30 Jahre Friedensvertrag Israel-Ägypten Handschlag für die Hoffnung

30 Jahre Friedensvertrag Israel-Ägypten: Handschlag für die Hoffnung Fotos
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Versöhnen statt vernichten: Vor 30 Jahren schlossen Ägypten und Israel Frieden. Der epochale Brückenschlag zwischen dem Araberstaat und dem Staat der Juden fand in Washington statt und hält bis heute - dauerhaften Frieden hat er der Region nicht gebracht. Von Volkhard Windfuhr, Kairo

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Ernst schauten der olivenhäutige Lockenkopf und der kleine Brillenträger mit dem schütteren Haupthaar drein, als sie sich am 26. März 1979 auf dem Rasen des Weißen Hauses die Hände zum Friedensschluss reichten. Zwischen dem ägyptischen Staatschef Anwar al-Sadat und dem israelischen Premier Menachem Begin strahlte dafür der Gastgeber, US-Präsident Jimmy Carter sein berühmtes Südstaatlergrinsen. Wie zum Segen legte der mächtigste Mann der westlichen Welt seine Hände auf den zögerlichen Handshake der beiden Hauptbeteiligten, zur Besiegelung des Paktes, mit dem diese soeben den dreißig Jahre währenden Krieg zwischen ihren Ländern beendet hatten.

Die Initiative zu dem Abkommen, das vor genau dreißig Jahren Epoche machte, ging vom Ägypter Sadat aus. Seine Entscheidung, den gordischen Knoten der sich immer wieder gefährlich hochschaukelnden Nahostkrise durch einen gewagten, "friedlichen Schwertstreich" (so damals Radio Kairo) zu durchschlagen, fiel in der letzten Oktoberwoche 1977. "Er wusste, dass nur er allein in seiner Eigenschaft als Präsident des größten, militärisch und politisch wichtigsten arabischen Landes das Undenkbare tun konnte: Mit den Feinden Frieden schließen", erinnerte sich Sadats Frau Jihan später.

Nur drei Wochen später, am 19. November 1977, landete Sadat zu seinem historischen Staatsbesuch in Tel Aviv - der Hauptstadt des Staates, mit dem sich Ägypten offiziell im Kriegszustand befand und das er selbst im Jom-Kippur-Krieg vier Jahre zuvor noch um ein Haar militärisch besiegt hatte. Sadat sprach vor der Knesset, dem israelischen Parlament, und besuchte die heilige Stadt Jerusalem. Zigtausende Palästinenser jubelten dem ägyptischen Staatsmann zu, als er in der Aksa-Moschee, nur wenige Meter oberhalb der Klagemauer, betete. Sie scherten sich nicht um die Proteste der Araberführer und den Aufruf der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), den "Verräter an der arabischen Sache" zu meiden und nicht durch Jubelrufe aufzuwerten.

Sadat packt die Koffer

Die Euphorie der meisten Palästinenser, aber auch der Israelis und vor allem der Ägypter war echt. Ich habe Leute aller Altersgruppen weinen sehen, aus Freude, dass ihr moderner Pharao seinem Land und allen Völkern des Nahen Ostens endlich den längst überfälligen Frieden bescheren würde. Die Atmosphäre der Hoffnung hielt erstaunlich lange an - was auch nötig war, denn die Friedensverhandlungen zwischen den beiden verfeindeten Nachbarn zogen sich auch nach der epochemachenden Visite noch lange hin.

Im amerikanischen Camp David unweit der US-Hauptstadt Washington brachte US-Präsident Jimmy Carter im September 1978, fast ein Jahr nach dem Startschuss durch Sadats Tel-Aviv-Besuch, den ägyptischen Staatschef und Israels orthodoxen Ministerpräsidenten Menachem Begin zusammen. Doch es gab keine Bewegung. Begin wollte auf keinen Fall die gesamte Sinai-Halbinsel räumen, Sadat hingegen verlangte als Bedingung für seine Unterschrift den Beginn von Friedensverhandlungen mit den Palästinensern.

Mehrfach standen die Verhandlungen vor dem Scheitern, einmal packte der ägyptische Präsident bereits die Koffer. "Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben", gestand mir Sadat später. "Begin wollte zum Beispiel einige jüdische Siedlungen behalten." Mosche Dayan, der berühmte israelische Kriegsheld und Verteidigungsminister, erzählte mir Jahre nach den Ereignissen in einer Egypt-Air-Maschine auf dem Rückflug von den Felsentempeln von Abu Simbel in Oberägypten, dass er in Camp David niemals zugestimmt hätte, die Ostküste des Sinai zurückzugeben.

Camp David revisited mit Arafat

Doch Gastgeber Carter rettete die Situation, und in letzter Minute packte Sadat die Koffer wieder aus, die Verhandlungen gingen weiter. Am Ende gab Begin die jüdischen Siedlungen auf, Sadat war mit einer weichen Absichtserklärung über die baldige Aufnahme von Verhandlungen mit den Palästinensern zufrieden. Nachdem die Knesset zugestimmt hatte. Der dreifache Händedruck der beiden Ex-Feinde und des Vermittlers Carter im Rosengarten des Weißen Hauses in Washington besiegelte am 26. März 1979 vor drei Jahrzehnten auf den Tag genau den Frieden zwischen Israel und Ägypten.

Die Reaktion der restlichen Araberstaaten war zunächst hart: Ägypten wurde aus der Arabischen Liga verstoßen, deren Sitz für ein Jahrzehnt von Kairo nach Tunis verlegt. Die meisten arabischen Staaten brachen ihre Beziehungen zu Ägypten ab, doch die von Iraks Saddam Hussein und Syriens Hafis al-Assad angeführte "Widerstandsfront" erging sich letztlich in Parolen ohne Folgen. Auch PLO-Führer Yassir Arafat, der geschworen hatte, seine Hand werde verdorren, ehe er sie je wieder dem ägyptischen Präsidenten reichen werde, suchte schließlich die Versöhnung - und versuchte auf seine eigene Weise, Sadats Friedensoffensive im Alleingang zu wiederholen.

1993 unterzeichneten Palästinenser und Israelis das "Oslo-Abkommen", mit dem die Zweistaaten-Lösung zur weltweit, auch von den Israel-Freunden in den USA, akzeptierten Verhandlungsrundlage wurde. Ein Friedensfahrplan wurde erstellt. Doch der "Oslo-Prozess" scheiterte 2000 ausgerechnet in Camp David, wo sich Arafat mit Israels Premier Ehud Barak traf, um einen Durchbruch zu erzielen wie Sadat und Begin 22 Jahre zuvor - es folgte die blutige erste Intifada.

"Eine andere Lösung gibt es nicht"

Ansonsten folgte ganz Arabien, grosso modo, dem Beispiel Ägyptens. Jordanien schloss einen Friedensvertrag mit Israel, der bis heute hält und den nicht einmal die palästinensischstämmige Bevölkerungsmehrheit ernsthaft in Frage stellt. Mauretanien nahm Beziehungen mit Israel auf, Marokko empfing den israelischen Ministerpräsidenten Schimon Perez mit einer großen Delegation, mehrere Golfstaaten ließen die Etablierung israelischer Handelsmissionen zu, und selbst Syrien verhandelte mit Israel über die Rückführung der Golanhöhen.

Auf den Arabergipfeln in Beirut 2002 und in Riyad 2007 segneten die Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga unisono einen Friedensplan ab, der auf der gegenseitigen Anerkennung Israels und der arabischen Staaten basiert. Im Gegenzug fordern sie die Freigabe der 1967 besetzten palästinensischen Gebiete - inklusive das arabische Ostjerusalem, das Hauptstadt des Staates Palästina werden soll. "Eine andere Lösung gibt es nicht", sagte sogar Israels damaliger Regierungschef Ehud Olmert noch im Januar 2009, "machen wir uns nichts vor."

Dass es einen neuen Krieg mit Israel geben wird, glaubt außer der islamistischen Hamas im Gaza-Streifen und der vom Iran ausgehaltenen schiitischen Hisbollah im Libanon in der arabischen Welt niemand - obwohl Israels Friedenswille nach der schwerwiegenden Intervention im Gaza-Streifen vielen unglaubwürdig erscheint. Doch sogar Syrien, das sich gerne als Hardliner gegenüber dem Judenstaat gibt, will wieder mit Israel verhandeln. Auch der arabische Friedensplan bleibt unangetastet. "Die Karawane zieht weiter", sagt Amr Mussa, Generalsekretär der Arabischen Liga. Die Hardliner auf beiden Seiten ziehen den Prozess in die Länge, der vor dreißig Jahren auf dem Rasen vor dem Weißen Haus einen ersten symbolträchtigen Höhepunkt erlebte. Aufhalten können sie ihn nicht.

SPIEGEL-Korrespondent Volkhard Windfuhr berichtet seit 1974 aus dem Nahen Osten.

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