakteurin. Dann saßen wir zusammen in einem kleinen Zimmer mit dem völlig ruhigen und gefassten Schabowski. Ich fragte ihn: "Haben Sie noch den Zettel?" Und er sagte: "Ja, habe ich." Also bat ich Schabowski, den Inhalt noch einmal vorzulesen. Er holte das Papier aus der Tasche, setzte seine Brille auf - und las vor.

SPIEGEL ONLINE: Und was war Ihre erste Frage, als er damit fertig war?

Brokaw: Ich fragte ihn, ob das bedeute, dass Bürger des Ostens durch die Mauer gehen könnten, welche Richtung auch immer. Und er antwortete: "Ja, ich glaube, das heißt es." Ich rannte die Treppe wieder hinunter, wo eine Ansammlung amerikanischer Zeitungskorrespondenten stand. Sie lasen gerade noch mal das Schabowski-Papier und keiner konnte es glauben. Ich sah sie an und sagte: "Es ist wahr, die Mauer ist gefallen!" Alle rannten los, um ihre Meldungen abzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Blieben Sie an diesem Abend in Ost-Berlin?

Brokaw: Wir sprangen in unseren Wagen und fuhren durch die Straßen Ost-Berlins zurück zum Checkpoint Charlie. Ich hatte nicht gewusst, dass Schabowskis Pressekonferenz live im DDR-Fernsehen übertragen worden war. Nun erlebten wir, wie die Autos auf den Ost-Berliner Straßen ein Hupkonzert veranstalteten. Als wir zum Übergang kamen, hatte der Grenzer, der uns dort zwei Tage lang nur Schwierigkeiten gemacht hatte, sein Verhalten komplett geändert. Wir stiegen aus, um wie gewohnt den Kofferraum zu öffnen, aber er sagte nur: "Sie können passieren." Ich fragte ihn, was er von der Entwicklung hielte. Er antwortete: "Ich werde nicht fürs Denken bezahlt."

SPIEGEL ONLINE: Offenbar hatte er aber nachgedacht und verstanden. Hatten Sie den Eindruck, dass Schabowski selbst begriff, was er vorgelesen hatte?

Brokaw: Ich habe ein Jahr später mit ihm darüber gesprochen. Er hatte es an dem Abend nicht verstanden. Die Folgen seiner Worte waren ihm nicht klar gewesen. Er sagte mir, die Annahme habe gelautet, dass die Bürger der DDR das Land verlassen, dann aber auch wieder zu ihrem alten Leben zurückkehren würden. Das sagt eigentlich alles über die Denkweise der SED-Funktionäre. Wissen Sie, wir überschätzen autokratische Regime und Diktaturen gern, was ihre Fähigkeit angeht, kühl kalkuliert zu handeln. Dies war ein perfektes Beispiel: Überall herrschte Chaos. Die SED wusste nicht, was sie tun sollte. Die politische Kontrolle war zusammengebrochen, und nun waren es die Bürokraten der zweiten und dritten Reihe, die verzweifelt versuchten, das Schiff über Wasser zu halten

SPIEGEL ONLINE: Was meldeten Sie in die USA?

Brokaw: Als ich so gegen 18.30 Uhr wieder in unserem Büro war, rief die Zentrale aus New York an und sagte: "Das ist eine große Sache bei euch, die Amerikaner sind elektrisiert." Wir machten uns sofort wieder auf. Zum Glück hatten wir noch die gebuchte Satellitenleitung, und die Mitarbeiter hatten einen Kran organisiert, von dem aus wir hoch über die Mauer in den Osten filmen konnten. Ich versuchte währenddessen hektisch, meinen Beitrag zusammenzuschreiben. Gegen 23 Uhr war ich soweit, aber als ich los zum Brandenburger Tor wollte, gab es einen komischen Moment: Eine Redakteurin hielt mich zurück: Dort draußen sei eine gefährliche Situation entstanden, sie müsse erst einmal Sicherheitsleute organisieren. "Warum das?", fragte ich. Studenten würden die Mauer stürmen, war ihre Antwort. Ich sagte: "Das ist genau das, worum es hier geht!" Und ich zog los, durch das Chaos zum Brandenburger Tor.

SPIEGEL ONLINE: Und wie erlebten Sie dann dort vor Ort diese historische Situation?

Brokaw: Ich fuhr mit dem Wagen dorthin. Viele West-Studenten waren zum Brandenburger Tor gekommen und hatten die Mauer bestiegen. Sie wurden mit Wasserwerfern vertrieben, aber kletterten immer wieder hoch. Es herrschte eine regelrechte Festival-Atmosphäre. Also stieg ich auf unsere kleine Bühne, von der aus wir senden wollten, und war vom Chaos umgeben. Ich konnte mich selbst nicht verstehen. Das war so gegen halb zwölf Uhr abends, spät also, fast Mitternacht. Dann kamen wieder die ostdeutschen Grenzer und vertrieben mit Wasserwerfern wieder alle von der Mauerkrone. Sie waren offenkundig sehr unsicher, wie die Befehlslage war.

SPIEGEL ONLINE: Wie berichtet man überhaupt unter solchen dramatischen Umständen normal?

Brokaw: Die Situation veränderte sich mit jeder Nanosekunde. Da war etwa dieser junge Mann, wohl so Ende 20. Er stand da oben auf der Mauer, in seiner Lederjacke. Also sagte ich zu einem unserer Redakteure: "Los, holt mir den ran, er ist das Symbol des neuen Deutschland!" "Das glaube ich nicht", lachte der Redakteur. "Es ist ein betrunkener Obdachloser, der in den Genuss der ersten Dusche seit Wochen kommt. Er hat keine Ahnung, was hier vorgeht."

SPIEGEL ONLINE: Und wie haben Sie sich mit der Sendezentrale abgestimmt?

Brokaw: Ich erklärte unseren Studioleuten in New York, dass ich zwar einen Beitrag geschrieben hatte, ihn aber nicht verwenden würde, weil alles zu schnell ging. Daheim in den USA gab es an diesem Tag außerdem eine schreckliche Flugkatastrophe - ein US-Militärflugzeug war in Atlanta, Georgia, in einen Apartmentkomplex gerast. Also sagte mir der Produzent über die Leitung, bei ihnen sei auch die Hölle los. Ich sagte ihm also: "Ich rede einfach los, ihr merkt dann schon, wenn ich einen Einspielfilm ankündige." Wir warteten eine volle halbe Stunde darauf, dass die ersten Ostdeutschen durch die Mauer kommen würden, aber nichts geschah. Dann passierten zwei dramatische Dinge: Einer unserer Kameramänner kam angelaufen und rief: "Ich habe sie im Kasten, wie sie durch die Mauer kommen!" Er war an einer weniger prominenten Stelle gewesen, an der die Ostdeutschen den Grenzposten belagert hatten und schließlich über den Grenzstreifen zu strömen begannen.

SPIEGEL ONLINE: Und das zweite Ereignis?

Brokaw: Zur gleichen Zeit forderten die Studenten auf der Mauer am Brandenburger Tor die Menschen auf der Ostseite mit Sprechchören auf, zu ihnen hoch auf die Betonwand zu kommen. Dann erschien ein junger Mann von der Ostseite, der allererste, und die Menge drehte durch vor Begeisterung. Er stand da vielleicht eine Minute. Er wusste wahrscheinlich gar nicht, was er getan hatte. Also gingen wir live auf Sendung und ich sagte in die Kamera: "In dieser historischsten aller Nächte in der Geschichte der Mauer hat sich nun alles geändert."

SPIEGEL ONLINE: Was ging Ihnen durch den Kopf, unmittelbar bevor Sie auf Sendung gingen?

Brokaw: Ich war nicht nervös. Aber die historische Tragweite der Geschichte, über die wir da berichteten, war mir bewusst. Das war eine Riesensache. Und mir war klar, dass wir die einzigen waren, die live übertrugen. Also wusste ich, dass die Aufmerksamkeit für meinen Beitrag riesig sein würde. Weiter habe ich nicht gedacht. Mein letzter Gedanke bevor wir auf Sendung gingen, war: Vermassel das hier nicht!

SPIEGEL ONLINE: Und wie lange standen Sie dann am Brandenburger Tor live vor der Kamera?

Brokaw: Die Übertragung ging die ganze Nacht bis in die frühen Morgenstunden live weiter. Irgendwann früh morgens kam ein Techniker zu mir gerannt und sagte: "Schau mal!" Die Leute hatten angefangen, mit Meißeln Stücke aus der Mauer zu schlagen. Ich habe das erste Mauerstück, das er mir damals gab, immer noch. Unter dem Strich war die ganze Sache chaotisch. Aber wenn ich zurückschaue, haben wir es in der Sendung geschafft, den Zeitgeist dieses Moments festzuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Was war das für eine Atmosphäre?

Brokaw: Das Verhalten der Menge war großartig. Alle waren so positiv. Man konnte erkennen, dass ihr Leben von einem Moment auf den anderen verändert worden war. Es war sehr bewegend zu sehen, wie die jungen Leute auf die Mauer kletterten und dort ihre Brüder und Schwestern trafen, die von der Westseite her kamen. Sie waren von diesem schrecklich menschenverachtenden und sehr, sehr hässlichen Bauwerk getrennt worden, das tatsächlich eine tödliche Falle war für alle, die raus wollten. Ich dachte, meine Güte, was wir im Kalten Krieg durchgemacht haben. Was als nächstes passieren würde und wohin das alles führt - ich hatte in diesem Moment keine Ahnung.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie am Morgen danach gedacht, als sie aufwachten?

Brokaw: Ich erinnere mich an einen Gedanken, den ich am frühen Morgen hatte, als wir schon wieder eine Reportage drehten. Nämlich dass ich immer geglaubt hatte, das Jahr 1968 sei das Schlüsseljahr in meinem Leben - das Jahr, in dem Präsident Lyndon B. Johnson nicht zur Wiederwahl antrat, das Jahr der Tet-Offensive in Vietnam, das Jahr der Unruhen von Chicago, das Jahr, in dem Bobby Kennedy und der große Martin Luther King jr. ermordet wurden. Ich dachte, nichts könne das noch in den Schatten stellen. Aber 1989, der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums mit allen seinen Folgewirkungen - das wird immer einen besonderen Platz in den Geschichtsbüchern haben.

SPIEGEL ONLINE: Und was war für Sie der wirklich magische Moment dieser Nacht - der Augenblick, an dem Sie dachten: Das wirst du dein Leben lang nicht mehr vergessen?

Brokaw: Das Bild des jungen Mannes, der als erstes von Osten her auf die Mauer sprang, bleibt für immer in meiner Erinnerung. Es wirkte, als wäre er dort hinauf katapultiert worden. Plötzlich war er da. Die anderen wichen zurück, und er stand dort wie Barischnikow, wie ein Balletttänzer, der sein Bühnensolo hat. Alle jubelten ihm zu, und er erschrak fast - erst dann brach ein breites Lachen aus ihm heraus, und er riss beide Arme in die Höhe. Diesen Moment werde ich nie vergessen.

Aus dem Englischen übersetzt von Hans Michael Kloth

Artikel bewerten
4.5 (105 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Eine tolle Geschichte
Paddel2, 18.06.2015
All diese großen Momente konzentriert an einem Ort waren möglich, weil die Menschen in diesem Moment glücklich waren! Das Gefühl endlich frei zu sein ist unbeschreiblich. Darüber sollten sich einige gestrige im Klaren sein, wenn sie wieder die Vergangenheit verklären!
2.
Hartmut Braun, 22.02.2016
Ich werde mein Leben lang glücklich über die Wiedervereinigung sein, aber ich werde mein Leben lang nie verstehen, wie man nach Schabowskis Meldung, die ja AUCH folgenden Satz enthielt: "Die Volkspolizei-Meldestellen sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen.", sofort zur Mauer losstürzte. Denn es war ja abends und ein Visum war nach wie vor nötig, und das bekam man - inklusive eines Reisepasses, den die wenigstens DDR-Bürger hatten (wozu auch, in die "Bruderländer" - soweit offen - konnte man mit dem Personalausweis reisen) eben nur bei den Meldestellen. In diesem Sinne bedeutet "gültig ab sofort" logischerweise ab Uhrzeit Öffnung der Meldestellen, was frühestens am nächsten Morgen gewesen wäre. Naja, manchmal entwickelt sich Geschichte auch durch Missverständnisse. Hier Gott sei Dank positiv.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH