20 Momente - Irre Experimente Durchbrüche der Durchgeknallten

20 Momente - Irre Experimente: Durchbrüche der Durchgeknallten Fotos
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Was passiert, wenn drei Menschen, die sich für Jesus halten, in einem Raum sitzen? Und wie reagieren Elefanten auf eine Riesendosis LSD? Manchmal stellen Wissenschaftler irre Fragen - und finden erstaunliche Antworten. einestages präsentiert 20 der verrücktesten Experimente des 20. Jahrhunderts. Von

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Manchmal wird Wissenschaft zur Grenzerfahrung. Etwa, wenn der Forscher mit einer Schlinge um den Hals einen Meter über dem Boden baumelt, während sein Gesicht erst rot anläuft, dann blau, ihm die Sicht verschwimmt und es schließlich in den Ohren zu pfeifen beginnt. 1905 publizierte der rumänische Gerichtsmediziner Nicolas Minovici seine "Studie über das Erhängen". Um herauszufinden, wie sich diese Todesart anfühlt, nahmen er und seine Assistenten sich einige Male selbst einen Strick. "Die Verletzungen des Halses waren von großer Vielfalt", notierte Minovici nüchtern seine persönlichen Erfahrungen als Erhängter, "nach dem letzten Experiment hatte ich einen Monat lang Schmerzen".

Die Geschichte mag klingen wie eine Legende, die sich Medizinstudenten abends nach dem dritten Bier erzählen. Der Versuchsaufbau scheint eher einem Horrorroman als einer wissenschaftlichen Studie entnommen. Und doch fand dieses Experiment statt - und abseitige Versuche wie dieser sind kein Einzelfall. Immer wieder werden im Namen der Wissenschaft die abstrusesten Dinge unternommen. Doch warum nageln Forscher Leichen an Kreuze, leben zwei Monate lang in einer Eishöhle 160 Meter unter der Erde oder zwingen ihre Probanden, einer Ratte den Kopf abzuschneiden?

"Sie stoßen auf ein Problem, dass sie nicht anders angehen können", meint Reto Schneider. Der Buchautor und stellvertretende Redaktionsleiter von "NZZ Folio", der Monatszeitschrift der "Neuen Zürcher Zeitung", muss es wissen. Er schreibt seit einigen Jahren eine Kolumne über verrückte Experimente und hat bereits zwei Bücher zu dem Thema veröffentlicht. "Die gehen ja nicht hin und sagen, jetzt mache ich ein verrücktes Experiment." Für sie sei es lediglich ein Weg, eine Frage zu klären.

So setzte der amerikanische Psychologe Milton Rokeach 1959 drei Psychiatrie-Patienten in einen Raum - die sich alle für Jesus hielten. Er wollte wissen, auf welchen Überzeugungen die Identität eines Menschen fußt, und was passiert, wenn eine dieser Gewissheiten plötzlich wegfällt. Zwei Jahre lang traf sich der Wissenschaftler fast täglich mit den Dreien und beobachtete, wie sie mit der Situation umgingen. Würde einer von ihnen durch diesen absurden Widerspruch möglicherweise sogar von seiner Persönlichkeitsstörung geheilt? Am Ende blieb das Experiment ohne ein spektakuläres Ergebnis, denn alle drei hielten an ihren Überzeugungen fest. Dennoch ist Rokeachs Buch "Die drei Christusse von Ypsilanti" heute ein Literaturklassiker der Psychologie.

Andere Experimente zeigen, wie schwierig es sein kann, das richtige Experiment zur Beantwortung seiner Frage zu finden - und dieses auch noch durchzuführen. So klingt es erst mal eher langweilig, wenn der amerikanische Meeresbiologe Craig Smith 1992 herausfinden will, was in der Tiefsee geschieht, wenn große Stücke organischen Materials absinken. Doch die Aktion dahinter ist nicht weniger als gewaltig: Denn um der Sache nachzugehen, versenkte Smith einen kompletten Wal.

Bei abseitigen Operationen wie dieser wird die sonst eher trocken anmutende Welt der Wissenschaft plötzlich zu einem aufregenden Abenteuerspielplatz, auf dem Forscher nicht nur manchmal an die eigenen Grenzen, sondern immer wieder auch an die Grenzen der Moral gingen. Fragt man Reto Schneider, was er aus seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem Thema gelernt hat, ist seine Antwort so simpel wie verheißungsvoll: "Es gibt nichts, was nicht schon gemacht wurde."

Mehr irre Experimente finden Sie in diesen Büchern:

Reto U. Schneider: "Das neue Buch der verrückten Experimente" C. Bertelsmann Verlag, München, 2009.

Alex Boese: "Elefanten auf LSD" Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck, 2009.

Reto U. Schneider: "Das Buch der verrückten Experimente" C. Bertelsmann Verlag, München, 2004.

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1.
Tim Gerdes 19.01.2010
Da gibt's aber noch mehr! http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Tr%C3%A4ger_des_Ig-Nobelpreises
2.
Oliver Geigen 19.01.2010
Hinsichtlich der Hinrichtung durch den Strang ist der Bildbeitrag irreführend: die hier gezeigte Hinrichtungsmethode ist nicht nachvollziehbar oder erlebbar: es handelt sich hier nämlich um den sog. "long drop", bei dem durch das ruckartige Hängen nach dem Fall des Körpers zu einer Fraktur des zweiten Halswirbels (der sog. "hangman´s fracture", "Genickbruch") kommt, was meist - durch eine Verlagerung des Halsmarks zu sofortigem Atem- und Kreislaufstillstand führt. Die Strangulation ist in diesem Fall nur dann relevant, wenn z.B. durch eine Fehlberechnung der Fallhöhe ein "Genickbruch" ausbleibt. Der Tod durch Erhängen wie in der Bildunterschrift geschildert tritt eher langsam ein, auch wenn es rasch zum Bewusstseinsverlust kommt. Diese Form der Hinrichtung kommt immer noch z.B. im Iran oder bei suizidalen Handlungen vor.
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