20 Jahre Rushdie-Affäre Der Dichter und sein Henker

Mit einem Mordaufruf stürzte Ajatollah Chomeini die Welt vor 20 Jahren in eine Krise. Die Fatwa wegen "Blasphemie" zwang Salman Rushdie, Autor der "Satanischen Verse", in den Untergrund, befeuerte den Kampf der Kulturen und forderte 22 Tote - und das alles wegen zwölf leichter Mädchen. Von

Corbis

Von


Es ist kurz nach sieben Uhr abends, als Hitoshi Igarashi am 11. Juli 1991 sein Büro in der Tsukuba-Universität bei Tokio verlassen will. Der 44-jährige Dozent tritt durch die Zimmertür auf den Flur hinaus, doch weiter kommt er nicht. Mit mehreren Messerstichen strecken Unbekannte den Kulturwissenschaftler nieder. Als der Hausmeister ihn vor dem Fahrstuhl findet, ist Igarashi bereits tot. An Hals, Gesicht und Händen finden sich tiefe Schnittwunden.

Die Täter können unerkannt entkommen, doch eine Vermutung geht schnell um die Welt: An Igarashi ist ein Spruch vollstreckt worden, der zwei Jahre zuvor im fernen Teheran erlassen worden ist: die "Fatwa" des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Ruollah Chomeini gegen den indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie, Autor des Romans "Satanische Verse". In seinem Rechtsgutachten hatte der Imam den Tod des "Gotteslästerers" und seiner Helfershelfer gefordert. Jetzt hatte es als Ersten Rushdies japanischen Übersetzer getroffen,

Genau 20 Jahre ist es her, dass der greise Chomeini seinen tödlichen Fluch über das Radio in die Welt blies. "Ich informiere hiermit die stolzen Muslime der Welt, dass der Autor des Buches 'Satanische Verse', das gegen den Islam, den Propheten und den Koran gerichtet ist, sowie alle, die an seiner Publikation teilhaben, zum Tode verurteilt sind", verkündet er damals. "Ich fordere alle Muslime auf, sie hinzurichten, wo immer sie sie auch finden." Seinen Frontalangriff auf die Freiheit des Wortes meint Chomeini bitterernst: ein millionenschweres Kopfgeld soll dafür sorgen, dass die Gläubigen den Worten ihres geistigen Oberhaupts Taten folgen lassen.

Dessous für den Ajatollah

Damit ist Autor Rushdie, 1947 als Muslim in Indien geboren, später britischer Staatsbürger, praktisch vogelfrei - er muss untertauchen, um sein Leben zu schützen. Die "Rushdie-Affäre" beschäftigt in den folgenden Jahren Polizei und Philosophen, Regierungen und Rechtsanwälte, Europäische Gemeinschaft und Uno. An ihr wird, nicht zuletzt, der Streit zwischen Vertretern und Gegnern der These vom "Kampf der Kulturen" ausgefochten.

In Großbritannien, Pakistan, Indien und Teilen Vorderasiens hatte es nach der Veröffentlichung des Romans 1988 heftige Demonstrationen gegen Buch und Autor gegeben. Mehrere muslimische Länder setzen das Werk auf den Index. In Iran war die Empörung zwar verspätet angekommen, dafür war sie im Land der islamischen Revolution am heftigsten. Und das alles, weil Rushdie in einigen Passagen seines Romans in satirisch-obszöner Weise eine traumhafte Allegorie des Propheten Mohammed auftreten lässt, weil sich zwölf Huren in einem Freudenhaus selbst die Namen der Prophetengattinnen geben, um das Geschäft zu beleben.

Er sei zu ernst genommen worden, sagte Salman Rushdie viel später der britischen Zeitung "Guardian". "Dabei bin ich komisch, und meine Bücher sind es auch." Dass Chomeini jedoch keinen Spaß verstand, hatte er schon zwei Jahre zuvor unter Beweis gestellt. Weil der deutsche TV-Showmaster Rudi Carrell in seiner Sketch-Sendung "Tagesshow" verschleierte Iranerinnen ihre Dessous auf den Ajatollah werfen ließ, hatte es schwerste diplomatische Verwicklungen zwischen Iran und der Bundesrepublik gegeben.

Kriegserklärung gegen das Völkerrecht

Der Aufruhr um das Rushdie-Buch kommt Chomeini gerade recht. Zehn Jahre nach der islamischen Revolution sind die Iraner der Drangsalierung und Unterdrückung müde, auch für Chomeini fällt die Bilanz bitter aus. Die Wirtschaft liegt am Boden, der Krieg mit dem Irak hat Hunderttausende Tote gefordert, der Traum vom Export der Revolution ist Utopie geblieben. Und innerhalb des Fundamentalisten-Establishments tobt ein Richtungskampf zwischen Hardlinern und Pragmatikern, denn es steht eine Präsidentschaftswahl an.

Und Chomeini taktiert richtig; die Fatwa gegen Rushdie verfehlt ihre Wirkung nicht. In Teheran werfen Demonstranten Steine auf die britische Botschaft und brüllen "Tod für England". Bei Demonstrationen in Indien und Pakistan sterben insgesamt sieben Menschen, in England kommt es zu mehreren Bombenanschlägen auf Buchhandlungen, die die "Satanischen Verse" verkaufen. In New York muss der Verlag Viking-Penguin wegen einer Bombendrohung sein Gebäude räumen, es gibt Drohungen gegen Flüge der British Airways. In Großbritannien, Pakistan und Iran melden sich Freiwillige, die Rushdie töten wollen.

Die westlichen Staaten zwingt Chomeinis Affront zu heftigen Reaktionen. Als "Kriegserklärung gegen das Völkerrecht" geißelt der deutsche Bundestag die Fatwa. Solche Morddrohung sei "total inakzeptabel", lässt die britische Regierung in Teheran ausrichten. Alle zwölf EG-Staaten ziehen ihre Botschafter aus Iran ab, US-Präsident George Bush senior kündig die Überprüfung der Handelsbeziehungen an, Englands Premierministerin Margaret Thatcher erklärt, die Beziehungen zu Iran erst dann wieder aufzunehmen, wenn Teheran auf das "Drohen mit Gewalt" verzichte.

Leben in der völligen Isolation

Doch viel davon ist Rhetorik - letztlich sind den meisten Staaten ihre Beziehungen zu Iran zu wichtig, um sie für einen Künstler zu opfern. "Es fällt mir schwer, unseren Schafzüchtern in Neuseeland zu erklären, warum sie wegen der Bedrohung eines einzigen Schriftstellers in London geschäftliche Nachteile hinnehmen sollen", stellt etwa der neuseeländische Premierminister David Lange fest. Und so kehren 36 Tage nach der Fatwa die EG-Botschafter nach Teheran zurück. Als Irans Nachbar Irak 1990 Kuwait überfällt, nehmen die westlichen Länder dann auch die diplomatischen Beziehungen zu Teheran wieder auf - jetzt braucht man die Mullahs als Gegengewicht zu Saddam Hussein.

So bricht für Rushdie eine Zeit der Angst und der Isolation an. Innerhalb von drei Jahren muss er "20 bis 30 Mal" das Versteck wechseln, wie er 1992 in einem SPIEGEL-Interview berichtet. Permanent wird der Autor von der Polizei bewacht. "Ich lebe in der Hölle. Ich war die Geisel der Geiseln", sagt er einmal. Die Bedrohung ist real: Rushdie berichtet, dass eine iranische Botschaft in Europa eine "Killergruppe" engagiert habe, um ihn zu exekutieren. Geheimdienste hätten ihm später mitgeteilt, die Attacke sei "neutralisiert" worden.

Zur Angst kommt die unerwartete Kritik von anderer Seite: Einige Politiker und Schriftsteller, darunter etwa der britische Spionage-Autor John Le Carré, schieben die Schuld eher dem Verfasser der "Satanischen Verse" zu. "Rushdie griff einen bekannten Gegner an und schrie dann 'Foul', als dieser genauso reagierte, wie es seiner Rolle entspricht", schreibt Le Carré.

Zurückrudern nach neun Jahren

Unter dem Eindruck der Bedrohung distanziert Rushdie sich zunächst von seinem Buch und bekennt sich zum Islam - was er später als "wahrscheinlich größten Fehler meines Lebens" bezeichnet. Es nützt ihm wenig: Das Kopfgeld wird noch einmal erhöht. Drei Jahre lang taucht Rushdie komplett unter - erst dann beginnt er langsam, sich wieder öffentlich zu Wort zu melden. "Je mehr ich demnach so lebe, als sei ich von Chomeinis Fatwa überhaupt nicht tangiert, desto deutlicher wird die Botschaft: Ein Bürger eines freien Landes lässt sich wegen der Drohungen einer fremden Macht nicht einfach wegsperren", sagt er 1996 in seinem zweiten SPIEGEL-Interview.

Doch nicht alle mögen seinem Mut folgen. British Airways etwa versagt Rushdie lange Zeit einen Platz in ihren Fliegern. Die dänische Regierung verweigert ihm noch 1996 kurzzeitig aus Sicherheitsgründen die Einreise zur Verleihung eines Preises. Dabei schlägt Iran ab Mitte der Neunziger mildere Töne an: Man werde den Mordaufruf nicht weiter verfolgen, ist aus iranischen Regierungskreisen immer wieder zu hören. Aber erst nach der Amtsübernahme des moderaten Präsidenten Mohammed Chatami 1997 können die westlichen Regierungen einen Durchbruch erreichen. "Die Regierung der Islamischen Republik Iran hat weder die Absicht, das Leben des Autors der 'Satanischen Verse' oder von Personen in Verbindung mit seiner Arbeit zu bedrohen, noch wird sie irgendetwas in dieser Richtung unternehmen, andere dazu ermutigen oder unterstützen", erklärt der iranische Außenminister Kamal Charrasi nach Verhandlungen mit seinem britischen Amtskollegen Robin Cook im September 1998 in New York. Präsident Chatami selbst erklärt am Rande der UN-Vollversammlung die Angelegenheit Rushdie für "völlig abgeschlossen".

Neun Jahre nach der Fatwa ist der zum Tode Verurteilte damit wieder unter die Lebenden zurückgekehrt. Er fühle eine tiefe Befriedigung, dass "eines der großen Prinzipien der freien Gesellschaften verteidigt worden ist", sagt Rushdie unmittelbar nach Bekanntwerden der Nachrichten aus New York bei einer Pressekonferenz, die erstmals fast ohne Sicherheitsvorkehrungen stattfindet. "Es ist nicht nur mein Freudentag, es ist unser aller Freudentag."

Die Feder und das Schwert

Das Ziel, ein missliebiges Buch zu unterdrücken, erreichen die iranischen Fundamentalisten nicht. Obwohl in vielen Ländern Verlage aus Angst zögern, die "Satanischen Verse" zu veröffentlichen, werden sie nicht zuletzt durch Chomeinis Fatwa zu einem globalen Bestseller und machten Rushdie zum Weltstar. Ein Rest Angst allerdings bleibt: Iranische Hardliner erklären, eine Fatwa sei nicht aufhebbar, neue Tötungsaufrufe werden öffentlich. Und die Bilanz von Chomeinis Mordaufruf ist schrecklich, auch wenn Rushdie davongekommen ist. 22 Tote im Gefolge der Fatwa zählt der SPIEGEL 1992, darunter Übersetzer Igarashi. Andere Verleger und Übersetzer wie der Italiener Ettore Capriolo oder der Norweger William Nygaard überleben Anschläge nur knapp.

2005 etwa erneuerte der Nachfolger des 1989 verstorbenen Chomeini, Ali Chamenei, den Mordaufruf sogar noch einmal. Rushdie betrachtet das inzwischen als "rhetorischen Beitrag" und nimmt sein Los mit schwarzem Humor: "Ich möchte nicht mit Chomeini streiten, aber ich muss betonen, dass nur einer von uns tot ist", gibt er trocken zu Protokoll. "Vielleicht ist, wie man sagt, die Feder doch mächtiger gewesen als das Schwert? Verscherz' es dir nicht mit Schriftstellern!"



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.