25 Jahre "Starlight Express" Und ewig lockt die Lok

25 Jahre "Starlight Express": Und ewig lockt die Lok Fotos
Starlight Express

Menschelnde Züge, Gesangsnummern bei 60 Km/h und ein vollkommen bockloser Johannes Rau: 1988 feierte das Rekord-Musical "Starlight Express" in Bochum Premiere. einestages erinnert an die Proteste am Anfang - und verrät, welches Spice Girl zu schlecht für die Rollschuh-Show war. Von

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Johannes Rau sah schon glücklicher aus als am Abend des 12. Juni 1988. Der zukünftige Bundespräsident, damals noch Landesvater von Nordrhein-Westfalen, hätte den Tag lieber gemächlich zu Hause ausklingen lassen, gestand er den Reportern. Stattdessen stand er in Anzug und Krawatte an auf dem roten Teppich in Bochum, um sich eine Show mit singenden Zügen anzusehen.

Das "Starlight Express Theater", vor dem der Politiker unmotiviert posierte, war extra errichtet worden, um Andrew Lloyd Webbers Musical auf Rollschuhen zu zeigen. Nicht gerade das, was sich Rau unter einem ruhigen Abend vorstellte. "Hoffentlich wird es nicht zu laut", sagte er den anwesenden Journalisten, bevor er mit Ehefrau Christina am Arm ins Theaterinnere schritt.

Johannes Rau war nicht der einzige Zweifler, den das Musical "Starlight Express" in Bochum verkraften musste. Bereits im Vorfeld hatte die Entscheidung, Webbers in London erfolgreiche Show im Ruhrgebiet zu adaptieren, für Kontroversen gesorgt. Zu teuer, zu groß, zu seicht, so lautete das Urteil der Kritiker. Vor allem das neue Theater sorgte bei den Bürgern für Unmut. Viele Bochumer protestierten gegen den Bau, der die Stadt und das Land NRW 24,5 Millionen Mark kostete. Am Premierentag hielten Demonstranten Schilder gegen das potentielle Millionengrab hoch. Und auch die Künstler der Stadt waren skeptisch. Bochums Theaterintendant Frank-Patrick Steckel verspottete das Musical als "kommerzielle Verblödungsmaschine". Menschen, die Züge darstellten und an einem internationalen Eisenbahn-Turnier teilnahmen - so etwas könne vielleicht im Londoner Westend Besucher anlocken. Doch wer in Deutschland würde diese Geschichte sehen wollen?

Lovestory zwischen Zügen

Offensichtlich einige. Die Besucherzahlen zumindest sprachen für sich: An acht Vorstellungen in der Woche spielte die Besetzung vor vollem Haus, Karten für das Singspektakel auf Rollschuhen waren auf Wochen im Voraus ausverkauft.

Die Idee zu seinem Zug-Musical entnahm Andrew Lloyd Webber einem alten Kinderbuch. Schon in den "Railway Series" des anglikanischen Pastors Wilbert Awdry erlebten sprechende Eisenbahnen Abenteuer auf der fiktiven Insel Sodor. Aus diesem Stoff erschuf der Brite seine eigene Zug-Romanze: Ein kleiner Junge träumt davon, dass seine Miniatur-Dampflok Rusty lebendig wird und an einem internationalen Turnier der Eisenbahnen teilnehmen darf. Als sich Rustys Freundin, der Erste-Klasse-Waggon Pearl, in den schmierigen Diesel-Zug Greaseball verliebt, will die Dampflok aufgeben. Doch da hört Rusty vom "Starlight Express", einem feenhaften Wesen, das Wünsche erfüllen kann, wenn man nur stark genug an sich glaubt.

Es ist im Grunde eine simple Geschichte über Mut, Selbstvertrauen und Freundschaft, die Webber in die Welt der Eisenbahnen übertrug. Mit klarer Rollenverteilung: Die Männer spielen die Züge, die Frauen dürfen sich als Waggons an ihre Favoriten ankoppeln. Die schnellste Lok bekommt den schönsten Anhänger. Jede Bahn verkörperte dabei einen eigenen Musikstil - von Pop über Elektrosounds bis hin zu Rock'n'Roll. Webber schilderte einen Kampf von David gegen Goliath, in dem der vermeintlich Schwächere den Sieg davontragen durfte. Ein Kindheitstraum, den der Musical-Gigant mit Gesang und Tanz wahr werden ließ. Und in Bochum wurde er sogar noch spektakulärer inszeniert als in London.

Keine Chance für Mel B.

Die extra gebaute Halle ermöglichte es den deutschen Produzenten, den Saal optimal auf die Anforderungen des Stücks anzupassen. Zusätzlich zur Bühne ließen sie eine Rollschuhbahn bauen, die durch die Zuschauertribünen verlief. Auf diesen Gleisen legen die Musical-Darsteller ihre Rennen zurück. Dank speziell angefertigter Rollschuhe erreichen sie dabei bis zu 60 Stundenkilometer.

Auch bei den Kostümen wurde geklotzt. Die Anzüge, dem Stil der verschiedenen Eisenbahn-Typen nachempfunden, wiegen bis zu 18 Kilogramm. Dementsprechend lange dauerten die ersten Proben: Jeder Darsteller musste drei Monate intensives Rollschuh-Training hinter sich bringen, um die aufwendigen Tanz-Choreografien zu beherrschen. Immer wieder kam es dabei vor, dass auch erfahrene Sänger die sportlichen Anforderungen nicht erfüllten. Bekanntestes Beispiel war das Ex-Spice-Girl Mel B. 1995 bewarb sich die Sängerin für eine Rolle beim Londoner "Starlight Express" - und kam nicht einmal über die Vorrunde hinaus.

Die actionreichen Showeinlagen trugen ihren Teil zum Erfolg der Bochumer Produktion bei. Bis heute haben 14 Millionen Menschen das Musical gesehen, viele reisen dafür extra aus dem Ausland an. Dafür erhielt "Starlight Express" 2010 einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde - als besucherstärkstes Musical, das an einem Ort gespielt wird.

Mehr als 500-mal gesehen

Eine Frau, die nach Kräften zum Erfolg des Musicals beiträgt, ist Nicole Feistel. Die gelernte Fremdsprachenassistentin ist Vorsitzende des Offiziellen Starlight Express Fanclubs und hat die Show mehr als 500-mal gesehen.

Als Feistel 1992 das erste Mal mit ihrer Schule zum Musical anreiste, war sie 13 Jahre alt. Damals habe sie vor allem die Liebesgeschichte zwischen Rusty und Pearl fasziniert. Heute komme sie wegen der Stunt-Einlagen. Ihre Tickets archiviert Feistel in einem Schuhkarton, mit einigen Darstellern ist sie befreundet. Bis 2002 hatte die Club-Leiterin einen festen Sitzplatz in der Halle: im Parkett in der zweiten Reihe, Platz vier. "Da konnte man immer den Fahrtwind spüren", sagt sie. Dann wurde eine neue Bahn durchs Parkett gezogen, und Feistel entschied sich, weiter nach hinten zu gehen. "Dort habe ich den besseren Überblick."

"'Starlight' entwickelt sich immer weiter", schwärmt Feistel. Deswegen komme sie gerne immer wieder zurück in die Theaterhalle. Manche fänden das zwar ein bisschen verrückt, doch denen entgegne sie, dass andere jedes Wochenende zum Fußball gehen würden. Ihre Leidenschaft sei eben "Starlight Express".

Auch Ministerpräsident Johannes Rau schien nach dem "Starlight"-Premierenabend vor 25 Jahren nicht ganz unbeeindruckt. Nachdem er das Musical verlassen hatte, lobte er in Politikersprache: "'Starlight' ist für das Revier etwas Einmaliges. Ich bin sicher, dass die Bilanz fürs Ruhrgebiet am Ende positiv sein wird." Er sollte recht behalten. Die Show verhalf der Industriestadt Bochum mit ihren brachliegenden Zechen zu einem Image-Wandel als Pilgerstätte für Fans singender Züge.

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1.
Florian Reible, 12.06.2013
Schöner Artikel...aber könnte das der Jugendpsrache entlehnte "poste" vielleicht durch "posierte" ersetzt werden?
2.
Pat Lambertus, 13.06.2013
Film über die 25 Jahre Veranstaltung mit Andrew Lloyd Webber: http://www.bochumschau.de/starlight-express-25-jahre-musical-andrew-lloyd-webber-2013.htm
3.
Bernhard Kurz, 17.06.2013
Ganz guter Beitrag. Allerdings war das Musical mit Nichten ausverkauft. Die Anlaufphase dauerte über 15 Monate bis eine Vorstellung erstmals ausverkauft war. Im Dezember 1988 stand das Musical vor dem Aus. Der damalige Chef der Deutschen Bank, Herrhausen, hat das Musical mit einem Kredit unterstütz. Ansonsten hätte im Dezember 1988 Insolvenz Antrag gestellt werden müssen. Der Durchbruch kam mit dem Aktuellen Sportstudio aus der Starlighthalle am 7.10.1989
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