30 Jahre Thatcherismus Wie Maggie an die Macht kam

30 Jahre Thatcherismus: Wie Maggie an die Macht kam Fotos
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Die Sowjets tauften sie "Eiserne Lady", US-Präsident Ronald Reagan nannte sie "Englands besten Mann": Vor 30 Jahren wurde Margaret Thatcher zur britischen Premierministerin gewählt. Es war der Startschuss für eine marktradikale Revolution - die nun wieder zurückgedreht wird. Von Carsten Volkery, London

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"Weißt Du, es gibt Zeiten, vielleicht alle 30 Jahre, da findet in der Politik ein Gezeitenwechsel statt", dozierte der britische Premierminister James Callaghan in den letzten Tagen des Unterhauswahlkampfs 1979 gegenüber einem jungen Vertrauten. "Es kommt dann nicht darauf an, was man sagt oder tut. Die Öffentlichkeit will etwas anderes. Ich glaube, jetzt ist so ein Gezeitenwechsel - und er ist zu Gunsten Frau Thatchers".

Bevor die Wähler überhaupt an die Urne gegangen waren, hatte Callaghan sich innerlich von seinem Amt bereits verabschiedet. Selbst bei ihm schien die Botschaft des "Change" zu fruchten, mit der die konservative Oppositionsführerin Margaret Thatcher über die Insel zog. Ihr Aufstieg an die Macht allerdings war keineswegs so unvermeidlich, wie das der unterlegene Callaghan hinterher darstellte.

Noch im Sommer 1978 sah es eher so aus, als würde Thatchers Karriere jäh enden. Die britische Wirtschaft zeigte Anzeichen der Erholung. Die Inflation, die wenige Jahre zuvor bei 26,9 Prozent gelegen hatte, war zurück im einstelligen Bereich. Das politische Klima verbesserte sich für die regierende Labour-Partei: Sie führte in den Umfragen, und auch in der Politiker-Beliebtheitsliste ließ der moderate Callaghan die als extremistisch verrufene Thatcher weit hinter sich.

Der "Winter des Missvergnügens"

So günstig schienen die Umstände, dass der Premierminister mit dem Gedanken spielte, schon im Herbst 1978 eine Wahl auszurufen. Wäre es dazu gekommen, hätte Thatcher wohl eine Niederlage kassiert. Ihre Tage als konservative Frontfrau wären gezählt gewesen.

Doch es kam anders.

In ihrer Verzweiflung gaben die Tories bei der Agentur Saatchi eine Werbekampagne in Auftrag. Das Plakat zeigte eine lange Schlange Arbeitsloser, darauf der Slogan "Labour isn't working". Es war eine Erinnerung daran, dass die Arbeitslosigkeit mit 1,5 Millionen sehr hoch war. Es wurden nur wenige Plakate aufgehängt, doch der wütende Protest der Labour-Regierung sorgte für die gewünschte Breitenwirkung. Callaghan geriet wieder in die Defensive und beerdigte seine Wahlpläne.

Der folgende Winter bescherte Thatcher den Durchbruch. Als "Winter des Missvergnügens" ging er in die Geschichte ein. Die Regierung hatte in ihrem Kampf gegen die Inflation für die anstehenden Tarifrunden eine Obergrenze von fünf Prozent mehr Lohn festgelegt. Unternehmen, die sich nicht daran hielten, wurden zur Strafe öffentliche Aufträge entzogen.

Müllhalde London

Die Fünf-Prozent-Regel sorgte für massive Streiks: Fernfahrer, Müllmänner und Krankenhausmitarbeiter gingen auf die Straße, in Liverpool streikten selbst die Totengräber. Tankstellen und Läden wurden nicht mehr beliefert, Krankenhäuser nahmen nur noch Notfallpatienten an, auf öffentlichen Plätzen türmten sich die Müllberge. Für mehrere Wochen im Januar 1979 herrschte Anarchie. Am 22. Januar, der zum "Nationalen Aktionstag" ausgerufen worden war, legten 1,5 Millionen Menschen die Arbeit nieder.

Thatchers Moment war gekommen. Bis dahin hatte sie sich nicht getraut, die Gewerkschaften frontal anzugreifen. Als vorsichtige Politikerin war sie um ihre Wahlchancen besorgt. Doch nun spürte sie, dass die Öffentlichkeit einen schärferen Ton akzeptieren würde. Sie präsentierte sich als Anführerin, die im Namen der Nation das Duell mit den militanten Gewerkschaftern zu führen bereit war. "Wenn sich jemand gegen unsere Freiheiten stellt, wenn jemand den Kranken Verletzungen und Schaden zufügt, mein Gott, dann werde ich mich ihm entgegenstellen", sagte sie in einer Radioansprache am 31. Januar 1979.

Und Thatcher traf damit einen Nerv. Ihre persönlichen Zustimmungswerte stiegen, die Tories lagen bald 20 Prozent vor Labour. Es sollte noch drei Monate bis zur Wahl dauern, in den letzten Wochen kam Labour noch einmal gefährlich nah heran. Doch in diesen Januartagen hatte Thatcher den entscheidenden Grundstein für ihren Erfolg gelegt.

Rollback der Thatcher-Revolution

Es war eine seltene Demonstration jener Streitlust, die ihr später wenig schmeichelhafte Beinamen wie "Attila, die Henne" eintrug. Sie stand in deutlichem Kontrast zu ihrem sonstigen Wahlkampf, in dem sie bestrebt war, moderat bis zur Unkenntlichkeit zu wirken. "Bis zum Mai 1979 konnte kein Kollege und kein Kommentator sicher sein, wer die wahre Margaret Thatcher war", schrieb ihr Biograph John Campbell. "Vielleicht wusste sie es nicht einmal selbst".

Auch nach der Wahl, die die Konservativen am 3. Mai 1979 mit 44 Prozent der Wählerstimmen gewannen, dauerte es noch, bis der Thatcherismus zur vollen Blüte kam. Der Falkland-Krieg 1982 machte Thatcher zur Nationalheldin. Erst danach fühlte sie sich stark genug, dem Land ihre Philosophie der Deregulierung aufzudrücken. Sie wurde eine der am meisten bewunderten, aber auch am meisten gehassten Führungsfiguren des Landes.

Thatcher gilt als Begründerin des modernen Großbritannien. Sämtliche Premierminister nach ihr sind ihre Erben, allen voran Tony Blair, der die Labour-Partei ähnlich radikal umkrempelte wie sie die Tories. "Ihr wahrer Triumph lag darin, dass sie nicht nur eine, sondern zwei Parteien verwandelt hat", bemerkte Thatchers früherer Schatzkanzler Geoffrey Howe bei der Feier ihres 80. Geburtstags.

Die inzwischen 83-Jährige, die an Demenz leidet und zurückgezogen lebt, spaltet das Land bis heute. So haben die Bewohner ihres Heimatorts Grantham keinerlei Interesse, eine Statue der berühmtesten Tochter der Stadt aufzustellen.

30 Jahre nach dem Beginn ihrer Revolution muss Thatcher nun mit ansehen, wie das Pendel zurückschlägt. Der Bankensektor, den sie dereguliert hatte, wird im großen Stil verstaatlicht, die öffentlichen Schulden explodieren. Callaghan scheint mit seiner Weisheit recht zu behalten: Es ist wieder Zeit für einen Gezeitenwechsel.

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