Pixar Studios Licht aus, Lampen an!

Scheitern als Erfolgsmodell: Heute verdienen die Pixar Studios mit Animationsfilmen wie "Cars" Millionen. Am Anfang standen vor allem Rückschläge. Überleben konnte die Firma nur dank der unverbrüchlichen Liebe ihrer Gründer zum Trickfilm - und der Finanzspritzen des Apple-Gurus Steve Jobs.

Disney/ Pixar

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Da saßen sie, Hunderte Computerexperten, einige von ihnen gehörten zu den bedeutendsten Pionieren ihrer Zeit. An diesem Sommertag im Jahr 1986 hatten sie sich auf einer Konferenz der Computergrafikbranche versammelt, und warteten darauf, dass ein Film anfing.

Computergrafik, das waren für den Otto-Normalverbraucher Mitte der Achtziger klotzig-bunte Automatenspiele wie "Pac-Man", "Donkey Kong" oder die Games auf dem C64 - ein eher abstraktes Vergnügen. Auf diesem Gipfeltreffen der Grafikbranche hingegen sah man Bilder, von denen der durchschnittliche Computernutzer nicht einmal zu träumen wagte: rotierende 3D-Objekte, die durch futuristische Landschaften flogen. Hochauflösende Logos mit Oberflächen, die in digitalen Lichtkegeln aufblitzten und ihre Umgebung reflektierten wie Chrom.

Doch erst der letzte der dort vorgestellten Filme sollte die Welt der Computeranimation für immer verändern. Der Regisseur war sich seiner Sache allerdings nicht so sicher. Sein Werk trumpfte nicht mit schillernden Effekten auf. Das Set war sogar karg: eine Tischplatte vor schwarzem Hintergrund. Auch die technischen Finessen drängten sich nicht gerade auf: Der Blickwinkel auf das Geschehen blieb den ganzen Film über starr, Schnitte gab es keine.

Trotzdem federte die Menge noch vor dem Abspann des eineinhalbminütigen Kurzfilms aus ihren Sitzen. Bedeutende Wissenschaftler und millionenschwere Manager von Computerfirmen applaudierten und johlten vor Begeisterung wie Kinder. Der Grund: Sie hatten zwei Schreibtischlampen gesehen. Genau gesagt: eine Luxo-L1 Arbeitsplatzleuchte - und ihr "Kind".

Zwei Lampen für ein Halleluja

"Luxo Jr.", so hieß der Film über die beiden Lampen, hatte etwas, das alle anderen Filme auf der Präsentation ausstach: eine Handlung und zwei Akteure, die das Publikum berührten. Der Regisseur hatte die beiden Leuchten zum Schauspielern gebracht. Das Paar zeigte fast menschliche Züge, ohne dass ihnen der Künstler Augen und einen Mund aufgemalt hatte. Sie rollten sich einen Ball zu, schubsten ihn mit ihren Lampenschirmen an, waren erstaunt, aufgeregt, zeigten sogar Trauer und Fassungslosigkeit. All das war mit einem Computer animiert worden.

Nach der Vorführung näherte sich ein Wissenschaftler der Nasa dem Regisseur. Der machte sich schon bereit, eine komplizierte technische Frage beantworten zu müssen. Doch weit gefehlt: "War die große Lampe die Mutter oder der Vater?", diese Frage brannte dem Wissenschaftler auf der Seele. "Da wusste ich, dass wir es geschafft haben", erinnert sich John Lasseter später stolz. "Das erste Mal waren die Geschichte und die Charaktere wichtiger als die Computer-Technologie dahinter."

Lasseters "Luxo Jr." war der erste Film der Pixar Animation Studios. Später sollte die Firma mit computeranimierten Kinoproduktionen wie "Toy Story", "Cars" und "Findet Nemo" den Trickfilm revolutionieren. Doch 1986 war sie ein frischgegründetes Start-up, das sich gerade von George Lucas' Spezialeffektefirma Industrial Lights & Magic abgekoppelt hatte. Sein Geld verdiente das Studio mehr schlecht als recht mit der Entwicklung von Hochleistungsrechnern und Software.

Revolutionäre beim "Star Wars"-Regisseur

"Ed Catmull und ich gründeten die Firma und nahmen 38 weitere Leute mit, darunter auch John Lasseter", erinnert sich Pixar-Pionier Alvy Ray Smith an den Ausstieg bei Lucasfilm. Sechs Jahre hatten Smith und seine Kollegen zuvor für "Star Wars"-Erfinder George Lucas gearbeitet und Erstaunliches vollbracht.

Während draußen, in der normalen Welt, die Computer gerade die ersten Schritte als Arbeitswerkzeug oder Spieleplattform machten, entwickelten die Wissenschaftler bei Lucasarts unter der Leitung von Ed Catmull technische Innovationen wie das erste digitale Filmschneideprogramm, einen Drucker, der die im Computer bearbeiteten Szenen auf Film bannte - und einen leistungsstarken Grafikrechner namens Pixar Image Computer, der später zum Namenspaten der neuen Firma werden sollte.

Doch eigentlich hatten sie einen anderen Traum. Seit sich Catmull und Smith in den siebziger Jahren kennengelernt hatten, teilten sie die Idee von einem komplett computeranimierten Kinofilm. Doch damals waren die Rechner lange nicht so weit wie die beiden Visionäre. Zwar gab es schon die legendären Cray Supercomputer, doch ein Exemplar kostete rund zehn Millionen Dollar.

"Wir stellten eine Berechnung an. Selbst mit hundert Cray-Computern sollte es danach immer noch zwei Jahre dauern, einen ganzen Kinofilm zu rendern", wird Ed Catmull in dem Pixar-Buch "To Infinity and Beyond!" zitiert. Also beschlossen die beiden, kleine Schritte zu machen. 1984 produzierten sie den Kurzfilm "The Adventures of André and Wally B.", den ersten Computer-Kurzfilm mit animierten Charakteren. "Für dieses Projekt stellte ich John Lasseter als Animationskünstler ein", sagt Smith, der die Regie führte.

Wie Disney einen Visionär entließ

Dass ausgerechnet Lasseter für das Projekt angeheuert wurde, scheint heute wie ein Treppenwitz der Geschichte. Sein Glaube daran, dass der Computer die Trickfilmbranche revolutionieren würde, hatte ihn kurz zuvor seinen Traumjob als Zeichner bei Disney gekostet. Dort hatte er vorgeschlagen, computeranimierte Hintergründe einzusetzen, um damit rasante Kamerafahrten zu ermöglichen. Doch seine Vorgesetzten fragten nur: "Ist es billiger, die Filme mit dem Computer zu produzieren? Oder geht es schneller?" Als Lasseter beides verneinen musste, wurde er mitsamt seiner Idee vom Trickfilm der Zukunft auf die Straße gesetzt.

"John Lasseter einzustellen, war die beste Personalentscheidung meines Lebens", erinnert sich Alvy Ray Smith. Das Engagement des Trickfilmspezialisten war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum ersten Animationsfilm in Spielfilmlänge. George Lucas hingegen konnte sich für das Unterfangen kaum begeistern: "Ich sagte: großartig!", erklärt er in der TV-Dokumentation "The Pixar Story". "Aber um das durchzuziehen, bräuchte man 30 oder 40 Millionen Dollar, die wir nicht haben."

Lucas schlug einen Deal vor: Wenn die beiden einen Investor fänden, könnten sie sich selbständig machen. Ein Jahr lang suchten Smith und Catmull nach einem Geldgeber - dann fanden sie Steve Jobs. Der Apple-Gründer war kurz zuvor aus seinem eigenen Unternehmen gedrängt worden und investierte zehn Millionen Dollar in den Traum vom Animationsfilm aus dem Rechner. Es sollten nicht die letzten Millionen sein, die er in das Unternehmen pumpte.

Erfolgsstory mit Ladehemmung

Denn die ersten zehn Jahre von Pixar waren alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Eigentlich wollte man sich mit dem Vertrieb des Pixar Image Computers finanziell über Wasser halten, während man die Entwicklung des Animationsfilms vorantrieb. Doch der Hochleistungsrechner fand nicht einmal 300 Abnehmer. Die meisten Geräte wurden in den medizinischen Bereich verkauft, wo mit ihnen 3D-Modelle zu Studienzwecken erstellt wurden. Ein weiterer Abnehmer waren Geheimdienste auf der ganzen Welt, denen der Computer half, komplexe Satellitenbilder auszuwerten. "Die bezogen unsere Maschinen tatsächlich immer unter Decknamen wie Mr. Brown", erinnert sich Alvy Ray Smith belustigt.

Auch Catmulls und Smiths Software-Entwicklungen konnten anfangs die finanzielle Not nicht lindern. So wurde das "RenderMan" genannte Programm zur Berechnung dreidimensionaler Computergrafiken später zum Standard in der Filmindustrie und ermöglichte die Computereffekte in Filmklassikern wie "Jurassic Park", "Terminator 2" und "Herr der Ringe". Doch in den Pioniertagen konnten sich die beiden Unternehmer davon noch nichts kaufen.

Und so fristete die Trickfilmsparte, die eigentlich das Herz der Firma sein sollte, jahrelang ein Schattendasein im Unternehmen. Von den anfangs 40 Pixar-Angestellten arbeiteten nur vier am Trickfilmprojekt. Und die hatten nicht mal ein eigenes Büro. Die Schreibtische von Lasseter und seinen drei Kollegen standen in einem der hinteren Flure des Firmengebäudes. Sie alle teilten sich den einzigen Computer in ihrer Abteilung, der leistungsstark genug war, die Ideen in ihren Köpfen in bewegte Bilder umzusetzen.

Lasseter verbrachte meist seine Nächte am Rechner, zog frühmorgens eine Matratze unter dem Tisch hervor, um etwas zu schlafen, ließ sich bald darauf wieder von der Sekretärin Deirdre Warin wecken - und schuftete direkt weiter. "Zum Ende jedes Kurzfilms machte er das wochenlang", erinnert sie sich. Unter diesen extremen Arbeitsbedingungen entstanden von 1986 bis 1989 "Luxo Jr." und drei weitere Filme, mit denen Lasseter Pixars Standing als grandiose Trickfilmfirma begründete. Damit wurden sie zwar nicht reich, aber wenigstens berühmt: Schon "Luxo Jr." wurde 1986 für einen Oscar nominiert, 1989 erhielt Lasseter dann seinen ersten Academy Award für den Kurzfilm "Tin Toy".

Doch nicht nur die Firmengründer brauchten außergewöhnliches Durchhaltevermögen, auch die Geduld ihres Investors wurde auf eine harte Probe gestellt: Bis 1991 pumpte der Apple-Gründer im festen Glauben an den Traum vom abendfüllenden Computer-Animationsfilm mehr als 50 Millionen Dollar in das Unternehmen. Dann endlich geschah das Wunder: Disney bot Pixar eine Kooperation für einen Kinofilm an. Der schwerfällig gewordene Trickfilmgigant beugte sich herab zum visionären Miniunternehmen. Eine späte Genugtuung für Lasseter - und der Beginn der Produktion von "Toy Story".

Der vergessene Pixar-Gründer

Als klar war, dass der Traum der Firmengründer endlich in Erfüllung gehen würde, verließ Alvy Ray Smith die Firma und gründete ein neues Start-up. "Natürlich erst, als der 'Toy Story'-Deal in trockenen Tüchern war", sagt Smith, "und auch nach meinem Weggang telefonierten Ed und ich noch lange Zeit fast täglich, um über Details des Vertrags zu sprechen."

Merkwürdigerweise erinnert sich heute kaum noch jemand an den Firmengründer Alvy Ray Smith - sogar Pixar selbst scheint ihn zu ignorieren. Bei der diesjährigen Oscar-Verleihung erhielt "Toy Story 3"-Regisseur Lee Unkrich einen Oscar und bedankte sich brav bei "den drei Gründern von Pixar" - Lasseter, Catmull und Jobs. Und als Smith vor einigen Jahren auf die Firmenwebsite unter "History" guckte, traute er seinen Augen nicht: "Ich wurde dort nicht als Gründer genannt. Es wurde nur erwähnt, dass ich zusammen mit Ed und zwei anderen Pixar-Kollegen einen Oscar für technische Pionierarbeit gewonnen habe", ärgert sich Smith. Und selbst dieser Eintrag sei mittlerweile verschwunden.

"Es war verwirrend und ärgerlich, aber vielleicht nicht besonders überraschend. Steve Jobs und ich hatten kein besonders gutes Verhältnis", sagt Smith. Und macht ihn das auch sauer auf Lasseter und Catmull? "Nein, ich lebe heute in Berkeley, nur ein paar Blocks vom Pixar-Hauptquartier entfernt. Ich treffe die beiden immer noch regelmäßig." Nur Jobs und er hätten kein Interesse mehr daran, sich über den Weg zu laufen. "Vor einigen Jahren waren wir beide auf einer Party im Museum of Modern Art in New York. Mehrere Leute waren schwer damit beschäftigt, dass wir uns nicht über den Weg liefen."

Aber ist das miese Verhältnis zu Jobs wirklich der einzige Grund für Smiths Verschwinden aus den Pixar-Annalen? Der vergessene Pionier hat eine andere Erklärung - und die passt zu ihm und seinem Ex-Unternehmen, dass heute die wohl besten Storys im Trickfilmgeschäft erzählt: "Vielleicht ist es so einfach die bessere Geschichte - ein visionärer Investor, ein Computer-Pionier und ein Künstler hatten gemeinsam eine geniale Idee."



insgesamt 8 Beiträge
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Michael Seifert, 12.03.2011
1.
Nitpicking: Das Bild 12 stammt nicht aus Star Trek 2 sondern aus "Star Trek III: Auf der Suche nach Mr. Spock", als Genesis explodiert
Mera Kuse, 12.03.2011
2.
Leider ist in dem Artikel nur ganz kurz erwähnt, was den eigentlichen Durchbruch des Animationsfilms gebracht hat, die Animations-Software RenderMan. Das ist die Software, die nötig ist um digitale Welten erst einstehen zu lassen. Und diese Software wurde nicht in Amerika entwickelt, sondern von einer Berliner Firma namens Mental Images, die von einer Gruppe um Rolf Herken gegründet wurde und anfänglich ihren Sitz in einer Berliner Altbauwohnung hatte. In der Kaffeeküche wurden 1989 die ersten Parallelrechner der Firma Alliant - auch Mini-Cray genannt - zum Einsatz gebracht, RenderMan mit intelligeneten, parallel arbeitenden Algorithmen ständig verbessert und die ersten Spile-Filme - zum Teil animiert - entstanden in Zusammenarbeit mit - ich glaube - einem französischen Regisseur: Die Stadt der verlorenen Kinder, City of lost Children, zum Beispiel. Das sind echte Ereignisse gewesen, geniale Filme mit tiefgründigem Inhalt, die fast niemandem bewusst sind, ebensowenig, dass es die Berliner Truppe geschafft hat, RenderMan weltweit zur Standard-Software im Animationsgeschäft zu machen. Die Investoren und Computer sind halt die eine Seite, die Erfindung der passenden Software als Kerns der Geschichte, kommt in der Artikel als solcher leider gar nicht zur Sprache. Es ist halt leider oft so, dass sich die eigentlichen Federn immer die an den Hut stecken, die das Geld mitbringen. Die Leute mit den genialen technischen Entwicklungen werden nicht mal erwähnt. Der eigentliche Held im Render-Geschäft ist niemand anderer als Rolf Herken und seine - zur damaligen Zeit - Tag und Nacht arbeitende und entwickelnde Gruppe in Berlin. Erst die Anpassung der Algorithmen an parallele Rechnerstrukturen hat die Leistungsfähigkeit und Rechengeschwindigkeit der Software derart erhöht, dass es möglich wurde komplette Filme zu rendern. Auch diese Pionierarbeit, Parallelrechner für das rechenintensive Rendering zum EInsatz zu brigne hat die ganze Sache erst ins Laufen gebracht, und auch das haben die Berliner erfunden und als erste umgesetzt. Ich hoffe , dieser Beitrag dient der Wahrheitsfindung für wahre Zeitgeschichten.
W Jacob, 13.03.2011
3.
@Mera Kruse: 'Renderman' stammt von Pixar! Das Produkt von MentalImages heißt 'Mental Ray' und ist ein Konkurrenzprodukt von Renderman.
Mera Kuse, 21.03.2011
4.
@ W.Jacob: mein Fehler, das stimmt, die heute hauptsächlich verwendete Software ist Mental Ray und eben nicht RenderMan. Und Mental Ray ist von Mental Images entwickelt worden und zum Standard für Rendering-Software geworden und hat den Durchbruch des Computer Film gebracht. Renderman als das weniger gut entwickelte Produkt ist durch MentalRay ins Abseits gedrückt worden. Jedenfalls waren es die Berliner, die dem computeranimierten Film die perfektionierte Softwaretechnik gegeben haben. Um den Artikel bezüglich der relevanten Informationen zu diesem Thema abzurunden, sollte primär MentalRay erwähnt werden und nicht Renderman, der nur anfänglich eine Rolle spielte. Und erst die intensive Zusammenarbeit der Berliner Truppe um Mental Images mit den Gruppen in den USA haben den Durchbruch des Computer- animierten Films geschafft.
Peter Demuth, 19.05.2011
5.
@mer Kruse Also die Liste der mit RenderMan erstellten Filme ist ganz ordentlich: http://renderman.pixar.com/products/whats_renderman/movies.html Da kann man wohl nicht davorn reden, daß es nur "anfänglich" eine Rolle spielte.
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