30 Jahre "Star Wars" Krieg der Schere

30 Jahre "Star Wars": Krieg der Schere Fotos
20th Century Fox

Chaotische Drehtage, entsetzte Produktionsleiter: Regisseur George Lucas empfand die Arbeit an seinem wichtigsten Film vor 30 Jahren als Folter. Aus Verzweiflung richtete er sogar eine Schere gegen sich selbst. Dann hatte "Star Wars" Premiere - und revolutionierte die Filmindustrie. Von Benjamin Maack

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Als George Lucas am 26. Juni 1997 zu den Dreharbeiten von "Star Wars Episode I" am Set erschien, hatte er die Lacher auf seiner Seite. Der Regisseur trug ein T-Shirt mit der Aufschrift "Star Wars: ... ein Film mit Comic-Heft-Figuren, einer unglaubwürdigen Story, ohne politische oder soziale Kommentare, mit lausigen Darstellern, absurden Dialogen und einer lächerlich einfachen Moral. Mit anderen Worten - ein SCHLECHTER FILM." Der Aufdruck zitierte einen Artikel, der im Januar desselben Jahres im "New Yorker", dem Vorzeige-Magazin der intellektuellen Elite Amerikas, erschienen war.

Die spitzbübische Lässigkeit, mit der der 53-Jährige die Zeilen zur Schau trug und sich sogar mit dem Shirt ablichten ließ, machte wohl auch dem letzten Kritiker klar: "Star Wars" kann man nicht kritisieren. Denn der Hype, die schiere Größe des Phänomens, die Liebe der Heerscharen von Fans, all das war schon 1997 weit über den Punkt hinaus, an dem "Krieg der Sterne" einfach eine Filmreihe war, die man ansehen und diskutieren konnte. Bis heute, zum 30. Geburtstag der Serie, hat sich daran nichts geändert. "Star Wars" ist eine Religion. Es ist die Macht.

Es war einmal vor langer Zeit...

Zunächst jedoch war "Star Wars" einfach nur ein Film unter Hunderten, die 1977 in die Kinos kamen, und George Lucas ein Mann mit einer großen Idee - zum falschen Zeitpunkt. Denn in den siebziger Jahren drehte man keine Science-Fiction-Filme. Das Genre hatte seine Blütezeit in den Fünfzigern gehabt. Sogar Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" von 1968 hatte sieben Jahre gebraucht, um sein 10,5-Millionen-Dollar-Budget wieder einzuspielen.

Und man drehte erst recht keine infantilen Weltraummärchen, in denen Prinzessinnen gerettet werden mussten und in denen Laserkanonen - abgefeuert im Vakuum des Alls - Geräusche von sich gaben.

Auf dem wüsten Planeten Tatooine

Dieser Gedanke muss George Lucas wie ein Stein auf der Seele gelegen haben, als er sich am 1. Mai 1977, einen Monat vor der Premiere, in den Sessel eines Kinos in Northpoint, San Francisco drückte und auf den Beginn der erste Probevorführung von "Star Wars" wartete. Unter den Zuschauern befand sich Alan Ladd Jr., der Produktionsleiter der 20. Century Fox. Der hatte sich beim Vorstand des finanziell schwer angeschlagenen Konzerns für den 32-jährigen Regisseur eingesetzt - und betete nun nur noch darum, zumindest die Produktionskosten wieder hereinzubekommen.

Lucas hatte die Hauptfigur des Films, den jungen Luke Skywalker, sich selbst nachempfunden. So wie Skywalker die Macht in sich entdeckt, um den Wüstenplaneten Tatooine zu verlassen und als Jedi das Universum zu retten, war Lucas aus Modesto, einer öden Kleinstadt im Norden Kaliforniens, fort gegangen, um als Regisseur die Welt zu erobern. Doch nach sieben Jahren harter Arbeit, vom ersten Drehbuchentwurf bis zum letzten Schnitt, war von dem dynamischen Visionär nicht mehr viel übrig. In dem Moment, als sich der Vorhang öffnete, hatte er seinen Glauben an den Film verloren. Lucas war sich sicher, dass "Star Wars" ihn seine Karriere kosten würde.

"Wookie, was für ein Loch!"

Schon seit sein erstes Projekt, der etwas sperrige Science-Fiction-Film "THX 1138", fertig gestellt war, machte sich Lucas ständig Notizen zu einem Projekt namens "The Story of Mace Windu". Er erschuf eine Fantasie-Galaxie, der er bei jeder Gelegenheit neue Ideen hinzufügte.

Der Name des Volkes beispielsweise, dem der pelzige Co-Pilot von Han Solo, Chewbacca, angehört, entstand in einem besonderen Moment: Lucas Freund Terry McGovern fuhr mit seinem Wagen durch ein Schlagloch und rief: "Wookie, was für ein Loch!" Auf die Bezeichnung für den piepsenden Roboter an der Seite des Protokolldruiden C-3PO brachte ihn wiederum Walter Murch, der Cutter seines zweiten Films "American Graffiti". Als dieser mit Lucas im Schneideraum saß, sagte Murch: "Gib mir mal R2, D2" - Rolle 2, Dialogszene 2.

"Wir reden hier nicht von einem '2001'"

Die Arbeit am Drehbuch war für den Regisseur trotz aller kleinen Erfolge die reine Folter. "Fünf Stunden schreiben, drei Stunden nachdenken", beschrieb Lucas seine Methode. Dabei hatte er ständig einen Stapel Comics und eine Schere in seiner Nähe. Mit den Comics wollte er sich in die Gedankenwelt eines Zehnjährigen versetzen, denn "Star Wars" sollte ein Film für Kinder werden. Die Schere war sein Beruhigungsmittel. Wenn ihn mal wieder die Verzweiflung packte, begann er, an seinem Bart und an seinen Haaren herumzuschnippeln.

Dabei klang das Projekt gar nicht so ehrgeizig, als er es das erste Mal dem Illustrator Ralph McQuarrie erklärte: "Wir reden hier nicht von einem '2001', sondern von einer Fantasie-Geschichte für Kinder, die ein paar Helden hat, eine klare Story, in der die Guten gegen die Bösen kämpfen und die Guten gewinnen ... wenigstens am Anfang."

Doch das war nur die halbe Wahrheit.

Dreh mit Hindernissen

Was Lucas eigentlich vorschwebte: Er wollte ein eigenes Universum mit eigenen Völkern, Planeten, politischen Verhältnissen, ja sogar einer eigenen Logik und Mythologie erdenken. Das kostete ihn vier Jahre und vier Drehbuchversionen. Aus "The Story of Mace Windu" wurde "Adventures of the Starkiller, Episode One of the Star Wars", daraus "The Star Wars" und schließlich einfach "Star Wars".

Doch auch mit dem fertigen Script wurde es für Lucas nicht einfacher: Um seine Ideen von actionreichen Weltraumschlachten zu verwirklichen, waren Spezial-Effekte nötig, die es so bis dato nicht gab. Lucas gründete kurzentschlossen eine eigene Firma, die die Technologien für den Film entwickelten sollte: Industrial Light & Magic.

Während der Dreharbeiten wurde der Regisseur vom Pech verfolgt. In Tunesien, dessen Wüstenlandstriche als Schauplatz für den kargen Planeten Tatooine herhalten sollten, begann es einen Tag nach Drehbeginn zu regnen - das erste Mal seit fünf Jahren. Zudem erlitt Luke-Skywalker-Darsteller Mark Hamill einen schweren Autounfall und musste durch ein Double ersetzt werden. Außerdem waren die Arbeiter in den englischen Studios, in denen Lucas drehte, gewerkschaftlich organisiert und nicht bereit, auch nur eine Sekunde länger als bis Punkt 17.30 Uhr zu arbeiten.

Den Rest gab Lucas der Moment, als er nach Abschluss der Dreharbeiten seine Trickfilm-Spezialisten aufsuchte.

Der Schock

Denn in den vergangenen zwei Jahren hatten die Tüftler von Industrial Light & Magic eifrig an der Technologie herumgeschraubt - doch von den über 200 nötigen Flugszenen waren erst exakt drei im Kasten.

Die Erkenntnis war ein Schock für Lucas. Kurz darauf litt er unter derart heftigen Schmerzen in der Brust, dass er in ein Krankenhaus eingeliefert werden musste. Die Ärzte bescheinigtem ihm extreme Erschöpfung. An diesem Abend beschloss Lucas, nie wieder Regie zu führen.

Die Macht

Im Kinosessel bei der Probevorführung am 1. Mai 1977 saß also ein völlig ausgelaugter Mann, der fest davon überzeugt war, dass er niemals wieder einen Film drehen würde. Und dann geschah das Wunder: Die Zuschauer waren begeistert. Alan Ladd von 20. Century Fox gestand Lucas im Nachhinein, dass er vor Glück geweint habe. Mehr noch: "Star Wars" spielte allein in den USA und Kanada die astronomische Summe von 461 Millionen Dollar ein und wurde damit zum erfolgreichsten Kinofilm seiner Zeit.

Der Film mit den Comic-Heft-Figuren, der unglaubwürdigen Story ohne politische oder soziale Kommentare, den lausigen Darstellern, den absurden Dialogen und der lächerlich einfachen Moral berührte die Menschen. Er war ein Märchen für Kinder. Ein Märchen für das Kind in jedem von uns.

Und natürlich drehte Lucas auch wieder Filme. Nachdem er 20 Jahre lang als Produzent gearbeitet hatte, setzte er sich für die drei jüngsten "Star Wars"-Episoden wieder in den Regiestuhl.

Ach ja, und "Star Wars: Episode I", zu dessen erstem Drehtag Lucas mit dem ungewöhnlichen T-Shirt erschienen war, wurde mit beinahe einer Milliarde Gewinn sein erfolgreichster Kinofilm - und ist es bis heute geblieben.

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1.
Michael Schnickers 05.12.2007
Sehr hymnisch das Ganze. Leider blenden sie völlig aus, dass die Filme der letzten Jahre nur noch seelenlose Materialschlachten sind, der letzte war der schlechteste und die Wandlung hin zum Bösen absolut an den Haaren herbeigezogen. Die ersten Filme sind Kult, den wir damals mit 13-17 Jahren heiß und innig geliebt haben. Wie haben wir uns auf die Vor(t)-Setzung dieser Serie gefreut und sind bei den ersten Trailern zu "Episode 1" im Kino regelrecht ausgeflippt! Dann kam der Film und wir dachten: "Naja, aber die anderen werden bestimmt besser..." Pustekuchen! George Lucas hat damit seinen eigenen Mythos geschlachtet und verwurstet! Sternstunden des Merchandising! Ichse habense fertig!
2.
Dirk Gerhardt 05.12.2007
Ich weiß ja nicht, in wie weit Herr Lucas schon den gesamten Zyklus im Kopf hatte, als er 1977 im Kino saß, ich meine aber dass es schon lange 5 Bücher (wie jetzt Filme) gab. Aber die Aussage, dass in den ersten beiden Teilen keine politische Botschaft enthalten sein soll, ein eigenes Universum erschaffen worden sein soll, dem der Menschen gänzlich fremd, kommt mir befremdlich vor. Wie kommt es dann, dass die Verwandlung von Senator Palpatine zum Dunklen Lord der Sith so sehr an Gefahren erinnert, die auch westliche Demokratien ausgesetzt sind, wenn False Flag Terror unsere Sicherheit bedroht und wir uns gerne in die Hände der selbsternannten Beschützer geben?
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