25 Jahre Hitler-Tagebücher Das GröWaZ


Der "Führer" hatte Verdauungsprobleme, hasste Himmler und schrieb Opern. Vor 25 Jahren gebar der "Stern" einen Adolf Hitler, wie man ihn nicht kannte. Ein journalistisches Fiasko. Danach musste die Geschichte der Zeitschrift neu geschrieben werden. Von Dominik Baur

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Was Adolf Hitler am Abend des 27. Februar 1933 dem in schwarzes Kunstleder gebundenen Büchlein anvertraut, ist knapp und prägnant: "Montag - Regen - den ganzen Tag zu Hause geblieben. Abends Reichstagsbrand..." Die Welt, wie sie der "Führer" sieht? Auch wenn dieser Tagebucheintrag nur der Text einer Karikatur ist, so gibt er doch trefflich die Banalität der angeblichen Tagebücher Hitlers wieder, die der "Stern" der Welt präsentiert hat. Karikaturen wie diese erscheinen im Mai 1983 en masse, nachdem klar ist: Der größte Scoop des Jahrhunderts ist in Wirklichkeit die größte Ente des Jahrhunderts - oder, wie der "Stern" später selbst schreiben wird: das "GröWaZ (größtes Windei aller Zeiten) über den GröFaZ (größter Feldherr aller Zeiten)".

"Nach der Auswertung der Tagebücher (...) muss die Biografie des Diktators und die Geschichte des Dritten Reiches in großen Teilen neu geschrieben werden", hat die Zeitschrift kurz zuvor, in ihrer Ausgabe vom 25. April 1983, noch großspurig verkündet. Neu geschrieben sind jedoch lediglich die 60 Kladden, in denen sich der "Führer" angeblich verewigt hatte und die sich Gruner + Jahr 9,34 Millionen Mark hat kosten lassen.

Was war passiert? Wie konnte es zu einer solchen journalistischen Katastrophe kommen? Wie konnten bei einem großen, renommierten Magazin wie dem "Stern" alle Kontrollmechanismen versagen?

"VORRANG: Hitlertagebücher eine Fälschung - Die im Besitz des Hamburger Magazins 'Stern' befindlichen angeblichen Tagebücher Adolf Hitlers sind nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes gefälscht." Es ist der 6. Mai 1983, 13:27 Uhr, als AP diese Meldung verbreitet. Wenig später klingelt bei Michael Seufert, dem Leiter des "Stern"-Ressorts "Deutschland Aktuell", das Telefon. Am anderen Ende: Herausgeber Henri Nannen. "Er hat mich in den Vorstand in den neunten Stock gerufen und mich damit beauftragt, die Geschichte journalistisch zu recherchieren", erzählt Seufert im Gespräch mit einestages. "Und das habe ich mit Hilfe zahlreicher Kollegen getan."

Der General, der Gepäckträger ist

Das Ergebnis ist erschütternd: Nicht nur haben sich die an der Tagebuchstory beteiligten Akteure über Jahre hinweg von dem Fälscher Konrad Kujau an der Nase herumführen lassen; die Schnelligkeit, mit der nun der ganze Schwindel aufgedeckt wird, zeigt auch, dass die "Stern"-Leute nur allzu bereitwillig glaubten, was sie glauben wollten. Innerhalb weniger Stunden hat man herausgefunden, dass der "Stern"-Kontaktmann Konrad Fischer aus Stuttgart, der die Tagebücher über seinen Bruder, einen NVA-General namens Heinz Fischer bezogen haben will, in Wirklichkeit Konrad Kujau heißt. Dessen Bruder Heinz gibt es zwar, aber er entpuppt sich als Gepäckträger bei der DDR-Reichsbahn. Die Geschichte hinter der Geschichte ist eine Posse, die ihresgleichen sucht. Und als solche wird sie ein knappes Jahrzehnt später auch von Regisseur Helmut Dietl verfilmt: "Schtonk".

Das Personal der realexistierenden Tragikomödie ist ohne jeden Zweifel schtonkreif. In den Hauptrollen spielen:

- Gerd Heidemann , "Stern"-Reporter mit Nazi-Tick,

- Thomas Walde , sein Ressortleiter und der ungute Geist an seiner Seite,

- Manfred Fischer , ein Verlagschef, der dem Faszinosum Hitler erliegt,

- und natürlich Konrad Kujau , der falsche Hitler.

In weiteren Rollen wirken mit: Fischers Nachfolger Gerd Schulte-Hillen , die Chefredakteure Peter Koch und Felix Schmidt , der stellvertretende Verlagsleiter Wilfried Sorge und als tragische Gestalt: Henri Nannen . Es ist eine echte Männergeschichte.

Die Lügengeschichte, die der "Stern" seinen Lesern am 25. April mit einer um 400.000 Exemplare höheren Auflage als üblich (1,8 Millionen) auftischt, ist, kurz gefasst, diese: Entgegen der gängigen Auffassung, Adolf Hitler habe kaum Schriftliches hinterlassen, habe er in Wirklichkeit Tagebuch geschrieben. Und das nicht nur hin und wieder: 60 Kladden soll der Diktator in 13 Jahren vollgekritzelt haben.

An seinem Geburtstag, dem 20. April 1945, so die "Stern"-Story, habe Hitler seinem Diener Wilhelm Arndt die Tagebücher übergeben mit dem Auftrag, sie in Sicherheit zu bringen. Im Schutz der Nacht habe Arndt mit den Büchern Berlin an Bord einer Maschine der Führerflugstaffel verlassen. Hitlers Chefpilot erinnere sich noch gut daran, wie erregt der Diktator gewesen sei, als man ihm erzählte, dass just diese Maschine spurlos verschwunden sei. Heidemann recherchiert, dass die Maschine bei Börnersdorf abgestürzt ist, fährt mit seinem Ressortleiter Walde in die DDR und findet auf dem Friedhof von Börnersdorf tatsächlich das Grab eines gewissen Major Gundlfinger - des Mannes, der die Maschine geflogen hatte. Von Dorfbewohnern ist zu erfahren, an Bord seien damals etliche Metallkisten gewesen.

"Eva glaubt an einen Abortus"

Fast im Alleingang soll nun Jahrzehnte später Reporter Heidemann an den angeblichen Inhalt der Kisten, die geheimen Tagebücher, gekommen sein. Auf welchem Wege freilich, das verrät der "Stern" seinen Lesern in seiner um drei Tage vorgezogenen Sonderausgabe nicht. Kein Wunder: Wissen doch auch im Verlagshaus an der Außenalster damals nur zwei Menschen - halbwegs - bescheid, Heidemann und Walde. Den beiden war von der Verlagsleitung nicht nur leichtfertig das exklusive Verwertungsrecht zugesagt worden, sondern auch, dass Heidemann die Identität seines Lieferanten niemandem nennen müsse.

Aber wen interessiert schon die Quelle, wenn man den "Führer" höchstpersönlich im Blatt hat? Und dann auch noch mit Aussagen wie dieser: "Leide immer mehr an Schlaflosigkeit, die Verdauungsstörungen sind noch schlimmer geworden." Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 schreibt Hitler: "Ich kann heute nur sagen, diese Leute waren Stümper." Und dann malt er sogar noch eine Skizze, wie er selbst die Bombe plaziert hätte. Über seine Partnerin Eva Braun ist zu lesen: "Viel Leid hatte Eva durchzustehen. Wie mir die Ärzte ... mitteilten, war es nur eine Scheinschwangerschaft, Eva aber glaubt an einen Abortus." Und über Himmler heißt es: "Dieser hinterhältige Kleintierzüchter mit seinem Drang zur Macht, dieser undurchsichtige Buchhaltertyp wird mich auch kennenlernen." Fehlt eigentlich nur noch Blondie.

Anlass, an der Echtheit der Bücher zu zweifeln, hat es reichlich gegeben. Skeptisch hätten die Tagebuchjäger etwa werden können, als aus den ursprünglichen 27 Tagebüchern, die es aus dem Zeitraum 1932 bis 1945 geben sollte, immer mehr wurden, bis es zu guter Letzt 60 Stück waren. Gleichzeitig stieg der Preis pro Diarium stetig an. Und damit nicht genug: Kujau alias Fischer kündigte auch noch die handgeschriebenen Memoiren des "Führers" sowie dessen Bücher über die Frau, über Friedrich den Großen und über Ludwig II. an. Hitler erweist sich als ungeahnt aktiver Autor. Aber es geht noch absurder: Sogar eine Oper habe Hitler geschrieben - "Wieland, der Schmied". Auch sie versprach Kujau zu beschaffen.

Heidemann hätte auch stutzig werden müssen, als er dem ehemaligen SS-General Wilhelm Mohnke, einem seiner dubiosen Freunde, eine Passage aus dem März 1933 vorliest. Darin schreibt Hitler von seiner Leibstandarte in Lichterfelde. Mohnke ist sich jedoch sicher, dass die Einheit damals noch nicht so hieß und auch nicht in Lichterfelde stationiert war. Aber egal.

Grafologische Gutachten werden zwar eingeholt, doch legen die "Stern"-Leute den Experten als Vergleichsmaterial vor allem andere Kujau-Fälschungen vor. Es nimmt kaum Wunder, dass diese zu dem Ergebnis kommen, die Schriftproben stammten aus derselben Feder. Und dass auf dem am meisten fotografierten der 60 Tagebücher in Wirklichkeit nicht die Initialen "AH", sondern "FH" prangten, wurde den meisten erst durch eine "Bild"-Schlagzeile am 6. Mai 1983 bewusst. Darüber habe sich auch schon der "Führer" beschwert, wies Chefredakteur Schmidt Nachfragen in der Redaktionskonferenz barsch zurück.

Hitler schrieb auf Nachkriegspapier

Doch der Selbstbetrug hält zu diesem Zeitpunkt nur noch wenige Stunden. Den endgültigen Beweis bringt zunächst das Ergebnis einer chemischen Analyse des Bundeskriminalamts. Die hat in dem Papier der Tagebücher optische Aufheller entdeckt - die jedoch erst nach dem Krieg bei der Papierherstellung benutzt wurden.

In einem demütigen Editorial der nächsten "Stern"-Ausgabe entschuldigt sich Henri Nannen bei den Lesern und konstatiert: "Dem STERN ist eine Wunde geschlagen worden, die noch lange schmerzen wird." Die Tagebücher selbst verschwinden von der Bildfläche. Dem Vernehmen nach wandern sie in einen Tresor bei Gruner + Jahr, wo sie bis heute unter Verschluss bleiben. Heidemann und Kujau ihrerseits wandern ins Gefängnis. Im Prozess hatten sie noch beide versucht, sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben. Wo der Großteil der von Gruner + Jahr investierten Millionen abgeblieben ist, bleibt ein Rätsel.

Heidemann wird zu einer Haftstrafe von vier Jahren und acht Monaten verurteilt, seinem "Komplizen" brummen die Richter zwei Monate weniger auf. Aus der Haft entlassen, bleibt Heidemann von seinem großen Reinfall traumatisiert. Heute lebt er als Rentner in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Altona, die SPIEGEL-Reportern bei einem Besuch im Jahr 2002 wie ein einziges Archiv erscheint, und strickt vergeblich an seiner Opferlegende.

Der Redaktion des "Stern" sitzt der Schock noch lange in den Knochen. Eine journalistische Katastrophe ähnlichen Ausmaßes hält Seufert, der später stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift wird, heute nicht mehr für möglich. Doch falsche Dokumente, nie geführte Interviews, getürkte Filme gibt es auch nach dem "GröWaZ" in der deutschen Medienlandschaft. DER SPIEGEL etwa veröffentlicht 1988 ein Telegramm, das Kurt Waldheim in unmittelbare Nähe deutscher Kriegsverbrechen auf dem Balkan rückt. Die Depesche soll ein Historiker in jugoslawischen Archiven entdeckt haben. Doch das Telegramm entpuppt sich als Fälschung, und der Experte, so der damalige SPIEGEL-Chefredakteur Erich Böhme, "war bestenfalls der Kastellan eines Militärmuseums".

Nur einer versteht nach wie vor nicht, was die Welt an guten Fälschungen auszusetzen hat: Konrad Kujau. Nach drei Jahren wegen seines Kehlkopfkrebses vorzeitig aus der Haft entlassen, genießt er seine Popularität. In Stuttgart eröffnet er eine Galerie, in der er Fälschungen alter und neuer Meister verkauft. Und dem SPIEGEL verrät er: "Wenn die Geschichte Bayerns neu geschrieben werden muss, liefere ich die Tagebücher von Strauß dazu."

Doch dazu kommt es nicht mehr. Im Jahr 2000 erliegt Kujau seiner Krankheit. Und so wartet die bayerische Regierung bis heute vergeblich auf die Strauß'schen Eingebungen.

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1.
Gottfried Neuner 22.04.2008
Ich weiß ja nicht... aber ich sehe auf dem Sterncover kein FH statt eines AHs... Das A ist für mich definitiv ein A. Es hat eine Ähnlichkeit zu ein einem F aber das ist wohl eher die Frakturschrift.
2.
Norbert Ommler 22.04.2008
In dem Bericht vermisse ich die Benennung anerkannter Wissenschaftler mit Prof.- Dr.-Titel, die auf die gefälschten Tagebücher hereingefallen waren. Darf die deutsche Heilige Kuh "Wissenschaftsgläubigkeit" nicht geschlachtet werden?
3.
Eva Kröcher 14.10.2010
Wer sich mit Frakturschrift nicht auskennt, läßt sich eben täuschen. Ich habe damals ein F gesehen, und ich kann auch heute noch kein A daraus lesen. Das war Grund genug für mich, nicht die Begeisterung zu teilen und "abwarten" zu sagen. Die Lachnummer kam ja dann auch sehr schnell.
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