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20 Jahre Tiananmen-Massaker Mit der Kalaschnikow gegen Kinder

20 Jahre Tiananmen-Massaker: Mit der Kalaschnikow gegen Kinder Fotos
AP

Kugeln schwirrten durch die Luft, vor Krankenhäusern stapelten sich Leichen: Brutal schlug Chinas Führung am 4. Juni 1989 die Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens nieder. Andreas Lorenz, SPIEGEL-Korrespondent in China, erinnert sich an den blutigsten Tag seiner Laufbahn.

Als Han Dongfang die Kugeln über seinen Kopf pfeifen hört, ist er davon überzeugt, dass es keine scharfen Geschosse sind. "Die Armee wird niemals auf das eigene Volk schießen", denkt Han, Sprecher des gerade gegründeten Autonomen Arbeiterverbands und einer der Aktivisten auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

Als er mir 20 Jahre später diese Begebenheit erzählt, schaut er immer noch verwundert. Er, der Eisenbahn-Elektriker und ehemalige Soldat, hätte es nicht im Traum für möglich gehalten, dass die Partei ihre Kinder erschießen würde.

Mir ging es damals genauso: Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich das Zischen von Kugeln nur Zentimeter von mir entfernt. Wie Han Dongfang und viele in der Menge vor dem Kaiserpalast dachte ich: "Das ist nur Schreckschussmunition."

Die Hecken brennen

Es ist der Abend des 3. Juni 1989, ein Sonntag. Die Hecken am Straßenrand brennen. Mit einem amerikanischen Kollegen verlasse ich die Deckung hinter einem steinernen Löwen und gehe langsam über den Platz des Himmlischen Friedens im Zentrum von Peking. Verschwunden ist die dichte Menschenmenge, die sich hier mit ihren Fahrrädern Tag um Tag drängte.

Vor einem Sanitätszelt liegt regungslos ein Mann, Mitte 30, auf dem Bauch. Ein Arzt im weißen Kittel hat ihm das Hemd hochgezogen, im Rücken klafft eine runde Wunde. Noch immer können wir es nicht glauben, dass die Volksbefreiungsarmee scharf schießt. "Was meinen sie, was das wohl ist?", faucht der Arzt auf Englisch. "Das ist eine Kugel, Kaliber 7,65."

Weitere Schüsse fallen, die Menschen weichen zurück. Verletzte und Tote werden auf Dreirädern zum nächsten Krankenhaus hinter dem Peking-Hotel gefahren. Dort hat sich eine Menge angesammelt, die beobachtet, wie immer neue Gefährte mit blutüberströmten Opfern heranschaukeln.

Kein Zurück mehr

Langsam umzingelt das Militär den Tiananmen-Platz. Hunderte von Soldaten setzen sich vor das Revolutionsmuseum. Die Szenerie ist gespenstisch. Nur um die Unabhängigkeitssäule verharrt noch eine kleine Gruppe von Studenten. Ich versuche, die Umgebung zu erkunden. In den schmalen Gassen im Süden des Platzes drängen sich die Menschen, auch hier rollt Militär heran. Schüsse peitschen in die Hutongs. An anderen Stellen werfen die Soldaten Tränengas.

Gegen Mitternacht gibt es für mich kein Zurück mehr auf den Platz. Das Areal ist weiträumig abgesperrt. Am Morgen des 4. Juni sitzen Soldaten auf der Straße des Ewigen Friedens. Sie sind sehr jung, Burschen vom Lande. Wenn die Pekinger zu nahe kommen, stehen sie auf und schießen. Sie zielen über die Köpfe, aber es gibt wieder Tote. Der Platz ist leer, Soldaten räumen den Müll weg. Die letzten Studenten sind verschwunden. Trupps in Stahlhelmen marschieren durch die Straßen.

Die Nachricht, dass es Erschießungen in der Peking Universität gegeben habe, erweist sich als falsch. Wir Journalisten können uns frei bewegen, Soldaten winken uns durch Straßensperren. Die Stadt wirkt wie ausgestorben. Auf der Brücke über dem zweiten Ring gegenüber dem Diplomatenwohnviertel liegt lange Zeit ein Toter. Panzer sind aufgefahren, ihre Kanonen zielen alle nach außen. Gegen wen richten sich die Kanonenrohre? Gerüchte schwirren durch die Stadt. Meutern Truppenteile, deren Kommandeure mit der Gewaltaktion nicht einverstanden waren? Erwarten die Tiananmen-Eroberer einen Angriff ihrer Genossen von außen?

Patrioten zu Konterrevolutionären

Genau eine Woche zuvor, am 27. Mai, habe ich Generalmajor Zhu Zengquan interviewt. Er und seine Truppe sind in einer Kaserne im Südwesten Pekings untergekommen. Die einfachen Soldaten schlafen im Freien, Zelte haben sie nicht. Der General ist ein freundlicher älterer Herr, er redet mich mit "Herr Journalist" an. Er äußert Verständnis für die Proteste: "Die Kritik an Privilegien und Korruption der Beamten halte ich persönlich für richtig", sagt er. "Deshalb halten wir die Forderungen der Studenten für patriotisch." Das ist damals, das Militärrecht ist schon ausgerufen, ein mutiger Satz. Denn die Partei redet nicht mehr von patriotischer Bewegung, sie hält die Proteste für eine "Konterrevolution".

Auf meine Frage, ob er auf die Demonstranten schießen würde, sagt er: "Wir sind eine Volksarmee, wir sind die Kinder des Volkes. Wir empfinden tiefe Liebe für das Volk, wir beschützen es." Was ist aus dem sanften General wohl geworden? Hat er eine Woche später, wie andere Offiziere, den Schießbefehl verweigert? Hat er sich krank gemeldet? Oder hat er dem Befehl der Partei gehorcht?

Noch immer ist nicht klar, wie viele Menschen damals, im Juni 1989, starben. Keiner der Verantwortlichen ist bislang bestraft worden, die Soldaten bekamen zum Dank für ihren Einsatz Armbanduhren geschenkt. In jenen Frühlingstagen wackelte die Herrschaft der Partei, in ihren Reihen tobten Machtkämpfe. Kaum auszudenken, was passiert wäre, wenn die Reformer gewonnen hätten: Womöglich wäre China, wie die kleine Insel Taiwan, heute ein demokratisches Land.

Tiananmen-Lösung in Deutschland?

Aber hätte ein demokratisches China wirtschaftlich so erfolgreich werden können? Hätte es als Werkstatt der Welt jahrelang seine Arbeiter ausbeuten und über zehn Prozent Wachstum erwirtschaften und Europäern wie Amerikanern billige Hemden und Fernseher verkaufen können? Ohne das Pekinger Massaker wäre womöglich die deutsche Geschichte anders verlaufen: Als die DDR-Bürger zu ihren Montagsmärschen aufbrachen, stand für die SED-Machthaber und ihre sowjetischen Vorgesetzten fest: Eine "Tiananmen-Lösung" wollten sie nicht.

Seit Mitte April 1989 demonstrieren Studenten gegen die korrupte Partei. Wir ausländischen Journalisten eilen jeden Tag durch Peking, von Universität zu Universität, um mit dem Geschehen Schritt zu halten. Immer wieder formieren sich Protestzüge aus den Hochschulen ins Zentrum, kaum aufgehalten durch Armee oder Polizei.

Der Tiananmen-Platz sieht aus wie ein riesiges, chaotisches Zeltlager. Manche der Anführer geben sich arrogant wie KP-Funktionäre. Sie stellen Presseausweise aus, Interviews mit den Sprechern müssen beantragt werden. Andere fragen: "Was halten Sie von unserer Bewegung?" Wir geben ausweichende Antworten, denn zwischen die Demonstranten und Neugierigen haben sich Spitzel der Staatssicherheit gemengt. Wenn wir Journalisten uns zu solidarisch zeigen, könnte dies Ärger mit den Behörden einbringen.

Hungerstreik zu Füßen der "Göttin der Demokratie"

Viele Demonstranten beginnen einen Hungerstreik. Krankenwagen mit heulenden Sirenen und der Aufschrift "Geschenk der italienischen Regierung" transportieren die geschwächten Jugendlichen ab. Bürger schleppen Wasser auf den Platz. Mit der Zeit hat der Protest einen neuen Charakter erhalten: Es geht nicht mehr nur um geldgierige und käufliche Kader. Nach dem der Leitartikel im KP-Organ "Volkszeitung" am 26. April die Studentenbewegung als "organisierte Unruhen mit antiparteilichen und antisozialistischen Motiven" gegeißelt hat, wird die Stimmung aggressiver. Nun wollen die Demonstranten auch Demokratie, wie ihre Spruchbänder verraten. Studenten der Kunsthochschule errichten ein der amerikanischen Freiheitsstatue nachempfundenes Denkmal auf dem Platz, die "Göttin der Demokratie".

An einem konkreten Programm mangelt es den Rebellen. Sie singen die "Internationale" und patriotische Lieder. Manche sprechen von Demokratie nach westlichem Modell. Andere wollen eine "gelenkte Demokratie" nach dem Vorbild Singapurs. Nun sind sie fast alle dabei: Diplomaten des Außenministeriums, Kader des Zentralkomitees, Journalisten der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua und der "Volkszeitung", Volkspolizisten, Zöllner, Bankangestellte, Taxifahrer, Verkäuferinnen.

Peking hat sich in diesen Tagen spürbar gewandelt. Das ist nicht mehr die raue Stadt, in der jeder um seinen Platz kämpft. Die Menschen sind freundlicher, der Verkehr fließt reibungsloser, auch wenn ihn an einigen Ecken nun nicht mehr Polizisten, sondern Studenten dirigieren. Rikschafahrer bieten Gratistouren an.

Kriegserklärung per Hubschrauber

Doch am 20. Mai fliegen zwei Hubschrauber über dir Stadt, sie werfen Flugblätter ab: Über Peking wird das Militärrecht verhängt. Die Armee rückt näher. Überall in den Außenbezirken stehen in kleinen Seitenstraßen Panzer, Schützenpanzer und Lkw. Wir fahren in den Bezirk Fengtai im Süden und stoßen in einem Dorf auf eine erstaunliche Szene: Studenten bahnen Soldaten den Weg in eine kleine Schule, wo sie Essen fassen sollen. Ihr Einsatz ist notwendig, weil die Bürger über die Anwesenheit der Militärs so erzürnt sind, dass sie die Soldaten nicht durchlassen wollen. Dafür dürfen die Studenten auf einen Schützenpanzer pinseln: "Es lebe die Demokratie - es lebe die Freiheit."

Wir Journalisten dürfen nicht mehr ohne Genehmigung berichten. Als ich vor der Polizeizentrale Parolen von Demonstranten abschreibe, zerren mich Beamte ins Innere. "Sie haben ohne Erlaubnis recherchiert", brüllen sie. Eine Kamera filmt mich. Nach einer Stunde lassen sie mich laufen, sich der Lächerlichkeit der Situation wohl bewusst. Es ist ein Uhr morgens am 3. Juni. Ein Geräusch draußen klingt wie Regen, der an die Scheiben prasselt. Solch ein heftiger Niederschlag in den letzten Maitagen im trockenen Peking? Ein Blick aus dem Fenster zeigt ein Bild, das sich tief in mein Gedächtnis gräbt: Das ist kein Regen, dessen Geräusch durch die Nacht dringt, sondern es sind Laufschritte junger Soldaten, die über die Aufbau des Landes-Straße Richtung Stadtmitte traben.

Sie tragen leichte Stoffschuhe, grüne Hosen, ihre Hemden sind schweißgetränkt. Sie müssen schon Kilometer aus der Richtung der Stadt Tianjin unterwegs sein. Alle haben kurzgeschorene Köpfe, über der Schulter baumelt eine grüne Provianttasche. Sie sind unbewaffnet. Erst später wird sich herausstellen, dass einige auch Garotten, mittelalterliche Würgewaffen, mit sich tragen. Wie eine Menschenwelle wollen sie den Platz des Himmlischen Friedens überspülen.

Busse als Barrikaden

Doch der Plan geht nicht auf: Immer wieder prallen die Soldaten auf Menschenketten und quergestellte Straßengitter. Sie rennen vergeblich gegen die Barrieren an. Einzelnen, denen der Durchbruch gelingt, verpassen die Pekinger eine heftige Abreibung. Einzeln oder in Gruppen wanken sie Richtung Westen, dort, wo sie hergekommen sind. Viele blutüberströmt, mit zerrissenen Hemden. Noch am nächsten Tag, als sich ihre Genossen längst den Weg freigeschossen haben, sind die traurigen Gestalten zu sehen, wie sie erschöpft und orientierungslos durch die Straßen irren.

Einige Stunden später dringen immer mehr Militärlastwagen in die Stadt ein. Um sie aufzuhalten, stellen Busfahrer ihre rot-gelben Gefährte quer und lassen die Luft aus den Reifen. Die Stadt brodelt vor Nervosität, es ist brütend heiß. Anders als in den Vortagen weigern sich die Soldaten, mit den Passanten zu reden. Die Menge wird böse, es kommt zu Schlägereien. Soldaten werden aus Bussen und Lastwagen herausgeprügelt, Waffen gestohlen. Zwei Schützenpanzer brennen im Stadtzentrum, die Besatzungen retten sich im letzten Augenblick und werden zusammengeschlagen.

Dann die Nacht zum 4. Juni: Der Platz des Himmlischen Friedens ist in fahles gelbes Licht getaucht. Aus Lautsprechern krächzt eine hysterische Frauenstimme. Es handele sich um eine "Konterrevolution", verkündet sie. Eltern eilen zum Platz, um ihre Kinder nach Hause zu holen. Einzelne Offiziere gehen langsam durch die leeren Seitenstraßen der Innenstadt nach Hause. Sie scheinen zu wissen, dass Einheiten im Westen der Stadt damit begonnen haben, sich den Weg freizuschießen.

Abgeführt im Morgengrauen

Die Tage nach dem Massaker: Nachts rumpeln Panzer von Osten kommend in die Stadt an unserer Wohnung vorbei. An einer Kreuzung der Aufbau des Landes-Straße nahe dem Freundschaftsladen errichten Bewohner unermüdlich Barrieren aus Mülleimern, Straßengittern und Steinen. Dann huschen sie wieder in die Hauseingänge zurück. Doch aufhalten können sie die Panzer nicht.

Am Mittwochmorgen, es ist der 7. Juni, stehen Polizei und Militärs vor den Türen ihrer Wohnhäuser. Uniformierte führen einen Bewohner nach dem anderen zu den Fahrzeugen. Alle haben die Arme hinter dem Nacken verschränkt. Wir fragen die Nachbarn, wie viele Menschen verhaftet worden sind.

Sie schweigen.

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