30 Jahre Retortenbabys Das Mädchen aus der Petrischale

30 Jahre Retortenbabys: Das Mädchen aus der Petrischale Fotos
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Ein Klaps, ein Schrei, ein Wunder: Robert Edwards ist der erste Mann, der ein Kind machte, ohne Sex zu haben. Die Geburt des Retortenbabys Louise Joy Brown war für den Wissenschaftler der Durchbruch, für Kinderlose ein Segen - und für den Vatikan das Werk des Teufels. Von

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Schon Tage vorher belagerte eine aufgeregte Meute von Journalisten den schäbigen Backsteinbau im nordenglischen Oldham. Robert Geoffrey Edwards wird nie vergessen, wie viele Leute dort draußen campierten, nur um ein Foto zu erjagen. Der Medienandrang am 25. Juli 1978 stellte dann endgültig alles in den Schatten, was der Wissenschaftler bis dato in seiner Karriere erlebt hatte. "Es war unglaublich", erinnert sich der heute 82-Jährige.

Sie alle hatten auf ein Baby gewartet. Nun war es da: 2600 Gramm schwer, 49 Zentimeter lang, blond, blauäugig, kerngesund - scheinbar ein ganz normales Neugeborenes. Dennoch war die Geburt alles andere als alltäglich. Die kleine Louise Joy Brown war das erste Retortenbaby der Welt.

Die Mutter von Louise, Lesley Brown, konnte auf natürlichem Weg nicht schwanger werden. Neun Jahre lang hatten sie und ihr Mann John vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen. Als der Lastwagenfahrer aus Bristol 800 Pfund im Fußball-Toto gewonnen hatte, beschlossen die beiden, das Geld in einen letzten Versuch zu investieren, ein Kind zu bekommen. So begaben sich die verzweifelten Browns 1976 schließlich in die Hände der Wissenschaftler Edwards und Steptoe.

Hasen, Rinder, Affen - Menschen

Schon seit 1968 forschten der Physiologe und der Gynäkologe, um eine künstliche Befruchtung Wirklichkeit werden zu lassen. Sie experimentierten mit Ei- und Samenzellen von Mäusen, Hasen, Rindern, Affen - und schließlich von Menschen. Ja, auch sein eigenes Sperma habe als Forschungsgrundlage gedient. "Jedoch nur im Notfall", so Edwards, der sich mit ethischen Bedenken bis heute niemals aufgehalten hat.

1969 gelang den beiden der Durchbruch. Im Wissenschaftsmagazin "Nature" berichteten sie von einem Verfahren, mit dem die menschliche Eizelle außerhalb des Mutterleibs erfolgreich mit der Samenzelle zusammengeführt werden kann. Die künstliche Befruchtung war geglückt. Das einzige Problem: Zurück in der menschlichen Gebärmutter wollten sich die befruchteten Eier nicht einnisten. Nur dreimal wuchs das Ei weiter, zweimal für zwei, einmal für neun Wochen. Anders bei Lesley Brown. "Sehr verzweifelt und sehr entschlossen" habe die junge Frau bei ihrer ersten Begegnung gewirkt, erinnert sich Edwards.

Hoffen, bangen, Tage zählen

Am 10. November 1977 taten Edwards und Steptoe dann das, was sie zuvor bereits rund 60 Mal getan hatten. Steptoe entnahm der Patientin Lesley Brown eine Eizelle. Das Ei wurde zusammen mit dem Sperma von John Brown in eine spezielle Lösung eingelegt, in der sich die Eizelle teilen konnte. Nach zwei Tagen pflanzte Steptoe Lesley Brown das befruchtete Ei wieder ein. Nun begann das Hoffen, das Bangen, das Tagezählen.

Anders als bei allen vorangehenden Patientinnen starb der Embryo im Mutterleib von Lesley Brown nicht ab, sondern wuchs beständig, Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat. Die werdenden Eltern schäumten über vor Freude - und begingen einen verhängnisvollen Fehler. "Eines Abends ging John Brown in einen Pub und erzählte den Anwesenden von der bislang streng geheimen Schwangerschaft seiner Frau. Leider war ein Journalist unter ihnen. So kam alles ans Licht", sagt Edwards. Was nun begann, war eine beispiellose Jagd auf die werdende Mutter.

"Keine ruhige Minute hatte die Schwangere mehr, überall lauerte ihr die Presse auf", erinnert sich Edwards. Die Frau habe so sehr gelitten, dass sein Kompagnon Steptoe sie im achten Schwangerschaftsmonat zu seiner Tochter nach Suffolk verfrachtet habe, wo sie eine Zeit lang untergetaucht sei, so der Wissenschaftler. Am 11. Juni 1978, sechs Wochen vor dem errechneten Termin, holten die Forscher Lesley Brown in die Klinik nach Oldham, wo sie die letzten Wochen vor der Geburt verbrachte - unter falschem Namen, abgeschottet von der Öffentlichkeit. Und doch nicht unerkannt. Rund ums Krankenhaus wimmelte es von Journalisten, die Unsummen für die Exklusivrechte an der Geschichte boten.

"Das Werk des Teufels"

Die "Daily Mail" gewann den Medienkrieg. Im Einverständnis mit der Mutter verkaufte das Forscherteam die Rechte an die britische Tageszeitung für umgerechnet 600.000 Euro. "Und hier ist sie: die zauberhafte Louise", triumphierte das Blatt, als Gynäkologe Steptoe das Baby an jenem bewölkten Dienstag mitten im britischen Sommer um 23.47 Uhr per Kaiserschnitt ins Leben beförderte. Ein Kamerateam der britischen Informationsbehörde filmte die Geburt, wochenlang war die kleine Louise Gesprächsthema Nummer eins.

Oftmals gesellte sich ein wohliges Grausen zu der Begeisterung über den medizinischen Durchbruch. "Ein Schritt in Richtung Homunkulus" titelte etwa der SPIEGEL und beschrieb die moderne Biotechnik als Disziplin, "die sich anschickt, den Menschen einem alchimistischen Experiment zwischen Hoffnung und Horror zu überantworten". In dem päpstlichen Sprachrohr "Osservatore Romano" bezichtigte der anglikanische Erzbischof von Canterbury Steptoe gar, "das Werk des Teufels" zu verrichten.

Was diesen jedoch nicht sonderlich beeindruckte. Anstatt sich wie geplant zur Ruhe zu setzen, gründete der Gynäkologe 1980 gemeinsam mit Edwards die Bourn Hall Clinic. Die finanzielle Starthilfe für das legendäre Befruchtungszentrum stammte aus dem Verkauf der Rechte an der Geschichte der kleinen Louise. Allein bis 1986 erzeugten Edwards und Steptoe in den Petrischalen der berühmten Befruchtungsklinik rund 530 Retortenbabys, darunter auch die kleine Schwester von Louise, Nathalie Brown.

Berühmtheit wider Willen

Wie viele Kinder ihm insgesamt ihr Leben zu verdanken haben, vermag Edwards, selbst fünffacher Vater und elffacher Großvater, nicht zu benennen. "Eine ganze Menge jedenfalls", sagt er und lacht. Obwohl er auch Kontakt zu anderen "seiner" Retortenbabys pflegt, wird Louise für den Reproduktionspionier immer etwas ganz besonderes bleiben. "Ende 2006 hat sie selbst ein Baby bekommen - auf natürlichem Weg", sagt Edwards und klingt dabei so stolz, als sei er selbst der Vater.

Louise hat den Presserummel um sie nie verstanden. Sie habe nichts Aufregendes zu erzählen, sagt die einstige Kindergartenhilfe und heutige Speditionsangestellte in Interviews. Auf dem Pausenhof hätten die Mitschüler das pummelige Mädchen häufig mit den Worten gehänselt: "Wie hast du jemals in ein Reagenzglas gepasst?" Vor etwa sechs Monaten hat Edwards die, wie er sagt, "kleine, rundliche, immerzu fröhliche Blondine" zum letzten Mal gesprochen, schon jetzt freut er sich auf ein Wiedersehen mit Louise am 25. Juli.

An diesem Tag wird die in der Grafschaft Cambridgeshire gelegene Bourn Hall Clinic ein großes Geburtstagsfest veranstalten - zu Ehren des weltweit ersten Retortenbabys.

Nachdem sein langjähriger Kollege Patrick Steptoe 1988 verstarb, arbeitete Robert Geoffrey Edwards (geboren am 29. September 1925) noch bis 1996 an der Bourn Hall Clinic. Derzeit ist der berühmte Physiologe als Herausgeber der internationalen Fachzeitschrift "Reproductive BioMedicine Online" tätig. Über Zeugung und Geburt des weltweit ersten Retortenbabys berichtete das Forscherteam Edwards und Steptoe in ihrem 1980 erschienenen Werk "A Matter of Life. The Story of a Medical Breakthrough".


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