"Stirb langsam" Der Action-Pazifist

Frank Sinatra wollte nicht, Arnold Schwarzenegger sagte auch ab: Aus purer Verzweiflung wurde für die Hauptrolle im Film "Stirb langsam" 1988 Bruce Willis verpflichtet. Der nutzte die Chance - und erfand eine ganz neue Sorte Actionheld.

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Als "Stirb langsam" - Originaltitel "Die Hard" - geplant wurde, sollte es Massenware sein. Nichts besonderes, einfach Action, einer der knapp 400 Filme, die jedes Jahr in Hollywood enstehen. Gemacht, warum man Filme eben macht: um Geld zu verdienen. Die Geschichte nichts neues, "Die Hard" war Resteverwertung, Recycling, ein Filmgewordener sonntäglicher Brunch, bei dem das, was unter der Woche übrig bleibt, zusammengeklaubt und als besondere Leckerei verkauft wird.

Schon in der Romanvorlage "Nothing Lasts Forever" von 1979 griff der Kriminalautor Roderick Thorp einen bereits 1966 von ihm erfundenen Charakter auf: Joe Leland. Dieser Vorgängerroman, "The Detective", wurde 1968 mit Frank Sinatra in der Hauptrolle verfilmt. Das Buch und sein Protagonist wurden also zu einer Geldkuh, die es zu melken galt: Nichts anderes war der Roman "Nothing Lasts Forever", und nichts anderes sollte der Film zur Vorlage sein. Allerdings hatte die Produktionsfirma 20th Century Fox eine Kleinigkeit übersehen, als sie die Filmrechte kaufte: Frank Sinatra hatte keine Lust, noch einmal in die Rolle des Detektivs zu schlüpfen.

Was soll's. Fox hatte 1979 sowieso ein anderes viel versprechendes Projekt, das die Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war der Film eines britschen Werbespotregisseurs: "Alien". So verschwand "Nothing Lasts Forever" erstmal in der Schublade und geriet in Vergessenheit - bis Arnold Schwarzenegger 1985 seinen 60-Millionen-Dollar-Hit "Phantom Kommando" feierte.

Keiner wollte John McClane sein

Offenbar war hier ein neuer Stern am Actionhimmel aufgegangen. Gab es da nicht noch dieses Buch? Ein einzelner Mann gegen eine Handvoll Terroristen in einem Hochhaus, eine Geschichte wie gemacht für den neuen Darsteller. Der Regisseur, John McTiernan, wurde verpflichtet. Jeb Stuart und Steven de Souza bekamen den Auftrag, die Romanvorlage in ein Drehbuch umzuarbeiten - alles schien seinen Gang zu gehen, bis jemandem auffiel, dass Fox schon wieder vergessen hatte, den Hauptdarsteller zu fragen. Arnold Schwarzenegger hatte keine Lust, auf eine Fortsetzung von "Phantom Kommando".

Allerdings war die Produktion schon so weit fortgeschritten, dass es kein Zurück mehr gab - also wurde kurzerhand Sylvester Stallone gefragt. Der hatte aber keine Lust, weswegen man sich an die Siebziger-Jahre-Action-Ikone Burt Reynolds erinnerte - die auch ablehnte. Das wiederum war der Grund dafür, dass das Buch schließlich auf dem Tisch von Richard Gere (!) landete. Als der schließlich auch absagte, fiel irgend jemandem diese Fernsehserie mit diesem Typen und dem Model ein. Wie hieß der Mann noch gleich?

Bruce Willis hatte den Vorteil, dass er günstig zu haben war (günstiger als die Anderen zumindest, er bekam fünf Millionen Dollar Gage). Dafür ging allerdings auch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemand wegen dem Fernsehschauspieler ins Kino. Die Produzenten Lawrence Gordon und Joel Silver waren sogar so wenig von Willis als Zugpferd überzeugt, dass sein Gesicht auf den ersten Filmplakaten nicht auftauchte.

Einzelkämpfer auf begrenztem Raum

Auch beim Soundtrack stellten die Macher des Films ihr Improvisationstalent unter Beweis. "Alien" hatte sich 1979 als Riesenhit entpuppt, so dass Fox 1986 eine Fortsetzung nachlegte. Der Komponist James Horner schrieb die Filmmusik, darunter auch die Melodie, die während des finalen Kampfes zwischen Ripley und der Alienmutter losschmettern sollte. Doch Regisseur James Cameron entschied, in der entscheidenden Szene lieber auf Musik zu verzichten. Aber wenn der Songschnipsel schon mal da war, könnte man ihn ja auch einfach in "Stirb Langsam" einbauen. Schließlich war er schon bezahlt.

Als Willis bereits verpflichtet war, gab es allerdings noch kein fertiges Drehbuch. Denn kurz zuvor waren ja alle noch davon ausgegangen, dass Arnold Schwarzenegger die Rolle des Polizisten spielen würde. Sein Charakter hätte natürlich ganz anders ausgesehen. Eben wie es seinem Image als Kampfmaschine entsprach. Die Dreharbeiten fingen trotzdem schon mal an, Zeit ist schließlich Geld.

Das Drehbuch wurde erst fertig, als der Filmdreh schon einige Wochen hinter sich hatte. Auch aus diesem Grund hält sich "Stirb langsam" schließlich eng an die Romanvorlage, enger als es geplant war. Was dem fertigen Film allerdings gut tat, war doch der Plot so simpel wie genial: Der Einzelkämpfer, der es auf begrenztem Raum mit diversen Fieslingen aufnimmt, hat dutzende Nachahmer inspiriert. "Stirb langsam" wurde, wie "Tempo" oder "Uhu", zu dem Wort für das Produkt: "Speed" als "Die Hard on a Bus" vermarktet und "The Rock" als "Die Hard on Alcatraz". Und der talentfreie Steven Seagal durfte in dem "Die Hard"-Abklatsch "Alarmstufe: Rot" sogar gleich zweimal ran: auf einem Schiff und in einem Zug.

Zufallsheld statt Kampfmaschine

Allerdings wäre, sind wir mal ehrlich, "Stirb langsam" ohne John McClane und seine Gegenspieler Hans Gruber, nur einer von Hunderten von belanglosen Actionfilmen geworden.

Weil Willis eben nicht Schwarzenegger ist, wurde sein Held menschlicher. Die beinharte Ein-Mann-Armee hätte ihm allein aufgrund seiner körperlichen Präsenz einfach niemand abgenommen. So wurde er ein sogenannter Accidental Hero - ein Held, der irgendwann zufällig die falsche Abfahrt nimmt und unter außergewöhnlichen Umständen über sich hinauswächst. Für die Zuschauer hatte das den Vorteil, dass die Identifikation leichter fiel, als mit irgendeinem muskelbepackten Übermenschen, der eher einer Comicfigur als einem Menschen glich und weniger Emotionen hatte als Robocop. McClane blutete, hatte Schmerzen und keine Lust auf Stress. Er war, in einem Wort, normal.

Deshalb ging es ihm auch nie um das große Ganze. Er kämpfte nicht für das Vaterland wie John Rambo. Seine Mission war persönlich, er wollte einfach ein stinknormales Leben - es kam eben nur immer irgendwas dazwischen. Der Dreh mit dem "unperfekten Helden" hinterließ Spuren bei fast allen Cops, die ihm nachfolgten. Ähnlich wie Nirvana 1991 den unangenehmen Poser-Hardrock beerdigten, verabschiedete die Rolle des John McClane die unbesiegbaren Terminatoren in den Ruhestand.

Fritz, Heinrich und ein Terrorist im Designeranzug

Und Hans Gruber, gespielt von Alan Rickman, veränderte die Rolle des Bösewichts ebenso wie McClane es mit der Coprolle tat. Er war kein hirnloser Brutalo, er zitierte Nietzsche und drückte sich gewählt aus. Außerdem passt Gruber in die Achtziger wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge: Es geht ihm nur ums Geld. Mit seinem Anzug, seiner Einstellung und seiner geschliffenen, emotionslosen Art könnte er auch an der Wall Street arbeiten oder Vorstandvorsitzender eines internationalen Konzerns sein. Geiseln in die Luft sprengen oder eine profitable Fabrik nach Osteuropa verlegen - Gruber schert das alles nicht, er sieht nur den Profit. In seiner kalten Zielstrebigkeit ist er der europäische Gegenentwurf zum "American Psycho" von Bret Easton Ellis.

Und man muss es als Deutscher auch nicht persönlich nehmen, dass die Bösen von hier kommen. Zwar tut es fast körperlich weh, dass McClanes Gegner Hans, Fritz, Heinrich und Theo heißen, aber immerhin ist kein Wilhelm und Otto dabei und Adolf fehlt auch. Thorp ließ sich, als er den Roman in den Siebzigern schrieb, von der RAF und dem deutschen Herbst inspirieren. Schließlich hatten die Amerikaner zu diesem Zeitpunkt ja noch keine eigenen Erfahrungen mit Terrorismus.

Zugegeben, im Laufe des Films wurden McClane und Gruber trotz aller charakterlichen Feinheiten doch immer mehr zu Klischees. McClane war hemdsärmlig, aufrecht, die Familienwerte hochhaltend und eher einfach gestrickt, ganz der tapfere Amerikaner eben. Während Gruber der moralfreie Intellektuelle ist, der Nietzsche zitiert, Krawatte trägt und für Geld alles tut - eben so, wie ein Durchschnittsamerikaner sich einen Durchschnittseuropäer vorstellt.

Und so siegt am Ende natürlich auch das amerikanische Individuum über die als Kollektiv empfundene Bedrohung von außen. Und auch das kann man dem Film nicht verübeln. Stilprägend für das Genre war "Stirb langsam" allemal.

"Eine schwer zu knackende Nuss"

Als er im Juli 1988 in den USA startete, wurde "Stirb langsam" zum absoluten Überraschungserfolg. Auch weltweit wurde er ein Hit und spielte so insgesamt beinahe 140 Millionen Dollar ein. Und das obwohl das Wortspiel "Die Hard" (ein "Die-Hard" ist im Amerikanischen ein zäher Kämpfer aber hübscherweise auch ein Ewiggestriger) unübersetzbar war. So nannte sich der Film in Russland "Eine schwer zu knackende Nuss", in Spanien "Der Glas-Dschungel", in Portugal "Angriff auf das Hochhaus", in Estland "Robuste Seele" und in Deutschland eben "Stirb langsam", um nur einige Beispiele zu nennen.

Leider zog der Film drei wahnsinnig schlechte Fortsetzungen nach sich, die in der Reihenfolge der Sequels immer schlimmer wurden.

Der Regisseur John McTiernan durfte dann übrigens doch noch mit Arnold Schwarzenegger zusammenarbeiten. Sein nächster Film hieß "Predator".



insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
bugme not, 09.03.2008
1.
das teil liest sich schlimmer als ein schülerzeitungsartikel... und übrigens, stirb langsam 3 war ziemlich gut.
Philipp Zirker, 09.03.2008
2.
Och, ich find den Artikel recht amüsant - wobei auch ich die Meinung teile, dass Stirb Langsam 3 eine GUTE Fortsetzung ist...
Signore Ricardo, 09.03.2008
3.
Ist zwar nur mein persönliches Empfinden, aber ich fand jeden Teil auf seine Art spitze.
Sören Lambie, 09.03.2008
4.
Ich finde es ist nicht so schlimm zu lesen. Wo ich jedoch dem oberen Beitrag zustimmen muss ist die unbegründete Kritik an den Nachfolgern des Films. Dies bewegte mich sogar dazu mich anzumelden, denn im Gegensatz zu Arnold Schwarzenegger's Terminator 3 hat es Bruce Willis geschafft, den Charakter John McClane so wiederzugeben, wie er vor 20 Jahren rüberkam.
Gunther Stammwitz, 09.03.2008
5.
Strib Langsam wurde doch von Teil zu Teil immer besser! Der zweite etwa auf dem Flughafen ist eib absoluter Klassiker und der vierte Teil ein würdiger Nachfolger. Gut... Nakatomia Plaza ist und bleibt das Original!
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