Kultserie "Schwarzwaldklinik" "Heile Welt hat immer Konjunktur"

Liebe, Triebe, Doktorspiele: 1985 startete die Mutter aller deutschen Arztserien und lockte ein Millionenpublikum vor den Fernseher. Im einestages-Interview von 2010 verriet "Schwarzwaldklinik"-Erfinder Wolfgang Rademann, warum die Serie beinahe nicht gedreht worden wäre - und schwärmte von seinem liebsten Verriss.

ZDF/Thomas Waldhelm

einestages: Ihre OP-Seifenoper "Schwarzwaldklinik" erreichte Anfang der Achtzigerjahre aus dem Stand Einschaltquoten von mehr als 60 Prozent. Haben Sie damit gerechnet?

Rademann: Überhaupt nicht. Der Sender, ich, alle waren baff.

einestages: Warum sehnten sich die Menschen damals plötzlich so sehr nach dem Fünfzigerjahre-Kitsch à la "Schwarzwaldklinik"?

Rademann: Moment, das war kein Fünfzigerjahre-Kitsch! Es war die heile Welt, die die Leute so in ihren Bann zog. Und die hat immer Konjunktur.

einestages: Das kann doch unmöglich das einzige Erfolgsgeheimnis gewesen sein.

Rademann: Das neue Genre der Arztserie interessierte die Leute. Jeder Mensch wird mal krank oder hat Angst davor, krank zu werden. Damit beschäftigen sich alle - je älter sie werden, desto stärker. Ärzte und Krankheiten sind einfach ein Urthema. Das hatten die Verantwortlichen beim Fernsehen zu dieser Zeit jedoch nicht erkannt.

einestages: Mussten Sie also viel Überzeugungsarbeit leisten?

Rademann: Ende der Siebzigerjahre lief in der ARD die tschechische Arztserie "Das Krankenhaus am Rande der Stadt" - und bescherte dem Sender einen unglaublichen Erfolg. Da dachte ich: Mensch, was die Tschechen können, können wir doch auch. Im deutschen Fernsehen gab es damals nichts dergleichen. Also sprach ich das ZDF an und sagte: "Kinder, so was müsst ihr machen!" Zwei lange Jahre habe ich auf die Verantwortlichen eingeredet, ohne Erfolg. Keiner wollte sich da ranwagen. Irgendwann biss dann der damalige ZDF-Unterhaltungschef Peter Gerlach an und sagte: "Du nervst mich damit - jetzt machst du das selbst." Dabei wollte ich eigentlich gar nicht.

einestages: Warum nicht?

Rademann: Ich liege viel lieber unter Palmen als unter Tannen. Trotzdem habe ich mich dann gebückt und das Gold der Idee, das da einfach so auf der Straße lag, aufgehoben.

einestages: Die Masse liebte Sie für Ihre Serie. Die Feuilletonisten hingegen schäumten ob der neuen Seifenoper und beschworen den Untergang des deutschen Fernsehens herauf. Machte Ihnen das nichts aus?

Rademann: Ich habe immer gesagt: Eine gute Kritik in der "SZ" und ich weiß, dass ich was falsch gemacht habe. Als der SPIEGEL damals einen Titel zur "Schwarzwaldklinik" herausbrachte, war das für mich eine Ehre. Der Verriss einer TV-Serie als großes Thema beim Medienflaggschiff: So etwas hatte es noch nie gegeben. "Romanze in Mull" hieß die Geschichte damals. Herrlich!

einestages: Sie haben das Kriegselend und die Not der Jahre danach miterlebt, Ihren Vater früh verloren, Sie flüchteten 1958 mit Ihrer Mutter aus Ost-Berlin. Hatten Sie niemals Lust auf ernste, tiefgründige Stoffe?

Rademann: Nein, die sind was für die Elite. Die Masse liebt die schöne, heile Welt. Das macht mir mehr Spaß. Ich bin einfach ein Boulevardmensch. Schon als Journalist habe ich immer am liebsten bei den Massenblättern gearbeitet.

einestages: Was ist vom Erfolg geblieben? Hat der Erfolg der "Schwarzwaldklinik" die deutsche Fernsehlandschaft verändert?

Rademann: Die Serie war ein solcher Publikumserfolg, dass die Sender endlich aufwachten und merkten: Ach, guck mal, wir können ja auch bei den Leuten ankommen! Dieses Gespür für das, was die Masse liebte, das war bis dato noch sehr unterentwickelt.

einestages: Warum haben Sie Ihr Fernsehhospital eigentlich ausgerechnet ins Glottertal gelegt?

Rademann: Die Schwarzwaldklinik hätte theoretisch auch in der Lüneburger Heide, in Neustadt an der Weinstraße oder in Schleswig-Holstein stehen können. Allerdings war der Schwarzwald zu diesem Zeitpunkt eine vergessene Landschaft im deutschen Fernsehen. Seit dem legendären Forellenhof von der ARD spielte da nichts mehr. Ich habe diese wunderschöne Region aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt - obwohl ich vorher noch nie da gewesen war. Ich fuhr runter und suchte wochenlang nach einem Drehort. Zwölf Motive hatten wir schon besichtigt, bis wir dann endlich die Glottertal-Klink entdeckten ...

einestages: ... und damit der ganzen Region einen Tourismus-Boom bescherten. Wie reagierten die Schwarzwälder darauf?

Rademann: Naja, als die Reisebusse anrollten und die Menschenmassen einfielen, fing der Bürgermeister der Gemeinde Glottertal zunächst an zu meckern. Der Rummel war so groß, dass die Region damit völlig überfordert war. Heute jammern sie und wünschen sich den Trubel zurück.

einestages: Eigentlich war ja Armin Mueller-Stahl für die Rolle des Professor Brinkmann vorgesehen ...

Rademann: ... was für ein Glücksfall für alle Beteiligten, dass Mueller-Stahl absagte - sowohl für Mueller-Stahl als auch für Klausjürgen Wussow und für mich. Mueller-Stahl war die Serie zu lang, er machte danach Hollywood-Karriere. Und ich habe mit Wussow den besten Halbgott in Weiß bekommen.

einestages: 1989 beendeten Sie die Serie, obwohl die Quoten keinerlei Anlass dazu gaben. Warum?

Rademann: Der inzwischen gestorbene Drehbuchautor Herbert Lichtenfeld und ich, wir waren der Meinung, die Geschichte sei auserzählt. Dem war einfach nichts mehr hinzuzufügen. Anders als heute üblich, wollten wir uns das Ende nicht von der Quote diktieren lassen.

einestages: 2005 unternahmen Sie trotzdem den Versuch, die ins Koma gefallene "Schwarzwaldklinik" zu reanimieren.

Rademann: Das war keine Wiederbelebung, sondern ein einmaliges Special zum Jubiläum. Ich stellte damals fest, dass viele der Schauspieler noch leben. Da habe ich alle noch einmal zusammengetrommelt. Mit zwölf Millionen Zuschauern war das ein unglaublicher Erfolg ...

einestages: ... an den Sie mit neuen Serien jedoch keinesfalls wieder anknüpfen wollen, obwohl Tausende von "Schwarzwaldklinik"-Fans Sie darum anflehen. Wieso zieren Sie sich so?

Rademann: Die "Schwarzwaldklinik" ist eine Legende - und ich mache eine Legende nicht kaputt durch eine schlechte Kopie.

Das Interview führte Katja Iken.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Johann Braun, 25.10.2010
1.
Es kann sein, dass vor 25 Jahren die "Schwarzwaldkilini" im Fernsehen zu sehen war. Von den ... Folgen dieser Serie habe ich jedenfalls keine einzige gesehen und ich vermisse NICHTS. Nach dem was ich von der Serie mitbekommen aus den Medien oder beim Zappen mitbekommen habe war, dass es zu glatt, zu schön war. Eine "Heile Welt" soll dargestellt worden sein? Wussow als aalglatter Dr. Brinkmann - da habe ich gerne verzichtet. "Schwarzwaldklinik" - Nein danke.
Melanie Brandenburg , 05.11.2010
2.
@ Herr Braun: warum lesen Sie den Artikel denn, wenn alles so schlimm und heile Welt war? :-)
Sophia Sylabe, 02.02.2016
3. immer noch besser der Heile-Welt-Kitsch von damals,
als das Gossen-TV von heute. Dass die Schwarzwaldklinik nicht zum Bildungsfernsehen gehört, stand weder damals noch heute zur Debatte. Aber wenigstens ging es damals noch nicht darum, wer sich am effektivsten und peinlichsten blamieren kann oder wer die vulgärste Sprache beherrscht. wenn ich abends keine Gehirnzellen mehr für anspruchsvolle Reportagen übrighabe und einfach nur unterhalten werden möchte, kann ich heute auswählen zwischen "The biggest Loser", RTL Kakerlakencamp und unzähliger Casting-Shows, die noch das Niveau der unseligen Talkshows der 90er unterbieten. Da wünscht man sich fast Traumschiff & ähnliches Gedöns der 80er zurück.
Michael Bischoff, 02.02.2016
4. Johannes Braun
Nein Danke!
Werner Degen, 05.01.2017
5. Scheisse gibt es genug in der
Welt. Da brauch ich heile Welt zum Erholen. Und wer nicht davon träumt in eine heile Welt entfliehen zu können ist ein armer Wicht
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