"Masters Of The Universe" Barbies barbarische Brüder

30 Jahre "Masters Of The Universe": Barbies barbarische Brüder Fotos
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Sie hießen He-Man, Stinkor oder Man-E-Faces: 1982 stürmte eine wilde Gang von Plastikmuskelprotzen die Kinderzimmer. Fünf Jahre beherrschten die "Masters of the Universe" die irdischen Spielzeugläden - doch plötzlich war die Barbarenhorde wie vom Erdboden verschluckt. Warum eigentlich? Von

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Alles, was Roger Sweet von der Verdammung trennte, waren drei Puppen im Lendenschurz. Es war Ende 1980, Weihnachten war nicht mehr weit, und Sweet saß in Anzug, Businesshemd und ordentlich gebundenem Schlips an einem Konferenztisch in der Firmenzentrale von Mattel, dem größten Spielzeughersteller der Welt. Sein geordnetes Outfit kaschierte wahrscheinlich mehr schlecht als recht die Spuren, die die Überstunden der letzten Wochen an ihm hinterlassen hatten - doch Sweet hatte andere Sorgen. Konzentriert starrte er auf seine drei Figuren auf dem Tisch. Genau wie die Mattel-Vorstandsetage. Genau wie Ray Wagner, sein Boss.

Unter dessen strengen Augen, so erinnerte sich Sweet 2005 in seinem Buch "Mastering the Universe", hatten seine Kollegen zuvor die unterschiedlichsten Entwürfe für eine neue Actionfigur präsentiert: Astronauten, Weltraumritter, Rennfahrer. Keiner hatte Wagners Gnade gefunden. Nun schaute er auf die drei Plastikwikinger, die Sweet reichlich notdürftig aus Körperteilen alter Puppen zusammengeklebt hatte. Mit Ton hatte er absurde Muskelberge über den Plastikkörpern geformt. Die Barbarenrüstung des ersten Prototypen hatte er aus einer Wachsdecke gebastelt, die Soldatenhaube des zweiten aus dem abgebrochenen Kanonenturm eines Spielzeugpanzers. Und den Weltraumhelm des dritten hatte er dreist bei der "Star Wars"-Figur Boba Fett geklaut.

Prüfend sah Wagner Sweet an und fragte, wie der Name seines Helden sei. Dutzende von Namen hatte der zuvor auf Zetteln gesammelt, verglichen und verworfen: "Mighty Man". "Strong Man". "Megaton Man". Dann war ihm der Geistesblitz gekommen. "He-Man", antwortete er siegessicher. Getuschel ging durch den Raum. Wagner überlegte. Er sagte, alle vorgestellten Figurenideen sollten erst weiteren Markttests unterzogen werden. Dann hielt er inne, zeigte auf Sweets Barbarentrio und sagte: "Die haben die Kraft!"

Wie recht er hatte, konnte Wagner damals kaum geahnt haben. He-Man, das sollte Mattel in den kommenden Jahren lernen, hatte tatsächlich die Kraft: Die Kraft, Millionen von Kindern in seinen Bann zu ziehen. Die Kraft, einen Milliardenumsatz zu erzielen und als erste männliche Figur Barbie, Mattels Cashcow, Konkurrenz zu machen. Und die Kraft, das Unternehmen fast in den Abgrund zu reißen.

Körperteil-Recycling und umlackierte Tiger

Monate vor der Konferenz hatte Wagner begonnen, Sweet und seinen Kollegen die Hölle heiß zu machen, eine neue, bahnbrechende Actionfigur zu erfinden. Grund dafür war eine Unterhaltung, die der Firmenchef vier Jahre zuvor mit einem jungen Kalifornier geführt hatte. Der junge Mann hatte ihm von dem Science-Fiction-Film erzählt, den er gerade drehte. Eine Geschichte voll Mystik und Ritterlichkeit, deren Figuren aber noch niemand kannte. Stolze 750.000 Dollar hatte er von Wagner verlangt, wenn der die Actionfiguren zu seinem Film herstellen wolle. Wagner hatte dankend abgelehnt. Der junge Mann hieß George Lucas. Sein Film "Star Wars".

Während Lucas mit "Star Wars" und den Actionfiguren dazu Millionen verdiente, arbeitete Wagner verzweifelt daran, seinen kolossalen Fehler wieder gutzumachen. Doch sein Versuch, den Star-Wars-Figuren mit einer Puppenreihe um den Abenteurer "Big Jim" Konkurrenz zu machen, war kläglich gescheitert. Und so kam Roger Sweets Wikingertrio 1980 für Wagner wie ein rettender Strohhalm: Der Markt für Militärfiguren war in den USA seit 1964 vollkommen beherrscht von der ersten Actionfigur überhaupt - "G.I. Joe". Science-Fiction-Fans kauften sowieso "Star Wars". Aber an Bodybuilder-Barbaren mit Hightechwaffen hatte sich noch niemand versucht.

Mattel startete einen vorsichtigen Versuch mit einer billig produzierten ersten Figurenreihe: He-Man bekam Gefährten, mit denen er gegen den bösen Skeletor kämpfte - einen blauen Muskelprotz mit grüngelbem Totenkopfgesicht. Im Grunde unterschieden sich fast nur die Köpfe und Farben der Figuren. Denn eigentlich gab es nur zwei verschiedene Gussformen für Körper - aus Kostengründen. Zum Teil recycelte man auch einfach Figuren aus der erfolglosen "Big Jim"-Serie - ein "Big Jim"-Tiger etwa, der für den Maßstab der viel kleineren "Masters" viel zu groß war, wurde kurzerhand grün-orange umgespritzt und mit einem Sattel zu He-Mans Reittier gemacht. Mattel hoffte offenbar, mit moderatem Geldeinsatz einen moderaten Gewinn zu erzielen. Niemand ahnte, was ihnen bevorstand.

Millionen mit He-Man-Kuchenformen

Als "Masters of the Universe" im Februar 1982 in die US-Spielzeugläden kam, war das Management optimistisch von sieben Millionen Dollar US-Umsatz im ersten Jahr ausgegangen. Es wurde mehr als das Fünffache - 38 Millionen Dollar. Völlig unvorbereitet stolperte das Unternehmen in einen gigantischen Hype hinein, den es selbst geschaffen hatte. In dem in Kürze erscheinenden Dokumentarfilm "Toy Masters" erinnert sich Mattels Vizepräsident Joe Morrison an eine Werbeveranstaltung für die Figurenreihe mit einem Kerl in He-Man-Verkleidung, die sie in einem Spielzeuggeschäft in Florida abhalten wollten: "Wir bekamen einen Anruf von der Polizei: 'Ihr müsst die Veranstaltung absagen!' Sie hatten die Autobahnen sperren müssen, weil 10.000 Leute versuchten, zu dem Spielzeugladen zu kommen."

Nun erst begriff die Unternehmensleitung das volle Potential, das in Sweets Idee steckte - und baute die Figurenreihe aus: Den simplen Figuren der ersten Auflage wurden 1983 neue Charaktere voll technischer Raffinessen zur Seite gestellt. Für He-Man kämpfte nun etwa Ram-Man, ein menschlicher Rammbock, der durch einen Sprungfedermechanismus ruckartig Türen aufstoßen konnte. Oder Mekaneck, dessen Hals sich wie ein Periskop ausfuhr, wenn man seinen Oberkörper drehte.

Aber nicht nur die Figuren wurden ausgebaut - eine in 49 Ländern ausgestrahlte Zeichentrickserie erzählte die Hintergrundgeschichte der Figurenreihe: Hier versuchte der fliederfarbene Tights tragende Prinz Adam, seinen Planeten Eternia vor der Unterjochung durch Skeletor zu retten. Wann immer Gefahr drohte, reckte Adam sein pinkes Schwert gen Himmel, rief "Bei der Macht von Grayskull - ich habe die Kraft!", und verwandelte sich in He-Man, den stärksten Mann des Universums. Eine "Masters"-Fanzeitschrift kam heraus - und erreichte Auflagen von bis zu 750.000 Exemplaren. Die Vermarktung machte vor nichts halt: Bald gab es Frühstücksboxen, Bettbezüge, Zahnpastatubenkappen, Kuchenformen und Jungsunterwäsche zu den "Masters of the Universe".

Vom eigenen Erfolg erdrückt

Über zwei Milliarden Dollar verdiente Mattel in den ersten fünf Jahren mit der Marke. Kein Wunder, dass es zu Streitigkeiten darüber kam, wer der Erfinder war: Sweet behauptete, die Idee zu He-Man sei ihm 1980 in einem Buchgeschäft gekommen, als er Fantasy-Cover betrachtete. Obwohl sein Kollege Mark Taylor ihm eingeredet habe, er solle sein He-Man-Modell lieber nicht zeigen, weil es "zu amateurhaft" sei, habe er sich dazu durchgerungen. Taylor indessen behauptete das Gegenteil: Sweet habe ihm seine Idee geklaut - einen Barbaren namens "Torak", den er schon 1954 entwickelt habe. Er habe nur deshalb unterschrieben, dass sie die Idee gemeinsam entwickelt hätten, weil Sweet ihn am Telefon weinend angebettelt habe.

1984 zerrte ein weiterer mutmaßlicher Erfinder den Figurenhersteller Mattel vor Gericht: Das Unternehmen CPI (Conan Properties, Inc.) hatte 1980 die Rechte für eine Figurenserie zu seinem kommenden Actionfilm "Conan der Barbar" an Mattel verkauft. Doch als das Management erste Ausschnitte sah, löste es den Vertrag wieder auf - der Film war ihnen zu brutal. Die Masters-Figuren seien jedoch, so die Anklageschrift, nichts anderes als "Kopien von Conan" und daher geistiges Eigentum von CPI.

Während der Vaterschaftsstreit um He-Man andauerte, brachen seine Verkäufe alle Rekorde: 80 Millionen Dollar US-Umsatz 1983, 111 Millionen im Folgejahr. 250 Millionen 1985 und 400 Millionen 1986. Die Produktion barst aus allen Nähten: jedes Jahr wurden etliche neue Figuren veröffentlicht - Monster, deren Körperteile immer neu zusammengebaut werden konnten. Helden, die sich in Meteore verwandelten. Schleimfallen, Gruselschlösser, Fahrzeuge, bis die Läden nicht mehr wussten, wohin mit den neuen "Masters"-Produkten.

Plötzlicher Heldentod

Und genau da lag das Problem: 1987 stürzten die Verkäufe auf sieben Millionen ab. Mattel hatte die Geschäfte schneller mit Masters-Produkten bombardiert, als sie die alten verkaufen konnten. Und so blieben sie auf ihrer Plastikarmee sitzen. Eine letzte Auflage erschien 1988 noch in Italien, dann verschwand He-Man ebenso plötzlich, wie er aufgetaucht war.

Ähnlich erging es Roger Sweet: Nach dem Tod der "Masters" wurde er in die Abteilung für Barbie-Accessoires verbannt. 1991 lag das Kündigungsschreiben auf seinem Tisch. Trotz Sweets Renommee stellte ihn kein anderer Spielzeugfabrikant ein - seine Vorgesetzten hätten ihn auf eine "schwarze Liste" gesetzt, vermutete Sweet 2009 in Jerry Oppenheimers Buch "Toy Monster". Große Ersparnisse hatte er nicht, denn für seine Erfindung von He-Man war Sweet mit einer kleinen Prämie abgespeist worden. Und so musste Sweet sich nun als Gabelstaplerfahrer über Wasser halten.

Dennoch blickt der He-Man-Schöpfer ohne Verbitterung auf die Anfänge der "Masters" zurück. Ihm sei es immer nur darum gegangen, dass sein "Baby" erfolgreich werde. Außerdem, so sagt Sweet: "He-Man hätte das Gleiche für mich getan."

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1.
Tobias Steinke, 07.02.2012
Es wird mehrfach die angeblich erfolglose Big-Jim-Serie von Mattel erwähnt. Tatsächlich existierte diese wesentlich länger als Masters of The Universe (nämlich von 1972 bis 1986) und war für Mattel ein weltweiter Erfolg mit vielen Unterserien (z. B. Karl May).
2.
Thorben Rump, 07.02.2012
Die Figuren hießen nicht "Stinkor oder Man-E-Faces" sondern Skeletor und Man-At-Armes. Ein wenig mehr Sorgfältigkeit würde einem sog. Qualitätsmedium nicht schaden.
3.
Ken Akamatsu, 07.02.2012
>Die Figuren hießen nicht "Stinkor oder Man-E-Faces" sondern Skeletor und Man-At-Armes. > >Ein wenig mehr Sorgfältigkeit würde einem sog. Qualitätsmedium nicht schaden. Stinkor und Man-E-Faces gab es auch! Glauben sie mir, ich hatte die damals :D
4.
Martin Schuster, 07.02.2012
Ein extrem guter Artikel! Und das sage ich selten... :) Mit meinen 35 Lenzen passe ich genau in die Zielgruppe und ich kann nur sagen - ich hatte sie alle. ;) Im Gegensatz zu dem Poster über mehr übrigens, dem auch etwas mehr Sorgfalt und Lesefähigkeit gut zu Gesicht stehen würde.
5.
Tobi Weihe, 07.02.2012
>Die Figuren hießen nicht "Stinkor oder Man-E-Faces" sondern Skeletor und Man-At-Armes. > >Ein wenig mehr Sorgfältigkeit würde einem sog. Qualitätsmedium nicht schaden. Ähm doch ! Stinkor und Man-E-Faces waren auch Figuren so wie eben Skeletor oder Man-At-arms, ist also alles richtig. Stinkor ist nicht ganz so "berühmt" aber Man-e-faces hat doch einen hohen bekanntheitsgrad zumal er in der motu serie seine eigene einführende Handlung hat.
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