Die Frühzeiten des WWW High Noon im Wilden Web

Drei Buchstaben, die Millionen versprachen: Zwei Amerikaner lieferten sich in den Neunzigern mit plumpen Tricks, Kopfgeldforderungen und Staranwälten ein gnadenloses Duell um die Schmuddelseite sex.com - und schufen ein Lehrstück über Gier und Gewinne aus den Kindertagen des Internets.

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Plötzlich war Gary Kremen die Kontrolle über die wertvollste Seite im Internet entglitten. Erst stand nicht mehr sein Name bei den Kontaktdaten, sondern der eines Wildfremden: Steven Cohen. Dann änderte sich wie von Zauberhand auch noch seine E-Mail-Adresse - aus gkremen@netcom.com war jetzt steve@liberty.com geworden.

Kremen, der sich bestens mit dem jungen Medium Internet auskannte, machte sich zunächst keine Sorgen. "Ich dachte, dass es sich um irgendeinen bürokratischen Fehler handelte", berichtete er später. Es war September 1995, und im World Wide Web, das in diesen Tagen seinen 20. Geburtstag feiert, hakte und ruckelte es noch an allen Ecken und Enden.

Doch dann änderte sich auch noch die Firmenadresse. Kremen, der sich ein Jahr zuvor mit viel Weitsicht die einprägsame Domain www.sex.com gesichert hatte, war nun vollständig aus den Kontaktdaten verschwunden. Erbost wählte er die Telefonnummer der Firma, die seine Adresse ersetzt hatte. Damit sprach er zum ersten Mal mit jenem Mann, der ihm soeben seine Website gestohlen hatte - und der in den nächsten Jahren sein verhasster Gegenspieler werden sollte: Steven Michael Cohen.

Epischer Zweikampf

Mehr als ein Jahrzehnt lang lieferten sich die beiden Amerikaner mit einem Heer von Staranwälten eine beispiellose juristische Schlacht um sex.com, die Millionen Dollar verschlingen und Zehntausende Seiten Papier füllen würde. Die Männer verklagten, beschimpften und bespitzelten sich; der eine kämpfte mit großer krimineller Energie und einem Netz aus dreisten Lügen, sein Kontrahent konterte mit ungeheurer Beharrlichkeit und Wildwest-Methoden.

Dabei eignet sich die Feindschaft des Unternehmers Gary Kremen und des Trickbetrügers Steven Cohen nicht nur als perfekte Vorlage für einen Hollywood-Thriller. Sie ist ebenso ein absurdes Lehrstück aus den Kindertagen des Internets, das vielen Amerikanern zugleich die Abgründe und Möglichkeiten der neuen Technik vor Augen führte: die skrupellose Gier, die gewaltigen Chancen, die märchenhaften Gewinne.

Begonnen hat der spektakuläre Zweikampf mit dem harmlosen Jungentraum eines schüchternen und begabten PC-Enthusiasten aus Illinois. Gary Kremen schraubte schon im Alter von zwölf Jahren seinen ersten Computer zusammen. Später studierte er Informatik und Wirtschaft. Ein Stipendium der Uni Chicago lehnte er selbstbewusst ab, weil er lieber "in Silicon Valley Millionen machen" wollte.

Der Coup seines Lebens

Früh erkannte er, welch lukrative Geschäftsmodelle das Vernetzen von Computern bieten würde. Für eine Online-Firma in San Fransisco handelte er mit Domains. Er gründete die Dating-Seite match.com, die sein Chef aber gegen seinen Willen schnell wieder abstieß - für acht Millionen Dollar. Kremen war stinksauer über die einsame Entscheidung und sein Bauchgefühl täuschte ihn nicht: Anderthalb Jahre später war match.com 50 Millionen Dollar wert.

Enttäuscht verließ er sein Unternehmen, konnte aber die alleinigen Rechte an einer Domain mitnehmen, von der er hoffte, sie würde sich einmal als Goldgrube entpuppen: sex.com. Denn einprägsamer, eindeutiger und medienwirksamer konnte eine Internetadresse kaum sein.

Nur: Dies erkannte auch Steven Cohen. Jahrelang hatte sich der notorische Betrüger und Hochstapler Geld mit ungedeckten Schecks ergaunert. Dann wieder erschlich er sich als falscher Anwalt das Vertrauen finanzstarker Investoren und prellte sie um ihr Geld, indem er seine Scheinfirmen plötzlich bankrott meldete. Bereits in den Siebzigern kassierte Cohen mehrmals Bewährungsstrafen, bis ein Gericht ihn 1991 zu 46 Monaten Haft verurteilte. Ohne Wirkung: Gerade entlassen, bastelte der ehemalige Häftling Nummer 94912-012 nun am Coup seines Lebens - den Raub von sex.com.

Internetfirma ohne Internet

Wortgewandt und charmant tischte er den Mitarbeitern von Network Solutions (NSI), der zentralen Registrierungsstelle für Domains, immer wieder dieselbe Lügengeschichte auf: Gary Kremen sei gefeuert worden - und dessen ehemaliger Arbeitgeber habe ihm, Steven Cohen, die Rechte an sex.com übertragen. Das Misstrauen von NSI zerstreute er schließlich mit einem banalen Brief, den er selbst geschrieben und gefälscht hatte: Darin bestätigte die Präsidentin von Kremens Ex-Firma seine Version in allen Punkten.

In Wahrheit war die angebliche Präsidentin nur eine ehemalige Mitbewohnerin von Kremen. Nicht mal ihr Name war korrekt geschrieben. Und obwohl der gefälschte Brief auch sonst vor formalen Fehlern strotzte, schluckte die Behörde den Köder. Sie fiel sogar auf ein bizarres Manöver herein, das Rückfragen der Behörde bei den eigentlichen Domain-Inhabern verhindern sollte: "Weil wir keine Internetverbindung haben", hieß es in dem Schreiben, sei Cohen "mit diesem Brief autorisiert", selbst den Domain-Wechsel an NSI weiterzugeben.

Ein Online-Unternehmen, das keine E-Mail-Adresse hatte - selbst in den ungeordneten Anfangsjahren des Internet hätte der plumpe Trick auffliegen müssen. Doch das Unglaubliche geschah: Ohne den bisherigen Besitzer Kremen zu kontaktieren, erhielt Cohen die Rechte an der begehrten Domain.

Cohens Sex-Imperium

Während sich der Betrogene daraufhin erfolglos mit NSI herumschlug, weil sich die Firma weigerte, die Transaktion ohne Gerichtsbeschluss rückgängig zu machen, hatte sein Gegenspieler die Zeit seines Lebens. Mit minimalem Aufwand verdiente er im Monat bis zu einer halben Million Dollar - mit einem denkbar simplen Geschäftsmodell.

Sex.com bot kein eigenes Porno-Material an, sondern verlinkte mit Werbebannern lediglich auf andere Sexseiten. Selbst nach damaligen Maßstäben sah der Web-Auftritt billig aus: Da gab es das "Foto des Tages", das sich wochenlang nicht änderte, blinkende Links versprachen wilden Gruppensex und ein schmieriger Text klärte über "das große Tabu Analsex" auf. Verfasst hatte ihn Steven Cohen persönlich, selbst ein Sexbesessener, der einst einen Swingerclub leitete, fünfmal heiratete - und seine Frauen so dreist betrog wie seine Geschäftspartner.

Es war allein der anregende Name, der die Sexindustrie bewog, für schmale Werbekästchen 45.000 Dollar im Monat hinzublättern. Und Cohen bekam den Hals nicht voll. Er beauftragte renommierte Anwälte, andere Web-Firmen, die das Wort "sex" in ihrer Domain trugen, wegen angeblicher Markenrechtsverletzung zu verklagen. Meist gaben die finanzschwächeren Konkurrenten auf, und Cohen konnte auch sie in sein Porno-Imperium einverleiben: truesex.com, sexcom.net, trysex.com, sexxxlist.com.

Eine drakonische Strafe

Derweil wuchs die Wut des Mannes, der die Geldmaschine einst erfunden hatte - und der nun zusehen musste, wie ein anderer damit ungeniert Millionen scheffelte. Gary Kremen investierte über Jahre Hunderttausende Dollar, doch die Klagen seiner Anwälte blieben zunächst ohne Erfolg. Manchmal telefonierte er gar mit seinem Erzfeind, der ihn verhöhnte. Sex.com, prophezeite er stolz, werde er niemals abgeben müssen.

Jahrelang wehrte sich Cohen mit allen Tricks. Er verklagte Kremen wegen Verleumdung, zog die Verfahren in die Länge, bot außergerichtliche Einigungen an, leugnete gebetsmühlenartig den Diebstahl. "Er klang so überzeugend, dass sogar ich ihm beinahe glaubte", erzählte Kremen dem Journalisten Kieren McCarthy, der ein Buch über den Fall geschrieben hat. "Es steckt etwas von Goebbels in ihm." Zudem ließ der Betrüger geschickt sein Vermögen in einem Dschungel aus Briefkastenfirmen und Konten in Mexiko, Puerto Rico, Vanuatu und den Britischen Jungferninseln verschwinden.

Doch schließlich zahlte sich Kremens Beharrlichkeit aus. Fünf Jahre nachdem ihm seine Domain geklaut worden war, sprach ihm im November 2000 ein Gericht wieder die alleinigen Rechte zu. Damit nicht genug: Ein halbes Jahr später wurde Cohen vom Gericht aufgefordert, 65 Millionen Dollar an Kremen zu zahlen - 40 Millionen für den vermuteten Gewinn der letzten Jahre, plus 25 Millionen Schadensersatz.

Kopfgeld für einen Trickbetrüger

Nur: Da war der Multimillionär schon in Mexiko untergetaucht. Nach dem ersten Urteil hatte er die Notbremse gezogen und sein gesamtes Vermögen aus den USA auf sichere Konten im Ausland transferiert. Aus seinem Versteck in der mexikanischen Drogenhochburg Tijuana schickte er sogar Lastwagen zu seiner drei Millionen teuren Ranch in einem Nobelvorort von San Diego. Er ließ sein mondänes Anwesen verwüsten und alles abtransportieren - Lampen, Schränke, Tische, sogar die Küchenspüle.

Nun griff Gary Kremen zu ebenso drastischen Maßnahmen: Auf sex.com veröffentlichte er ein Foto des mit Haftbefehl gesuchten Justizflüchtlings - und schrieb 50.000 Dollar Belohnung für Hinweise zu dessen Ergreifung aus. Doch das Kopfgeld entpuppte sich als Eigentor. Der Gejagte konnte jetzt über seine Anwälte in aller Öffentlichkeit lamentieren, man habe versucht, ihn zu entführen, sein Leben sei in Gefahr, ja es sei sogar zu tödlichen Schießereien mit seinen Häschern gekommen - ein reines Hirngespinst.

Die Realität war unspektakulärer: Im Oktober 2005 wurde Cohen festgenommen, als er so unklug war, sein Mexiko-Visum persönlich zu verlängern. Nach zehn Jahren hatte Gary Kremen endgültig gesiegt.

Die Häme des Verlierers

Und doch verloren. Denn von den 65 Millionen Dollar sah er bis heute keinen Cent. Beschämt von der Seite, die er wiedererobert hatte, machte der ehemalige Stanford-Absolvent aus gutbürgerlichem Haus zudem den Fehler, die Strategie zu ändern: Als er 2001 ankündigte, sex.com von ihren übelsten Darstellungen zu befreien und verstärkt auf weiche Pornografie zu setzen, brachen die Gewinne ein.

Die Sexindustrie boykottierte ihren einstigen Liebling, Kremen geriet in Geldnot und konnte seine offenen Anwaltsrechnungen nicht begleichen. Er glitt in die Abhängigkeit von Kokain und Crystal Meth ab - und Cohen verspottete ihn während einer Anhörung als hoffnungslosen Junkie.

Dennoch konnte Kremen die Seite, die er schließlich in eine Sex-Suchmaschine umbauen ließ, 2006 für etwa 14 Millionen Dollar verkaufen. Noch nie war so viel Geld für eine Domain bezahlt worden. Aber auch Steven Cohen triumphierte, denn kurz danach war auch er wieder auf freiem Fuß - nach nur einem Jahr in Haft. Kremens Anwälte hatten es in diesem Zeitraum nicht geschafft, Cohens mutmaßliches Millionenvermögen aufzuspüren.

"So viele wunderbare Menschen haben wunderbare Dinge für die Gesellschaft getan", sagte der vielleicht dreisteste Trickbetrüger des Internets einmal. Und fügte in seltener Ehrlichkeit hinzu: "Ich bin keiner von ihnen."

Zum Weiterlesen:

Kieren McCarthy: "Sex.com: One Domain, Two Men, Twelve Years and the Brutal Battle for the Jewel in the Internet’s Crown". Quercus-Verlag, Berlin 2007, 288 Seiten.



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