Sitcom "Roseanne" Frust als Erfolgsgeheimnis

Die USA in den achtziger Jahren - eine Glitzerwelt. Oder? 1988 startete die Fernsehserie "Roseanne" und zeigte, wie ein Leben jenseits des amerikanischen Traums aussieht. Neben Roseanne Barr spielten die Ängste der einfachen Arbeiter die Hauptrolle - und machten die Sitcom so zum Quotenhit.

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Von Franziska Felber


Am Esstisch beklagt sich die Tochter über Roseannes neuen Job. "Susan Noonan hat gesagt, dass ihre Mutter dich gesehen hat, wie du im Schönheitssalon die Haare anderer Leute aufgekehrt hast." Das sitzt. Roseanne hat wegen des Jobs eh schon mit ihrer Selbstachtung zu kämpfen, jetzt schämt sich auch noch die Tochter für sie. Roseannes Antwort? "Gut, dann sag Susan Noonan, dass ich ihre Mutter gesehen habe, wie ihr Ansatz gebleicht und ihr Damenbart gewachst wurde."

Gestatten, Roseanne Conner. Immer in Geldnot, immer belagert von pubertierenden Kindern, aber eben immer auch die, die stets das letzte Wort behält - und den letzten Lacher bekommt. Selbst in Zeiten, die es besonders schlecht mit ihr meinten, behält Roseanne dadurch immer die Deutungshoheit über ihr Leben. Gut, dass der Rest der Familie ihr in Sachen Schlagfertigkeit in nichts nachsteht. Als Roseanne etwa über Tochter Darlene Hausarrest "bis in die Wechseljahre" verhängt, fragt die: "Deine oder meine?"

Mit derlei derben Wortscharmützeln eroberte 1988 die Sitcom "Roseanne" die Herzen der Fernsehzuschauer. Hierzulande kam die Serie wenig beachtet ab Januar 1990 im Nachmittagsprogramm, was auch an der deutschen Synchronisation liegen mochte - der hintergründige Humor der Conners war eben oft schlecht zu übersetzen. In den USA lief die Serie über eine ständig in ihrer Existenz bedrohte US-Arbeiterfamilie zur Hauptsendezeit und blieb über Jahre hinweg unter den fünf beliebtesten Sendungen.

Ausbildung um jeden Preis

Die Rahmenhandlung der Serie ist dabei schnell erzählt: In der Fabrik, auf dem Bau, in der Werkstatt, hinterm Tresen - um ihre Familie zu ernähren, nahmen die Eltern Dan und Roseanne, gespielt von Roseanne Barr und John Goodman, jeden Job an. Die drei Kinder dagegen sollten einmal nicht wie sie im fiktiven US-Städtchen Lanford, Illinois, ihr Dasein fristen, mit früher Elternschaft und ohne höhere Ausbildung. College hieß das Ziel, das Dan und Roseanne für die überambitionierte Becky, die spitzzüngige Darlene und den kleinen D.J. auserkoren hatten. Der ungewisse Weg dahin wird in der Serie allerdins immer wieder durchkreuzt von Pubertätskrisen, ersten Küssen, viel Familienzoff und ständigen Besuchen von Roseannes kauziger Schwester Jackie.

"Roseanne" war damit der Gegenentwurf zur ebenso erfolgreichen "The Cosby Show". Die hatte ab 1984 die US-amerikanische Fernsehlandschaft mit dem Porträt einer schwarzen Familie revolutioniert. "Roseanne" schaffte das vier Jahre darauf mit der Darstellung dieser mittellosen Arbeiterfamilie. In der Cosby-Welt waren die Eltern in anspruchsvollen Berufen erfolgreich, gleichzeitig wie durch Zauberhand mit reichlich Zeit für ihre Kinder und sich selbst gesegnet. Es war das Spiegelbild der materialistischen und konsumorientierten Glitzerwelt in den USA der achtziger Jahre. Doch schon damals machte sich bei vielen US-Bürgern die Ahnung breit, dass sich der amerikanische Traum nicht in jedem US-Wohnzimmer erfüllen würde. Weil "Roseanne" den Frust und die Ängste der arbeitenden Bevölkerung thematisierte, wurde die Sitcom sofort zum Erfolg.

Die Kraft der Conner-Familie lag darin, es durch geistreichen Humor mit den schwierigsten Situationen aufzunehmen und wirksame Kritik an den anderen Familienmitgliedern zu äußern. So reagierte Roseanne als Conner-Mutter auf einen handgreiflichen Streit, bei dem sich die beiden Töchter mit Kissen und Decke verkloppen, so: "Ok, es gibt nur einen Weg, das Problem zu lösen. Gib mir das Kissen und gib mir diese Decke. Gut. Jetzt dreht euch zueinander und schaut euch ins Gesicht. Jetzt möchte ich, dass ihr beide kämpft bis zum Tod." So lässt sie die beiden stehen - und raubt dem Streit von Darlene und Becky damit jegliche Energie.

Die Doppelrolle der Roseanne

Inspiriert fühlte sich Roseanne Barr für ihre Serie von ihrer eigenen Geschichte. Geboren 1952 in eine jüdische Arbeiterfamilie, heiratete sie früh, wurde Mutter und arbeitete in verschiedenen Jobs, etwa als Kellnerin. Erst in den achtziger Jahren begann sie, als Komikerin aufzutreten und formte dabei den Charakter der "domestic goddess". Diese Göttin am heimischen Herd hat zwar beruflich keinen Erfolg, dafür ein starkes Selbstbewusstsein und im Privatleben sämtliche Fäden in der Hand.

In den folgenden Jahren erhielt Roseanne Barr verschiedene TV-Angebote - darunter auch die Rolle der Peggy Bundy in der Show "Eine schrecklich nette Familie". Die Sitcom um Schuhverkäufer Al Bundy drehte sich schon ein Jahr vor "Roseanne" um die einfache Arbeiterfamilie, anfangs unter dem Arbeitstitel "Not the Cosbys". Doch die Show nahm ihre Charaktere nicht besonders ernst - Roseanne Barr hatte anderes im Sinn. Sie lehnte ab und erhielt ein Jahr später vom Sender ABC das Angebot für ihre eigene Sitcom.

Die Alltagsquerelen ihres eigenen Familienlebens nahm Roseanne Barr dabei immer wieder als Vorlage für die Darstellung der Conners. Um Themen durchzusetzen, die ihr wichtig waren, musste sich Mitautorin und Hauptdarstellerin Roseanne Barr regelmäßig gegen die Produzenten behaupten. Dabei zeigte sich, dass sie auch abseits ihrer fiktiven Welt die Fäden in Hand behielt. Weil sie vor Start der Serie taktisch klug durchgesetzt hatte, dass diese "Roseanne" hieß und nicht, wie, wie anfangs geplant "Life and Stuff", saß sie bei Konflikten über Inhalte an einem langen Hebel - sie konnte schließlich immer damit drohen, die Serie zu verlassen. Und so setzte sie durch, dass TV-Tabus wie beleibte Hauptdarsteller, Homosexualität, Masturbation, Menstruation, Abtreibung und Verhütung auf den Bildschirm kamen.

Tabubrüche am laufenden Band

Gegen den Willen von ABC schrieb Roseanne Barr mehr und mehr schwule und lesbische Figuren in die Serie - ihr Antrieb dafür waren die Homosexualität ihres Bruders und ihrer Schwester. Für Aufregung sorgte in der sechsten Staffel die Folge "Don't Ask Don't Tell", in der eine lesbische Figur Roseanne Conner auf den Mund küsst. ABC weigerte sich, die Episode auszustrahlen. Im Anschluss an eine mediale Auseinandersetzung mit Roseanne Barr lief die Folge im März 1994 doch - versehen mit einer Warnung für Erziehungsberechtigte. Mehr als 30 Millionen Zuschauer schalteten ein. In einem Artikel in der New York Times stand 1997 anlässlich des Endes der Sitcom, sie habe das Bewusstsein der Massen verändert. Darüber hinaus hieß es: "Die Show hatte dadurch sogar Einfluss auf Menschen, die die Show niemals gesehen hatten."

Doch der Erfolg hatte auch eine Schattenseite. Für die letzten beiden Staffeln bekam Roseanne Barr ein Honorar von 40 Millionen US-Dollar und wurde damit zur damals bestbezahlten Frau im US-Showbusiness nach Oprah Winfrey. Plötzlich war sie nicht mehr die einfache Roseanne, sondern ein Star - und in gewisser Weise der Grundlage für ihre Glaubwürdigkeit beraubt. Diesen Widerspruch wollte Roseanne mit einem inhaltlichen Kniff auflösen. In der letzten Staffel gewinnen die Conners 108 Millionen Dollar im Lotto. Ab sofort spielte die Serie nicht mehr rund um die Connersche Familiencouch, sondern in Wellness-Spas, auf Empfängen und Charity-Veranstaltungen.

So wollte Roseanne Barr ihren plötzlichen Aufstieg in die Welt der Reichen und Schönen behandeln, wo sie, wie sie in einem Interview einmal sagte, einen Identitätsverlust erlitten hatte. Doch genau hier lag das Problem: Ihre Schönheitsoperationen und in den Medien ausgefochtenen Schlammschlachten waren zwar dankbarer Stoff für Promi-News - das "Roseanne"-Publikum jedoch konnte sich mit einer solchen Welt nicht mehr identifizieren.

Trotzdem bewies Roseanne Conner in der letzten Folge noch einmal, dass sie in ihrer Welt alle Zügel in der Hand hält. Mit einer erneuten Volte im Drehbuch erklärt sie die neunte Staffel zur Ausgeburt ihrer Phantasie - weil sie das wahre, sehr traurige Ende sonst nicht ertragen hätte. Damit verkündete Roseanne Conner noch einmal laut und vernehmlich: Ich schreibe mein Leben selbst. Und das ist es schließlich, wofür die Zuschauer sie innig geliebt haben - dass sie immer das letzte Wort behielt.



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Stefan Saathoff, 17.10.2013
1.
großartige Serie. Vor allem die Rolle von John Goodman fand ich immer toll. Habe es immer gerne geschaut. Läuft es aktuell noch irgendwo? Ich fand die Sitcoms dieser Epoche einfach genial.
Uwe Potthast, 17.10.2013
2.
Was den Bezug auf die Cosby Show anbelangt, muss man ergänzen, dass es sich dabei um die erste erfolgreiche Fernsehserie handelt, in der Afroamerikaner in den Hauptrollen und als wohlhabend und erfolgreich gezeigt werden. Deswegen gilt sie in den USA immer noch als Meilenstein in der Fernsehunterhaltung. "Roseanne" war eben auch "Not the Cosby Show", weil sie sich (wieder) auf weiße Amerikaner konzentriert.
Christian Ottensen, 18.10.2013
3.
>Was den Bezug auf die Cosby Show anbelangt, muss man ergänzen, dass es sich dabei um die erste erfolgreiche Fernsehserie handelt, in der Afroamerikaner in den Hauptrollen und als wohlhabend und erfolgreich gezeigt werden." "The Jeffersons" war auch ein erfolgreiches Programm (und die Familie war wohlhabend). "Sanford and Son" war auch erfolgreich
G. Schumann, 18.10.2013
4.
"Was den Bezug auf die Cosby Show anbelangt, muss man ergänzen, dass es sich dabei um die erste erfolgreiche Fernsehserie handelt, in der Afroamerikaner in den Hauptrollen..." Solche Serien gab es bereits in den 70ern. ".... und als wohlhabend und erfolgreich gezeigt werden." Das war tatsächlich das einzige Novum. "Roseanne war eben auch "Not the Cosby Show", weil sie sich (wieder) auf weiße Amerikaner konzentriert." Roseanne war "not the Cosby show", weil sie nicht die Welt der Wohlhabenden, sondern die Welt einer Arbeiterfamilie darstellte, und dabei, im Gegensatz zum zwar mitunter komischen aber eben doch belanglosen Alltag der Huxtables (die keine Existenzsorgen haben), tatsächlich alltägliche Probleme der amerikanischen (weißen) Unterschicht, wie den Verlust des Arbeitsplatzes, Geldsorgen, (ungewollte?) Schwangerschaften etc., aufgriff. "Roseanne" war eine Aneinanderreihung von Tabubrüchen, da sie nicht nur Schwulenhochzeiten und homosexuelle Charaktere (Mitte der 90er) einbrachte, sondern auch ungewollte oder frühe Schwangerschaften bzw. frühes Heiraten zumindest andeutete. Die Serie beleuchtete den amerikanischen "White Trash" und sogar Trailerpark-Existenzen, und damit war Roseanne's Welt, obwohl sie genau wie die Cosby-Show als unterhaltsame Sitcom angelegt war, der absolute Gegenpol zur heilen Welt von Bill Cosby.
Ben Schaller, 18.10.2013
5.
Die letzte Staffel war wirklich sehr schlecht und nicht zum Ansehen. Die letzte Folge und der Bezug auf das Staffelfinale davor allerdings sehr gut inszeniert. Warum wird in dem Artikel aber kein Wort darüber erwähnt, dass George Clooney seine erste wahrnehmbare Rolle in der ersten oder zweiten Staffel der Serie hatte. Er spielte dort über mehrere Episoden den Freund und Vorgesetzten von Jackie. Schade, dass das nicht erwähnt wird.
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