"Krefelder Appell"-Jubiläum Mit Wunderkerzen gegen Raketen

Erst waren es ein paar hunderttausend, am Ende fünf Millionen: Eine Gruppe Friedenskämpfer mobilisierte 1980 die Bundesbürger gegen die Nachrüstung. Doch obwohl die Aktivisten um Petra Kelly in der BRD ihr Ziel verfehlten, beförderten sie indirekt den Kollaps eines anderen Imperiums.

Von Franz Walter


Plötzlich war der Name der peripher gelegenen Stadt in aller Munde: Krefeld. Zumindest galt das damals, 1980, für die "alternative" Szene - die ökologisch-feministisch-friedenspolitischen Bewegungen und Milieus der frühen achtziger Jahre. Krefeld selbst war weder auffällig links noch gar ein Zentrum des Postmaterialismus oder einer provokativen Bohème. Im Gegenteil, die Stadt am Niederrhein war ein beschaulicher Ort aus "Samt und Seide", wie es in unzähligen Prospekten hieß, in denen Krefeld sich selbst präsentierte.

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Heft 46/2010
Was taugen die Grünen?

Aber in den Jahren 1980 bis 1983 stand Krefeld für Anderes.

Krefeld galt in diesen Jahren als Gründungsort und Versammlungsstätte der selbsternannten "Friedenskämpfer" aus dem weiteren Spektrum der Deutschen Kommunistischen Partei samt Bündnisgenossen. Als diese sich am 15. November 1980 nach Krefeld aufmachten, um von dort aus einen Tag später die Republik gegen die Stationierung amerikanischer Pershing-Raketen zu mobilisieren, blieben sie erstmals nicht unter sich. Das Netz ursprünglich kommunistisch lancierter Friedensinitiativen hatte sich im Vergleich zu früheren Aktionen erheblich erweitert. Diesmal machten prominente Grüne wie Petra Kelly und Gert Bastian, dann als bekennender Sympathisant auch Otto Schily mit, ebenso eine Reihe sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter, auch der Bundesvorsitzende der FDP-Jugend.

Steigende Unterstützerzahlen waren wichtig

Das zog dann Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat weitere Kreise. Stolz verkündeten die Initiatoren der Krefelder Friedenstruppe, dass ihr Appell an die Bundesregierung - "die Zustimmung zur Stationierung von Pershing-II-Raketen und Marschflugkörpern in Mitteleuropa zurückzuziehen" - unaufhörlich an Zuspruch in Form von Unterschriften gewann. Im Mai 1981 meldete man 800.000 Unterstützer, im Juli des gleichen Jahres dann 1,2 Millionen. Im September 1981 war die Zahl auf drei Millionen angestiegen; ein Jahr später nach Auskunft der Organisatoren gar auf fünf Millionen hochgeklettert. Stets steigende Unterstützerzahlen auszuweisen, war wichtig für die Planer und Propagandisten solcher Kampagnen. Man wollte auf diese Weise dokumentieren, dass man das Volk hinter sich hatte - gegen die kleine Kaste der politisch und ökonomisch Herrschenden.

Zumindest traf das Krefelder Manifest den Erfahrungsnerv seiner Zeit. Dass ein Jahr nach dem Nato-Doppelbeschluss die angekündigten Rüstungsbegrenzungsverhandlungen offenkundig nicht vorankamen, dass scharfmacherische Töne auf der amerikanischen Seite das Klima zwischen den Großmächten gar noch verschlechterten, beunruhigte in der Tat große Teile der bundesdeutschen Bevölkerung. Lediglich als kommunistische Propaganda, krudes Hirngespinst oder gar als "seltsame Betroffenheits- und Friedenshysterie" eines gewohnheitsmäßig panisch reagierenden deutschen Mittelstandes, wie es ein Historiker des Verfassungsschutzes gelegentlich ausdrückte, war der politische Appell der Krefelder nicht einfach abzutun.

Einseitig - oder einäugig, wie es zeitgenössisch gern hieß - war der Krefelder Appell insofern, als er sich primär gegen die westlichen Rüstungsschritte wandte. In dieser Beschränkung auf die Nato sahen die Kritiker der "Krefelder" eine Frucht erfolgreicher kommunistischer Unterwanderung der Friedensbewegung, da von SS-20-Raketen und konventionellen Überlegenheiten des Warschauer Pakts in Europa im Krefelder Manifest nicht die Rede war. Darin lag unzweifelhaft eine Art moralische, auch machtpolitische Leerstelle des Krefelder Bündnisses. Aber indem man sich im heterogenen Bündnis auf den Kampf gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen beschränkte, hielt man die Allianz aus alten und neuen Friedensgruppen, aus verschiedenartigen sozialen Schichten und Kohorten bemerkenswert lange zusammen. Und das, ohne dass die einzelnen Gruppen für sich die Selbständigkeit ihrer Positionen, die in vielen Fällen weit über den "Minimalkonsens" der Krefelder hinausgingen, aufzugeben brauchten.

Die "Hauskapelle der Friedensbewegung" spielt auf

Die Resonanz der "Krefelder" war jedenfalls beträchtlich. Ihr "zweites Forum", ein Jahr nach der Gründungsveranstaltung jetzt in der Dortmunder Westfalenhalle durchgeführt, geriet zum Festival von 15.000 überwiegend jungen Menschen aus der gesamten Republik. Anziehend war vor allem das "Kulturprogramm" und dort insbesondere die holländische Band Bots. Die Bots standen seinerzeit im Ruf, so etwas wie "die Hauskapelle der Friedensbewegung" zu sein. Jedenfalls waren sie im junglinken Spektrum der deutschen Gesellschaft mit ihren Alben "Voor God en vaderland" "Aufstehn!" und "Entrüstung" Kult in diesen frühen achtziger Jahren. Die Bots stiegen mit der Friedensbewegung auf und verschwanden mit ihr wenige Jahre danach ebenso wieder aus dem Zentrum der sich rapide wandelnden Jugendkultur.

Nach den Bots gaben auch die Barden des DKP-Milieus, also Dieter Süverkrüp, Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt ihre Ständchen, ebenso der Panikrocker Udo Lindenberg. Die Schauspieler Erika Pluhar, Angela Winkler, Hanna Schyugalla, André Heller und Diethmar Schönherr rezitierten. Dann erschien der Star des Wochenendes schlechthin auf der Bühne: Der amerikanische Bürgerrechtler und Sänger Harry Belafonte, in den fünfziger Jahren berühmt geworden durch seinen "Banana Boat Song", in späteren Jahrzehnten dann als "Botschafter des Guten Willens" der Unicef geadelt. Als er die Hymne der US-Bürgerrechtsbewegung "We shall overcome" anstimmte, erhoben sich die 15.000 Friedensfreunde von ihren Sitzen, zündeten Kerzen an und summten bewegt den Refrain mit. Kitsch und Protest lagen auch damals nicht weit auseinander.

Ein Jahr später folgte ein noch weit größeres Massenspektakel mit rund 200.000 Besuchern im Bochumer Ruhrstadion. Dabei waren erneut die Bots, diesmal mit ihrem Song "Wir sind schwach und wir sind klein". Und abermals kreierte der eingeflogene Harry Belafonte den emotionalen Höhepunkt des späten Abends. Belafonte hatte eigens ein Lied für das Bochumer Fest komponiert und geschrieben. Bei jeder Strophe kam ein Teil der Künstler des Tages noch einmal zurück auf die Bühne, die sich auf diese Weise imposant füllte. Die Künstler hakten sich ein. Das Publikum stand - die Feuerzeuge glimmten, die Wunderkerzen leuchteten - und schaukelte summend Hand in Hand mit.

Realpolitisch gescheitert

Doch mit der Zeit geraten Bewegungen dieser Façon an ein Limit, da das Potential an Persönlichkeiten und Prominenz, an Aktivisten und Fußvolk, an Anhängern und Sympathisanten nicht beliebig fortschreitend zu vervielfachen ist. Die Events und Ereignisse stoßen an Grenzen von Raum, Aufmerksamkeit und Originalität. Dann pflegen Bewegungen allerdings nicht auf hohem Niveau zu verharren, sondern durch Entdynamisierung und Ziellosigkeit zu zerfallen.

Als sich der Deutsche Bundestag am 22. November 1983 mehrheitlich für die Stationierung der atomaren Mittelstreckenraketen aussprach, war das Anliegen der Initiatoren des "Krefelder Appells" jedenfalls realpolitisch gescheitert. Für die Friedensbewegung insgesamt bedeutete dieser Tag die Zäsur schlechthin. Verklammert werden konnten die ideologisch sonst oft weit auseinander liegenden Teile wie Strömungen der Bewegung allein durch die Beschränkung auf das "Nein" zu den Pershing-Waffen. Nun aber fehlte dieser Klebstoff, nun taten sich die Gräben mit Wucht auf. Die einen hatten genug von "Latschdemos" und friedfertigen Gesängen; sie wollten militant zur Sache gehen, durch Blockaden, Streiks, wenn nötig: physische Gewalt. Andere befürworteten nach wie vor die klassischen Demonstrationskundgebungen. Zusammen ging nur noch wenig.

Auch im "Krefelder Forum" selbst waren die Zentrifugalkräfte nicht mehr zu bändigen. Im Januar 1984 erklärten die Grünen-Politiker Kelly und Bastian, denen es auch um die Unterstützung der osteuropäischen Friedensgruppen ging, ihren Austritt aus der Krefelder Initiative.

In der Literatur über den "Krefelder Appell" dominieren diejenigen Autoren, für welche die Bewegungen jener Jahre höchst erfolgreich kommunistisch gesteuert waren. Einzuwenden dagegen allerdings wäre, dass am Ende der achtziger Jahre nicht der Zusammenbruch der von den Kommunisten vermeintlich sturmreif geschossenen parlamentarischen Demokratien des Westens stand - sondern der Sturz der Ordnungen in den Staaten des Warschauer Pakts. Und zu den Paradoxien dieser Geschichte gehört insbesondere, dass die vermeintlich kommunistisch lancierte Friedensbewegung zur Implosion des realsozialistischen Lagers wesentlich beigetragen hat.

Der "Berliner Appell"

Und das galt nicht zuletzt für den "Krefelder Appell". Seine erstaunlich weitreichende Resonanz in der westdeutschen Bevölkerung animierte die DDR-Dissidenten Robert Havemann und Rainer Eppelmann im Dezember 1981 dazu, als Pendant einen "Berliner Appell" unter dem Titel "Frieden schaffen ohne Waffen" zu formulieren. Seit dem 25. Januar 1982 zirkulierte dieses Manifest, zu dessen Erstunterzeichnern unter anderem der spätere Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Grünen, Gerd Poppe, und der Fraktionsvorsitzende dieser Partei im Magdeburger Landtag, Hans-Jochen Tschiche, gehörten. Der "Berliner Appell" der DDR-Opposition proklamierte: "Fort mit den Atomwaffen. Ganz Europa muss zur atomwaffenfreien Zone werden."

Damit hatte sich der Forderungskatalog der Friedensbewegung nach Osten ausgedehnt, in die DDR-Politik hinein, bis nach Moskau. Auf diese Weise war über das Vorbild des "Krefelder Appells" ein Stück systemgefährdender plebiszitärer Bürgerrechtspolitik nun auch in der im Prinzip hermetisch konstruierten SED-Diktatur angelangt. Als Hilfstruppen für ihr Anliegen fungierten vor allem Petra Kelly, Gert Bastian und andere Grüne, die insgesamt den Kampf gegen die Raketenstationierung mit Bürgerrechtspostulaten und Ökologiekritik in West wie Ost verknüpften und damit eine blockübergreifende Oppositionsströmung nährten.

Auf die protestierende junge Generation der Bundesrepublik wirkte das seinerzeit alles entschieden glaubwürdiger und attraktiver als die eher hölzernen und politisch durchweg einseitigen Parolen der orthodoxen Kommunisten. Und so zogen die Grünen den entscheidenden Nutzen aus der Alternativkultur und den friedenspolitischen Aktivitäten jener frühen achtziger Jahre. Daher geht selbst noch ihre gegenwärtige Blütezeit im Ursprung zumindest partiell auf die Aktivitäten der Krefelder vor 30 Jahren zurück.

Nur - und das ist wieder eine dieser wunderlichen Paradoxien solcher Geschichten - ist von den pazifistischen Gründerimpulsen aus den Herbsttagen des Jahres 1980 im November 2010 wahrlich nicht viel übrig geblieben.

insgesamt 3 Beiträge
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René Grohnert, 16.11.2010
1.
Das abgebildete Plakat - Raketenschatten über Menschenansammlung - ist von Frieder Grindler gestaltet worden. Grindler wurde vor allem für seine Arbeiten für das Theater bekannt, hat aber hier ein einprägsamens Bild von Bedrohung geschaffen, daher sollte man den Namen des Gestalters durchaus erwähnen.
Peter Treue, 16.11.2010
2.
ZITAT: "In der Literatur über den "Krefelder Appell" dominieren diejenigen Autoren, für welche die Bewegungen jener Jahre höchst erfolgreich kommunistisch gesteuert waren. " In der breiten Masse dominiert die Sichtweise, dass die Friedensbewegung ganz spontan und aus der Masse der Bevölkerung heraus entstanden sei. Die Welt schrieb dazu: "Kontaktadresse der "Krefelder Initiative" war die Bundesgeschäftsstelle der DFU (Deutsche Friedensunion), die auch im wesentlichen die Finanzierung übernahm. Ihr organisatorischer Leiter war der ehemalige Oberst der Deutschen Wehrmacht, Josef Weber, der ab 1951 in diversen Friedenskampagnen tätig war und in den fünfziger Jahren als Generalsekretär und Vorsitzender des "Bundes der Deutschen" fungierte - in späteren Jahren, wie erwähnt, eine Ansprechorganisation des MfS. 1960 war er Mitbegründer der DFU, deren Direktorium er angehörte; 1973 wurde er mit der Friedensmedaille des DDR-Friedensrates ausgezeichnet, 1985 mit dem Lenin-Preis." Der ganze Artikel unter http://www.welt.de/print-welt/article587130/Die_Friedensbewegung_war_kommunistisch_unterwandert.html
Marc-André Schmidt, 16.11.2010
3.
Die Bildunterschrift zum Foto von Petra Kelly stammt - wie auch in älteren Wikipedia-Versionen ihrer Biografie - noch unverändert von der DDR-Nachrichtenagentur ADN und hat einen dementsprechenden Stil ("namhafte Künstler der Beh-Ärr-Deh") . Im Unterschied zu "Eines Tages" ist das den Wikipedianern aber immerhin aufgefallen.
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