Gesundheitsrisiko Richard Wagner Vom Opernsaal in die Notaufnahme

Gesundheitsrisiko Richard Wagner: Vom Opernsaal in die Notaufnahme Fotos
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Komponist und Krankmacher: Seit dem 19. Jahrhundert sagen Ärzte der Musik Richard Wagners verheerende Wirkungen nach. Zum 200. Geburtstag des Komponisten erinnert der Medizinhistoriker James Kennaway an die erstaunlichsten Theorien - von unkontrollierten Orgasmen bis zum Tod durch Wagner-Delirium. Von

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Dieser "Tannhäuser" machte einen krank. Und zwar buchstäblich. Der Regisseur Burkhard C. Kosminski sorgte mit seiner Inszenierung der Wagner-Oper in Düsseldorf jüngst für Aufregung. Vor allem wegen nicht unbedingt subtiler Anspielungen auf den Holocaust. Die Drastik der Darstellungen war offenbar zu viel für einige Zuschauer. Schlagzeilen wie "Herz-Attacke wegen Nazi-Oper" waren in deutschen Zeitungen zu lesen, nachdem sich etwa ein Dutzend Zuschauer nach der Vorführung zum Notarzt begaben. Als der Intendant Christoph Meyer die Einstellung der Inszenierung verkündete, rechtfertigte er den Entschluss mit medizinischen Gründen: "Ich muss die menschliche Gesundheit über die künstlerische Freiheit stellen."

Nicht alle konnten diese Entscheidung nachvollziehen. Doch Intendant Meyer steht damit in einer langen Tradition. Denn dies ist nicht das erste Mal, dass Werken Wagners eine pathologische Wirkung nachgesagt wurde.

Während er im "Dritten Reich" als Urbild der gesunden deutschen Musik galt, behaupteten im 19. Jahrhundert zahlreiche Ärzte, Kritiker und Schriftsteller ganz anderes: Wagner, so seine Gegner, sei ein entarteter, perverser Homosexueller, dessen Musik zu Hysterie, Unfruchtbarkeit, Wahnsinn und sogar zum Tod führen konnte.

Besonders gefährlich schien Wagners "Tristan und Isolde" zu sein. Der Dirigent Joseph Keilberth starb während er bei der Oper den Taktstock schwang, sein Kollege Felix Mottl erlitt bei einer Aufführung einen Zusammenbruch und starb wenige Tage später im Krankenhaus.

"Nur mittelmässige Aufführungen können mich retten!"

Sogar Wagner selbst glaubte, dass von dieser Komposition Gefahren ausgingen. In einem Brief an eine Freundin schrieb er in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts: "Kind! Dieser Tristan wird was furchtbares! Dieser letzte Akt!!!" Wagner fürchtete, dass die Oper verboten würde, falls ihre Wirkung nicht durch dürftige Aufführungen abgeschwächt würde. "Nur mittelmässige Aufführungen können mich retten!", schrieb er, "vollständig gute müssen die Leute verrückt machen."

Wagner war offenbar nicht der einzige, der seiner Musik eine krankmachende Wirkung unterstellte. 1872 begann eine ernsthafte medizinische Diskussion über die Gefahren Wagnerscher Musik mit Theodor Puschmanns "Richard Wagner - eine psychiatrische Studie". Puschmann, Arzt und Medizinhistoriker, war dem Komponisten nie begegnet, kannte aber die Skandale. Etwa die Affäre mit Cosima, der Frau seines Kollegen Hans von Bülow.

Puschmann beschrieb, was er als die Symptome Wagners psychischer Krankheit betrachtete. Er verband die sexuellen und moralischen Entgleitungen in Wagners Leben, die "Verkehrtheit der Neigungen, Perversität der Begierden und Wünsche (…) in dem vollständigen Mangel der sittlichen und socialen Gefühle", mit der Wirkung seiner Musik. Den Kompositionen Wagners schrieb er eine "hirnerschütternde Instrumentation und die schauerlichsten Dissonanzen" zu. Er meinte, dass ein Hörer für diese Klänge "Gehörnerven, so dick wie die Schiffstaue" brauche - und stieß mit seinen Theorien auf offene Ohren.

Wagner? Der krankhafteste von allen

Puschmanns Buch wurde zur wichtigsten Quelle für medizinische Diagnosen wie Max Nordaus "Entartung". In diesem Werk behauptet der Arzt, dass praktisch alle wichtigen Künstler und Intellektuellen des späten 19. Jahrhunderts "entartet" waren, also unter vererbten körperlichen und moralischen Schwächen litten. Wagner aber, so Nordau, sei der krankhafteste von allen gewesen. "Der eine Richard Wagner", ereiferte sich der Mediziner, "ist allein mit einer größeren Menge Degeneration vollgeladen als alle anderen, die wir bisher kennengelernt haben."

Auch der lange überzeugte Wagnerianer Nietzsche griff auf Puschmanns Werk zurück, als er in seiner Schrift "Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem" fragte: "Ist Wagner überhaupt ein Mensch? Ist er nicht eher eine Krankheit?"

Die Vorstellung, dass Wagners Musik Krankheiten auslösen konnte, ist tatsächlich überraschend oft in der Psychiatrie des 19. Jahrhundert zu finden. Der holländische Seelenarzt Jacob van Deventer zum Beispiel bemerkte, dass eine große Zahl seiner geistig gestörten Patienten "leidenschaftliche Liebhaber von Wagnerscher Musik" waren. Der Psychiater und Sexologe Richard von Krafft-Ebing schrieb ebenfalls, dass "durch Überanstrengung der Gehörnerven […] Nervosität und Nervenkrankheit erzeugt werden" könne. Das sei, so meinte er, besonders bei Wagners Musik der Fall: "Es ist doch für jeden ein großer Unterschied, ob er (der Kranke - d. Red.) eine alte classische Oper oder eine moderne, namentlich Wagnersche Oper angehört hat."

Disharmonie, Übermüdung, Hysterie

Die krankhafte Wirkung der Wagnerschen Musik wurde oft mit Sexualität verknüpft. Die skandalösen Handlungen mancher seiner Opern (Ehebruch in "Tristan", Inzest in "Walküre"), die erotische Stimmung seiner Musik und sein kompliziertes Privatleben wurden häufig als Belege herangezogen. Sein Ruf als Frauenheld ging soweit, dass 1919 ein Buch mit dem Titel "Wagner und die Frauen: Eine erotische Biographie" erschien. Die Erotik der Musik selbst stand aber im Zentrum der medizinischen Kritik. Der Philosoph und Gestaltpsychologe Christian von Ehrenfels etwa schrieb, dass er die genauen Takte in der "Tristan"-Partitur zeigen könne, in denen der Orgasmus stattfinde.

Diese musikalische Erotik galt als besonders gefährlich für die vermeintlich schwächeren Nerven von Frauen. Das 19. Jahrhundert diskutierte intensiv über die gesundheitlichen Risiken des weiblichen Musizierens. Der amerikanische Arzt Frank Parsons Norbury meinte, dass die Wagnersche "Disharmonie" zur "Übermüdung" und Hysterie führen könnte, die er mit "Störungen des Organs ihres Geschlechtes" und "ungehöriger sexueller Eregung" assoziierte.

Der Frage, welche medizinischen Folgen die erotischen Aspekte in Wagners Musik zeigten, wurde auch mit Hypnose nachgegangen. Der amerikanische Psychologe Aldred Warthin veröffentlichte 1894 einen Artikel über seine Experimente mit hypnotisierten Wagnerianern. Er bedauerte darin zwar, dass die spontanen Orgasmen unter Zuhörern, von denen seine Kollegen berichtet hatten, in seinem Labor nicht reproduziert werden konnten. Trotzdem meinte er, dass die erotische Wagner-Trance mit erheblicher medizinischer Gefahr verbunden sei.

Doch Symptome wie sexuelle Hysterie und Orgasmen waren nicht die einzigen Bedrohungen, denen sich Wagner-Hörer aussetzten. Homosexualität galt damals noch als Leiden - und die Musik des Komponisten als möglicher Auslöser.

"Wie gleicht er dem Weibe!"

Die Assoziation von Richard Wagner mit Homosexualität ist mit dem Bilde des Komponisten als Macho kaum vereinbar, das seit den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Aber Bücher wie "Richard Wagner und die Homosexualität", das Hanns Fuchs 1902 veröffentlichte, behaupteten eine enge Verwandtschaft. Krafft-Ebing etwa waren mehrere Homosexuelle begegnet, die ihr "Leiden" mit ihrer Neigung mit dem Werk Richard Wagners verbunden hatten. 1907 veröffentlichte der amerikanische Schriftsteller Xavier Mayne "The Intersexes". Ein Buch, das einen Fragebogen enthielt, mit dessen Hilfe Leser herausfinden konnten, ob sie ein "Urning" (also ein Homosexueller) waren. Neben offensichtlichen Fragen wie "Fühlen Sie sich wohl in Frauenkleidung?", steht die Frage, "Hören Sie besonders gerne die Musik von Richard Wagner?"

Und litt Wagner nicht möglicherweise selbst unter dieser "Krankheit"? Zur Untermauerung von Wagners Ruf als Homosexueller wurde eine Korrespondenz herangezogen, in der von Unmengen von Samt und Seide die Rede war, die er bestellt hatte. Es handelte sich dabei um Briefe an seine Geliebte Bertha Goldwag, die in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts in die Hände des Wiener Journalisten Daniel Spitzer gelangt waren. Spitzer brachte die Frage der Verweichlichung direkt mit dem Hinweis auf ein Motto aus der "Walküre" in Verbindung: "Wie gleicht er dem Weibe!"

Zudem schrieb der französische Schriftsteller Catulle Mendes, der Wagner persönlich kannte, 1880 ein äußerst merkwürdiges Buch. Der Roman mit dem Titel "Le Roi Vierge" (zu Deutsch "Der jungfräuliche König") erzählt von einer homoerotischen Beziehung zwischen einem Komponisten namens Hans Hammer (offensichtlich auf Wagner basierend) und seinem Gönner Friedrich II von Thüringen (Ludwig von Bayern), der sich kastrierte, sein Märchenschloß niederbrannte und schließlich bei den Oberammergauer Passionsspielen kreuzigen ließ.

Aber während in Mendes' Roman die Menschen nur in der Phantasie des Autors zu Schaden kamen, hielt sich jahrzehntelang eine Legende, dass ein Mann tatsächlich Wagners Komposition zum Opfer gefallen ist: Ludwig Schnorr von Carolsfeld. Er war der erste Sänger, der die Rolle des Tristan übernommen hatte und starb der Überlieferung nach mit 29 in einem Wagner-Delirium. Seine letzte Worte waren "Leb wohl, Siegfried! Tröstet meinen Richard!"

Heute geht man davon aus, dass der Heldentenor an Typhus oder Meningitis gestorben ist - die Theorie, dass Wagners Musik krank macht, ist offenbar dennoch immer wieder en vogue.

Zum Autor:

Dr. James Kennaway ist Medizinistoriker an der Universität Oxford. Sein Buch "Bad Vibrations: The History of the Idea of Music as a Cause of Disease" ist 2012 bei Ashgate erschienen.

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insgesamt 13 Beiträge
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1.
Catherine Pappas 23.05.2013
in hundert Jahren wird ein Artikel erscheinen, der die Aengste der heute lebenden Meschen dem Internet gegenueber beschreibt. Es wird stehen, wir befuerchteten die Verrohung und entkulturisierung der Gesellschaft. Die zukuenfitgen Leser werden darueber so lachen wie wir heute ueber die 'Gefahren' der Musik Wagners
2.
peter bembel 23.05.2013
Aha. Da klaubt man ein paar Zitate aus den letzten 150 Jahren zusammen, wo irgendjemand gesagt hat, dass die Musik von Wagner "hysterisch" oder "verrückt" mache, man garniert das ganze mit ein paar altbekannten Geschichten aus Wagners Liebesleben, und fertig ist der Artikel unter der Überschrift "Gesundheitsrisiko Wagner".
3.
Helge Pfeiffer 23.05.2013
Na aber, .... "Nietzsche .... "Parsifal", eine von Hitlers Lieblingsopern, kanzelte er als ein "Werk der Tücke, der Rachsucht, der heimlichen Giftmischerei gegen die Voraussetzungen des Lebens" ab." Nitzsche kritisierte an Wagner im Allgemeinen dessen zunehmende Religiosität, im Speziellen die ?Mitleidsethik des Christentums? die vor allem im Parsifal zum Ausdruck kommt. Die Musik fand er aber trotz alledem großartig. Und warum muss man in diesem Zusammenhang mal wieder den Hitler erwähnen, was hat Hitler mit der Wagnerischen Mitleidsethik zu tun? NICHTS, alle diesbezügliche eingebauten Bezüge zum dritten Reich sind historisch unwahr und auch Wagner gegenüber unfair. Für Cosimas Beziehungen zu Hitler kann er nichts, und keiner kann wissen, ob er nicht auch 1933 emigriert/geflohen wäre. Dies hat er ja 1848 nach der misslungenen Revolution auch schon einmal tun müssen.
4.
Thomas Fahr 23.05.2013
Was für eine Absurdität, die Reaktionen auf die in dem Artikel zitierte abartige Tannhäuser-Inszenierung von Kosminksi als Beleg für die Behauptung heranzuziehen, daß die Musik Wagners die menschliche Gesundheit schädigt! Die Leute sind ja nicht wegen der Musik in die Notaufnahme eingeliefert worden, sondern wegen des grotesken und perversen Schauspiels, das auf der Bühne aufgeführt worden ist und das 130 Jahre nach Wagners Tod inszeniert wurde. Korrekterweise sollte also geschrieben werden, daß das Werk von KOSMINSKI krank macht. Und diese immer wieder (so auch hier) gemachten Vorhaltungen, daß Hitler die Werke Wagners geliebt habe! Was soll denn nur damit belegt oder begründet werden? Schließlich war Wagner bereits sechs Jahre tot, als Hitler geboren wurde! Soll die Schuld, die Hitler auf sich geladen hat, nicht nur auf alle nachfolgenden deutschen Generationen übertragen werden, sondern sogar rückwirkend auf Tote??
5.
Karl Unold 23.05.2013
Sie feiern ihn -200 Jahre- sie lieben ihn, sie wollen ihn, sie brauchen ihn - das zeigt ihr wahres Gesicht, die Fans der Villa Wahnfried - ja, dem germanischen Größenwahn hat er gedient, dem Führer einzig als Vorbild. Seine Figuren -des nordischen Typus- waren willkommen, der Herrenrasse. Was kümmert uns sein Antisemitismus? Künstler spinnen, alle, das weiss doch jedes Kind. Wahn und Genie, ach so dicht beieinander. Wie schön, wenn man seine Karte hat, für den Hügel in BT. Feldherrnhügel? Iwo! Eliten-kontinuität hat einfach was Bleibendes. Nicht wahr?
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