Meine erste CD Oh, du Silbrige!

Meine erste CD: Oh, du Silbrige! Fotos

Herzen erobern, Kumpels beeindrucken, Gitarrenhelden hören, als würden sie live im Zimmer spielen: 1983 eroberte die CD Deutschland - und bescherte 25 SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeitern unvergessliche Momente. Auf einestages erinnern sie sich an ihren Erstkontakt mit der Silberscheibe. Von

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Dieses Mal, nur dieses eine Mal sollte ich meinen Freunden Jahre voraus sein. Normalerweise kaufe ich technologische Neuerungen erst Jahre, nachdem mein Bekanntenkreis bereits darüber nachdenkt, sie zu ersetzen. Aber beim CD-Spieler war es anders. Und das lag natürlich an der Liebe.

Wir saßen im Reisebus auf Klassenreise im Winter 85/86. Ich blickte auf die langen braunen Haare von Katja, die auf dem Platz schräg vor mir saß. Katja ist das schönste Mädchen der Welt, dachte ich. Da passierte es. Auf einmal erklang im Radio eine Gitarre. Das heißt, eigentlich erklang sie nicht einfach, sie sang regelrecht. Sie ließ das Plappern der Klassenkameraden versinken wie hinter Schaumstoff, und selbst Katja war plötzlich nur noch eine blasse Silhouette. Ich hatte nur noch Ohren für die singende Gitarre. Minutenlang schwelgte ich in ihrem Klang, bis sie erstarb. Ein Radiomoderator sagte: "Das waren die Dire Straits mit 'Brothers in Arms'". Die Dire Straits! Ich war verliebt.

Ein paar Tage später besuchte ich meinen Kumpel Florian. Sein Vater brachte abends eine CD mit nach Hause. "Hier, guck mal, von den Dire Straits." Florian schaute kaum hin. Ich hingegen starrte auf die hellblaue CD-Hülle mit der silbernen Gitarre drauf. Die gleichnamige LP "Brothers in Arms" hingegen war, wie ich bald erfuhr, erheblich kürzer als die CD-Fassung. Lange Instrumentalpassagen waren darauf abgeschnitten worden. Um jeden Gitarrenton hören zu können, brauchte ich also die CD.

Irgendwann im Frühjahr 1986 war es dann endlich so weit: Ich fuhr mit Papa ins Einkaufszentrum, um meinen ersten CD-Spieler zu kaufen. Dafür hatte ich mein Weihnachtsgeschenk und all mein Erspartes zusammengelegt. Klar, dass ich die angebotenen Geräte da besonders skeptisch und ausgiebig auf ihre Qualität prüfte. Erster Test: Der Druck auf die Auswurftaste. Je langsamer die CD-Lade ausfuhr, desto besser das Gerät, das war klar. Zweiter Test: Der Blick auf die Beleuchtung. Dafür den CD-Spieler abdunkeln, indem man die Handfläche über die Kante des Geräts wölbte wie einen Schirm. Blaues Licht wies auf ein wertvolles Modell hin, rotes auf ein schrottiges, grünes auf eines mittlerer Qualität. Wusste jedes Kind.


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Nach langwieriger Auswahl trug Papa am Ende einen braunen Karton zur Kasse, in dem ein kleines Gerät der Marke Sony steckte. Ich trug das Allerwichtigste: Die hellblaue CD mit der silbernen Gitarre drauf. Ich hatte das berauschende Gefühl, etwas ungeheuer Gewichtiges und zugleich Zerbrechliches in der Hand zu halten, das schon seit langer Zeit zu mir gehörte. Zu Hause allein im Zimmer, warf ich sofort den CD-Player an. Los ging es mit "So Far Away", "Money for Nothing" und "Walk of Life" - und zuletzt: "Brothers in Arms". Die singende Gitarre von Mark Knopfler. In kristallklarer Tonqualität. Welch ein Ereignis.

Ich erlebte eine technologische Revolution in meinem Zimmer: Die komfortable Bedienung des Geräts, dieser Klang, die Haltbarkeit der CDs begeisterten mich. Leider entpuppten sich manche Verheißungen aber bald als Reinfall: Bei anderer Musik als den Dire Straits vermisste ich gelegentlich das Knistern der LP. Meine Kumpel und ich überlegten sogar, ob wir Abhilfe schaffen könnten. Ob es etwas bringen würde, Tabak in die CD-Lade zu stopfen? Und obwohl viele behaupteten, CDs seien deutlich robuster als LPs, sahen die CDs dieser Leute oft aus, als sei jemand drauf Schlittschuh gelaufen.

Was mich wirklich dauerhaft begeisterte, war die Random-Funktion, die Lieder in Zufallsreihenfolge abspielte. Aber selbst damit konnte ich keinen Eindruck schinden: Mein Freund Sven erklärte nur trocken, da könne man ja gleich Radio hören. Und blieb seinem Plattenspieler treu.

Nach sechs Monaten hatte ich ungefähr zehn CDs, darunter sieben von Mark Knopflers Dire Straits. Darüber hinaus hielt sich meine Sammlerbegierde in Grenzen. Die große Liebe wurde es nicht mit mir und der CD. Und auch mit Katja ist es nichts geworden. Aber eines blieb bis heute: Ein Tag ohne die Lieder von Mark Knopfler kommt bei mir nicht vor.

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insgesamt 30 Beiträge
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1.
Thomas Schäfer, 05.03.2013
Ich kann das Gefühl gut nachvollziehen: mit meinen alten Vinyl LPs hatte ich öfter das "Lagerfeuer-Syndrom"; ausgesuchte LPs hatte ich mir deshalb sogar ein 2tes Mal gekauft. Diese Probleme mit der verdreckten Abtastnadel bzw. der verstaubten Rille gehörten nun der Vergangenheit an: mit der CD konnte ich Musik auch leise ohne störende Zusatzgeräusche hören Weiterer Bonuspunkt: Im Vergleich zur LP ist die CD platzsparender
2.
Volker Menden, 05.03.2013
Die CD ist tot. In Zeiten des alles, jetzt, sofort, immer und überall kann es nur einen Gewinner geben: Die VINYL !!
3.
Pat Warner, 05.03.2013
Mir ist nicht bekannt, daß die ersten CD Player schon blaue LEDs und Beleuchtung hatte. Blaues Licht gabe es erst ab ca. 1989/1990 und zu Preisen, die keinen Platz in den eng kalkulierten CD-Playern hatten. Mein erster Philips hatte die bernsteinfarbene Klotzbeleuchtung
4.
Ole Weigelt, 05.03.2013
Brothers in Arms war auch meine erste CD, gleichzeitig gekauft mit The Getaway von Chris de Burgh. Höre ich beide heute noch...
5.
Peter Müller, 05.03.2013
Meine erste CD war Peter Gabriels "Peter plays Live". In einem NAD Player hatte ich dann die erste Erfahrung mit dem Klang. Da ich die Platte auswendig kannte war ich absolut begeistert, was da an Dynamik und Klarheit auf einmal rauskam, obwohl mein Thorens Plattenspieler nicht schlecht war. Ab dann habe ich erst einmal alle meine Lieblingsplatten durch CDs ersetzt - Brothers in Arms, Body and Soul von Joe Jackson, etc. Nun höre ich aus bequemlichkeit nur noch selten CDs und alles liegt auf einem Server - aber so entwickelt sich das nun mal
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