25 Jahre "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" Jo Gerner, für immer Fiesling

Deutschlands erste Daily Soap fand er "furchtbar" und "dilettantisch". Und doch gibt Schauspieler und Kabarettist Wolfgang Bahro den GZSZ-Fiesling Jo Gerner. Seit 6067 Folgen. Wie konnte das passieren?

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Der Ex von Elinor, Barbara, Nataly, Patrizia, Claudia, Elke, Katrin, Iris, Vera, Senta, Rebecca und Anna wurde zweimal fast erschossen. Man hat ihn auch dreimal erpresst, einmal entführt und fast kastriert, beinahe in der Badewanne ertränkt und viermal in den Ruin getrieben. Fast langweilig, dass ihn zudem ein Auto anfuhr und fast tötete.

Jo Gerner, der durchtriebene, weltmännische Anwalts-Fiesling, den Millionen aus "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" (GZSZ) lieben und hassen - er hat alles überlebt. Während um ihn herum Freund und Feind in Serie den Serientod starben, indem sie etwa der Strumpfhosenmörder holte, hat Jo Gerner wahnwitzige 6067 Folgen überstanden. Wenn Deutschlands erste Daily Soap am 11. Mai 2017 ihren 25. Geburtstag feiert, fehlen Gerner nur die ersten 184 Folgen.

Anruf bei Wolfgang Bahro, gerade erholt er sich vom Studio in Babelsberg maximal entfernt in Port Vila im Pazifikstaat Vanuatu. Dort kann man sich aber auch Jo Gerner gut vorstellen. Frage: Kommt man bei den unzähligen Serien-Affären, den gescheiterten Ehen (drei) und angedichteten Vaterschaften (fünf) nicht ziemlich durcheinander?

Knacken, kurze Pause, aus dem fernen Port Vila antwortet Bahro im charmanten Gerner-Ton: "Nein, das passiert mir nicht, weil die Verflossenen keine unmittelbare Bedeutung mehr für Jo Gerner haben. Ich kann mich also ganz auf meine aktuelle Affäre mit Elena konzentrieren." Sofort fügt er hinzu: "Also nicht ich, sondern Jo Gerner."

Volltreffer ins deutsche Herz

Jo Gerner und Wolfgang Bahro, das ist wie Horst Schimanski und Götz George: In der öffentlichen Wahrnehmung sind Schauspieler und Figur identisch. Im wahren Leben natürlich nicht. Bahro ärgert es, wenn er auf der Straße in Berlin als "Herr Gerner" angeredet wird. Darum trug er ab und zu ein T-Shirt, das ihm seine Frau schenkte: "Ich heiße nicht Jo Gerner!"

Diese unerbittliche Verfolgung durch die Rollenfigur konnte sich der Schauspieler vor 25 Jahren nicht vorstellen. Als GZSZ die Deutschen 1992 - wie im Titelsong versprochen - ins Herz traf, trat Bahro auf renommierten Kabarettbühnen wie den "Stachelschweinen" auf, etwa an der Seite von Wolfgang Gruner. Gerade hatte er für den ZDF-Mehrteiler "Durchreise" mit Simone Thomalla vor der Kamera gestanden. Dann kam Deutschlands erstes Daily Drama, von Kulturjournalisten schon im Vorfeld verrissen.

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GZSZ-Jubiläum: Bordellbesuche, Randale und Herzschmerz

"Natürlich habe auch ich mir die ersten Folgen angeschaut", erzählt Bahro, 56. "Ich fand sie ehrlich gesagt furchtbar. Viele der jungen Darsteller waren ganz offensichtlich Laien. Sie sahen sehr gut aus, konnten aber nicht spielen und keine drei Sätze geradeaus sagen. Die Dialoge waren hölzern und oft absolut dilettantisch vorgetragen."

So war er fast beleidigt, als seine Agentin Monate später fragte, ob er da mitspielen wolle: "Ich habe erst einmal Nein gesagt" - und ließ sich doch zum Casting überreden. Direkt danach hielt ihn der Produzent auf, um ihn einzustellen. "Er fragte: Welche Schuhgröße haben Sie?" Die Schuhe für Jo Gerner waren "offenbar schon eingekauft", so Bahro. "Das war am Freitag. Am Montag sollte es losgehen. Die Story war fertig, sie wollten unbedingt sofort mit der neuen Figur loslegen."

Den Spott gab's gratis

Bahro aber rang noch mit sich. "Guck dir doch mal diese Sendung an!", sagte er seiner Agentin. Die beruhigte ihn: "Probier es einfach aus. Du kannst ja nach zwei Wochen wieder aufhören." Plötzlicher Serientod. Bahro lacht, so unwirklich erscheint ihm das heute. Aus zwei Wochen wurde dann ein Vierteljahrhundert.

So erging es im Grunde der ganzen Serie. Man improvisierte, lernte schnell aus Fehlern, passte sich an - und das unter dem Trommelfeuer von Kritikern, die über "Dallas in Entenhausen" und "Gefühlskitsch in Fließbandproduktion" (SPIEGEL) schrieben.

Wolf Bauer
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Wolf Bauer

"Wir waren extrem viel Spott und Häme ausgesetzt", erinnert sich Wolf Bauer, damals 42, Produzent der Serie und frischer CEO des Babelsbergers Filmunternehmens Ufa. "Das war schrecklich für mich als noch junger Ufa-Chef und kaum zu ertragen." Andererseits erlebte er bei den jungen Darstellern "eine trotzige Aufbruchsstimmung ganz nach dem Motto: 'Wir werden es denen da draußen schon noch zeigen!'" In der Maske immer dabei: literweise Nagellack, Tausende Wattestäbchen und viele, viele Taschentücher.

Bis heute ist Bauer "stolz" auf die "gewaltige Pionierleistung". Doch am Anfang war die tägliche Ausstrahlung in Gefahr. "Ein Jahr lang waren die Marktanteile eher mau, und all die Kritiker fühlten sich schon bestätigt", so Bauer. "Zum Glück hat uns RTL da nicht den Stecker gezogen, sondern die Ruhe bewahrt. Fast undenkbar heute, da werden die Sender schneller nervös."

Kampfansage an ARD und ZDF

1992 war das werbefinanzierte Fernsehen noch jung. Privatsender gab es zwar schon seit 1984, aber erst Anfang der Neunziger hatten sie genug Geld und Mut für eigene Produktionen, statt nur Lizenzen einzukaufen. Somit war GZSZ mehr als der Versuch, ein neues Format zu etablieren - es war eine Kampfansage an die öffentlich-rechtlichen Sender.

Ein erfolgreiches Vorbild gab es auch: die australische Seifenoper "The Restless Years". Die Ufa "ersetzte nicht nur Kängurus durch Schäferhunde", sagt Bauer, sondern passte das Konzept auf die deutsche Lebenswirklichkeit an, mit einer Prise Ernsthaftigkeit: Zwischen Intrigen und Herzschmerz wurden auch heikle Themen wie Sterbehilfe, Mobbing, Bulimie oder Freitod angerissen.

Kabale und Triebe: Jo Gerner mit seiner Hassliebe Katrin
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Kabale und Triebe: Jo Gerner mit seiner Hassliebe Katrin

Der Durchbruch zur erfolgreichsten deutschen Vorabendserie gelang ab 1994, als GZSZ mehr als 20 Prozent Marktanteil bei den 14 bis 49-Jährigen einfuhr; 1998 waren es sogar 30 Prozent und sechs Millionen Zuschauer. Deutschland schmachtete und litt mit. Darstellerinnen wie Jeannette Biedermann oder Yvonne Catterfeld nutzen die Serie als Karrieresprungbrett. Schon bald zogen die Öffentlich-Rechtlichen mit ähnlichen Seifenopern nach.

Der größte Trumpf des neuen Formats: Alles ließ sich schnell ändern. Dazu gründete die Ufa als einziges Filmunternehmen eine eigene Marktforschungsabteilung. Beliebte Charaktere wurden gestärkt, unbeliebte flugs rausgeschrieben und "endeten in Explosionen in Restaurants oder bei Busunglücken", so Bauer.

Verrutschte Muttermale, seltsame Geburtstage

Jo Gerner stieg derweil zum Gesicht der Serie auf, an Hinterhältigkeit kaum zu übertreffen: Er erpresste seine Feinde, ruinierte sie seelisch aus Geldgier oder Eifersucht, schob ihnen Drogen unter, brachte sie ins Gefängnis. Manches fand selbst Bahro "persönlich zu heftig", etwa als Gerner seine Tochter entführen ließ und seiner Ex-Frau dann noch vorgaukelte, das Kind sei ermordet worden.

Sonst hat sich der Schauspieler ab 1992 gut mit seinem Leben für die Serie arrangiert. "Anfangs war das wie beim Laientheater: Wenn man die Tür zuschlug, wackelten die Wände." Jetzt aber sei alles "äußerst professionell", die meisten Darsteller kämen vom Theater oder von Schauspielschulen: "In 25 Jahren ist die Serie gewachsen. Aus dem unbeholfenen Säugling ist ein junger Erwachsener geworden." Und mit den Jahren wurde auch die Figur Gerner milder, gutmütiger, altersweise.

Wolfgang Bahros Zweifel verflogen bald, die Arbeit für eine tägliche Serie erinnerte ihn an seine Theaterauftritte. "Anders als bei Fernsehfilmen werden viele Szenen durchgespielt und von drei Kameras eingefangen", sagt er. "Man muss sehr schnell, präzise, auf den Punkt sein." Schließlich müssen täglich 25 Minuten sendefähiges Material gedreht werden.

Bei dem Tempo schlichen sich bald Logikfehler ein: Gerners uneheliche Tochter Vanessa identifizierte ihren leiblichen Vater anhand eines Muttermals auf der Schulter - später sei "das selbe Muttermal" auf Gerners Brust gewesen, als Dominik seinen wahren Vater daran erkannte. "Ist eben ein wenig verrutscht", sagt Bahro lachend. Und: Feierte Gerner in Folge 1135 an Heiligabend Geburtstag, verschob sich der Termin Jahre später in den Februar.

Explosion bei Sonnenuntergang

Wann also hat Gerner Geburtstag? Bahro weiß es nicht und verweist auf die Produzenten. Frage an Wolf Bauer: Lachen, ratloses Schweigen - er werde der Sache nachgehen. Bei so vielen wechselnden Autorenteams sei es eben "manchmal schwierig nachzuvollziehen, was GZSZ alles gemacht hat", sagt Bauer. Es ist der Preis des Erfolgs, der Langlebigkeit.

Noch ist viel Raum, um weitere Gerner-Geburtstage einzubauen: Vergangenes Jahr hat Wolfgang Bahro seinen Vertrag bis 2021 verlängert. Sein Serientod ist abgewendet, brenzlig könnte es für Gerner trotzdem werden.

Ein Szenario hat Bahro einmal augenzwinkernd geschildert: Gerner fährt mit seiner Jacht in die untergehende Sonne. Plötzlich explodiert das Boot. Ein Mordanschlag. Jetzt es vorbei.

Doch dann taucht da dieses Periskop im Meer auf, und der Zuschauer ahnt: Wieder hat sich der Teufelskerl gerettet. Diesmal eben im U-Boot.

insgesamt 3 Beiträge
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Roman Heinrich, 11.05.2017
1. Aber...
Es gab auch in der Frühzeit von GZSZ zwei falsche Ärzten, die sich mit feinsinnigem Humor spürbar von den sonstigen hölzernen Dialogen vor gelben Pappwänden abhoben. Mit deren Weggang verlor die Serie für mich jegliche Berechtigung. Einen ähnlichen Humor gab es etwa zeitgleich in der sonst auch eher drögen Lindenstraße, hier waren die genialen Charaktere ("Amelie von der Marwitz") aus Altersgründen der hochfähigen Darsteller ausgeschieden und übrig blieb Mutter Beimers moralischer Zeigefinger, diesmal vor graubraunen Pappwänden...
Henry Jones, 11.05.2017
2. egal wie gern dich jemand hat - Jo hat dich Gerner...
herrlich wenn man nach einem 12-Stunden-Tag reinzappt und nicht groß nachdenken muss. Sicherlich ist immer noch vieles Quatsch und manchmal auch lächerlich - so ist die Welt ja auch - aber Wolfgang ist Kult und tatsächlich ein der beste in der ganzen Gang! ...bleib dabei!!
Andreas Braemer, 11.05.2017
3. früher unterirdisch - heute solide
genau wie es Herr Gerner :-) beschreibt. Früher unterirdisch schrecklich und seit ca. 10 Jahren richtig solide und gut. Die Lindenstraße geht den umgekehrten Weg.... die jetzige Truppe ist lange dabei und haben die Charaktere langsam entwickelt...
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