Snowboarden Punkrock auf Brettern

Coole Pioniere oder irre Rüpel? 1983 tauchten die ersten Snowboard-Fahrer auf deutschen Pisten auf - und bekamen erst einmal Liftverbot. Doch dann retteten die Chaoten auf ihren Brettern die Wintersportindustrie.

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"Wir wussten von Anfang an, dass Snowboarden unser Leben verändern würde", schwärmt Joachim März. Gerade 17 war der Brett-Pionier, als er 1983 das erste Mal ein Snowboard sah - im Surf-Urlaub mit Freunden an einem Strand im spanischen Tarifa. Ein paar andere Wellenreiter reichten damals begeistert ein Foto aus einem Surfmagazin herum. Es zeigte Tom Sims, seinerzeit ein bekannter Surfer und Profi-Skater. Doch neben ihm an der Wand lehnte kein Surfboard, sondern ein Brett, von dem er behauptete, man könne damit Schnee reiten wie Wellen. Um die Zeit bis zum nächsten Surf-Urlaub zu verkürzen, war Joachim März im Winter zwar immer Ski gefahren, sogar Trick-Ski, bei dem man spektakuläre Stunts auf den Brettern vollführt. Aber eigentlich war ihm das Gleiten durch den Schnee "auf Dauer zu langweilig". Doch nach dem Blick auf das Foto hatte der begeisterte Surfer Blut geleckt.

"Als wir zuhause waren", erinnert sich März, "haben wir sofort die Stahlkanten aus unseren Skiern rausgerissen und an ein Brett gebaut." Das Material ihres Prototyps, die Form und die Bindungen mussten sich die jungen Konstrukteure allerdings "irgendwie aus den Fingern saugen." Sie hatten das Board ja nur einmal auf einem Foto gesehen. Trotzdem: nur ein halbes Jahr nach dem Erstkontakt standen er und seine Freunde das erste Mal mit ihren Brettern auf der Piste. Und wie reagierten die Ski-Fahrer als sie sahen wie die Jugendlichen den Hang hinuntersurften? "Die haben große Augen gemacht."

HipHop gegen "Hölle, Hölle"

Nicht nur das. Mit dem Snowbard-Boom begann auch eine Ära der Rivalität auf der Piste. Auf der einen Seite die stets korrekten, wohlsituierten, scheußlich gekleideten Skifahrer. Auf der anderen Seite die Snowboarder, die wenig Geld, aber viel Spaß in die muffigen Ski-Orte brachten.

Denn eines ist jawohl klar: Snowboarding ist unbenommen der Sport mit mehr Stil. Beispiel gefällig? Snowboardfahrer haben in der Regel delikate Soundtracks zu ihren Abfahrten. Auf den Partys und Pisten laufen Punk, Jungle, HipHop, die gute Sorte Elektro und - okay, der Punkt geht an die Skifahrer - Crossover. Aber mal ehrlich, was hören die denn, während sie gepflegt in gräulich-neongesprenkelten Rudeln die Hänge runterwedeln? Ihre Mitfahrer, die über die Snowborder mäkeln. Und davor oder danach? Den Wetterbericht im Radio. Und später, wenn die Kinder im Bett sind, feiern sie bei seltsamen Après-Ski-Festivitäten ihre Gutbürgerlichkeit, indem sie bierselig Kellnerinnen an den Hintern fassen und "Zieh dich aus, wir müssen reden" oder "Hölle, Hölle, Hölle" mitgrölen.

Dann gibt es natürlich auch noch die Sorte informierte Ski-Fahrer, die "das gerne Mal ausdiskutieren würden." Die sagen dann vielleicht, dass Ski-Fahrer die älteren Rechte haben. Schließlich würden Höhlenmalereien auf der norwegischen Insel Rödöy belegen, dass schon in der Jungsteinzeit Bretter unter die Füße geklemmt wurden, um im Schnee besser voranzukommen. Und die Wikinger hätten um 800 nach Christi sogar eigene Gottheiten für ihre Skier gehabt - eine für jeden. Die beiden hießen Ull und Skade. Süß.

Apocalypse Snow

Steinzeitmenschen und Wikinger? Da können Snowboarder definitiv mit den besseren Botschaftern aufwarten. Sie haben den lässigsten Agenten der Welt auf ihrer Seite: James Bond persönlich ist Snowboard-Fan der ersten Stunde. 1985 lieferte sich Nullnullsieben "Im Angesicht des Todes" eine rasante Verfolgungsjagd. Die rückschrittlichen Bösewichter waren natürlich auf Skiern unterwegs, der stets für smarte Innovationen offene Agent, ritt ihnen locker auf einem Snowboard davon.

Und noch ein Film zahlt in rauen Mengen auf das Coolnis-Konto der Schneesurfer ein: "Apocalypse Snow", ein gerade mal 32-minütiger französischer Skifilm der 1983 erschien und entscheidend zur Popularität des Snowboardens in Europa beitrug. In den Hauptrollen: der französische Skiprofi Régis Rolland und ein Snowboard, das er sich aus den USA besorgt hatte. Rolland ließ sich für den Film mit dem Brett unter den Füßen aus gut zehn Metern Höhe aus einem Fesselballon direkt auf die Piste fallen, sprang über einen Zug oder machte einen Touch-Down bei einem absurden Snowboard-Football-Spiel. Der Punk war im Snowboarding angekommen.

Ende der Achtziger drängten dann so viele Snowboarder auf die Pisten, dass sich die rechtschaffenen Skifahrer und Liftbetreiber von ihnen gestört fühlten, und bald waren die Einbrettfahrer nur noch in den wenigsten Skigebieten erwünscht. Aus dem Massensport in spe wurde also zunächst eine Leidenschaft für Surfer, Skateboarder und alle, die keine Lust hatten, mit den Skifahrern um die Wette "Schuss" zu fahren und dabei auszusehen, als würden sie sich gerade auf der Piste erleichtern.

Von der Klotür zum Snurfer

Doch wie sehr die Welt nach einem Skifahr-Surrogat verlangte, wird einem klar, wenn man sich vor Augen führt, wie lange das Snowboarden schon in der Luft liegt: Bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts tauchten immer wieder Berichte von tollkühnen Typen auf, die sich mit nur einem Ski unter den Füßen auf verschneite Hänge gewagt haben. Zum Beispiel der Amerikaner Jack Burchett. 1929 bastelte dieser zu seinem Privatvergnügen aus Spanplatten, Pferdezügeln und einer Wäscheleine ein Gefährt für die Piste. Ob seine Konstruktion ihm allerdings mehr als blaue Flecken beschert hat, ist nicht überliefert.

Die erste große Gleitwelle im Tiefschnee begann erst über dreißig Jahre später in den USA - mit zwei übermutigen Surfern. Sherman Poppen und eben jener Tom Sims, dessen Foto auch Joachim März zu seinem ersten Snowboard Marke Eigenbau inspiriert hatte, suchten im Winter 1963 so dringend nach einem Ersatz für die wellenfreien Monate, dass sie kurzerhand eine Klotür aushängten und auf ihr stehend einen Hang hinterrutschten.

Poppen wurde zwei Jahre später zum Ur-Opa des Snowboards. Die Initialzündung dafür lieferten seine beiden Kinder Wendy und Laurie. Sie langweilten sich Weihnachten 1965 so sehr, dass sie anfingen, ihrem Dad auf die Nerven zu fallen. Also verschanzte der sich kurzerhand in seiner Werkstatt und kam kurze Zeit später mit der Lösung zurück: zwei zusammengenageltenKinderski mit einem Band zum Festhalten an der Spitze. Als die Nachbarskinder sahen, auf was Wendy und Laurie da im Stehen den Hügel hinunterschlidderten, musste der Chemotechniker mit seiner Heimwerkerarbeit in Serie gehen. Einen Winter später war der Schneesurfer, genannt "Snurfer", patentiert, produziert und ging für 9,95 Dollar über Spielwarenladentische in ganz Amerika.

Der Snowboard-Missionar

Einer der Jugendlichen, die ein solches Spielzeug erwarben, war Jake Burton Carpenter, ein 14-jähriger Junge aus Cedarhurst, New York. Während die meisten anderen Kids den Snurfer nur wenige Jahre später wieder vergessen hatten, ließ er diesen Jungen einfach nicht mehr los. Die Legende besagt, es habe draußen geschneit, als der 23-jährige Burton sieben Jahre und eine Ausbildung zum Investmentbanker später plötzlich von seinem Bürostuhl aufstand und seinen Job kündigte - um ein Brett zu erfinden, mit dem man auch ohne ein Band in der Hand durch den Schnee pflügen konnte. Die Firma Burton war geboren.

Doch Burtons Snowboard war erstmal ein gigantisches finanzielles Desaster. Allerdings erkannte der Erfinder seinen Denkfehler: Keiner seiner potentiellen Käufer hatte eine Ahnung, was genau ein Snowboard sein soll. Er musste also nicht nur sein Produkt an den Kunden bringen, sondern einen ganz neuen Sport.

So begann er mit einem Wagen durch die Staaten zu fahren und in Skigebieten in ganz Nord-Amerika die lokalen Skiheroen und Ski-Lehrer zu missionieren. Mit Erfolg. Auf über einem Drittel aller verkauften Snowboard-Accessoires steht heute Burton. Und das ist eine ganze Menge. Denn der Sport ist mittlerweile genauso populär wie Skifahren. Mehr noch: Snowboarden ist Pop.

"Bis ich nicht mehr stehen kann"

Kein Wunder. In nur 30 Jahren hat das Snowboarden mehr Helden hervorgebracht, als der Skisport jemals haben wird. Helden wie Jake Burton, der "Lord of the Board", der auch mit 53 als Leiter eines weltweit erfolgreichen Unternehmens noch immer 100 Tage im Jahr auf die Piste geht. Oder Shaun White. Der gerade 21-jährige Rotschopf gilt nicht nur als größtes Snowboard-Talent der Welt, er entwirft auch eine eigene Modelinie - und bekommt tausende Briefe von Mädchen aus der ganzen Welt, wenn er in einem Interview laut überlegt seine roten Locken abzuschneiden.

Und noch eines hat Snowboarden dem Skifahren voraus: Während der Skisport seit Ewigkeiten gleichförmig von sich hin dümpelt, stecken beim Snowboarden Inspiration und Innovation schon in seinen Wurzeln. Von Surfern erfunden, von Skatern in Half-Pipes und auf Kickern an seine Grenzen getrieben, verbindet Snowboarden irgendwie das Beste aus beiden Kulturen: die Naturverbundenheit des Surfens und die Radikalität des Skatens. Was Snowboarden für Aficionados zu mehr als nur tumbem Sport macht - Snowboarding ist ein Lebensgefühl.

Das unterschreibt auch der deutsche Pionier Joachim März. Der Mann, der 1983 auf den ersten Blick wusste, dass das Surfbrett für den Schnee sein Leben verändern würde, ist heute Eigentümer der von ihm gegründeten Snowboard-Firma Pogo. Der kleine Betrieb in Löwenstein, 20 Kilometer östlich von Heilbronn, steht in dem Ruf, die besten Alpineboards der Welt zu bauen. Der Ritt talwärts durch den Schnee bleibt für den mittlerweile 42-Jährigen das Größte. Seine Liebeserklärung an das Snowboarden: "Ich fahre immer weiter. Bis ich nicht mehr stehen kann."



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Harald klimpel, 23.01.2008
1.
Also ich kann die Begeisterung für Snowboarden verstehen, aber dieser Bericht ist mir zu Schwarz/Weiß zeichnend. Ski doof, Board toll. Auch die ursprüngliche Rivalität, die sich meines Erachtens weitestgehend in Luft aufgelöst hat, wird hier wieder unnötig aufgewärmt.
joël David neugebauer, 23.01.2008
2.
Ist ein sehr interessanter Artikel. Snowboarden hat die Wintersport-Industrie revolutioniert. Was leider nicht erwähnt wird ist das die Idee des Boarden seit einiger Zeit wieder zurückgeht zu den Skifahrer und die Szene der "Freeskier" resp. in Amerika "newschool skiers" gerade von Innovationen explodiert. Das heisst Skifahren ist noch lange nicht tod. Hier die bekannteste Site der Freeskiers: www.newschoolers.com
Peter Ja, 23.01.2008
3.
Wie schön, daß sich hier jemand für den Snowboardsport begeistert. Schade nur, daß sobald der Begriff "Ski" auftaucht sich der Autor in platter Schwarz-Weiß-Malerei suhlt.
Christian Daiber, 23.01.2008
4.
Guter Artikel - und mit Yogi März kommt tatsächlich ein Snowboard-Pionier zu Wort.
Philipp Mönckert, 13.08.2008
5.
Da bin ich gleicher Meinung, nur hat Yogi den Laden zusammen mit Martin Sammet aufgezogen...das wird leider nicht erwähnt! >Guter Artikel - und mit Yogi März kommt tatsächlich ein Snowboard-Pionier zu Wort.
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