30 Jahre "Musikantenstadl" Hochgebirg' und Niedertracht

30 Jahre "Musikantenstadl": Hochgebirg' und Niedertracht Fotos
ORF/Milenko Badzic

Stadl verpflichtet: 1981 schunkelte der "Musikantenstadl" erstmals durchs Fernsehen. Seitdem spaltet die Volksmusiksendung die Nation mit Heile-Welt-Feeling. einestages erinnert an die Stars und Skandale aus drei Jahrzehnten - und verrät, was Sie noch nicht über die Jodelshow wussten. Von Danny Kringiel und Christian Gödecke

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Der König der Volksmusik wollte abtreten, er hatte keine Lust mehr. Zu groß war die Schmach, die ihm die Fernsehsender damals, im Dezember vor zehn Jahren, bereitet hatten. Er war nach Dubai geflogen, um von dort den Musikantenstadl live nach Deutschland und Österreich zu senden. Es sollte getanzt, gesungen und gelacht werden - und dann das: ARD und ORF entschieden, dass der Scheich-"Stadl" nur aufgezeichnet und irgendwann später gezeigt würde.

Die Fernsehsender hatten gerade keinen Platz für schunkelnde Gemütlichkeit und heile Welt: Die Anschläge vom 11. September hatten die USA erschüttert und die Folgen waren auch in Europa spürbar. Fröhlichkeit und Alpenglühen wirkten so passend wie Flugzeugwitze. Nur der König sah das anders. Er drohte den Unterhaltungschefs mit dem Bruch: "Unverschämtheit, ich hör' auf!".

Die Anekdote erzählt eine Menge über Karl Moik, den gelernten Werkzeugmacher, der "König der Volksmusik" genannt wurde und sich selbst auch so sah. Er hatte den Musikantenstadl erfunden, moderiert und ihn wie einen Hofstaat geführt. Seine Majestät Moik war es gewohnt, dass sich die heile Welt um ihn drehte - und auch als draußen der Terror wütete, sollte es in den großen Musikhallen so weitergehen wie bisher.

Besser als Sex

"Ich bin der Stadl", pflegte Moik zu sagen. Die Anekdote erzählt deshalb auch viel über die Volksmusiksendung, die vor genau 30 Jahren zum ersten Mal im österreichischen Fernsehen lief und die in Deutschland, Österreich und der Schweiz immer noch regelmäßig fast 20 Millionen Zuschauer einschalten. Eine Sendung, über die sich das Feuilleton immer lustig gemacht hat und die doch, wenn sie auf Tour ist, jede Halle spielend ausverkauft.

Der "Stadl" polarisiert und fasziniert auch nach 30 Jahren. Aber warum?

"Er zeigt die heile Welt. Nur die heile Welt", sagt Eva Mang. Sie ist Chefredakteurin der "Musikantenstadl-Post", die in Österreich gemacht wird aber auch in Deutschland erscheint. "Stadl-Post" klingt nach Klitsche, aber das täuscht: Mangs Heft hat eine gigantische Reichweite, mehr als 100.000 Exemplare werden jeden Monat allein in Deutschland verkauft. Die Zeitung mit den Schunkelstars auf dem Cover ist das beliebteste Magazin made in Austria hierzulande und lässt selbst das "Österreichische Kontakte-Magazin", eine Erotikpostille, meilenweit zurück. Der "Stadl" - besser als Sex.

Wenige kennen die Volksmusiksendung so gut wie Eva Mang, die die Zeitung seit 1997 verantwortet und die Sendung anfangs auch unterschätzte. "Ich dachte, da kommt einfach der Moik rein und dann marschiert irgendeine Blaskapelle auf und ab und dann ist's wieder vorbei", sagt Mang. Doch sie merkte schnell, dass Jodeln, Singen, Musizieren und die Witze zwischendurch zwar leicht und launig, wirkten aber penibel ausgetüftelten Drehbüchern folgten. "Das ist eine wirklich perfekt gemachte Fernsehshow", so Mang.

Vom Stadionsprecher zum Megastar

Das allererste Drehbuch hatte Karl Moik geschrieben, kurz nachdem er vom Unterhaltungschef des ORF Ende 1980 die Zusage für sein Konzept vom Musikantenstadl bekommen hatte. In seiner Autobiografie "Ich habe nichts geschenkt bekommen" beschrieb Moik seinen Einstieg ins Fernsehen als Last-Minute-Erfolg. Zwei Konzepte waren schon durchgefallen, drei Minuten seien ihm noch geblieben, um den ORF-Boss vom Musikantenstadl zu überzeugen. "Aber der war's dann. Aus dem Fünf-Minuten-Kurztermin wurde ein fast anderthalbstündiges Gespräch." Und aus der Sendung ein Megaerfolg.

Erst in Österreich, dann auch in Deutschland und der Schweiz lief der "Stadl" zur besten Sendezeit. Acht Millionen schauten allein im deutschen TV zu, die heile Welt lief Weltklasse. Die Karten für die Hallen, die am Anfang noch verschenkt werden mussten, wurden den Veranstaltern nun aus den Händen gerissen. Und Moik, der zuvor noch als tingelnder Bluessänger, Stadionsprecher und Rundfunkmoderator gearbeitet hatte, war am Ziel.

Doch der Mann, der öffentlich den freundlichen Onkel gab, war redaktionsintern nicht bei allen beliebt. Eine, die lange mit ihm zusammengearbeitet hat, nennt ihn einen "Autokraten". Für die Sendung war das wohl nicht von Nachteil, denn der Mann aus Linz ließ sich in seinem Selbstverständnis von niemandem reinreden, weder von der ARD noch vom ORF. "Er hat gesagt: 'Ich bin diese Sendung! Und ich bestimme, was da passiert!'", berichtet Eva Mang. Moik sei durch seinen Sonderstatus "wahnsinnig mutig" gewesen und habe sich vieles erlauben können.

Stell dir vor, es ist Trompeterkrieg und keiner...

So lud er den damals völlig unbekannten Max Raabe in den Musikantenstadl ein, den er zuvor in einem Varieté gehört hatte. Redaktionsintern hätten viele "darüber den Kopf geschüttelt und gesagt: 'Wir wollen hier Schuhplattler sehen und die Kastelruther Spatzen, aber nicht so einen Kerl, der irgendwas von einem Kaktus singt'", erzählt Mang. Aber Moik habe gesagt: "Mir gefällt der und ich will den hier haben!" Der Moderator machte in seiner Karriere nicht nur sich selbst groß - viele Stars der Volksmusik würde es ohne Moik heute vielleicht gar nicht geben. Oder nicht mehr. Der Trompeter Stefan Mross kann ein Lied darüber blasen.

Moik entdeckte den damals Neunjährigen bei der Hochzeit seines Schwagers. Moik wurde zum größten Förderer Mross', er ließ ihn im Stadl auftreten und weinte Freudentränen, als sein Ziehsohn 1989 den Grand Prix der Volksmusik gewann. Und er verteidigte Mross, als dieser sich ab 1997 im sogenannten "Trompeterkrieg" gegen den Verdacht wehren musste, nicht selbst zu spielen.

Der Krieg der Trompeten war vor allem einer in den Medien - die Stadl-Anhänger ließ der Plagiatfall hingegen kalt. Unnötig sei die Kritik gewesen, sagt "Stadl-Post"-Chefin Mang, "weil es die Fans überhaupt nicht interessiert. Die wollen keine kritische Berichterstattung über ihre Helden, das ist nicht gewünscht." Auch wenn die heile Welt auch im Musikantenstadl oft nur eine Kulisse ist - einreißen soll sie bitte trotzdem niemand.

Der König ist weg, es lebe der König

Ende der Neunziger war der Musikantenstadl nicht nur längst ein gesamtdeutsches Kultur-, sondern auch ein globales Exportgut. Moik trat in Kanada auf, in den USA, Südafrika oder China. In Moskau machte der "Stadl" 1988 schon heiße Stimmung, als der Krieg noch kalt war. Und als die Mauer fiel, fielen der Österreicher und sein Tross in Cottbus ein. Die Sendung in der Noch-DDR hat Moik später in seiner Autobiografie als Höhepunkt seines Lebens bezeichnet. Der "Stadl" hatte viele solcher großen Momente, auch wenn diese nicht immer so offensichtlich historisch waren wie die Shows in Cottbus oder die vor der Verbotenen Stadt in Peking. In Erinnerung geblieben sind Auftritte des uralten Luis Trenker oder des hüpfenden Stefan Raab, der mit seinem "Der Karl, der Karl, der Moik, Moik, Moik, der kifft das stärkste Zeug, Zeug, Zeug" die Halle rockte. Oder der von Michael Aufhauser.

Der deutsche Tierschützer kam mit seinem Hendl Heidi zu Moik in die Sendung und durfte 20 Minuten über die grausame Käfighaltung von Hühnern sprechen. 16 Millionen schauten zu - in einer Zeit, in der die meisten Eier noch aus ebenjener Käfighaltung stammten. Der Mann, der den Mut gehabt hatte, all diese Einladungen auszusprechen, war Moik.

Als Moik im Februar 2004 eine Herzattacke erlitt und drei Bypässe eingesetzt bekam, rieten viele Mitarbeiter dem damals 65-Jährigen zum freiwilligen Abschied. Doch der "letzte Moikaner" ("Frankfurter Rundschau") wollte nicht loslassen. Es folgten Ausrutscher, im April nannte er die Italiener "Spaghettifresser" (und entschuldigte sich noch in der Sendung). Er ging "Leute auf der Bühne an", sagt Eva Mang, Norbert Rier von den Kastelruther Spatzen warf er vor, eine "Eunuchenstimme" zu haben. "Das war natürlich für die Fans ein absolutes Sakrileg. Er wurde da immer verletzender, auch zum Publikum. Er hat zum Beispiel ältere Frauen im Publikum gefragt: 'Na, Mama? Siehst du überhaupt noch, was da vorn passiert?'. Das war nicht mehr lustig, sondern nur noch herablassend."

2005 konnte der König der Volksmusik nicht mehr selbst entscheiden, ob er bleiben oder gehen wollte. Die Verantwortlichen von ARD und ORF rissen ihm das Zepter aus den Händen und verlängerten den Vertrag mit Moik nicht mehr. Aus Altersgründen. Der Gestürzte war zunächst sicher, dass "sein Stadl" ohne ihn zum Scheitern verurteilt sei - und war dann doch mit dem Nachfolger zufrieden. Seit 2006 moderiert Andy Borg den "Musikantenstadl", auch er ein Österreicher. In der ersten Sendung revanchierte sich der Neue auch gleich beim Alten: "Es wird immer dein Stadl sein."

Die Quoten sind unter Borg auch nicht eingebrochen. Die Hallen sind weiter prall gefüllt. Der "König der Volksmusik" heißt heute Florian Silbereisen. Wahrscheinlich hat Eva Mang einfach Recht, wenn sie sagt: "Ich bin nach wie vor der Meinung, dass dieses Sendungskonzept funktioniert, weil die Leute die Volksmusikbranche mögen und die heile Welt wollen. Und ich will zwar nicht sagen, dass das völlig egal ist - aber jeder halbwegs talentierte Moderator kann diese Sendung machen."

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Dieter Willen 09.03.2011
Sehr interessanter Artikel, der zeigt, daß Moik den Leuten auch Neues zugemutet hat, wie diesen Tierschützer oder Max Raabe. Und Harald Schmidt war doch auch mal da. Der zählt bei den Stammzuschauern doch auch eher zu den Hassfiguren, die man nur zähneknirschend akzeptiert, wenn der Karl ihn einlädt. Und die Geschichte mit Stefan Mross ist doch wohl die vorweggenommene Guttenberg-Affäre: Ist uns doch egal, ob der Junge selbst spielt oder nicht. Er ist ein Guter, macht ihn nicht kaputt (frei nach F.J. Wagner). Dieter
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