25 Jahre "E.T." Das subversive Alien

25 Jahre "E.T.": Das subversive Alien Fotos
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Er hat einen US-Präsidenten betört, eine Generation geprägt und die deutsche Öffentlichkeit verändert: Vor 25 Jahren kam Steven Spielbergs "E.T." in die Kinos. Der Film war so subversiv, dass die Jubiläumsversion 20 Jahre später entschärft wurde. Erinnern Sie sich an den "E.T."-Hype? Von Christian Stöcker

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Walter hat geweint. Er war zwei Jahre älter als ich, deutlich cooler natürlich und erwachsener, aber da saß er nun neben mir, im dunklen Kino, erste Reihe ganz links außen, und die Tränen liefen ihm übers Gesicht. Ich war erschüttert. Mindestens so erschüttert von Walters Tränen wie von der Tatsache, dass der kleine Elliott sich eben von seinem im Grunde sehr hässlichen, fast sprachlosen Freund mit der Echsenhaut hatte verabschieden müssen. Für immer, mussten wir annehmen.

"E.T." war der erste Film, den ich mir alleine im Kino ansehen durfte, kurz vor Weihnachten 1982. Das heißt, nicht alleine, sondern eben in Begleitung von Walter. Es war mir vollkommen egal, dass wir links unterhalb der Leinwand saßen und uns den ganzen Film mit nach schräg oben verdrehtem Kopf ansehen mussten. Ich wollte auch einen Außerirdischen, der Gegenstände fliegen lassen und Leute durch Gedankenübertragung betrunken oder verliebt machen kann. Und ich wollte auch ein BMX-Rad, so wie die, mit denen Elliott und seine Freunde immer über die staubigen Bodenwellen ihres Vorstadt-Neubaugebietes hüpften. Sogar der Polizei konnte man mit diesen BMX-Rädern davonfahren, und wenn man einen eigenen Außerirdischen dabeihatte, sogar fliegen. Das Bild vom Cross-Rad mit einem Jungen im Sattel und einem Häufchen Alien im Korb am Lenker, das als Silhouette am Vollmond vorbeifliegt, ist im kollektiven Gedächtnis meiner Generation so tief verankert wie die Bilder von der ersten Mondlandung im Gedächtnis der Generation davor.

Wer kann am besten nach Hause telefonieren?

In ganz Deutschland irritierten Jungs zwischen acht und 18 ihre Eltern plötzlich damit, dass sie von ihren Fahrrädern Schutzbleche und Gepäckträger abmontierten. Noppen-Reifen waren auf einmal Pflicht, die Vorzüge eines professionellen Lenkervorbaus ein interessantes Gesprächsthema. "E.T" machte einen Trendsport zur Mainstream-Besessenheit - das hat sonst nur noch "Zurück in die Zukunft" mit Michael J. Fox geschafft, der das Skateboard von aller Subkultur-Symbolik trennte und es auf die Weihnachtswunschlisten katapultierte.

"E.T." ließ uns aber nicht nur unsere Kinderräder frisieren. Es gab auf dem Schulhof über Wochen hinweg ausgetragene Wettbewerbe, wer am besten mit Kehlkopfstimme "nach Hause telefonieren" sagen konnte. Halloween tauchte erstmals im Bewusstsein deutscher Kinder auf - im Film wird E.T. als Gespenst verkleidet, um ihn aus dem Haus zu schmuggeln - heute ist der amerikanische Grusel-Feiertag längst zu einem popkulturellen Standard in Deutschland geworden. Und eine ganze Generation gewöhnte sich im Kindesalter daran, dass auch vollkommen künstliche Figuren ganz real sein können - so real, dass sie die Macht hatten, zu Tränen zu rühren.

Natürlich waren die künstlichen Geschöpfe aus George Lucas' "Star Wars"-Filmen fünf Jahre früher dran gewesen - zum Weinen aber hatten weder Chewbacca noch R2-D2 je jemanden gebracht. Und natürlich hatten Zeichentrick-Wesen von Disneys Schneewittchen bis zum freundlichen Drachen in "Elliott das Schmunzelmonster" diesen Trick schon viel früher drauf, aber die hatten ja auch den unbestreitbaren evolutionären Vorteil, nur aus Federstrichen und Farbe zu bestehen.

Ikone unter den Kunstfiguren

Künstliche Filmgestalten neben echten Schauspielern waren sonst immer Bösewichter: Monster, Riesenspinnen, Drachen, Gozilla und King Kong - der mit seinem tragischen Tod zwar schon in den dreißiger Jahren für Rührung sorgte, aber niemals so echt, so menschlich wurde wie der kleine Außerirdische mit dem Glühlämpchen im Zeigefinger.

25 Jahre nach seiner ersten Landung ist "E.T." zu einer unsterblichen Ikone geworden - genauso wie sein dunkler Bruder, Ridley Scotts "Alien" von 1979. Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt, künstliche Figuren völlig gleichberechtigt neben reale zu stellen und so mancher Kritiker war der Meinung, dass der vollständig computeranimierte Gollum aus Peter Jacksons "Herr der Ringe"-Filmen der einzige aus dem Ensemble gewesen sei, der einen Schauspiel-Oskar verdient gehabt hätte. Für jeden der drei "Herr der Ringe"-Filme bekam das Special-Effects-Team um Jim Rygiel folgerichtig einen Academy-Award - genauso wie 1983 Carlo Rambaldi, der die "E.T."-Puppe gebaut hatte. Sein Alien markierte gleichzeitig den Beginn einer Ära - der des Special-Effects-Helden - und auch ihr Ende: Schon elf Jahre später kamen die nächsten Echsenhaut-Stars, Spielbergs Saurier in "Jurassic Park", vollständig aus dem Computer. Anfang der Achtziger jedoch mussten noch Anzüge, animatronische Figuren und zahllose Modelle gebaut werden, um einen Außerirdischen glaubhaft zum Leben zu erwecken.

Sogar Lady Di soll im Kino geweint haben

Rambaldi, der auch an der Film-Werdung von H.R. Gigers "Alien" beteiligt war, war Spielbergs Geppetto, "E.T" sein Pinocchio: Eine Puppe, die menschlich wurde und ihren Vätern einen ungeahnten Kassenerfolg bescherte. Jahrelang galt "E.T" als lukrativster Film aller Zeiten, obwohl Spielberg selbst mit einem eher bescheidenen Einspiel-Ergebnis gerechnet hatte. Das runzlige Alien, von dem der Regisseur dachte, dass "nur eine Mutter es lieben könnte", wurde zum Liebling von Abermillionen. Prinzessin Diana soll geweint haben, als sie den Film sah, Ronald und Nancy Reagan sahen sich "E.T." im Weißen Haus an und waren tief gerührt.

Und das, obwohl der Film eigentlich ein äußerst subversives Stück Kino ist. Die Staatsgewalt, die schließlich Interesse für den außerirdischen Gast entwickelt, ist eine bedrohliche, unreglementierte Macht, lauter gesichtslose Männer, die das Haus von Elliotts Familie in ein Hochsicherheitslabor verwandeln und am Ende fast für den Tod des Jungen aus dem All verantwortlich sind. Als Elliott und seine Freunde mit Fahrrädern vor Polizei und Militär fliehen, treffen die Kinder auf eine Straßensperre, an der Polizisten mit Schrotflinten in den Händen warten - nur die Levitationsmagie des Außerirdischen rettet sie, so dass sie rechtzeitig das elterliche Raumschiff erreichen, dass E.T. zurück nach Hause bringen wird.

In der digital überarbeiteten Neuauflage zum 20. Jubiläum wurden die Gewehre der Polizisten durch Funkgeräte ersetzt. Die Botschaft, dass man dem Staat nicht trauen kann, dass er im Zweifelsfall auch bereit sein könnte, aus Angst vor dem Fremden Waffen auf Kinder zu richten, war im veränderten Amerika nach den Attentaten am 11. September 2001 aktueller denn je - aber wohl nicht mehr opportun.

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1.
Peter Brülls 10.10.2007
"In der digital überarbeiteten Neuauflage zum 20. Jubiläum wurden die Gewehre der Polizisten durch Funkgeräte ersetzt. Die Botschaft, dass man dem Staat nicht trauen kann, dass er im Zweifelsfall auch bereit sein könnte, aus Angst vor dem Fremden Waffen auf Kinder zu richten, war im veränderten Amerika nach den Attentaten am 11. September 2001 aktueller denn je - aber wohl nicht mehr opportun." Die Änderungen wurden vor dem 9. September angestoßen: http://forums.dvdfile.com/archive/index.php/t-9998.html
2.
nicolas stephani 05.12.2007
zu diesem thema hätte ich auch eine einlassung zu machen:für die einen war es spielbergs "et", für die anderen (wie mich) 5 jahre früher sein "close encounter..."sf! hier ist interessant, daß er bei "et" das entscheidende von "close encounter..." aufgegriffen hat, nämlich: der alien ist friedlich. außerdem sehen die wesen aus "close encounter..." dem "et" sehr ähnlich.
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