Gründung von Greenpeace Deutschland "Die Wut spornt mich an"

Per Gummizelt gegen die Giftmüll-Titanen: 1980 startete Greenpeace seine erste Protestaktion in Deutschland. Auf einestages erzählt Gründungsmitglied Harald Zindler von der riskanten Schiffsblockade in Nordenham - bei der die Regenbogenkrieger am zweiten Tag um ihr Leben bangen mussten.

Greenpeace/Pierre Gleizes

Am 13. Oktober 1980 ereignete sich in Westdeutschland eine kleine Ökorevolution: Gleich an vier Orten der Bundesrepublik gingen Umweltschützer gleichzeitig auf die Barrikaden. Der Zorn der Menschen richtete sich gegen die Chemieindustrie, die hochgiftige Abfälle in der Nordsee billig entsorgte, was zu schweren Missbildungen bei einem Drittel der Meerestiere führte. Aktivisten kippten tonnenweise kranken Fisch vor das Bayer-Werk in Brunsbüttel und das Deutsche Hydrographische Institut in Hamburg, das die Giftmüll-Verklappung genehmigte. In Leverkusen blockierten sie die Dünnsäureverladebrücken der Chemiefirmen Kronos Titan und Bayer, in Nordenham ketteten sie sich an ein Verklappungsschiff. Die konzertierte Protestaktion gilt als Startschuss für die Gründung von Greenpeace Deutschland. Als Mann der ersten Stunde riskiert der heute 66-jährige Harald Zindler seit drei Jahrzehnten Kopf und Kragen für eine saubere Umwelt.

Es war noch stockdunkel, als wir uns an jenem Morgen des 13. Oktober gegen vier Uhr in die Weser gleiten ließen. Und eiskalt. Unbemerkt pirschten wir uns mit dem Schlauchboot an die gigantische "Kronos" heran, immer wieder drückte uns die starke Strömung von unserem Ziel weg. Bedrohlich ragte er über uns auf, der gigantische Tanker. Noch war sein Bauch nicht mit der giftigen Dünnsäure gefüllt, heute sollte die Ladung kommen. Stattdessen kamen wir.

Während ich mit dem Schlauchboot kämpfte, versuchte Heiner Christopher verzweifelt, die beiden Rettungsinseln startklar zu machen, die uns die Finkenwerder Fischer gespendet hatten: kleine Gummizelte, die sich per Reißleine aufblasen lassen.

Als die Inseln sich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich mit einem Knall aufrichteten, befestigten wir sie mit Stahlseilen an Bug und Heck des Tankers, setzten uns hinein - und fertig war die Schiffsblockade. Für heute konnte die "Kronos" nicht auslaufen und ihren Müll in die Nordsee pumpen. Für heute hatten wir unser Ziel erreicht.

"Als hätte man Zigaretten auf ihnen ausgedrückt"

Als Hamburger lag mir die Elbe immer am Herzen, hier bin ich aufgewachsen, habe ich gespielt, gebadet, gebuddelt. Das Schicksal des Flusses ließ mich ebenso wenig kalt wie das der anderen Gewässer, in die Industrieunternehmen ihre Abfälle kippten. Da ich als Starkstromelektriker auf den Werften arbeitete, hatte ich engen Kontakt zu den Fischern. Sie erzählten mir von der Giftmülltragödie: Seit Jahren kippte die Chemiefirma Kronos Titan Nordenham nordwestlich von Helgoland ihren Dreck in die Nordsee. Durch die viele Dünnsäure wurde rund ein Drittel der dort lebenden Fische krank.

Während den Aalen blumenkohlartige Geschwüre aus dem Mund wuchsen, sahen die Plattfische so aus, als hätte man Zigaretten auf ihnen ausgedrückt, kein schöner Anblick. Die Fischer wollten endlich ein Zeichen setzen, gemeinsam mit verschiedenen Bürgerinitiativen, vor allem dem Bielefelder "Verein zur Rettung von Walen und Robben" sowie dem "Kölner Arbeitskreis Chemische Industrie" starteten sie eine Aktion gegen die Dünnsäureverklappung in der Nordsee.

Vorbild waren die Proteste in Rotterdam, wo holländische Greenpeacer im Mai 1980 zwei Bayer-Giftmüllfrachter am Auslaufen gehindert hatten. Aufgrund ihrer Erfahrung halfen uns die Niederländer maßgeblich bei der Organisation des Protestes. Denn noch gab es hierzulande gar kein Greenpeace, sondern allein William Parkinson, einen britischen Lehrer aus Bielefeld, der von Greenpeace International den Auftrag bekommen hatte, eine deutsche Sektion zu gründen.

Unterschlupf in einer WG direkt am Deich

Ich selbst, bis dato vor allem in der Anti-Atomkraft-Bewegung aktiv, erfuhr von der geplanten Protestaktion durch den Hafenarbeiter Heiner Christopher. "Die brauchen Leute mit Schiffserfahrung", sagte er und überzeugte mich, mitzumachen. Gemeinsam mit Christopher sowie meiner damaligen Lebensgefährtin Monika Griefahn, Parkinson und einer Handvoll weiterer Aktivisten, darunter zwei Holländer und ein Däne, fuhren wir los in Richtung Nordenham.

Hier mündet die Weser in die Nordsee und fuhren die Verklappungstanker mit ihrer Dünnsäureladung los. Unterschlupf fanden wir in einer Wohngemeinschaft direkt an den Hafenanlagen, vom Küchenfenster aus sahen wir über den Deich auf die andere Seite der Weser, direkt auf den Kai der Firma Kronos, wo das Schiff lag.

Im Morgengrauen starteten wir zu Wasser. Allerdings nicht, wie geplant, mit der "Rainbow Warrior" - das Greenpeace-Schiff wurde zu der Zeit von der spanischen Marine festgehalten, da es Walfängern die Arbeit erschwert hatte. Unser Gefährt war ein kleines, recht marodes Schlauchboot, das uns die holländischen Greenpeacer geliehen hatten.

Buddel Rum für die Giftmüll-Crew

Sobald wir unsere Rettungsinseln an Bug und Heck der "Kronos" gekettet hatten, warfen wir eine Leine über die Reling und schickten der Besatzung unsere Protestbotschaft an Bord. Für heute hatten wir die Crew am Auslaufen gehindert - die Leute hatten jetzt Feierabend. "Macht es euch gemütlich", riefen wir den Männern zu und seilten ihnen eine Buddel Rum hoch. Wir selbst rollten die Schlafsäcke aus, aßen die mitgebrachten Stullen und richteten uns häuslich ein. Wenn einer nicht mehr konnte, wurde er ausgewechselt, das Schlauchboot sollte uns vom Ufer aus mit Lebensmitteln versorgen - gab aber schon am ersten Tag den Geist auf.

Von da ab half uns ein Fischer mit seinem kleinen Boot aus. Am zweiten Tag, frühmorgens gegen fünf, wurde dann ein Anschlag auf uns verübt. Ein Schlepper rauschte mit voller Kraft so dicht an der vorderen Rettungsinsel vorbei, dass ein extremer Sog entstand. Die Insel kippte, Wellen schlugen in den Eingang. Dann riss sie aus ihrer Verankerung und trieb weg. Bei der Strömung wäre es lebensgefährlich geworden, über Bord zu gehen. Klatschnass und durchgefroren schöpften wir die Insel wieder aus, vertäuten sie neu und machten weiter.

Unterdessen setzten uns die Leute von Kronos unter Druck, 200.000 Mark Schadensersatz forderten sie pro Tag. Da sprangen ein paar von uns ab, nicht jeder wollte ein so hohes Risiko eingehen. Nun kamen auch noch dichter Nebel und Wind auf, wir konnten keine fünf Meter weit sehen und waren auf unseren Inseln vom Ufer abgeschnitten. Das Boot, das uns versorgte, konnte nicht fahren.

Oberster Troublemaker

Am Donnerstagmittag schließlich reichte uns der Gerichtsvollzieher von der "Kronos" aus per Kran eine einstweilige Verfügung in die Insel. Wir falteten daraus eine Papierschwalbe - und blieben sitzen. Um 16 Uhr schnitt uns die Wasserschutzpolizei los und schleppte die Inseln zum Hafen. Die Personalien nahm keiner auf.

Die Blockade war gestoppt, unser Ziel hatten wir trotzdem erreicht: Das Thema "Dünnsäureverklappung" war in aller Munde, Kronos stand als Umweltverpester am Pranger - und Greenpeace hatte sich mit einem Schlag bundesweit in die Schlagzeilen katapultiert. Zumal auch die anderen drei Aktionen, die Blockade in Leverkusen und die Proteste mit den missgebildeten Fischen in Brunsbüttel und Hamburg, toll geklappt hatten.

Am 18. November 1980, gut einen Monat nach der Protestaktion "Blockade von Nordenham", konstituierte sich in Bielefeld dann erstmals in der Bundesrepublik offiziell eine Greenpeace-Sektion. Das Revolutionäre an Greenpeace war damals vor allem die völlig neue Protestkultur: Man marschierte nicht mehr anonym bei Demos mit, sondern setzte sich individuell für eine Sache ein, haftete mit der eigenen Person. Und ich war sozusagen oberster Troublemaker des gewaltfreien Widerstandes.

"Die Demokratie braucht einen Störfaktor"

Schon in Nordenham war das nicht ungefährlich - richtig brenzlig wurde es in den Jahren darauf. 1981 etwa versuchten wir erneut, die Dünnsäuretanker am Verklappen zu hindern, diesmal sprangen wir vor dem Bug der auf uns zufahrenden "Kronos" ins Wasser, um eine lebende Barriere zu bilden: ein ekliges Gefühl, die aus dem Schiff laufende, giftige Dünnsäure auf der Haut zu spüren und zu schmecken. Im selben Jahr kletterte ich den Schornstein der Pestizidfabrik Boehringer in Hamburg empor.

Wir hatten uns mit einer selbst erfundenen Spedition namens Friedemann Grün aufs Werksgelände geschmuggelt und verharrten 26 Stunden lang auf dem Schlot. Alle paar Stunden mussten wir die Filter der Gasmasken auswechseln, um nicht zu ersticken - aus dem Schornstein pumpte Boehringer giftiges Dioxin in die Luft.

Wirklich um mein Leben bangen musste ich, als wir mit einem Schlauchboot auf dem Atlantik versuchten, die Crew eines britischen Frachters davon abzuhalten, Atommüllfässer ins Meer zu werfen - eine damals durchaus übliche Praxis. Eines der 800-Kilo-Fässer stürzte direkt auf mich zu und donnerte nur wenige Zentimeter entfernt vor mir ins Meer. Das Schlauchboot bäumte sich auf, mit Tauen und Haken versuchte die Crew des Atommüllfrachters, unsere Boote zu verjagen.

1983 schließlich wäre ich um ein Haar zwischen einem Dünnsäuretanker und der Kaimauer in Nordenham zerquetscht worden. Wir versuchten, das Schiff am Anlegen zu hindern. Doch die Besatzung ließ sich nicht beirren - erst in letzter Sekunde flutschte ich zwischen Kai und Tanker hinaus. Doch all das hat sich gelohnt: Seit 1990 ist die Dünnsäureverklappung verboten.

Was mich anspornt? Die Wut! Und die Gewissheit, dass es Greenpeace immer geben muss. 1980 sind wir mit dem Ziel angetreten, uns überflüssig zu machen. Das haben wir noch lange nicht erreicht - die Demokratie braucht nun mal einen Störfaktor.

Aufgezeichnet von Katja Iken.



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insgesamt 3 Beiträge
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Siegfried Wittenburg, 14.10.2010
1.
Hochachtung vor dem Mut und der Entschlossenheit des Menschen Harald Zindler. Vielen Dank für Ihre bisher geleistete Arbeit. Ich habe noch Bilder von den schäumenden Flüssen Mulde und Pleiße in meinem Archiv, habe die sterbenden Wälder im Erzgebirge und im Riesengebirge gesehen. Als Kind hatte ich beim Spielen am Strand oft vom Öl verschmutzte Füße. Manche malerischen Buchten des Schwarzen Meeres sahen aus wie Müllkippen. Ich habe auch die Menschen in Espenhain gesehen. Und ich habe nach der Katastrophe von Tschernobyl viele Jahre keine Pilze mehr gegessen. Es gibt noch viel zu tun. Nachdenklich machte mich nur der letzte Satz: "Demokratie braucht nun mal einen Störfaktor." Hier wird wohl etwas verwechselt. Meine Erfahrung ist: Eine Demokratie macht diese Arbeit der Umweltaktivisten überhaupt erst möglich!
Michael Stepper, 18.10.2010
2.
Leider verkommt die einstige Hochachtung gegenüber den Aktivisten heute zu schlichter Teilnahmslosigkeit. In Zeiten, in denen man sich durch den Kauf von Fairtrade-Produkten von allen Umweltsünden freikaufen kann, lässt man nur zu gern andere die Drecksarbeit machen. Hier noch ein kleiner Lesetipp zum Thema: http://www.philibuster.de/themen/alte-welt/30-jahre-gruene-und-greenpeace-gruen-gruen-gruen-sind-alle-meine-waehler.html Gruß, Philibuster
Hinnerk Albert, 13.07.2015
3. gewandelt
leider hat sich die szene stark gewandelt, ist heute teilweise hochkorrupt und kriminell tja, jeder ist käuflich, auch die ökos----kommt nur auf den preis an
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