25 Jahre Proteste gegen Nachrüstung Atomraketen im Nachbargarten

25 Jahre Proteste gegen Nachrüstung: Atomraketen im Nachbargarten Fotos
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Demonstrationsrekord für die Bundesrepublik: Weit mehr als eine Million Bürger ging am 22. Oktober 1983 auf die Straße, um doch noch die Stationierung von US-Atomraketen zu verhindern. Doch nur einen Monat nach der spektakulären Machtdemonstration war die Friedensbewegung am Ende. Von Christian Siepmann

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Es war auf den ersten Blick ein eindrucksvoller Beweis der Stärke: Durch die Straßen der Bundeshauptstadt Bonn wälzten sich ein halbe Million Menschen sternförmig dem Zentrum entgegen. 400.000 Bürger demonstrierten in Hamburg, sie passten nicht einmal alle auf den Rathausmarkt. Und im Südwesten, zwischen Stuttgart und Neu-Ulm, reichten sich gegen halb ein Uhr mittags rund 250.000 Protestierende gleichzeitig die Hände und bildeten so eine fast 110 Kilometer lange Menschenkette.

Weit mehr als eine Million Bundesbürger waren auf den Straßen und Plätzen der Republik unterwegs an jenem herbstlichen 22. Oktober 1983 - Demonstrationsrekord für die Bundesrepublik Deutschland. Sie sangen, sie skandierten, sie froren gemeinsam. Was sie einte, war nur ein Wort: "Angst" - Angst vor dem Atomtod. Deswegen hatten sie ihre warmen Wohnungen verlassen. Und deswegen protestierten sie gegen die Aufstellung neuer Atomraketen vor ihren Haustüren.

Dabei sollte gerade das, so verkündete es jedenfalls die Bundesregierung, den Weltfrieden sichern. Es war der SPD-Kanzler Helmut Schmidt gewesen, der im Januar 1979 von der Karibikinsel Guadeloupe die Idee zum Nato-Doppelbeschluss mit nach Hause brachte. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er eine "Raketenlücke" in Europa entdeckt, die es dringend zu stopfen gelte.

Balance des Schreckens auf der Kippe

Die Sowjetunion hatte seit Mitte der siebziger Jahre begonnen, auf ihrer Seite des Eisernen Vorhangs moderne Mittelstreckenraketen des Typs SS-20 aufzustellen. Westeuropas Regierungen fürchteten, das rote Reich werde mit seinen neuen Atomraketen in der Lage sein, ganz Westeuropa in einem atomaren Erstschlag zu zerstören, ohne dass die Kreml-Herrscher dafür mit Vergeltung zu rechnen hätten. Denn wer wusste schon so genau, ob die Amerikaner bei einem Angriff auf Westeuropa ihre Interkontinentalraketen eingesetzt und sich damit selbst einem sowjetischen Gegenschlag ausgesetzt hätten?

Die sowjetischen SS-20-Raketen konnten zwar Bonn, Paris und London erreichen, nicht aber die USA. Das machte einen Atomkrieg allein auf europäischem Boden ohne Beeinträchtigung des amerikanischen Territoriums denkbar. Schmidt und seine westeuropäischen Kollegen trieb die Sorge um, der freie Teil Europas könne so vom US-Raketenschirm "abgekoppelt" werden und das Gleichgewicht der atomaren Abschreckung aus der Balance geraten - auf Kosten Europas, dass von der Sowjetunion erpressbar wäre.

Deren Bereitschaft zur Entspannung war, so empfanden es viele Beobachter, seit ihrer Unterschrift unter die Schlussakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa im August 1975 zunehmend erlahmt. Stattdessen setzte Moskau wieder stärker auf Konfrontation.

Nuklearraketen in Nachbars Garten?

Schmidt und der britische Premierminister Callaghan drängten US-Präsident Jimmy Carter deshalb zu einer Reaktion. Gemeinsam mit dem französischen Staatschef Valéry Giscard d´Estaing rangen sie Washington auf Guadeloupe einen Kompromiss ab, der am 12. Dezember 1979 als "Nato-Doppelbeschluss" politisch fixiert wurde: Das westliche Bündnis bot dem Warschauer Pakt Verhandlungen über die Begrenzung atomarer Mittelstreckenraketen an. Sollten diese Verhandlungen jedoch scheitern, würden die USA ab 1983 eigene Mittelstrecken-Atomraketen und Cruise Missiles in Westeuropa stationieren.

Doch die Regierungschefs hatten die Rechnung ohne ihre Bevölkerung gemacht - voran die der Bundesrepublik, die fürchteten, ihr Land werde durch den Nato-Doppelbeschluss erst recht zum potentiellen atomaren Schlachtfeld erklärt. Als "verhängnisvolle Fehlentscheidung" kritisierte etwa der im November 1980 veröffentlichte "Krefelder Appell" den Ton des Widerstandes vor. Unterzeichnet hatten den Aufruf sowohl Veteranen der "Kampf dem Atomtod"-Bewegung aus den Anfangsjahren der Bundesrepublik wie Pastor Martin Niemöller, als auch neue Gesichter, die bald zu Ikonen der neu auflebenden Friedensbewegung werden sollten: Petra Kelly etwa, und der vom Bundeswehrgeneral zum Pazifisten gewandelte Gert Bastian.

Die Nachrüstungsgegner verlangten von der Bundesregierung eine komplette Kehrtwende, sprich: Sie sollte ihre Zustimmung zur Stationierung neuer Atomraketen in Europa zurückziehen. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, rief sie zum Protest auf - mit großem Erfolg. Die Initiatoren hatten einen Nerv getroffen: Die Vorstellung, in direkter Nachbarschaft eine Nuklearwaffenstellung zu haben und das Land zum Schauplatz eines möglichen Atomkriegs werden zu lassen, verunsicherte nicht nur eingefleischte Pazifisten.

Ein Signal an den Präsidenten

So folgte dem Nato-Doppelbeschluss eine Mobilisierung der Bevölkerung, die die Bundesrepublik so noch nicht erlebt hatte. Mehr als 800.000 Bundesbürger unterzeichneten innerhalb weniger Monate den - wegen der Beteiligung von Kommunisten durchaus umstrittenen - Krefelder Appell. Mit dem Evangelischen Kirchentag in Hamburg im Juni 1981 begann mit einer Kundgebung von 80.000 Demonstranten gegen den Doppelbeschluss die Phase der Massenproteste auf den Straßen.

Wenige Monate später, am 10. Oktober 1981, waren es schon 300.000 Menschen, die in Bonn gegen die Nachrüstung auf die Straße gingen. Im folgenden Frühjahr kam es zu den ersten Ostermärschen seit zwölf Jahren; mehr als 200.000 Menschen beteiligten sich an den Kundgebungen, die die "Anti-Atomtod"-Bewegung ab 1958 zu ihrem Markenzeichen gemacht hatte. Gar 400.000 Demonstranten versammelten sich im Juni 1982 im Bonner Hofgarten, um US-Präsident Ronald Reagan bei seinem Besuch am Rhein die Ablehnung der Bundesbürger gegenüber der Nachrüstung deutlich zu machen.

Es war ein wirklich breites Bündnis, das da auf die Straßen der Republik drängte. Dominiert von Linken, Christen und damals so genannten Alternativen, reichte es bis weit in die Mitte der Gesellschaft, vom Maoisten bis zum braven IG-Metaller, von Radikalpazifisten bis zu antiamerikanischen Konservativen und unpolitischen Bürgern, die sich schlicht vor einem "Euroshima" Angst hatten. Es war auch der Moment der Intellektuellen Westdeutschlands: Der Schriftsteller Heinrich Böll beteiligte sich an Sit-ins, der Künstler Joseph Beuys sang für "Sonne statt Reagan" und Kölsch-Rocker Wolfgang Niedecken von BAP textete "Plant mich bloß nit bei üch inn".

Europa "mit Pfeil und Bogen" verteidigen?

Sie alle vereinte die Weigerung, die Logik des "Gleichgewichts des Schreckens" anzuerkennen. Sie fragten laut, warum mehr Raketen den Frieden sicherer machen sollten - vor allem, weil die bereits in der Bundesrepublik stationierten über 7000 Atomraketen längst ausreichten, um Europa gleich mehrmals zu vernichten.

Der Riss zwischen Gegnern und Befürwortern des Nato-Doppelbeschlusses ging quer durch die Regierungspartei SPD. Kanzler Helmut Schmidt fand die Friedensdemonstranten nur "infantil", sein Verteidigungsminister Hans Apel höhnte, Europa solle wohl allein "mit Pfeil und Bogen" verteidigt werden. Doch andere sozialdemokratische Spitzenpolitiker schlugen sich auf die Seite der Nachrüstungsgegner. Ex-Minister Erhard Eppler orakelte bereits 1981 im SPIEGEL-Interview recht unverhohlen über die Ablösung des eigenen Kanzlers.

Und Jo Leinen, heute SPD-Europaparlamentarier und damals zugleich Parteimitglied und Protagonist der Friedensbewegung, erinnert sich: "Die Kluft zwischen der Regierungs-SPD und der Basis war riesig. Spätestens mit dem Kirchentag wurde klar: Der Protest lässt sich nicht verbieten, auch in der eigenen Partei nicht."

Nackenschläge vom Stargast

Den 22. Oktober 1983 wollte das bunte Bündnis der Friedensbewegten zum Beleg der eigenen Stärke machen - zwei Jahre nach dem Hamburger Kirchentag, vier Jahre nach dem Nato-Doppelbeschluss und in einer Situation aussichtslos festgefahrener Abrüstungsverhandlungen zwischen den USA und der Sowjetunion.

Und tatsächlich deutete an jenem Tag auch in Bonn alles darauf hin, dass es gelingen würde, ein unübersehbares Zeichen für Abrüstung zu setzen. Seit dem frühen Morgen waren in zahllosen Sonderzügen Demonstranten aus allen Winkeln der Republik in der Bundeshauptstadt eingerollt. 150.000 von ihnen bildeten an diesem Tag eine Menschenkette rund um das von starken Polizeikräften abgeriegelte Regierungsviertel, eine halbe Million stand in einem riesigen Menschenstern, der die Botschaftsgebäude der fünf Atommächte miteinander verband. Selbst Bundeswehrsoldaten in Uniform hatten sich eingereiht, vor sich ein Banner mit dem Slogan "Nato-Soldaten sagen No zu Cruise Missiles und Pershing Zwo".

Politisch bedeutsam war vor allem der Auftritt eines Mannes: Ex-Bundeskanzler Willy Brandt, der Parteivorsitzende der SPD, sprach zu der friedensbewegten Menge im Bonner Hofgarten - und bezog klare Position gegen die Politik seines Nachfolgers Helmut Schmidt, gerade im Jahr zuvor vom CDU-Politiker Helmut Kohl aus dem Amt gedrängt. "Wir brauchen in Deutschland nicht mehr Mittel zur Massenvernichtung, wir brauchen weniger", raunte Brandt heiser durch den Hofgarten.

"Die demonstrieren, wir regieren"

Jo Leinen, damals Mitglied im Koordinierungsausschuss der Friedensbewegung, der die Großdemonstration organisiert hatte, erinnert sich: "Ich habe an diesem Tag wirklich gehofft, dass die massive Ablehnung die Nachrüstung doch noch stoppen oder zumindest verzögern könnte." Allein: Wie Millionen andere irrte er. Sie hatten sich vom Eindruck der eigenen Stärke auf den Straßen täuschen lassen.

"Die demonstrieren, wir regieren", brachte Wighard Härdtl, Referent von Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU), die Lage der Dinge auf den Punkt. Genau einen Monat nach der Großdemo vom 22. Oktober beschloss der Bundestag mit 286 zu 225 Stimmen auf Antrag der Regierung Kohl die Stationierung von 108 Pershing-2-Raketen und 96 Marschflugkörpern im Südwesten der Bundesrepublik.

"Ich habe mich machtlos gefühlt, war deprimiert und dachte: Die Demokratie funktioniert nicht. Oben wird beschlossen, und was die Menschen unten denken, interessiert überhaupt nicht", erinnert sich Jo Leinen an den historischen 22. November 1983. Wie ihm ging es Millionen. Ein Handvoll hielt zwar am Protest fest, campte etwa vor der Raketenbasis Mutlangen und blockierte bei Gelegenheit amerikanische Militärtransporte. Doch das breite Bündnis war zerbrochen, auf die Straße gingen fortan nur noch die Splittergruppen. Die Friedensbewegung war Geschichte - der Schein von Stärke am 22. Oktober 1983 hatte sich als Fata Morgana erwiesen.


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1.
Ulrich Deichert 23.10.2008
Ich war dabei im Oktober 1983 im Hofgarten zu Bonn und bin heute noch stolz drauf dort demonstriert zu haben. Auch wenn später Politiker sich nicht haben abhalten lassen Pershing II und Cruise Missile Raketen aufzustellen in diesem unseren Lande....Wir haben durch unser Engagement in der Friedensbewegung erreicht dass mehr miteinander gesprochen wurde auf beiden Seiten und ich bin der festen Überzeugung dass wir zur Abrüstung die später dann auch begann beigetragen haben. Leider ist vieles eingeschlafen und noch heute sollten wir auf die Straße gehen und darum kämpfen dass Atomwaffen von diesem Planeten verschwinden. Weder Regierungen von der USA noch Russlands sind bereit alles zu vernichten an Waffen, unser Ziel ist leider nie erreicht worden. Die einen werden sagen das dies blauäugig ist....mag sein darum geht es allerdings nicht, es geht um unsere nachfolgenden Generationen die auch wie wir in Angst leben müssen. Wollen wir das Beste hoffen und an die Vernunft aller Politiker appellieren dass solche Waffen niemals eingesetzt werden. In diesem Sinne ....lasst uns in Frieden miteinander leben, den Dialog suchen und niemals Waffen sprechen lassen. Ulli Deichert
2.
Eberhard Doerr 24.10.2008
Eigenartige Schlussfolgerung, der Doppelbeschluß habe praktisch den Sieg der Politik über die Straße besiegelt. In meiner Wahrnehmung war das vielmehr der Startschuss für eine neue, breite politische Bewegung, die dann in die GRÜNEN mündete. Und lange Jahre war man guter Hoffnung, über diesen Weg den Willen der Massen politisch wirksam werden zu lassen. Dass es dann ein grüner Außenminister war, der 1999 erstmals nach dem 2. Weltkrieg Soldaten und Bomben in ein weit von der Grenze entferntes Land schickte (vgl. StGB §80), ist ein (schlechter) Witz der Geschichte - den die Protagonisten der Friedensdemo niemals geglaubt hätten, wenn ihnen ein Zeit-Rückreisender 1983 davon erzählt hätte ...
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