20 Jahre Wacken Open Air Wacköööön!

20 Jahre Wacken Open Air: Wacköööön! Fotos
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Was vor 20 Jahren als harmlose Gartenparty startete, ist inzwischen das größte Heavy-Metal-Festival der Welt: Im einestages-Interview erzählt Mitbegründer Thomas Jensen von ersten Gig-Versuchen auf der Kuhweide - und warum Blasmusik und Motörhead gar nicht so weit auseinanderliegen.

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Am 24. August 1990 startete das erste Heavy-Metal-Festival, in einer Kuhle vor den Toren des schleswig-holsteinischen 2000-Seelen-Dorfes Wacken. Heute reisen jedes Jahr am ersten Wochenende im August rund 70.000 Headbanger zum Wacken Open Air (WOA). Drei Tage lang bangen, saufen und zelten die Heavy-Metal-Fans aus aller Welt auf dem platten Land - auf einer Partyfläche, die so groß ist wie 270 Fußballfelder. Gemeinsam mit seinem Bruder Jörg Jensen sowie Holger Hübner und Andreas Göser rief der Wackener Thomas Jensen, Jahrgang 1966, das Festival ins Leben.

einestages: In den achtziger Jahren gehörten die Headbanger zur aussterbenden Spezies, wer was auf sich hielt, hörte Grunge, Hardcore oder Crossover. Wie kamen Sie damals auf die Idee, ausgerechnet ein Heavy-Metal-Festival zu gründen?

Jensen: Genau deshalb! Wir waren es leid, dass niemand unsere Musik spielt. Und dachten uns: Dann organisieren wir eben unser eigenes Event.

einestages: Legte überhaupt jemand auf dem platten Land mal härtere Musik auf?

Jensen: Die Dorfdiscos spielten höchstens Black Betty und Smoke on the Water - sehr viel mehr war nicht drin. Das höchste der Gefühle war da noch die Heavy Hour im Cheyenne-Club in Itzehoe um Mitternacht. Wer mehr wollte, musste nach Hamburg, Hannover und Bremen fahren.

einestages: Oder auf eine Ihrer Indoor-Discos gehen...

Jensen: Ja, so ging das alles los. Um Spaß zu haben und gute Mucke zu hören, haben wir seit 1988 Landgasthöfe in der Umgebung angemietet und Rockpartys veranstaltet. Für ein paar Hundert Mark haben die uns ihren Saal vermietet, den Rest, also Disco und Bands haben wir selbst mitgebracht.

einestages: Irgendwann wollten Sie dann lieber unter freiem Himmel abrocken. Wo entstand die Idee für das Wacken Open Air Festival?

Jensen: In unserem örtlichen Landgasthof Zur Post. Dort traf sich sonntags immer der TSV Wacken zu seinen Spielabschlussrunden. Holger Hübner und ich haben da beide gespielt, er als Mittelstürmer, ich als Rechtsaußen. An einem dieser Abende im Herbst 1989 schlug unser Kumpel Norbert vor, ein Open Air Festival zu organisieren, als große Party mit ausschließlich harter Musik. Und zwar in der "Kuhle", so heißt der Mehrzweckplatz der Gemeinde Wacken. Da, wo sich auch der lokale Motorradverein No Mercys immer traf.

einestages: Warum ausgerechnet dort?

Jensen: Der Platz ist wie geschaffen für ein Open Air: Der Untergrund ist fest genug, in der Mitte gibt es eine leicht erhöhte Sandfläche, auf der ursprünglich Reitturniere abgehalten wurden - perfekt für die Bands zum Abrocken! Hier stellten wir ein Bierzelt quer auf, parkten links und rechts jeweils einen Lkw, verkleideten das Ganze mit Gaze und fertig war unsere Bühne! Die war gigantisch und sah super professionell aus, fast wie bei den Monsters of Rock, einem unserer Vorbildfestivals.

einestages: Und wo kam der Strom für die vielen, vielen Dezibel her?

Jensen: Den bekamen wir per Verlängerungsschnur von der Raiffeisenbank, außerdem durften wir das Notstromaggregat von der örtlichen Feuerwehr benutzen. Hey, das war natürlich alles extrem improvisiert. Man muss sich das so vorstellen: 30 Kumpels organisieren eine Gartenparty! Wir sind da total naiv rangegangen. Unser Headquarter war das Jugendzimmer eines der Mitorganisatoren, Andy Göser. Den Vorverkauf managte dessen Mutter Regina von der Küche aus.

einestages: Trotzdem habt ihr aus dem Stand heraus sechs angesagte Bands verpflichten können.

Jensen: Die Kontakte liefen über mich, nach einer kurzen Punkphase spielte ich ja selbst Bass in einer Metal-Cover-Band namens Skyline - und trat auch beim ersten Open Air im August 1990 auf.

einestages: Der Organisator steht selbst auf der Bühne, wie geht das?

Jensen: Wir haben immer eine halbe Stunde gespielt und dann eine halbe Stunde Disco gemacht. Wenn Skyline Pause hatte, zapfte ich das Bier und Holger legte auf. Das Geld stopfte ich in die rechte Hosentasche.

einestages: Beim Publikum kam das erste Wacken Open Air Festival gut an. 800 Heavy-Metal Fans kamen, feierten und fuhren am Sonntag früh wieder ab. Die Wackener selbst dürften weniger glücklich gewesen sein.

Jensen: Naja, Bauer Wetterich, der seine Kühe in der Kuhle weidete, war natürlich nicht sonderlich happy. Er monierte jeden Zigarettenstummel und jede Scherbe - so lange, bis alles sauber war. Die Aufräum-Arie zog sich wie Kaugummi. Zum Glück haben wir recht bald den Bauern Uwe Trede für uns gewinnen können. Bei dem sind wir früher Traktor gefahren, er hatte schon immer ein offenes Ohr für die Jugend. Er wurde zum Fürsprecher des Wacken Open Air bei den Bauern und vermittelt, wenn es Probleme gibt. Etwa, weil ein Festivalbesucher mit seinem Auto ins Maisfeld gerauscht ist.

einestages: Und die anderen Dorfbewohner? Waren die von Anfang an begeisterte Headbanger?

Jensen: Einige schon - etwa der lokale Bankmitarbeiter, der uns auch den Kredit fürs erste Wacken-Festival gewährte. Andere fanden die Musik nicht so toll und wünschten sich, dass wir auch mal den König der Blasmusik, Ernst Mosch, nach Wacken holen. Das ging natürlich nicht...

einestages: ... dafür darf die Musikcombo der örtlichen Feuerwehr, die Wacken Firefighters, beim Wacken Open Air auftreten. Was haben Blasmusik und Heavy Metal gemeinsam?

Jensen: Beides bringt Spaß. Die Firefighters eröffnen seit 1998 den Biergarten des Festivals - die Metal-Fans lieben es und bangen dazu. Und Tom Angelripper, der Sänger und Bassist von Sodom, stand sogar schon gemeinsam mit ihnen auf der Bühne.

einestages: Wie haben Sie es geschafft, die Gemeinde dauerhaft für das Open Air Festival zu gewinnen?

Jensen: Wir haben von Anfang an den Dialog gesucht, damit jeder Ärger, beispielsweise der um den vielen Müll, sofort zur Sprache kommt. Zudem darf jeder Bewohner einen Tag lang gratis aufs Festival. Um den Leuten die Scheu vor der Musik zu nehmen, haben wir 1995 Behördenvertreter, Fraktionen und die Kirche zu einer Art Grundkurs in Heavy Metal eingeladen, mit Hörbeispielen und Textproben. Metal ist ja nicht zwingend gegen die Kirche, und viele Songs sind sogar sozialkritisch. Viele Wackener sind im Laufe der Jahre zu Heavy-Metal-Fans konvertiert.

einestages: Obwohl die Black-Metal-Band Gorgoroth auf der Bühne mal mit frischgeschlachteten Lammköpfen hantierte und die Mädels von Rockbitch bei ihrem Auftritt Sexspielchen praktizierten?

Jensen: Naja, das ist eben Geschmackssache. Wir machen fast alles möglich - und jeder schaut sich das an, was ihm gefällt. Am Ende ist doch alles Rock'n'Roll und keiner stirbt dabei.

einestages: Das Wacken Open Air sponsert das örtliche Schwimmbad, den Kindergarten, die Schule, den Fußballverein. Jedes Jahr machen die Dorfbewohner während des Festivals einen gewaltigen Umsatz. Wie stünde die Gemeinde heute ohne das Festival da?

Jensen: Das Dorf ist mit uns gewachsen und hat das Festival als seine Party adoptiert. Letztlich wäre Wacken nichts ohne das Wacken Open Air - und das Wacken Open Air nichts ohne Wacken!

Das Interview führte Katja Iken.

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