Kult-Serie "Lindenstraße" "Ich hatte nie Angst vor Trivialität!"

Schwule Küsse, schwangere Teenies, rechte Gewalt: Seit einem Vierteljahrhundert ist die "Lindenstraße" ein Spiegel der Bundesrepublik. Im Interview spricht Erfinder Hans W. Geißendörfer über Gebrauchsfernsehen, das Farbe bekennt - und zeigt seine 25 Lieblingsmomente aus den ersten 25 Jahren "Lindenstraße".

Erfinder der "Lindenstraße": Aus mehr als 1300 Folgen "Lindenstraße" hat Hans W. Geißendörfer - Erfinder, Chefautor und Produzent der Endlos-Serie - exklusiv für einestages seine 25 persönlichen Highlights ausgewählt und kommentiert. Zu den besten Szenen gehören für den 69-Jährigen nicht nur Skurrilitäten und Tabubrüche, sondern auch besonders rührende Ausschnitte sowie solche mit einem gesellschaftlich-politischen Anliegen.
dapd

Erfinder der "Lindenstraße": Aus mehr als 1300 Folgen "Lindenstraße" hat Hans W. Geißendörfer - Erfinder, Chefautor und Produzent der Endlos-Serie - exklusiv für einestages seine 25 persönlichen Highlights ausgewählt und kommentiert. Zu den besten Szenen gehören für den 69-Jährigen nicht nur Skurrilitäten und Tabubrüche, sondern auch besonders rührende Ausschnitte sowie solche mit einem gesellschaftlich-politischen Anliegen.


einestages: Herr Geißendörfer, eine Sache müssen Sie uns vor allem Anderen verraten: Warum begibt sich ein Mann wie Sie, der den "Zauberberg" verfilmt hat, freiwillig in die Niederungen einer Soap?

Geißendörfer: Ich hatte nie Angst vor Trivialität! Auch in meinen Kinofilmen habe ich Trivialität sehr genossen und genutzt. Die Lindenstraße habe ich aus der Erfahrung heraus gestartet, dass man im Fernsehen einfach mehr Zuschauer bekommt. Um eine möglichst große Masse zu erreichen, müssen Sie einfache Formen entwickeln, verständlich arbeiten. Sicher, das ist dann Gebrauchsfernsehen und hat mit Kunst nicht allzu viel zu tun. Aber wenn Sie Bach leidenschaftlich hören, müssen Sie deshalb doch noch lange nicht Rockmusik ablehnen - wie langweilig und engstirnig wäre das!

einestages: Anfangs kam die "Lindenstraße" überhaupt nicht gut an, nach der ersten Folge ätzten die Kritiker, es handele sich dabei um "Mietshausmief-Moritaten" und "Putzkübelschmierentheater". Wieso hat die Serie dennoch überlebt?

Geißendörfer: Zugegeben: Damals lag wirklich noch ziemlich viel Mief auf den Bildern - den wir aber Stück für Stück losgeworden sind. 90 Prozent der Kritik war damals allerdings ebenso boshaft wie unsachlich. Die Häme ging so weit, dass ich viele Schauspieler trösten musste, die mit Tränen in den Augen in der Maske saßen. Ich sagte ihnen: "Kinder, macht Euch nichts draus, in spätestens 20 Jahren werden wir Teil der Zeitgeschichte sein!" Das war großmäulig, aber es blieb mir nichts anderes übrig. Sonst wäre der Laden zusammengebrochen!

einestages: Aber der Fortbestand der "Lindenstraße" ist sicher nicht nur ihren Motivationskünsten zu verdanken.

Geißendörfer: Nein, natürlich nicht. Dass wir heute noch immer da sind, verdanken wir der Macht der Zuschauer. Und der Tatsache, dass die "Lindenstraße" eine Haltung hat, Farbe bekennt.

einestages: Angeblich kamen Sie Anfang der achtziger Jahre in London auf die Idee zur "Lindenstraße", weil Ihre Partnerin Sie zum Schauen der Familienserie "Coronation Street" verdonnerte. Ist das wahr?

Geißendörfer: Ja, das stimmt. Ich trampte damals nach London, um meine große Liebe zu besuchen - und statt euphorisch begrüßt zu werden, musste ich mich verstaubt und müde aufs Sofa setzen, um "Coronation Street" zu schauen. Ich fragte mich: Was kann wichtiger sein als ich? Ich war rasend eifersüchtig auf die Serie!

einestages: Und was faszinierte Sie dann so an der Serie, dass sie die Lindenstraße erdachten?

Geißendörfer: "Coronation Street" spielt in einem Pub und ist einerseits ungeheuer altmodisch. Andererseits war sie in ihrer Gleichzeitigkeit der Handlungsstränge hochmodern. Ich wollte eine Form entwickeln, wo die Echtzeit eins zu eins in Bilder übersetzt werden kann, wo wir eine Einheit von Zeit und Raum herstellen. Zudem reizte mich die damals revolutionäre Produktionstechnik, also Videodreh und Mehrkamera-System. Das waren Fabrikmethoden! Die Leute bei der ARD waren vor allem von dieser neuen Drehweise begeistert - auch, weil sie viel billiger war.

einestages: Andererseits hatten Sie immer wieder unter der öffentlich-rechtlichen Zensur zu leiden. Es heißt, Sie hätten vor Wut darüber gar mal eine Tür eingetreten. Welche Themen waren ihnen verboten?

Geißendörfer: In den ersten Jahren wurden wir durchaus gebremst. Ganz am Anfang etwa wollten wir zum Beispiel Neofaschismus thematisieren - das wurde uns untersagt. Wir haben uns damals geärgert, aber im Rückblick war die Entscheidung richtig. Wir hatten einfach noch nicht genug Erfahrung darin, so heikle Themen richtig zu erzählen, ohne Beifall von der falschen Seite zu kriegen. 1993 haben wir uns dann schließlich getraut …

einestages: … und Klausi Beimer am Lagerfeuer kurzzeitig zum Rechtsradikalen mutieren lassen. Gibt es noch andere Beispiele, bei denen die ARD dem Wagemut der Lindenstraßenmacher nicht folgen wollte?

Geißendörfer: Beim Thema Kinderselbstmord zum Beispiel. Das Drehbuch dafür war schon geschrieben: Eine Mutter kann ihr Kind nicht lieben und quält es. Das Kind wählt den Freitod, um die Mutter zu befreien - ein Muster, das in der Realität durchaus vorkommt, so traurig es ist. Die Redaktion flehte uns an, die Geschichte nicht zu senden - aus Angst vor Nachahmern. Es war richtig. Außerdem: Stellen Sie sich vor, wir hätten die wunderbare Lisa geopfert. Undenkbar!

einestages: Unter dem Deckmantel totaler Bürgerlichkeit betreibt die "Lindenstraße" eifrig Polit-Propaganda: Ist die Soap eigentlich so etwas wie ein linksliberales Trojanisches Pferd?

Geißendörfer: Die "Lindenstraße" ist ganz normales Unterhaltungsfernsehen und hatte nie den Anspruch, Politik zu verändern. Aber wir können die Menschen durchaus zum Nachdenken bringen, deshalb greifen wir politische Themen auf. Und der Achtundsechziger, der ich nun mal bin, hat natürlich die Sehnsucht, dass die gehört werden! Gegen die Nuklearpolitik von Frau Merkel etwa werden wir anspielen!

einestages: Wer gibt ganz konkret die sozialkritische Stoßrichtung der "Lindenstraße" vor?

Geißendörfer: Die Vorschläge kommen von den Drehbuchautoren, die Entscheidung liegt bei mir. Zweimal im Jahr treffen wir uns und legen in 14 Tagen konzentrierter Arbeit die Inhalte für 26 Folgen fest. Zudem machen die Schauspieler regelmäßig Eingaben und wünschen sich, in welche Richtung ihre persönliche Rolle gehen soll.

einestages: Haben sich Schauspieler schon gegen bestimmte Drehbücher gewehrt?

Geißendörfer: Das bleibt nicht aus - schließlich wissen sie nicht, wohin sich ihre Figur über Jahre hin entwickeln wird. Deshalb fragen wir die Schauspieler vor schwierigen Szenen um ihr Einverständnis. Die Filmfigur Amélie von der Marwitz etwa sollte in einer Folge als KZ-Aufseherin und Nazi-Größe entdeckt werden. Da weigerte sich Schauspielerin Anna Teluren mit der Begründung: "Da bin ich in der Straßenbahn nicht mehr sicher und werde überall bespuckt!"

einestages: Sind die Zuschauer zu blöd, um Realität von Fiktion zu unterscheiden?

Geißendörfer: Heute sind die Menschen aufgeklärter als noch vor zehn Jahren. Trotzdem ist es nicht immer einfach.

einestages: Einst schockte die "Lindenstraße" mit Themen wie Aids, schwuler Liebe und Vergewaltigung in der Ehe - heute sind solche Themen alltäglich. Gibt es überhaupt noch Tabus?

Geißendörfer: Jede Menge! Zum Beispiel die gesamte Rotlichtszene, die Zwangsprostitution. Oder die illegal eingewanderten Leute: Wie werden die behandelt? Gehen Sie mal nach Calais oder nach Folkestone und schauen Sie sich diese Lager an. Ich verrate Ihnen: Die Flüchtlingsproblematik wird eine große Rolle spielen in absehbarer Zeit.

einestages: Mit der Abwahl Helmut Kohls 1998 ging der "Lindenstraße" ihr Lieblingsfeindbild verloren. Wer taugt im neuen Jahrtausend noch als politisches Schreckgespenst?

Geißendörfer: Frau Merkel entwickelt sich immer mehr zu Herrn Kohl - und ich meine jetzt nicht ihre Leibesfülle!

einestages: Sie haben die Serie mal als "Lastwagen für bestimmte Messages" bezeichnet - wann gehen der "Lindenstraße" die Botschaften aus?

Geißendörfer: Die Botschaften würden mir dann ausgehen, wenn ich meine Mitmenschen nicht mehr lieben würde. Deswegen mache ich das ja - aus Liebe zu den Leuten.

einestages: Für welches Filmprojekt würden Sie die Lindenstraße hinschmeißen?

Geißendörfer: Für nichts auf der Welt! Selbst dann nicht, wenn Hollywood anrufen würde und mir 50 Millionen Dollar Budget bieten würde, unter der Bedingung, dass ich die "Lindenstraße" sein lasse.

Das Interview führte Katja Iken.



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