TV-Kult "Schwarzwaldklinik" Reif für die Klinik

Todkranke suchten Professor Brinkmann, verlangten das Wunderwasser aus dem Fernsehen: Als die "Schwarzwaldklinik" lief, überrannten Fans das Glottertal - und bescherten einem Dorffriseur das große Glück.

Fotosammlung Rolf-Fritz Schill

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Hier oben, 600 Meter hoch im idyllischen Berghäusle, erholten sie sich also vom ständigen Lebenretten, vom gescheiterten Flirt mit einer Krankenschwester. Der reetgedeckte Bau im Schwarzwälder Glottertal war im ZDF das Ferienhaus der Brinkmanns, Deutschlands berühmtester Ärztefamilie.

Der Blick reicht über endlose Tannenwälder bis in die französischen Vogesen. Das Auge aber bleibt automatisch an diesem ikonischen Gebäude auf der anderen Talseite hängen, dessen markante Dreieckgiebel in der Morgensonne leuchten: die Schwarzwaldklinik. Aus der Ferne sieht alles aus wie vor 30 Jahren. Kaum vorstellbar, dass Professor Brinkmann hier nicht gerade operiert.

Dabei ist in dieser Klinik kein einziger Blinddarm entfernt worden. Es gibt nicht einmal einen OP-Saal. Warum auch? In der Realität residierte hier ein Sanatorium, ohne Chirurgen und heikle Operationen.

Aber die TV-Illusion war perfekt, zu perfekt sogar. Manchmal machte sie Hanspeter Prögel sprachlos. Den damaligen Leiter des Glottertaler Fremdenverkehrsamts riefen Todkranke an und fragten bettelnd nach diesem lebensverlängernden Wunderwasser, nur weil so eins in Folge 6 der "Schwarzwaldklinik" für Furore sorgte.

"Das ist doch nur ein Film!"

Im Herbst 1985 war das. Prögel ist immer noch fassungslos. "Das ist doch nur ein Film!", sagt der 78-Jährige. "Aber erklären Sie das mal einem Sterbenden. Psychologisch ganz schwierig." Die enttäuschte Stille am anderen Ende der Leitung empfand er als bedrückend. Andererseits freute ihn die Flut an Besuchern im kleinen Glottertal: "Die Werbeetats aller Gemeinden zusammen haben uns nicht so viel geholfen wie diese Serie. Plötzlich redete niemand mehr vom Waldsterben." Bald schon schnellten die Übernachtungszahlen in Glottertal um jährlich fast 20.000 in die Höhe.

Keine deutsche Fernsehsendung hat je einen solchen Boom ausgelöst: Als das ZDF am 22. Oktober 1985 die erste Folge der "Schwarzwaldklinik" ausstrahlte, schalteten 24 Millionen ein. Die Deutschen verliebten sich sofort in diese heile Welt aus mitfühlenden Medizinern und attraktiven Schwestern. Sie ließen sich mitreißen von den Bilderbuchlandschaften, im Vorspann aufgeblättert wie in einem perfekten Fotoalbum, unterlegt mit hymnischer Musik - hier das "Schwarzwaldklinik"-Intro:

Die Fernsehärzte retteten gewissermaßen auch das Leben von Rolf-Fritz Schill. Bis zum Serienstart galt er im Dorf als sympathischer, aber naiv gescheiterter Kleinunternehmer. "Dann war ich plötzlich der glücklichste Mann in Glottertal."

Wer den hageren 68-Jährigen mit den wachen, blauen Augen in seinem "Café Schill" treffen will, passiert eine kleine Brücke, die er aus Dankbarkeit gebaut hat. Eine goldene Plakette weist sie als "Klausjürgen Wussow-Brückle" aus. Und auf seiner Sonnenterrasse erhebt sich wie ein Heiligtum eine rosafarbene Steinstele: Schill hat die Autogramme von Wussow, Sascha Hehn, Evelyn Hamann und etlichen anderen Stars der Serie hochkopiert und von einem Steinmetz hineinschlagen lassen.

Vom Verlierer zum größten Profiteur

Auch sein Café wirkt wie ein ZDF-Museum: Blickfang ist das meterlange "Schwarzwaldklinik"-Schild, das Original der Dreharbeiten zu einem Spezial von 2004. Rund um eine wuchtige Kuckucksuhr hängen Dutzende gerahmte Bilder mit Autogrammen. Ganz links sein Lieblingsfoto: Klausjürgen Wussow 1986 im "Café Schill", das dunkle Brusthaar kräuselt aus einer tief eingeschnittenen, weißen Strickjacke. In der Linken glimmt eine Zigarette, seine Rechte umarmt Schills Kinder, auf dem Tisch leere Schnapsgläser. Privater geht es nicht.

"Ein wirklich ganz feiner, umgänglicher Mensch", schwärmt Schill mit samtweicher Pastorenstimme. Kein Wunder, die Nähe zu Wussow war sein Kapital.

Dabei hatte Schill lange alles falsch gemacht: 1976 eröffnete er einen Friseursalon mitsamt Café und Souvenirladen am Ende des kilometerlangen Glottertals - in einer Seitenstraße. Die Dorfbewohner belächelten ihn und behielten recht. Die meisten Touristen kamen aus dem nahen Freiburg und blieben schon am Ortseingang hängen. "Der Friseursalon machte Verluste, der Souvenirladen war eine Totgeburt, das Café lief so lala", sagt Schill. Also setzte er alles aufs Café. Er gab den Souvenirladen auf, verramschte all seine Kuckucksuhren, Schwarzwald-Gläser, Ochsenjochlampen. "70.000 Mark habe ich in den Sand gesetzt."

Dann ging die "Schwarzwaldklinik" auf Sendung. Aus dem Verlierer Schill wurde über Nacht der größte Profiteur des Touristenbooms. Denn sein Café liegt genau unterhalb der Straße zur bald weltberühmten Glotterbad-Klinik. Kein Fan kam mehr an seinem Geschäft vorbei, alle gierten nach Tratsch und Souvenirs.

Schill lieferte beides: Er suchte engen Kontakt zu den Schauspielern, "Evchen" nennt er noch heute zärtlich Eva Maria Bauer, die strenge Oberschwester Hildegard. Und er verkaufte Arztkoffer für Kinder, Schwarzwaldklinik-Puzzles, Schwarzwaldklinik-Spiele, Schwarzwaldklinik-Wandteller. Die Postkarten ließ er sich gleich palettenweise liefern. 1989 schloss er seinen Friseurladen, um Platz für noch mehr Andenken zu schaffen.

Selbst bei Dauerregen schoben sich täglich Touristen zu Hunderten den Berg zur Klinik hoch, darunter viele aus dem Ausland. "Erst kamen die Finnen und Schweden, dann die Franzosen und Schweizer", so Schill. Nach der Wende dann ein zweiter Boom, als DDR-Bürger das Glottertal überrannten. An manchen Tagen zählte Schill 65 Touristenbusse. Das ist längst vorbei. Zwei Stunden hat er nun erzählt, derweil haben sich nur drei Gäste in sein Café verirrt.

Ein todkranker Fan...

Heute kann man sich einsam auf die Spuren der Massen von damals machen: hinter dem Café am Bächlein entlang den Hang hoch, scharf links zum 1913 errichteten Carlsbau, so der ursprüngliche Name. Kein Wegweiser führt zur "Schwarzwaldklinik", die im richtigen Leben ein Sanatorium war und nach zehnjährigem Leerstand seit 2014 eine psychosomatische Akutklinik beheimatet. Wer den Bau trotzdem findet, steht vor einem großen Schild: "Zutritt verboten. Es gibt keine Besichtigungsmöglichkeit."

"So etwas hat damals kaum jemanden abgehalten", sagt Werner Geigges. Der Mediziner kam 1987 als Oberarzt nach Glottertal, um das Sanatorium in eine moderne Fachklinik für Psychosomatik und Innere Medizin umzuwandeln. "Die Patienten konnten das Gelände kaum verlassen, weil Horden von Touristen sie mit Kameras und Ferngläsern belagerten", erzählt Geigges. "Es war wie im Zoo und für die medizinische Arbeit ganz schwierig."

Devotionalienjäger klauten Schilder, Blumen, Besteck. Fans versuchten, ins Klinikinnere zu gelangen, sollen Patienten sogar Geld im Tausch gegen Zimmerschlüssel angeboten haben. Zu Wussows Geburtstag stapelten sich in der Klinik Geschenke aus ganz Deutschland.

Geigges war erschrocken, "wie viele Menschen nicht zwischen Fernsehen und Realität unterscheiden konnten". Etwa diese alte Frau mit dem letzten Wunsch, sich von Professor Brinkmann behandeln zu lassen. Auch ihre Angehörigen konnten ihr das nicht ausreden, daher brachten sie die schwer herzkranke Frau zur vermeintlichen "Schwarzwaldklinik". Geigges musste sie notärztlich behandeln lassen - "kein Einzelfall".

...und ein echtes Wunder

Dabei diente der Carlsbau dem ZDF immer nur als Außenkulisse. Alle Innenaufnahmen entstanden in einem fernen Hamburger Studio. Das ahnten aber die Touristen nicht. Was sie auch enttäuschte: Wo war diese heimelige Nähe, die sie vor dem Fernseher verspürten? Sagte der Professor nicht ständig, er gehe "mal kurz zur Klinik", wenn er sein romantisches, geraniengeschmücktes Wohnhaus verließ?

In Wahrheit hätte er dazu 60 Kilometer laufen müssen, vorbei am Titi- und am Schluchsee, die ebenfalls nur im Fernsehen gleich um die Ecke sind, alles in einem wunderschönen Ort. Tatsächlich drehte das ZDF an 31 Orten im ganzen Schwarzwald.

Rolf-Fritz Schill profitierte von solchen Träumen. Wenngleich er, selbst ein Träumer, 20.000 Mark Strafe zahlen musste für Souvenirs, die er verkaufte, ohne zu wissen, dass er dafür Lizenzrechte brauchte. Als ihn einmal eine Frau verstört fragte, sie habe gehört, Klausjürgen Wussow sei gar kein Arzt, sagte er nur: "Ach, die Leute reden halt viel…"

Dagegen sagte Hanspeter Prögel vom Fremdenverkehrsamt den Gästen stets die Wahrheit. Als er vor einigen Jahren schwer an Krebs erkrankte, musste er wieder an das Wunderwasser denken. "Zum ersten Mal verstand ich meine Anrufer von damals." Die Ärzte machten ihm wenig Hoffnung. Doch wie es aussieht, hat er den Krebs besiegt. Ein echtes Wunder. In Freiburg, fern der Schwarzwaldklinik.



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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
Mona Furth, 16.10.2015
1. Danke Dr. Brinkmann
Ich habe die Schwarzwaldklinik immer als Kind mit meiner Oma gesehen. Das war der Beginn einer tiefgreifenden Leidenschaft für Medizin. Ich fing sogar an meine Kinderbücher nach Krankheiten zu sortieren. Nun bin ich Ende meines Medizinstudiums und hoffentlich selbst bald Ärztin. Vielleicht wäre es ohne Dr. Brinkmann ja was anderes geworden. Wer weiß?
Michael Straub, 16.10.2015
2. Das waren noch Zeiten!
...als die ganze Familie Samstagsabend auf der Couch versammelt war und alle am Montag dasselbe Gesprächsthema hatten. Irgendwie vermiss ich das mit meinen 36 Lenzen... Übrigens: Der Lindenstraße geht es ähnlich wie der Schwarzwald Klinik. Es gibt Leute, die wollten im Reisebüro von Beimers eine Reise buchen...
Jjan Poersckhe, 16.10.2015
3. ...
Unterschriften "hochkopiert" ? meinen Sie das, was man frueher "vergroessern" nannte?
Henning Griebel, 16.10.2015
4. Früher war mehr Fernsehen
Dallas, Denver Clan, Magnum, Das A-Team, Miami Vice......und Gott ja, auch Die Schwarzwaldklinik. Alles hatte seine Zeit und das ist gut so - besonders im Falle der letztgenannten Serie!!
Frank Scheer, 16.10.2015
5.
Ich habe damals zusammen mit Freunden auf dem Kandel etwa 700 Meter über dem Glottertal gewohnt. Die Straße durch das Dorf war der direkteste Weg nach Freiburg. Wenige Tage nach der ersten Folge war das Dorf total überlaufen, es fehlten Busparkplätze, also stand die Talstraße häufig voller Busse, dazwischen standen unzählige Touristen, manchmal kam man kaum mehr durch... Mittlerweile lebe ich schon lange in Berlin, habe aber mit meiner Familie 2013 und 2015 dort Urlaub gemacht. Der Ort hat enorm von der Schwarzwaldklinik profitiert und sieht nun wesentlich aufgeräumter und schöner aus als damals.
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