Privatfernsehen Als Deutschland "Tutti Frutti" lieben lernte

25 Jahre Privatfernsehen: Als Deutschland "Tutti Frutti" lieben lernte Fotos
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Da ging die Fernseh-Wundertüte auf: 1984 startete Deutschlands erster Kabel-TV-Kanal - und trat die Revolution in der Glotze los. Statt klassischer Musik gab es schon sehr bald Krawall, Seelen-Striptease und knapp bekleidete Mädels. Von Sven Stillich

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Der Neujahrsmorgen des Jahres 1984 ist schmuddelig und grau. Ein guter Tag, um ihn auf dem Sofa zu verbringen, in eine Wolldecke gekuschelt, mit einer Tasse heiße Schokolade - ein Tag wie gemacht zum Fernsehgucken. Für Jürgen Doetz jedoch kommt das überhaupt nicht in Frage. Um 6 Uhr bereits hat er das Hotel Ramada in Ludwigshafen verlassen und sich seinen Weg gesucht durch die Stadt, die noch ihren Silvesterrausch ausschläft, hinüber zu einem Gelände, das auf ihn wirkt wie eine Mischung aus Schlacht- und Friedhof.

Jetzt ist es kurz vor halb elf, Jürgen Doetz drückt im Keller des Gebäudes einen Knopf - und verändert die Tage auf dem Sofa für immer: "Meine sehr verehrten Damen und Herren", sagt er, "in diesem Moment sind Sie Zeuge des Starts des ersten privaten Fernsehveranstalters in der Bundesrepublik Deutschland." Im Keller stehen auch Postminister Christian Schwarz-Schilling und Bernhard Vogel, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Und beide freuen sich. Endlich ist die "PKS" auf Sendung, die "Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk" hat ihren Betrieb aufgenommen. Das Münchner Bach-Orchester spielt die Feuerwerksmusik von Georg Friedrich Händel. Ein Jahr später wird sich "PKS" in Sat.1 umbenennen.

Die meisten Deutschen bekommen von diesem historischen Moment jedoch nichts mit. Denn lediglich rund 1200 Ludwigshafener sind an das Kabelpilotprojekt angeschlossen. 125 Deutsche Mark haben sie dafür bezahlt, dazu bis zu 500 Mark für das Umrüsten ihres Geräts, und ab heute kostet sie die Fernsehzukunft monatlich 13,50 Mark. Dafür sehen sie am ersten Tag unter anderem die Dokumentation "Abenteuer Wildnis", "Hänsel und Gretel" als Puppentrickfilm, ein wenig Nachrichten und am Abend einen Krimi mit Jean-Paul Belmondo. Im Kellerstudio wird derweilen mit Sekt angestoßen. Gegen Mittag erreicht PKS-Geschäftsführer Jürgen Doetz ein erster Zuschaueranruf: "Ich möchte später Belmondo sehen, aber ich finde ihren Kanal nicht", sagt eine Stimme - "welchen Knopf muss ich drücken?"

Ein Fernsehgerät im Kreißsaal

Es wird bald noch mehr zum Drücken geben. Denn an diesem 1. Januar 1984 beginnt die lang geplante Verkabelung der Bundesrepublik. Bereits 1976 waren die Kabelpilotprojekte von den Bundesländern beschlossen worden, seit vielen Jahren zahlen die Deutschen monatlich 20 Pfennig "Kabelgroschen", 1982 wurde der Vertrag über die Ludwigshafener "Anstalt für Kabelkommunikation" unterzeichnet.

Vor allem die CDU-regierten Länder hatten das private Fernsehen vorangetrieben, weil sie sich eine ihnen politisch zugeneigte Konkurrenz zu den Öffentlich-Rechtlichen erhofften. Die SPD war auch aus diesem Grund dagegen. Doch das ist nun "Geschichte": In Ludwigshafen, der Heimatstadt von Bundeskanzler Helmut Kohl, rotiert auf Hunderten Fernsehern eine Weltkugel, auf der "PKS" steht: das Logo des neuen Kanals.

Und bereits am zweiten Tag des Jahres 1984 startet ein weiterer Kabelkanal, einer aus dem Ausland, aus Luxemburg: "Radio Télé Lëtzebuerg plus", kurz "RTL plus". "Erfrischend anders", will dieses Angebot sein, jedenfalls bewirbt es sich so, und schon seine ersten Sendeminuten weisen in diese Richtung: Das Bild zeigt einen Kreißsaal, einige Krankenschwestern und einen Geburtshelfer, und dieser entbindet einen Fernapparat, auf dem das Logo des Kanals zu sehen ist. Darauf folgt eine bunte Geburtstagsparty und um 18.53 Uhr sendet "RTL plus" die ersten Nachrichten: "7 vor 7", eine "Newsshow" mit Hans Meiser und Björn-Hergen Schimpf. Und was für PKS Belmondo war, ist für RTL plus Alain Delon. Gesendet wird ab sofort wochentags von 17.30 Uhr bis 22.30 Uhr und am Wochenende bis Mitternacht. Danach ist damals bei RTL plus noch Sendeschluss.

Bunt und leicht oder dumm und seicht?

Nicht nur das hat sich geändert in den vergangenen 25 Jahren - die Kabel- und Satellitensender haben das Bild der Deutschen vom Fernsehen so stark geprägt, dass sich die Zielgruppe heutiger Privatsender kaum mehr vorstellen kann, wie das Programm aussah vor RTL, Sat.1 oder ProSieben. Als es nur ARD und ZDF gab, ein paar Dritte und, je nach Wohnort, noch ein paar Sender aus Österreich oder der DDR. Plötzlich war so viel Neues da: Neben den genannten startete damals in Ludwigshafen auch musicbox, der erste deutsche Musiksender, aus dem später Tele 5 und noch später das DSF werden sollte.

Plötzlich war alles so bunt und leicht (oder, je nach Standpunkt dumm und seicht), neue Kanäle setzen auf Blödsinn statt auf Bildungsauftrag, und selbst wenn "bei den Privaten" auch nur alte Filme und Serien laufen, die bereits ARD und ZDF im Programm hatten - dieses Fernsehen ist von Grund auf anders: viel lauter, viel aggressiver, und nicht zuletzt voll gestopft mit Werbung. Denn es will um jeden Preis Geld verdienen. Zwar hat der Gesetzgeber den Anteil der Werbung im Kabelprogramm auf 20 Prozent begrenzt und den Machern zudem verboten, laufende Sendungen mit Reklame zu unterbrechen - aber die nutzen ihre Freiräume: Die Ansagerinnen von Sat.1 machen "Werbedurchsagen", und selbst der Wetterbericht wird von einer Firma präsentiert.

So viel Kommerz und so viele Kanäle machen vielen auch Angst: Die großen Feuilletons warnen vor "Massenverdummung", selbst Postminister Schwarz-Schilling muss zugeben, dass "der Empfang der vielen Programme in den ersten Monaten wie eine Narkose wirken kann", und der SPIEGEL mokiert sich über die Qualität der Sendungen, in denen "das Jazz-Orchester des Otto-Hahn-Gymnasiums Lanau Swing spielt und ein Low-Budget-Moderator mit den Wurstfingern schnippt". Das evangelische "Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt" sieht die Bevölkerung gar in einer "Kabylonischen Gefangenschaft" an die "Tingeltangel-Attraktionen" gefesselt, "die von den Kommerziellen angeboten werden".

Nackte, Vermisste und Traumhochzeiten endlich im TV

Dabei lassen sich die Deutschen anfangs nur zögerlich verkabeln, die Zahl der Anschlüsse steigt nur langsam. Doch wer das Programm sehen kann, dem gefällt es: Nach einer Sat.1-Studie von 1985 finden mehr als die Hälfte der Kabelzuschauer das Angebot sogar besser als das von ARD und ZDF. Eine Zeitung ist von Anfang an völlig aus dem Häuschen: die "Bild". "Deutsche begeistert: Bei RTL macht Fernsehen Spaß", trommelt das Blatt 1984 und zitiert "Hotelier Gunter Marchand (49): Als Musikfan kam ich mit Michael Jackson und ZZ Top und Heino voll auf meine Kosten!"

Was folgt, ist Fernseh- und Kulturgeschichte: Hugo Egon Balder bringt mit "Tutti Frutti" Nacktes (und 3D-Brillen) in die Wohnzimmer, Erika Berger fordert "Eine Chance für die Liebe" und Linda de Mol feiert "Traumhochzeiten". Hans Meiser folgt dem "Notruf" im Reality-TV, Jörg Wontorra sucht nach Vermissten ("Bitte melde dich"). "RTL Samstag Nacht" löst die Comedy-Welle aus, das "Glücksrad" dreht sich, "ran" revolutioniert das Bild vom Fußball, "Big Brother" steckt die Kabylonier in Container, Harald Schmidt geht auf Sendung. Man muss man nur Namen nennen, dann flimmern Bilder durch den Kopf: Hella von Sinnen, Harry Wijnvoord, Arabella Kiesbauer. Ilona Christen, Jörg Draeger, Ulli Potofski. Stefan Raab, Oliver Geißen, Werner Schulze-Erdel. Leo Kirch.

Nicht alles, was über den Bildschirm gelaufen ist, war gut. Es gab "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Niemand aber kann bestreiten: Was im Januar 1984 in Ludwigshafen begann, ist eine Erfolgsgeschichte. Wer heute jung ist und TV glotzt, glotzt meist privat. Die Hälfte der Zuschauer von ARD und ZDF sind älter als 65 Jahre, nur fünf Prozent sind unter 30. Das Programm von PKS am Neujahrstag endete übrigens mit Beethovens 9. Symphonie. So etwas würde natürlich heute bei den Privaten kaum mehr laufen. Damals jedoch waren alle zufrieden. Eine halbe Stunde nach Mitternacht war die Premiere im Keller für Jürgen Doetz zu Ende - "dann haben wir das Neue Jahr nachgefeiert."

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Peter Müller 30.12.2008
Bei diesem ganzen Schrott und Müll den alle Privaten zeigen bin ich wirklich froh dass wir die öffentlich rechtlichen haben. Diese sogenannten Mottoshows mit immer den gleichen unerträglichen C- Promis wie zB. Balder, von Sinnen usw. und der ganze Restmüll mit unendlichen Werbeunterbrechungen und Eigenwerbung sind einfach unerträglich dumm, unlustig und langweilig. Mittlerweile zahle ich die Rundfunkgebühren für die öffentlich rechtlichen sogar gerne. Interessante Reportagen, hervorragende Nachrichtensendungen, gute Eigenproduktionen usw. (Ich arbeite nicht beim Fernsehen oder bei der GEZ;) So hat man wenigstens ein anspruchsvolles TV und Radio Program. Dort gibt es sicherlich auch Verbesserungspotenzial, aber das Programm ist immer noch um Klassen besser als das der Privaten. Wenn mal ein guter Spielfilm bei RTL und Co. läuft (evtl. Amerikanische Krimiserien oder sonstige gute Ex Kino Filme)nehme ich diese auf Festplattenrecorder auf und schaue sie mir später an. Das hat den Vorteil, man kann die Werbung blitzschnell vorspulen. Mit einem Alter von 33 Jahren gehöre ich auch noch zu der sogenannten Zielgruppe der Privaten. Wer auch immer diese Zielgruppe sein soll. Sicherlich ist Werbung notwendig, aber man kann trotz allem doch wenigsten versuchen ein einigermaßen Vernünftiges Program zu gestalten. Die Zielgruppe die mit diesem Programm beworben wird hat wohl leider nichts davon. Das Märchen der alten Leute, die öffentlich rechtlich sehen, ist ja bekanntermaßen ein Produkt der privaten, über das schon lange gelacht wird. Ich kann bei diesem Artikel also nur an Satire de Autors denken. Denn ich glaube kaum das jemand so einen primitiven Müll ernsthaft beim Spiegel schreibt;)
2.
Hans Walter 30.12.2008
Interessanter Artikel. Wahnsinn was sich in so kurzer Zeit alles ändern kann. :-)
3.
Alexander Svensson 31.12.2008
Im Abschnitt "Ein Fernsgerät im Kreißsaal" (ja, das ist ein Vertipper) findet sich folgender Satz: Und bereits am zweiten Tag des Jahres 1984 startet ein weiterer Kabelkanal, einer aus dem Ausland, aus Luxemburg: "Radio Télé Lëtzebuerg plus", kurz "RTL plus". Gemeint ist wohl eher Privatsender und nicht Kabelkanal, da die Kabel die Landesgrenze ja schwerlich überwinden konnten. Erst war RTL plus über Hausantenne zu empfangen, etwas später über Satellit und erst deutlich danach über Kabel.
4.
Wolf-Dieter Herrmann 22.10.2009
Sie schreiben "Was folgt, ist Fernseh- und Kulturgeschichte" und nennen Sendungen und Namen der Protagonisten. Dabei vergessen Sie eine der wohl wichtigsten Innovationen des Privatfernsehens; DAS FRÜHSTÜCKSFERNSEHEN! Was sagt uns das ? Das Frühstücksfernsehen ist längst nicht mehr das was es einmal war; Ein morgendliches INFORMATIONS- und Unterhaltungsprogramm, das häufig Tagesthema war oder Tagesthemen setzte. Schade drum.
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