20 Jahre WWW Wie eine Kaffeekanne die Welt veränderte

20 Jahre WWW: Wie eine Kaffeekanne die Welt veränderte Fotos
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Am Anfang war der Quatsch: Als das WWW populär wurde, war dies vor allem humorigem Unsinn zu verdanken - zum Beispiel der ersten Webcam der Welt. Die stand in den neunziger Jahren an der Uni Cambridge und zeigte den Füllstand einer Kaffeemaschine. Heute schmückt sie die SPIEGEL-ONLINE-Küche. Von

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Was Tim Berners-Lee 1991 der Weltöffentlichkeit schenkte, war ursprünglich als eine Art Datenbank-Netzwerk für die Kernforschungsstätte Cern entwickelt worden: Das WWW-Protokoll hatte vornehmlich den Sinn, den Zugang zu Wissen und Information zu erleichtern.

Wir wissen, dass das geklappt hat. Wir wissen aber auch, dass es nicht der Grund war, warum das World Wide Web populär wurde. Vielmehr erwies sich das WWW im weit älteren, seit Ende der sechziger Jahre sukzessiv aus Universitäts-, Militär- und Firmennetzwerken entstandenen Internet als die erste Plattform, die auch als Spaßanwendung taugte. Erst das WWW ermöglichte es jedermann, jeglichen Inhalt zu veröffentlichen und auf einem Bildschirm zu zeigen, inklusive Bildern. Genau dies machte das Web zu einer Plattform der Unterhaltung - und zu einer für Voyeure und Exhibitionisten.

Die Webcam spielte dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Bereits 1991 war die erste Kamera online gegangen, wenn auch zunächst nur innerhalb des Intranets der Uni Cambridge: Die Trojan Room Coffee Cam zeigte den Füllstand der einzig verfügbaren Kaffeemaschine und ersparte so Wissenschaftlern in weit entfernten Labors vergebliche Wege. Die Installation lotete damals auch die Grenzen des Machbaren aus und hatte somit - trotz der vermeintlich profanen Anwendung - durchaus experimentellen Charakter.

Trojan Room Coffee Cam: Nomen est Omen

Zwei Jahre später wurde die Coffee Cam zur ersten Live-Cam des Webs - für die folgenden acht Jahre konnte man sich nun weltweit über den Kaffeestand in Cambridge informieren.

Nerds fanden das lustig, und so waren auch die nächsten populären Webcams vor allem nerdig. Rund um den Globus brachte die Kaffeekamera Menschen auf witzige Ideen: Wenn schon der Füllstand einer Kaffeekanne zu einem weltweit beachteten Medienphänomen wurde, was war dann noch alles möglich?


Zum Interview mit Coffee-Cam-Erfinder Quentin Stafford-Fraser: "Wir haben dem Web die Würze gegeben"

Die frühen Antworten auf diese Frage waren von einiger Originalität. Sie beschleunigten zudem die technische Entwicklung des Webs. Denn wenn man Live-Bilder schon wie im Fernsehen "senden" konnte, dann sollten die doch auch etwas hermachen. Die zweite Live-Kamera, die online ging, läuft bis heute und bot bei geringer Qualität schon einiges an Bewegung: Ursprünglich übertrug sie Bilder eines Aquariums aus einem der längst geschlossenen Labors des Browser-Entwicklers Netscape. Ihr "Erfinder" Lou Montulli nahm sie mit, als er Netscape verließ.

Montulli ist ein typischer Nerd: Der Amerikaner war nicht nur Mitentwickler einiger der ersten Browser wie Lynx oder Netscape; er versteckte auch gleich einen Kurzbefehl in der Browser-Steuerung, der seine Fishcam direkt aufrief. Er optimierte zudem die Übertragung von Inhalten via WWW, erfand den HTTP-Proxyserver und die berühmt-berüchtigten Web-Cookies, also kleine Protokolldateien, die wegen ihres Schnüffelpotentials wenig beliebt sind, aber ohne die sich viele Dienste vom Einkauf bis zu Social Networks kaum nutzen ließen. Montulli gehört zu den Leuten, die die Entwicklung des Webs maßgeblich geprägt haben - und dazu zählt auch seine Fishcam.

Vom Aquarium zur Voyeurs-Bespaßung

Montullis Fishcam soll 1996 auch die damals 19-jährige Jennifer Ringley inspiriert haben, mit einer Live-Cam ihr eigenes Leben zu dokumentieren - quasi als Besatz eines menschlichen Aquariums. Sieben Jahre lang lockte die JenniCam Fans und Voyeure vor den Bildschirm, bis zu vier Millionen Besucher sollen es am Tag gewesen sein - für damalige Verhältnisse eine unfassbare Zahl. Das Feuilleton erging sich in Essays über die Neudefinition der Privatsphäre, insbesondere, nachdem Ringley zunehmend freizügige Bildübertragungen zuließ - bis hin zu Sex- und Masturbationsszenen. Fernsehen und Boulevardmedien stürzten sich auf das Thema.

Auf dem Höhepunkt ihres weltweiten Ruhms begann Ringley 1998 damit, Geld für den Zugang zu ihrer Web-Seite zu verlangen. Spätestens an diesem Punkt wurde klar, wohin die Reise ging: Ringsleys Popularität nahm ab, ihr Kontostand aber zu - und die JenniCam bekam Konkurrenz. Anfang des neuen Millenniums hatte das "Livecasting" des eigenen Lebens seinen semi-künstlerischen Avantgarde-Appeal verloren, galt nun als Domäne des Porno-Business.

Die Selbstveröffentlicher gingen derweil andere, noch schrillere Wege. 2004 zappelte der übergewichtige Teenager Gary Brolsma in einem per Webcam gefilmten Video zu den Klängen des unsäglichen "Numa-Numa"-Dissen-Schlagers "Dragostea din tei". Er veröffentlichte den Clip bei Newgrounds, einer frühen Flash- und Video-Website. Jedoch ohne wirklich viel Erfolg zu ernten: Die meisten Web-Nutzer verfügten damals einfach nicht über die Bandbreiten für den Abruf der aufwendigen Videodateien.

Der Brolsma-Effekt: das Web beginnt zu zappeln

2004 hatte deshalb kaum jemand Brolsmas doofes, aber so wegweisendes wie witziges Video bemerkt. Dafür hob die Sache ab, als im Folgejahr YouTube als zigste Web-Videoseite online ging. Die Zeit des eigentlich längst alten Konzeptes Video-Publikations- und -Sammelseite war gekommen, weil in einem anderen Marktsegment der Siegeszug eines anderen Geschäftsmodells begonnen hatte: Flatrates entwickelten sich zum Standardzugang zum Internet. Mit einem Mal wurden breitbandig verbreitete Downloads billig - und das Web endgültig zum Videomedium.


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YouTube erschien im Gegensatz zu seinen Dutzend Vorläufern zum richtigen Zeitpunkt - und bekam mit Brolsma einen Anstoß ganz besonderer Qualität: Vor einer Webcam sitzend den Mund zu den Liedern anderer Leute zu bewegen, während man sich möglichst witzig inszenierte, wurde zu einer veritablen Modewelle. Als sie verebbte, wurde sie durch andere Arten der Webcam-Selbstinszenierung abgelöst. Bis heute sind die User-Videos das, was den eigentlichen Charme von YouTube ausmacht - und eine Webcam gehört zur eingebauten Standardausrüstung so gut wie jeden Laptops.

Und die Kaffeemaschine, die eine so wichtige Rolle gespielt hatte, das Web inhaltlich auf Schiene zu setzen? Die landete 2001 in Hamburg. Christoph Seidler, damals Volontär, dann Redakteur, brachte den gerade frisch zu SPIEGEL ONLINE gewechselten Wolfgang Büchner, heute Chefredakteur der dpa, auf die schräge Idee, die im August 2001 abgeschaltete, längst funktionsuntüchtige Kaffeemaschine zu retten.

Die Kanne, eine Ikone

Büchner hielt das für einen guten Plan: "Für mich ist diese olle Kanne tatsächlich eine Preziose aus der Frühzeit des Internet. Mehr noch: Eines der wenigen verbliebenen Artefakte, die den Übergang markieren, zwischen der Zeit vor und der Zeit nach dem WWW. Es gibt nicht vieles aus dieser Zeit. Es war eine Zeit, in der nur ganz wenige Leute verstanden haben, welches Potential digital vermittelte, vernetzte Kommunikation entfalten kann."

Obwohl Chefredakteur und Geschäftsführer ihn wohl "für ziemlich verrückt" hielten, bekam er das Placet, bei der Ebay-Auktion um die Kanne mitzubieten. Büchner: "Die Ansage der Geschäftsführung war: Na gut, aber Geld gibt's dafür keins. Also mussten Sponsoren her."

Büchner fand sie in Fresenius Medical Care, die schließlich 3350 Pfund für die Kanne zahlten, und in der Firma Krups, die das inzwischen in mehr als einer Hinsicht historische Modell restaurierten. Seitdem kann man die Kanne wieder sehen, die wie einst im Trojan Room ein behütetes Nischendasein in der Kaffeeküche der Nachrichtenredaktion fristet: Immerhin hat sie zwischenzeitlich mehrere Umzüge mitgemacht. Wenn die Firmen der SPIEGEL-Gruppe in einigen Monaten neue Gebäude in der Hamburger Speicherstadt beziehen, wird sie dorthin mitgehen.

Denn längst sind die profane Kanne und ihr Bild im Web Teil der Geschichte dieses Mediums, das die Welt stärker verändert hat als jede andere technische Innovation der letzten 50 Jahre. Büchner: "Die Trojan Room Coffee Cam war ein Vorbote dieser Entwicklung. Und darum ist sie für mich eine Ikone."

Hier geht es zur Coffee Cam mit Blick auf das SPIEGEL-Gebäude.

In einer früheren Version des Textes hieß es, Gary Brolsma zappelte 1994 zu den Klängen von "Dragostea din tei", aber es war erst 2004, als er die Welt mit seinem vor der Webcam gedrehtem Video erfreute. Den Fehler haben wir korrigiert. Danke für die Hinweise; die Redaktion einestages.

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1.
Martin Henselmeyer 25.07.2011
Anmerkungen: 1) Broisma und sein "Numa Numa" Video war 2004 (nicht '94), YouTube wurde 2005 gegründet. 2) Die notwendigen >>Datenraten
2.
Michael Dey 25.07.2011
Ich sage: Danke! Ihr habt eine Legende gerettet. Und ja, ich war auch so ein Nerd, der dasaß und auf die Maschine gestarrt hat. Hey, es war halt die erste Webcam und meine ersten Schritte im Web.
3.
Sylvia Götting 25.07.2011
Toll, was denen in Cambridge so alles eingefallen ist. Nur: Eingefallen scheint denen nicht zu sein, dass es in den 90ern des letzten Jahrhunderts schon mehr als eine Kaffemaschine gab (auch in England) und man eine (oder mehrere) weitere hätte kaufen und an strategisch günstiger Stelle aufstellen können. Auch Thermoskannen gab es schon, die, gefüllt, die temporäre Leere der Kaffekanne hätten überbrücken können.
4.
Ronald Friedmann 26.07.2011
Die PDS hatte in ihrem Bundestagswahlkampf 2002 die Idee mit der Webcam aufgegriffen und in ihrem Wahlquartier eine rote Kaffeemaschine auf- und unter Online-Beobachtung gestellt. Das brachte ihr einen netten kleinen Beitrag auf Spiegel Online ein, der immer noch unter dieser Adresse zu finden ist: www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,193027,00.html
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