"Da Da Da" "Gefeiert, gesoffen, den Luxus genossen"

Gagaga: Im Februar 1982 wurde die Provinzband Trio mit dem Nonsens-Song "Da Da Da" weltberühmt. Im Interview mit einestages erinnert sich Schlagzeuger Peter Behrens an die Entstehung ihres Hits - und spricht über Sexpuppen als Sängerinnen, blutige Bühnenrituale und den freien Fall aus dem Pop-Olymp.

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einestages: Herr Behrens, 1982 stürmte das Lied "Da Da Da" Ihrer Band Trio die Charts. Wie schreibt man einen Welthit?

Behrens: Naja, wir brauchten im Prinzip nur einen Taschenrechner.

einestages: Einen Taschenrechner?

Behrens: Ja. 1981 wohnte ich mit dem Trio-Sänger Stephan Remmler und unserem Gitarristen Kralle Krawinkel in einem Haus in der Nähe von Oldenburg, wir probten im Keller. Eines Tages übte ich unten mit Kralle, Stephan hörte uns von oben zu - und dabei hatte er eine Idee. Er besaß so ein billiges Spielzeug-Keyboard von Casio mit Taschenrechner drin. Und als er die Kellertreppe runterkam, spielte das Keyboard einen Beat: "plickplockplick - plickplockplick". Er sang dazu: "La La La!". Erst nach einer Weile kam er auf die Idee mit dem "Da Da Da". Zum Glück.

einestages: Die Single wurde in 30 Ländern ein Riesenhit, spielte mehrfach Gold und Platin ein. Wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst: "Ich bin ein Star!"?

Behrens: Das war 1982, als wir auf unserer Tour durch die deutschen Plattenläden waren. Als wir am Morgen nach unserem Auftritt in Saarbrücken durch die Stadt fuhren, mussten wir an einer riesigen Kreuzung halten, links neben uns Autos, rechts Autos. Von irgendwo hörten wir plötzlich: "plickplockplick - plickplockplick". Wir haben sofort die Scheiben runtergekurbelt, und tatsächlich: Im Auto links lief "Da Da Da", und im Auto rechts auch. Da haben wir begriffen: Jetzt geht's richtig los!

einestages: Haben Sie es da bedauert, dass sie kurz vorher auf dem Cover Ihrer ersten LP "Trio" die Telefonnummer ihrer gemeinsamen WG abgedruckt hatten? Es heißt, die Fans hätten rund um die Uhr angerufen.

Behrens: Bedauert nicht, aber wir waren schon überrascht von dem Ansturm. Die Telefonleitung glühte. Wir hatten nur ein Telefon in der WG, im Keller, und das war jetzt dauernd besetzt. Jeder wollte sehen, ob sich unter der Nummer wirklich die Leute von Trio meldeten. Also mussten wir uns aufteilen und haben in drei Schichten Telefondienst gemacht.

einestages: Wie bitte? Sie haben sich tatsächlich selbst ans Telefon gesetzt, um die ganzen Anrufe entgegenzunehmen?

Behrens: Klar, wir haben abwechselnd im Keller gesessen und aufgeregte Anrufer beschwichtigt: "Was!? Nein! Wirklich? Bin ich jetzt mit Trio verbunden? Ich probier schon seit Tagen durchzukommen, aber immer ist besetzt!" So ging das wochenlang. Wir haben dann sehr schnell für jeden einen eigenen Telefonapparat besorgt, damit man auch mal wieder privat telefonieren konnte.

einestages: Was hat der Erfolg von "Da Da Da" noch verändert?

Behrens: Alles. Vor allem Kralle und ich haben uns damit schwergetan. Wir hatten 20 Jahre lang mit unserem Rock'n'Roll in Bands rumgekrebst, und plötzlich standen wir im Rampenlicht. Wir haben das dann sehr ausgekostet, gefeiert, gesoffen, den Luxus genossen und uns dabei leider kreativ hängen lassen.

einestages: Was meinen sie mit "kreativ hängen lassen"?

Behrens: Es war plötzlich gar keine Zeit zum Proben mehr da - wir wurden pausenlos von Fernsehauftritt zu Fernsehauftritt weitergereicht. Kralle und ich interessierten uns dann mehr fürs Feiern als dafür, Stücke einzustudieren. Stephan war da etwas schlauer als wir beide. Er hatte damals wohl schon eine Solokarriere im Hinterkopf.

einestages: Der Ruhm hat Sie überfordert?

Behrens: Das kann man so sagen.

einestages: Trio tourte nach "Da Da Da" durch ausverkaufte Hallen - und Sie bewegten am Schlagzeug nie eine Miene.

Behrens: Lustig, oder? Dabei bin ich eigentlich überhaupt kein ernster Mensch. Ich bin ja ausgebildeter Clown.

einestages: Das ist jetzt wirklich lustig!

Behrens: Bevor ich bei Stephan und Kralle einstieg, war ich ein Jahr in Mailand auf der Artistenschule, Schwerpunkt Clown. Das war für Trio ganz hilfreich. Meine Rolle in der Gruppe war es, etwas Komikhaftes hineinzubringen. Wir hatten damals alle unsere festen Rollen, die wir mit der Zeit immer weiter ausgearbeitet haben...

einestages: Stephan Remmler trug diese Dreißiger-Jahre-Anzüge à la Gary Cooper...

Behrens: ...genau, Kralle Krawinkel gab den Rocker vom Land in Holzschuhen, und ich mit weißen Hosen, roten Hosenträgern und einer hochgegelten Locke spielte mit steinerner Miene Schlagzeug.

einestages: Eine ernste Rolle für einen Clown. Fiel Ihnen das schwer?

Behrens: Es hat schon gedauert. Und natürlich hat sich beim Publikum rumgesprochen, dass ich nie lache auf der Bühne. Bei den Konzerten fingen dann Leute an, Faxen zu machen, um mich zum Lachen zu bringen. Immer wenn ich kurz davor war, zu lächeln, hab ich mir auf die Zunge gebissen, um nicht aus der Rolle zu fallen. Jeden Abend nach dem Auftritt hatte ich eine blutige Zunge.

einestages: Bei all der Inszenierung - wie spontan waren die Gags auf der Bühne?

Behrens: Gar nicht spontan. Bei uns war alles durchgeplant: Die Triangel-Soli mit einer Axt, die Sexpuppe anstelle einer Backgroundsängerin, das Loblied auf den Bommerlunder und so weiter. Das wirkte vielleicht improvisiert - es waren aber jeden Abend die gleichen Sprüche, die gleiche Show.

einestages: Songs wie "Da Da Da" wurden oft als Satire auf Schlager verstanden. Wie ironisch war Trio?

Behrens: Überhaupt nicht ironisch. Uns ging es immer um echte, persönliche Geschichten. Wie bei unserem Lied "Sabine Sabine Sabine"...

einestages:...darin telefoniert Stephan Remmler zu seichter Hintergrundmusik mit einer Freundin, die ziemlich sauer zu sein scheint. Gab es eine echte Sabine?

Behrens: Drei - unsere Freundinnen. Stephan, Kralle und ich wohnten ja nur aus einem Grund in einer WG: Damit wir zu jeder Tag- und Nachtzeit Musik machen konnten. Wir ackerten stundenlang im Keller, und unsere Freundinnen waren zunehmend verstört, dass wir keine Zeit mehr für sie hatten. Wenn wir dann eine Probenpause gemacht haben, mussten die immer am Telefon beschwichtigt werden: "Ach nee, heute nicht. Wir können nicht. Och, Butschiekutschie, nun sei doch nicht so…". Stephan hatte dann die Idee, das auf Platte zu bringen.

einestages: Wenn es nicht um Ironie ging - was war die Kernidee von Trio?

Behrens: Reduzierung. Als wir die Band Ende der siebziger Jahre gründeten, wurde im Rock'n'Roll alles immer gigantischer: größere Anlagen, größere Lightshows, größere Verstärkerwände. Wir wollten zurück zu den Wurzeln. Außerdem konnten wir uns das ganze Zeug auch gar nicht leisten.

einestages: Dieser minimalistische Sound wurde dann Ihr Markenzeichen.

Behrens: Genau, das haben wir ganz bewusst kultiviert. Unsere erste LP "Trio" von 1981 haben wir zum Beispiel in einem umgebauten Schweinestall in Husum aufgenommen, weil der so einen wunderbaren Garagenklang hatte.

einestages: Im Laufe der Jahre kam Trio aber immer mehr von diesem rohen Sound ab. Schon vier Jahre später gab es auf "Whats The Password", dem letzten Trio-Album, dicke Keyboard-Teppiche und Drumcomputer statt Garagensound. Wie kam es zu diesem Wandel?

Behrens: Wir haben uns einfach musikalisch immer mehr auseinandergelebt. Stephan wollte seinen Pop machen, Kralle und ich mehr Rock. 1985, bei den Aufnahmen zu "Whats The Password", war ich schon gar nicht mehr mit im Studio - ich musste damals gerade fünf Monate und 20 Tage Haftstrafe absitzen, weil ich mehrfach unter Alkoholeinfluss am Steuer erwischt worden war. Alles entfernte sich immer mehr vom reduzierten Rock'n'Roll, und wir spielten kaum noch live, sondern nur noch im Fernsehen mit Halb-Playback.

einestages: Während Remmler und Krawinkel nach dem Ende von Trio 1986 Millionäre waren, ging es mit Ihrer Karriere bergab: Schulden, Alkoholprobleme, Arbeitslosigkeit. Die Presse, die sie gerade noch als Star gefeiert hatte, weidete den Absturz aus.

Behrens: Und wissen Sie was? Das hat mich gar nicht gestört. Ich hab ja bei diesen ganzen blöden Geschichten in den Medien nur mitgespielt, weil die mir dafür immer ein paar hundert Mark oder Euro gegeben haben. Ich brauchte einfach Kohle, nachdem das mit Trio vorbei war. Ich war vom feudalen Leben verwöhnt, und plötzlich war der Geldhahn zu. Anders als Kralle und Stephan hatte ich an den Songs nicht mitgeschrieben - und während die Millionen an den Urheberrechten verdienten, bekam ich gar nichts.

einestages: Nach all diesem Auf und Ab: Wenn sie heute noch einmal die Wahl hätten - würden sie wieder bei Trio einsteigen?

Behrens: So etwas kann man nicht wiederholen. Es ist mir einfach passiert.

Das Interview führte Danny Kringiel



insgesamt 9 Beiträge
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Michael Stephan, 18.01.2012
1.
Ach Trio, was hab' ich euch geliebt. Vor allem die im Radio kaum bis nie gespielten Titel der ersten LP wie Kummer, Los Paul, Energie etc. zeigen, daß ihr von den meisten unterschätzt wurdet
Christian Simons, 18.01.2012
2.
Das Beste an der Neuen Deutschen Welle war das dumme Gesicht von Dieter Thomas Heck, der Anfang der 80er in seiner "Hitparade" miterleben musste, wie sein heißgeliebter Fönfrisur-Schlager allmählich von den Dadaisten verdrängt wurde. Noch heute mosert er in Interviews, wenn er an "Geier Sturzflug" und "Besuchen Sie Europa, solange es noch steht." erinnert wird. PS: Mein persönlicher Favorit der NDW war damals das "Tretboot in Seenot" mit Fräulein Menke...
Stuart Choche, 18.01.2012
3.
"....ratattattattattattattatt..pjui pjui pjui..." Genau wie mein Vor-Poster schreibt: Nicht die Da Da Das waren genial, sondern das Rohe. Und Remmler hatte großartige Texte zu bieten - verglichen mit der NDW-Flatulenz in jenen Tagen. Steht immer noch zwischen Radiohead und Tschaikowsky im Regal...
Andy Griebel, 19.01.2012
4.
TRIO -> einfach genial! Kohle machen solange es geht. Beste Band in dieser Zeit. Sowas gibt es heute leider nicht mehr, schade eigentlich... I would say "LIKE"
Martina Hischebeth, 19.01.2012
5.
1981 in Lüneburg in einer Disco. Wir waren zu dritt und auf dem Plakat war TRIO angeschlagen... nun ja, schauen wir es uns mal an. Im Publikum etwa 10 Leute, am Thresen ein seltsam aussehender Mann mit roten Hosenträgern, der gedankenverloren die Eiswürfel im Whiskey runterstupste. Eine Weile später. Licht auf der Bühne. Der seltsame Mann am Schlagzeug und da hing sie: "Carmen mit dem halbgeöffneten Mund" und dem Ratschlag, dass man bei Geldüberschuss keine Investitionen in Gummipuppen tätigen soll. Geiler Abend, geile Mucke. Eine Woche später wurde "Sabine" im Radio gespielt und die Trio-Post ging ab....
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