Beginn der "tageszeitung" taz da!

Streitkultur hat einen Namen: Am 17. April 1979 lag die erste "taz" an Deutschlands Kiosken - als Fehdehandschuh der Linken an die bürgerliche Presse. "taz"-Mitgründer Michael Sontheimer erinnert sich an Zeitungmachen am Rande des Nervenzusammenbruchs und Haschischschwaden aus der Dunkelkammer.

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Natürlich knallten die Sektkorken am Nachmittag des 16. April 1979 in der Fabriketage im Berliner Wedding; selbstverständlich rollte Tom, der Layouter, einen ordentlichen Joint. Immerhin hatten wir gerade die erste tägliche Ausgabe der "tageszeitung" produziert. Zwölf Seiten hatten wir hergestellt - zu unserer eigenen Überraschung.

Richtig entspannt feiern konnten wir nicht, denn am nächsten Tag um 13.30 Uhr musste schon wieder eine Ausgabe fertig sein. Tag für Tag sollten wir jetzt eine Zeitung machen. Also gingen wir an die Arbeit: Vorproduktion. Am Abend fuhren wir mit unseren klapperigen Renault 4 nach Kreuzberg und feierten noch ein wenig in einem von italienischen Genossen gegründeten Lokal namens "Osteria No. 1".

In der "Osteria" kochte ein irischer Koch die schlechtesten Spaghetti Berlins. Aber Qualität stand damals nicht im Vordergrund. Unsere Leserschaft hatte Vera im Editorial der ersten Nummer vorgewarnt: "Die 'taz' wird am Anfang miserabel sein, manchmal wird sie vielleicht überhaupt nicht sein." Mit letzterem irrte sich die Redakteurin für Soziales allerdings.

Buttersäure und Bombendrohungen

Seit jenem Tag vor 30 Jahren sind bald 8900 Ausgaben der "taz" erschienen. Nie ist eine Nummer ausgefallen. RAF-Sympathisanten besetzten die Redaktionsräume, Feministinnen verpesteten sie mit Buttersäure, Polizisten durchsuchten sie, Rechtsextremisten übermittelten Bombendrohungen. Die "taz"-Frauen streikten, die Redaktion stritt sich bis aufs Blut - aber es galt das Primat der Produktion. Die Zeitung muss gemacht werden.

Es dauerte seine Zeit, bis die Verkäufer an Kiosken auf die Bitte "Eine Tageszeitung" nicht mehr mit der Frage antworteten: "Ja, aber welche denn?" Die "taz", wie sie dann bald genannt wurde, hatte ein paar Dutzend existenzielle Krisen zu überstehen. Heute residiert sie in der Rudi-Dutschke-Straße in Berlin-Kreuzberg, hat eine tägliche Auflage von fast 60.000 Exemplaren und gehört 8453 Genossinnen und Genossen, Anteilseigner der 1992 gegründeten taz-Genossenschaft. Da nur zehn Prozent der Einnahmen Anzeigenerlöse sind, perlt die aktuelle Medienkrise, die andere Zeitungen existenziell bedroht, an der "taz" ab. Sie ist ein solides Unternehmen.

Begonnen hatte die "taz" als "Projekt". Auf der Frankfurter Buchmesse im "Deutschen Herbst" 1977 hatten Linksradikale erstmals darüber diskutiert, ob sich die selbstverordnete "Nachrichtensperre" der etablierten Medien mit einer linken radikalen Tageszeitung durchbrechen ließe. Bereits Ende der sechziger Jahre hatten Aktivisten der Studentenbewegung in West-Berlin von einer linken Tageszeitung geträumt. Auch die Hamburger Verleger Gerd Bucerius und Rudolf Augstein hatten mit der Idee geliebäugelt, um das De-facto-Monopol ihres Kollegen Axel Springer in der Mauerstadt aufzubrechen. Es war bei der Idee geblieben.

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Wenn Flugzeuge abstürzen

Im Jahr 1978 waren es nicht Verleger, sondern Kollektivisten von alternativen Stadtzeitungen wie dem "Blatt" in München, "Klenkes" in Aachen oder dem "Kölner Volksblatt" die zu den allenthalben aufblühenden "taz-Inis" stießen. Wir wollten anders arbeiten, die Arbeitsteilung aufheben und die Hierarchien abschaffen. Und viele von uns kamen aus sozialen Bewegungen, deren Ideen von den saturierten, etablierten Medien ignoriert wurden: aus der Frauenbewegung, aus den Solidaritätskomittees für die Sandinista in Nicaragua, aus Bürgerinitiativen gegen Atomkraftwerke.

Einmal besuchten wir Herrmann Gremliza, der beim SPIEGEL rausgeflogen war, und nun der linken "Konkret" als Chefredakteur vorstand. Der Genosse Gremliza fragte uns, ob wir einen Flugzeugabsturz mit vielen Toten zum Aufmacher der Seite 1 machen würden. Wir antworteten: "Nö." Er sagte: "Es gibt da noch ein anderes Projekt einer linken Tageszeitung, das sind Profis."

Die Profis gründeten als Konkurrenz zur "taz" ein Blatt namens "Die Neue". Sie war "gewerkschaftlich orientiert", dementsprechend langweilig und bald pleite. Einer der Profis, Martin Buchholz, macht inzwischen Kabarett, ein anderer, Charly Guggomos, ist schon lange tot.

Haschischduft aus der Dunkelkammer

Dabei hatten die Profis recht: Wir waren richtige Flipper. Für die Produktion der ersten Nullnummer, mit der wir Abonnenten werben wollten, hatten wir fünf Tage gebraucht, die zehnte und letzte Nullnummer hatten wir in anderthalb Tagen fertig bekommen. Aber vor dem täglichen Erscheinen wollten wir es wenigstens einmal schaffen, eine Ausgabe an einem Tag zu machen, eine "Blindnummer". Der Tag kam, aber am Karfreitag, dem 13. April 1979, kam kaum jemand von den künftigen Redakteuren. In einem Raum mit zehn Schreibtischen saß ich zusammen mit Max Thomas Mehr ganz alleine - unsere Mitstreiter hatten der strahlenden Frühlingssonne nicht widerstehen können. Ich fragte leicht verzagt: "Meinst Du, wir schaffen es wirklich, eine Tageszeitung zu machen?" Max antwortete: "Ich weiß nicht. Es wäre ein Wunder bei dem Haufen."

Wir waren blutige Laien. Von den rund 300 Leuten, die sich in den "taz"-Initiativen in 30 Städten engagierten, hatten nur drei oder vier schon mal für eine Tageszeitung gearbeitet. Die meisten von uns waren Studenten, andere Sozialarbeiter, Taxifahrer und Buchhändler. Ich hatte gerade mal zwei Monate beim "Tagesspiegel" in Berlin hospitiert. Andere Mitstreiter fuhren nach Paris und Rom, um bei der "Libération" und der "Lotta Continua" zu studieren, wie eine Tageszeitung gemacht wird. Wir hatten keine Ahnung, aber uns beflügelte die Arroganz der Adoleszenz, mit der die meisten Menschen in ihren frühen Zwanzigern gesegnet sind.

Wir waren Spontis, Spontaneisten, wie damals undogmatische Linksradikale genannt wurden. Wir hatten diese Sponti-Sprüche im Kopf: "Wir wollen alles, aber subito!" Oder "Seid realistisch, verlangt das Unmögliche!" Mit dabei waren auch Vertreter der Am-Morgen-ein-Joint-und-der-Tag-ist-dein-Freund-Fraktion: Richard, der Reprofotograf zum Beispiel, aus dessen Dunkelkammer stets betörender Haschischduft strömte. Richard lebt inzwischen schon lange auf den Salomon-Inseln in der Südsee.

"Sumpfblüte" oder "Republikanischer Landbote"?

Sympathisanten, die den Pressemarkt kannten, warnten uns: Das kann so gar nicht klappen. Ihr braucht erfahrene Journalisten. Außerdem kostet es Millionen von D-Mark, eine neue Tageszeitung auf den Markt zu bringen und durchzusetzen. Wir sagten uns: Diese Besserwisser von der bürgerlichen Presse haben doch keine Ahnung. Den werden wir es mal zeigen.

Wir waren uns über nicht viel mehr einig, als dass die Zeitung täglich erscheinen und links sein sollte. Was unter links zu verstehen wäre, darüber sollte in dem Blatt pluralistisch gestritten werden. Klar war allerdings, dass wir mit der DDR und dem undemokratischen Sozialismus in Osteuropa nichts am Hut hatten.

Lange hatten wir über den Namen des Kindes debattiert. Da Vorschläge von Sympathisanten wie "Sumpfblüte", "Republikanischer Landbote" oder "Radikale Allgemeine" keine Mehrheit fanden, konnte sich Christian Ströbele mit seinem Vorschlag eines Minimalnamens durchsetzen: "die tageszeitung".

"Nur im Wortlaut wird das Wort laut"

Mit 24 Jahren gehörte ich zu den Jüngeren, aber wir machten die Mehrheit der "taz"-Gründer aus. Die Produktion der Zeitung stellten wir uns höchst basisdemokratisch vor. Die lokalen "taz"-Initiativen und überregionale Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen sollten bestimmen, was gedruckt wird. Wir würden "Betroffenenberichte" und Texte von "Basisgruppen" drucken. "Nur im Wortlaut wird das Wort laut", sollte eine unserer Maximen sein.

Ein paar ältere Frankfurter, die schon 1968 bei der Studentenbewegung mitgemischt hatten - Frank Berberich zum Beispiel, der heute die deutsche "Lettre International", macht oder Arno Widmann, inzwischen Feuilletonchef der "Frankfurter Rundschau" - hatten mehr Erfahrung im Leben und in politischen Gruppen. Sie wussten: Die Zeitung machen diejenigen, die in der Zentralredaktion sitzen. So kam es dann auch.

Unsere Motivation würde ich heute so beschreiben: Da es offenbar zu mühsam war, die Revolution zu machen und die Chancen dafür in der wohlstandsgesättigten BRD auch nicht so gut standen, wollten wir wenigstens die Revolution predigen. Notfalls in jeder Kurzmeldung. Die ersten Ausgaben der "taz" waren genial dilettantisch. Einem Bericht über Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen gaben wir den Titel: "Haupttendenz Weltrevolution".

Die erfolgreichste Journalistenschule der Nation

Gründen konnten wir die "taz" nur dank entschlossener Selbstausbeutung. Anfangs bezahlten wir uns einen Einheitslohn von 650 D-Mark netto, den aber auch nur sieben der 60 Vollzeit-Beschäftigten in vollem Umfang in Anspruch nahmen. Der Rest ließ sich vom Sozial, Arbeits- oder Bafög-Amt alimentieren, etliche auch von Papa in Westdeutschland. Da wir für den Start mit 20.000 Abonnenten kalkuliert hatten, aber nur 6500 beisammen waren, als wir loslegten, musste Geschäftsführer Kalle die Lohnzahlung nach einem halben Jahr erst einmal einstellen.

Der Rechtsanwalt Christian Ströbele war eine Vaterfigur für uns. Wenn wir uns mal wieder richtig böse gestritten hatten, kam er gerne fröhlich mit einem großen Blech Kuchen in die Redaktion geschlendert. Erst vor ein paar Jahren hat mir Ströbele zu meiner Überraschung gestanden: "Ich habe damals geglaubt, dass der Laden nach einem halben Jahr wieder zusammenklappt. Ich dachte, das funktioniert alles nicht."

Es hat funktioniert. Es hat deshalb funktioniert, weil wir keine Journalisten waren, sondern politisch motivierte Amateure. Die "taz" wandelte sich, ganz anders als wir uns das gedacht hatten, von einem radikalen Szeneblatt zum Medium des neuen alternativen Bürgertums - ihr Weg ähnelte dem der Grünen. Die "taz" wurde auch zur erfolgreichsten Journalistenschule der Nation - keine wichtige Redaktion ohne ehemalige "taz"-Redakteure.

Nörgeln gehört zum Handwerk

Und die "taz" wurde das Zukunftsmodell für Zeitungen im Internetzeitalter - obwohl ihre Mitarbeiter das gar nicht unbedingt wollten. Bis heute wird die Zeitung nicht mittels Anzeigen finanziert, sondern von ihrer Leserschaft. Sie gehört nicht Finanzinvestoren oder einem Großverlag, sondern einer Genossenschaft. Ihre Redaktion ist wirklich unabhängig. Die Mitarbeiter der "taz" und ihre Leser sind eine verschworene Gemeinschaft.

Wir Gründer haben an der heutigen "taz" dies und jenes auszusetzen - Nörgeln gehört zum Handwerk bei Journalisten. Aber natürlich sind wir stolz darauf, dass wir etwas geschaffen haben, das uns überleben wird.

Michael Sontheimer war 1979 einer der Mitbegründer der "tageszeitung" und - nach sieben Jahren bei der "Zeit" von 1992 bis 1994 "taz"-Chefredakteur. Seit 1994 ist er beim SPIEGEL.

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Werner von Schleiden, 16.04.2009
1.
Lieber Michael Sontheimer, einen Satz wie "Die "taz" wurde auch zur erfolgreichsten Journalistenschule der Nation ..." sollte man nicht ohne den geringsten Beleg in die Welt setzen. Wenn Sie solche pure Behauptung als Journalismus verstehen wollen und das auch noch bei der "taz" so gelernt haben sollten, widerlegt das Ihre steile These aufs Ironischste. Das wird Ihnen - und der "taz" - nicht gerecht. Ich verbuche das mal unter solche Oma-Weisheiten wie "Ein Jahr auf der Straße ist besser als jede Schauspielschule" oder "Das Leben schreibt die besten Geschichten". Für die NDR-Talkshow würd's gerade reichen. Wenn ich mir allerdings die Absolventenlisten anschaue, halte ich die Hamburger Journalistenschule, jetzt Henri-Nannen-Schule immer noch für wesentlich beeindruckender. Und auch erfolgreicher - wie immer man Erfolg definieren mag.
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