20 Jahre "Use Your Illusion" Eine Überdosis Rock

20 Jahre "Use Your Illusion": Eine Überdosis Rock Fotos
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Zwei Alben für alle: Vor 20 Jahren veröffentlichte die Band Guns N' Roses ihr Doppel-Doppelalbum "Use Your Illusion I & II". Wer in den neunziger Jahren Teenager war, kam um dieses großspurige Mammutwerk kaum herum. Fünf SPIEGEL-ONLINE-Redakteure erinnern sich an ihre Zeit mit Guns N' Roses.

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Am 17. September 1991 herrschte vor Hunderten Plattenläden in den USA der Ausnahmezustand. Bereits in den Abendstunden hatten sich die ersten Kunden, teils mit Schlafsäcken, vor Läden wie Virgin oder Tower Records versammelt. Die Fans der amerikanischen Hard-Rock-Band Guns N' Roses fieberten der Veröffentlichung von "Use Your Illusion I & II" entgegen, zwei Doppelalben, mit deren Erscheinen niemand mehr gerechnet hatte. Als die Geschäfte um punkt Mitternacht ihre Pforten öffneten, stürmten die Fans hinein und schrieben Musikgeschichte.

Bereits zwei Stunden später, der Morgen dämmerte noch nicht, waren landesweit 500.000 Exemplare verkauft. Innerhalb einer Woche rissen die Fans den Händlern rund 1,5 Millionen Alben aus den Händen. Auch die Charts wurden über Nacht erobert. Aus dem Stand schafften es die Alben "Use Your Illusion I" und "Use Your Illusion II" auf Platz eins und zwei der Charts.

Dabei hatte es lange Zeit nicht danach ausgesehen, als ob die Formation um Leadsänger Axl Rose überhaupt jemals wieder ein Album zustande bringen würde. 1987 hatten Guns N' Roses mit ihrem ersten Studioalbum "Appetite For Destruction" nicht nur einen Bestseller hingelegt, sie hatten auch den Rock'n'Roll wiederbelebt. Selbst der SPIEGEL schrieb in der Folge, Guns N' Roses seien das Sprachrohr einer ganzen Generation amerikanischer Jugendlicher, die in der Hoffnungslosigkeit des Arbeitslosendaseins versanken: "Guns N' Roses geben dieser Hoffnungslosigkeit ein wenig Würde. Es ist der Soundtrack der alltäglichen Apokalypse."

Rakete in den Superstar-Olymp

Für Guns N' Roses selbst war "Appetite For Destruction" der Soundtrack zum Erfolg, die Rakete, die die Band direkt in den Rockstar-Olymp schoss. Für manche Bandmitglieder war die Beschleunigung allerdings zu stark. In den Jahren nach ihrem Erfolg machte die Combo vor allem mit ihrem Heroinkonsum und fortwährenden Skandalen von sich reden.


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Penibel pflegte die Band ihr Rüpel-Image. In Interviews gaben Axl und Co. freimütig haarsträubende Geschichten aus ihrem Rockstar-Alltag zum Besten. Zum Beispiel, dass Axl auf einer Barbecue-Party kurz entschlossen ein Schwein erschossen und auf den Grill gewuchtet habe. Oder dass Gitarrist Izzy Stradlin von einer Polizeieskorte am Flughafen abgeholt wurde, weil er in den Aschenbecher uriniert hatte. Ob es sich dabei um Räuberpistolen handelte, die die Band aus Jux erzählte, oder um tatsächliche Begebenheiten, war nie ganz klar. Die Presse nahm sie jedenfalls für bahre Münze. Der "New Musical Express" nannte die Band das "größte Monster, das Hollywood je erschaffen hat", das Metal-Magazin "Kerrang!" erklärte sie kurzerhand zur "gefährlichsten Band der Welt".

Das alles lag vermutlich im Kalkül von G N' R-Mastermind Rose, es war ein strategisch geschicktes Stricken am eigenen Rock'n'Roll-Mythos. Doch dann wurden im August 1988 beim "Monsters of Rock"-Festival im englischen Donington während des Guns-N'-Roses-Auftritts zwei Fans totgetrampelt. Dass die Band die prekäre Lage im Publikum erkannt, mehrfach den Auftritt unterbrochen und an die Zuschauer appelliert hatte, Ruhe zu bewahren, spielte keine Rolle mehr. Die britische Boulevardpresse zerriss Guns N' Roses in der Luft, plötzlich schienen sie wirklich die gefährlichste Band der Welt.

Komplett durchgedreht?

Dass Guns N' Roses nur ein Jahr nach "Appetite for Destruction" mit "G N' R Lies" ein Album veröffentlichten, das rassistische, schwulen- und frauenfeindliche Textpassagen enthielt, sorgte für weiteren Zündstoff. Radiostationen und Plattenläden traten den Boykott an, Konzerte wurden abgesagt. Alles deutete darauf hin, dass sich die Band in ihre Einzelteile zerlegen würde. Als Axl Rose im November 1989 ankündigte, in Kürze vier Alben gleichzeitig herauszubringen, schien das nur der Beleg dafür, dass die Band nun komplett durchgedreht war.

Als am 17. September 1991 tatsächlich zwei Doppelalben in den Regalen der Plattenläden standen, grenzte das fast an ein Wunder. Auf dem Weg dorthin war Stephen Adler, der Drummer, aus der Band geflogen und durch Matt Sorum ersetzt worden. Während es der Rest der Band irgendwie geschafft hatte, clean zu werden, gab sich Adler weiter dem Heroinkonsum hin und wurde entsorgt. Lead-Gitarrist Slash und Axl befanden sich Gerüchten zufolge zeitweise so im Clinch, dass sie das Studio nur getrennt betraten und die Songs am Telefon schrieben. Der Manager der Band war gefeuert worden. Bob Clearmountain, der Tontechniker der Band und eine Koryphäe der Branche, wurde ebenfalls spontan entlassen. 24 der 30 Songs hatte er da bereits abgemischt - sein Ersatzmann musste von vorne anfangen.

All das führte zu immer neuen Release-Verzögerungen, so dass die weltweite "Use Your Illusion"-Tour begann, bevor überhaupt die Alben veröffentlicht waren. In einem Interview mit dem "Rolling Stone" erklärte Axl Rose einmal: "Ich bin immer zu spät. In meinem Testament werde ich deswegen verfügen, dass mein Sarg eine halbe Stunde zu spät in die Kirche getragen wird. Und auf dem Sarg soll in goldenen Lettern stehen: 'Sorry für die Verspätung'." Sein Publikum konnte diese Schwäche oft genug bezeugen. Kaum ein Guns-N'-Roses-Konzert fing pünktlich an, vielfach musste die Menge drei Stunden lang warten, bis sich Axl Rose und seine Truppe auf der Bühne blicken ließen.

Prügel für aufmüpfige Fans

Der Frontmann und sein Publikum - es war eine Hassliebe. In St. Louis zerlegte das aufgebrachte Publikum die Konzerthalle, nachdem Axl Rose eine Zugabe mit den Worten "Fuck St. Louis" verweigert hatte. Es war nicht das einzige Mal, dass er ein Konzert abbrach. Schon kleinste atmosphärische Störungen zwischen Rose und den Zuschauern konnten dazu führen, dass der Sänger die Bühne verließ. Fühlte sich der Bandleader von einzelnen Konzertgästen provoziert, konnte es auch passieren, dass er von der Bühne ins Publikum sprang, den Aufwiegler höchstpersönlich verprügelte und dann den Auftritt abbrach.

Trotzdem pilgerten die Fans zu Zigtausenden zu den Auftritten der Gunners, trotz oder vielleicht auch gerade wegen deren chronischer Unzuverlässigkeit. Die Videos zu Songs wie "November Rain" wurden mit Preisen überhäuft und liefen auf MTV in der Heavy Rotation. Es schien, als hätten es sich Guns N' Roses auf dem Thron des Rocks komfortabel eingerichtet. Mehr noch: unverrückbar einzementiert, von niemandem je wieder herabzustoßen.

Dabei bemängelten viele Fans, dass Guns N' Roses auf den neuen Alben zu weich geworden wären. Das Schnodderige, Punkige der ersten beiden Platten war einem bluesigen Bombast-Rock gewichen, die Balladendichte vielen Altfans zu hoch. Kritiker monierten zudem, dass die Band sich musikalisch kaum weiterentwickelt hätte, neue Einflüsse in der Rockmusik schlicht ignorieren würde. Dass ausgerechnet zwei der erfolgreichsten Songs des Albums, nämlich "Knockin' on Heavens Door" und "Live and Let Die" Coverversionen waren, gibt ihnen natürlich recht. Trotzdem gelten die beiden Alben vielen Fans bis heute als Meilenstein der Rockgeschichte.

Aber waren sie das wirklich? Musikalisch gesehen vermutlich nicht. Wäre das Album musikalisch visionärer gewesen, wäre die Band vermutlich nicht kurze Zeit später implodiert; dann hätte Axl Rose nicht als letztes verbliebenes Gründungsmitglied der Band mit stetig wechselnden Gastmusikern versucht, den Mythos wiederzubeleben; dann wären die beiden Folgealben "The Spaghetti Incident" (1993) und das zigmal angekündigte und dann erst 2008 veröffentlichte Album "Chinese Democracy" nicht so gefloppt; dann würde Axl Rose nicht heute als dicke, traurige Karikatur seiner selbst auf Festivals immer wieder nur die alten Songs wie "November Rain" zum Besten geben - vor einem Publikum, das viel zu jung ist, um sich an das Phänomen "Guns N' Roses" zu erinnern.

Denn genau das waren sie, ein Phänomen. Tatsächlich, ein Monster. Eine Band "larger than life", wie die Amerikaner sagen würden. Eine Truppe, die, als sie schon fast vergessen waren, noch einmal alle Attribute des Rock'n'Roll-Superstar-Daseins aus der Versenkung holte. Die Großspurigkeit, Launenhaftigkeit, Verschwendungssucht und Größenwahn zum Credo erhob - und sich dadurch in unser aller Leben drängte. Denn egal ob man sie liebte oder hasste: Nach den "Use Your Illusion"-Alben kam eine Zeitlang niemand an Guns N' Roses vorbei. Sie waren so groß, dass sie immer ein Synonym für diese Zeit sein werden. So groß, dass sie bei allen, die damals Teenager waren, einen Eindruck hinterlassen haben.

Auf einestages erinnern sich fünf SPIEGEL-ONLINE-Redakteure, wie Guns N' Roses sie durch diese Zeit begleitete.

mic

1. Teil: Eine Überdosis Rock

2. Teil: Andreas Borcholte - "Don't Cry" wegen Sonja

3. Teil: Benjamin Maack - Ein Intro für immer

4. Teil: Jochen Leffers - Der Tag, an dem Axl Rose sich eine Auszeit gönnte

5. Teil: Michail Hengstenberg - Kann man Coolness anziehen?

6. Teil: Thorsten Dörting - Meine Michelle

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    Seite 1    
1.
Marcus Meyer 29.09.2011
Obwohl ich seit "Appetite" großer GnR-Fan war und ich mich wie ein Schnitzel auf die neuen Platten freute, wurde ich mit den Use Your Illusion-Alben nie richtig glücklich. Zu viel Songmaterial auf einmal, um es verarbeiten zu können. Zu viel barocker Schwulst statt dreckigem Rock. Bald war meine Aufmerksamkeit musikalisch anderweitig beschäftigt - mit Faith No More und Soundgarden, die beim GnR-Konzert 1992 in Würzburg noch Vorbands waren und von mir wenig beachtet.
2.
Franjo Obradovic 30.09.2011
Ganz und Rohsäs waren die fleischgewordene Mittelmässigkeit, Axl Rose ist ein professioneller Riesenanus, d.h. er lebt von seinem schlechten Benehmen. Seine Texte sind ausländer-, schwulen- und insgesamt menschenfeindlich. Die anderen scheinen auch mässig sympathische Drogenabhängige zu sein. Alles, was man von ihnen auf irgendeiner Platte zu hören bekommt, ist ein oft lauwarmer Abklatsch von sittsam Bekanntem. Sie schaffen es, die Coverversion wie "Live and let die" genauso bleiern wie ihre eigenen Titel klingen zu lassen. 20 Jahre "Use Your Illusion" - es ist mir sowas von egal, daß ich mit mir kämpfen muss, diese Zeilen gegen das Mittelmaß, die drogentrunkene Borniertheit und die in´s Knochenmark reichende Geschmacklosigkeit dieser Platte(n) zu tippen. Soziologisch lebte die Band von der Verbindung zum "White Trash", den frustrierten weissen Verlierern des American Way of Life, daher muss die Nähe zu rechtsradikalem Gedankengut nicht verwundern. Es gab allerdings weitaus bessere Bands mit ebenfalls zweifelhafter Vita, mit denen man die Eltern auch gut hätte ärgern können. Man durfte und darf sich wie Herbert Grönemeyer immer noch fragen: Was soll das?
3.
Ralf Allar 30.09.2011
Keiner meiner Freunde hörte oder hört G&R. :-/ Gibt/gab Besseres.
4.
Thorsten Sippel 30.09.2011
Nie gekauft und trotzdem durch Familie und Freunde immer wieder mal in den Fingern und um die Ohren gehabt. Irgendwie haben auch immer nur Teilpassagen diverser Songs richtig gut gefallen, im Gesamten aber war die Band musikalisch für mich nicht sehr präsent. Da schon eher durch das ganze subjektiv nervende Gehabe und Posen. Trotzdem verbindet man eine bestimmte Zeit und gute Erinnerungen mit diesem Album. Das hat die Band geschafft und wohl auch zurecht. Schönes Wochenende!
5.
Herbert Hupka 30.09.2011
Ich für meinen Teil war damals zarte elf Jahre alt, hatte überhaupt erstmals so etwas wie einen sich entwickelnden Musikgeschmack - und ich muss sagen, mir gefiel das Doppelprojekt ausgesprochen gut. Schmonzetten wie "November Rain" oder "Don´t cry" gingen mir allerdings damals schon ab. Aber ich kann das nachträgliche sich-Schämen nicht verstehen, denn Songs wie "You could be mine" oder "Right next door to hell" oder "Dust´n`Bones" "Locomotive" oder "Pretty tight up" oder oder ....habe ich (im übertragenen Sinne) oft heut noch im Ohr. Das rockte, groovte oder sorgte anderweitig für das "gewisse etwas". Vieles mag nichtbesonders originell sein, aber seit wann wäre das denn notwendiges Merkmal eines guten Rocksongs. Fragt mal Angus Young.
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