Buntstift-Skandal bei "Wetten, dass..?" "Wir wollten das ZDF bloßstellen"

Für "Wetten, dass..?" war es ein Desaster: 1988 schockierte Satire-Redakteur Bernd Fritz die Fernsehnation mit seinem Buntstift-Fake. einestages sprach mit ihm über den Skandal - und erinnert an die spektakulärsten Wetten.

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DPA

"Ich kann's nicht - ganz einfach!" Wenig dürfte sich Thomas Gottschalk in seiner Zeit als Moderator von "Wetten, dass..?" tiefer ins Gedächtnis eingebrannt haben als dieser Satz. Dabei hatte Gottschalk, der die Sendung seit 1987 moderiert, schon viel erlebt: Einen Bagger, der auf einen Turm klettert. Einen Mann, der Kerzen ausweint. Oder einen chinesischen Bauern, der 16 Holzbänke auf seinen Zähnen balanciert. Am 3. September 1988 brachten ihn die schlichten Worte "Ich kann's nicht - ganz einfach!" dann doch aus der Fassung. Ein Grafiker namens Thomas Rautenberg hatte gewettet, er könne mit verbundenen Augen die Farbe von Buntstiften allein am Geschmack erkennen. Und tatsächlich: Showmaster Gottschalk zog zufällig sieben Stifte - und Rautenberg erkannte alle.

Doch als Gottschalk ihm unter dem Applaus des Publikums die verdunkelte Skibrille abnahm und ihn fragte, wie er das anstelle, antwortete Rautenberg: "Ich kann's nicht - ganz einfach!" Er sei gar nicht Thomas Rautenberg, erklärte er, sondern Bernd Fritz, Chefredakteur der "Titanic". Wie er es geschafft habe, alle an der Nase herumzuführen, werde in der nächsten Ausgabe seines Satiremagazins aufgedeckt. Unter Pfiffen verließ der falsche Farbenschmecker das Studio. Wochenlang rätselte die Republik, wie Fritz es angestellt hatte. Ein Funkempfänger? Ein Komplize im Publikum?

Im Interview mit einestages erinnert sich Fritz, wie er damals die Fernsehnation an der Nase herumführte - und sich danach wochenlang verkleiden musste.

einestages: Die größte Bloßstellung in der Geschichte von "Wetten, dass..?" - wie kam es zu der Idee für diesen Streich?

Fritz: Der echte Thomas Rautenberg hatte die Idee. Er war Grafiker. In seiner Agentur war es eine gängige Technik, an Buntstiften zu lecken, um damit Aquarelleffekte zu erzielen. Seine Kollegen und er haben aus einer Bierlaune heraus beschlossen, "Wetten, dass..?" anzubieten, sie könnten Buntstifte am Geschmack erkennen. Die waren allerdings ziemlich geplättet, dass die "Wetten, dass..?"-Redaktion tatsächlich Interesse an der Wette zeigte. Rautenberg wollte das aber nicht selbst durchziehen. Weil er "Titanic"-Leser war, hat er bei uns angerufen und gefragt, ob das nicht was für uns wäre. Und nur durch Zufall war ich da gerade am Telefon.

einestages: Wie ging es dann weiter? Waren die nicht argwöhnisch angesichts eines so unglaublichen Wettvorschlags?

Fritz: Ich hatte damit gerechnet, dass die Fachleute fragen, ob es überhaupt möglich ist, Buntstifte am Geschmack zu erkennen. Oder dass sie Faber-Castell anrufen. Deren Chemiker hätte ihnen sofort gesagt: Man schmeckt nur das Leinöl, das dem Tonmehl beigemischt wird, und das ist bei allen Farben gleich. Aber die Redaktion prüfte das offensichtlich nicht weiter. Da realisierten wir, dass das große ZDF im Detail eigentlich armselig, unprofessionell und unbedarft war.

einestages: Sie wurden ohne weiteren Test zur Sendung eingeladen?

Fritz: Nein, ich wurde noch zu einer Vorprüfung von einer Redakteurin und ihrer Assistentin eingeladen. Die besaßen noch nicht mal ihren eigenen Buntstiftkasten, weil ihr Budget so knapp war! Ich musste meinen eigenen mitbringen. Eigentlich hatte ich mich so vorbereiten wollen, dass ich die Stifte mit Geschmacksstoffen präpariere. Aber ich habe bei meinen Proben festgestellt: Ich könnte mir noch nicht mal das merken. Und dann dachte ich: Ist völlig wurscht, ich fahr da einfach mal hin. Die hatten noch nicht einmal etwas, um mir die Augen zu verbinden, ich musste selbst ein Küchenhandtuch organisieren und es mir eigenhändig umbinden. Das hab ich natürlich so gemacht, dass ich drunter durchgucken konnte.

einestages: Bis dahin hatten Sie offensichtlich einen Mordsdusel. Aber wie sind Sie dann auch noch durch die Generalprobe gekommen?

Fritz: Da wurde es heikel. Mir war klar: Wenn die mich in Stuttgart vor der Sendung auf Herz und Nieren prüfen würden, hätte ich mit meinem System keine Chance. Weil ich aber ums Verrecken nicht entlarvt werden wollte, hab ich mir einen Notausstieg zurechtgebastelt: Zum Schmecken gehört ja bekanntlich das Riechen dazu - und da habe ich mir einfach einen Schnupfen präpariert, indem ich mir kurz vor Stuttgart auf einer Raststätte Rheumasalbe auf die Nase schmierte und mir Nasenspray reinsprühte. Ich erzählte dann, ich würde vielleicht gar nichts schmecken können. Als ich dann aber im Studio die Skibrille sah, mit der sie mir die Augen verbinden würden, und als Brillenträger sofort erkannte, dass ich die ein bisschen auf der Nase verschieben könnte, so dass ich darunter hindurch die Stifte sehen kann, war mein Schnupfen schlagartig weg.

einestages: Waren Sie gar nicht nervös?

Fritz: Das Einzige, was mich eigentlich etwas nervös machte, war die Tatsache, dass ich in Stuttgart unter falschem Namen auftreten musste - und dass unter den 70 bis 80 ZDF-Mitarbeitern dort einer aus Mainz dabei sein könnte, der mich durch Zufall kennt. Aber ansonsten war ich eigentlich ruhig. Man bekam das Publikum gar nicht mit, denn das saß komplett im Dunkeln. Nur als dann nachher alle pfiffen, wurde mir schon etwas mulmig zu Mute. Aber wir hatten vorher schon einen Fluchtweg geplant.

einestages: Einen Fluchtweg?

Fritz: Ja. Nach der Wette wurden wir hinter die Bühne geführt. Und die Justiziarin der "Titanic" hat bereits draußen mit ihrem Auto auf mich gewartet. Als wir losfuhren, sahen wir, dass die Leute im Wachhäuschen schon was mitbekommen hatten. Da dachte ich: "Oh je. Wenn die jetzt den Schlagbaum runtermachen und mich dem Volkszorn opfern, dann bin ich geliefert!". Als wir dann auf dem Rückweg an einer Raststätte hielten, hörte ich schon von zehn Meter weit entfernten Tischen: "Das ist er!" Da haben wir dann schnell ausgetrunken und sind weitergefahren. Mir wurde klar, dass es erst mal sinnvoll sein würde, zwei, drei Wochen inkognito zu bleiben.

einestages: Wie war die Reaktion Gottschalks? War er wütend?

Fritz: Nein. Gottschalk rief sogar am Tag nach der Sendung in der "Titanic"-Redaktion an, um uns zu unserem Coup zu gratulieren. Der hatte Sportsgeist. Das ist übrigens das Einzige, was ich wirklich bedauert habe: Die Öffentlichkeit nahm es so wahr, dass ich ihn bloßgestellt hatte. Mein primäres Interesse war es aber, das ZDF vorzuführen. Als ich Gottschalk vor der Aufzeichnung der Show im Hotel traf, fand ich ihn sofort sympathisch. Er hatte so eine natürliche Freundlichkeit, und ich dachte: Mensch, mit so jemandem könnte man eigentlich befreundet sein. Gottschalk ist für mich nach Peter Frankenfeld und Hans-Joachim Kulenkampff der dritte große deutsche Showmaster. Ich hätte ehrlich gesagt viel lieber Frank Elstner reingelegt, den konnte ich nie besonders leiden.

einestages: Warum wollten Sie denn das ZDF bloßstellen?

Fritz: Wir sahen uns bei der "Titanic" als eine Art Elite von unten. Das ZDF dagegen war eine große Institution, die ungeheure Souveränität und Seriosität ausstrahlte. Wir wollten das vermeintlich Große und Großartige vorführen und zeigen, wie wenig dahintersteckt. Wir wollten es in die menschliche Sphäre runterholen.

einestages: Gab es ein rechtliches Nachspiel mit dem ZDF?

Fritz: Kein unmittelbares. 2006 hat das ZDF mich leider unter Unterschlagung der satirischen Absichten als schlichten Betrüger bezeichnet. Dagegen habe ich mich juristisch gewehrt, und dann haben sie sich verpflichtet, das zu unterlassen. Das war doof, aber es hat mir einfach gestunken, dass die dachten, wenn es nur lange genug her ist, könnten sie ihre Blamage ummünzen in einen kriminellen Akt.

einestages: Hat der Auftritt bei "Wetten, dass..?" rückblickend mehr Nutzen oder Ärger eingebracht?

Fritz: Ärger eigentlich kaum. Am Anfang wohl, aber ich hab mir dann einfach den Schnurrbart abrasiert, eine Brille und einen Hut aufgesetzt und dann waren die ersten schlimmen Wochen auch schon rum. Für die meisten Leute war ich eher ein satirischer Held. Nur als ich mich später beim SPIEGEL beworben habe, sagte der Chefredakteur: "Bitte kein Fake!" Ich konnte ihn aber beruhigen.

einestages: Wie waren die Folgen der Aktion für die "Titanic"?

Fritz: Gut. Das Heft mit der Auflösung ist bis heute das bestverkaufte.

einestages: Inzwischen arbeiten Sie unter anderem als Journalist für ein Feinschmeckermagazin. Eine Karrieremöglichkeit, die sich durch ihren Auftritt bei "Wetten, dass..?" ergeben hat?

Fritz: Nee, ich witzele zwar immer, "Der Feinschmecker" hätte mich nur der Wette wegen entdeckt. Ich habe mich aber schon vorher mit solchen Themen beschäftigt - ich komme aus einer Weinbauerfamilie.

einestages: Was schmeckt denn besser? Bordeaux aus der Flasche oder Bordeaux aus der Buntstiftmine?

Fritz: Das Bordeauxrot No. 112 von Faber-Castell fällt doch deutlich ab gegenüber einem Cru Bourgeois (lacht).

einestages: 30 Jahre "Wetten, dass..?" - ist das nicht eine Steilvorlage für Sie? Hätten Sie Lust auf einen neuen Streich?

Fritz: Das wurde ich bereits öfter gefragt, schon damals. Die Erwartungen an die nächste Aktion waren hoch. Ich wollte aber nicht weiter Leute reinlegen. Ich hatte ehrlich gesagt "Wetten, dass..?" vorher noch nie gesehen - und nach meinem Auftritt auch nur noch einmal, weil ich sehen wollte, wie Gottschalk unsere Auflösung präsentiert. Ich finde, den Samstagabend verplempert man doch nicht, indem man Fernsehen guckt. Ich habe einen Garten, in dem ich auch übernachten kann, und da habe ich weder Strom noch Fernsehanschluss. Ich finde so eine Abstinenz ganz gut.

Fritz' Auftritt war einmalig - und doch nur eine unter zahllosen denkwürdigen Wetten, mit denen "Wetten, dass..?" in den 30 Jahren seines Bestehens Deutschland unterhielt. einestages präsentiert die spektakulärsten, gefährlichsten und absurdesten Wetten aus drei Jahrzehnten Showgeschichte.

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30 Jahre "Wetten, dass..?": "Wir wollten das ZDF bloßstellen"

Das Interview führte Danny Kringiel



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insgesamt 12 Beiträge
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Volker Altmann, 11.02.2011
1.
Wieder einmal die Geschichte vom Satire-Helden, der alle reingelegt hat. Nichts gegen Titanic als Satireblatt, aber je öfter ich diese Geschichte lese, um so dramatischer wird sie geschildert. Himmel, was wäre nur passiert, wenn die Pförtner die Schranken herunter gelassen hätten? Wäre der arme Mann womöglich zurück ins Studio geschleift worden, um vor laufender Kamera ?dem Volkszorn? geopfert zu werden? Nicht auszudenken! Und an der Raststätte ist er ja auch nur mit knapper Not dem Lynchen entkommen ? zum Glück konnte er noch austrinken, bevor die Flucht begann. Und dann ab in den Untergrund, weg mit dem Bart, bloß nicht von der meuchelfreudigen Masse erwischen lassen. Scheinbar haben die Deutschen doch mehr Humor, als sich der Mitarbeiter einer Satirezeitschrift vorstellen kann. Mir persönlich ist niemand bekannt, der damals Zorn auf den guten Mann hatte, vielmehr fand man es lustig, wie er das ZDF vorgeführt hatte. Aber sich, nach so langer Zeit noch, selbst zum Helden und Widerständler gegen den Samstagabendmief hoch zu stilisieren, dafür bedarf es schon eines großen Egos.
Martin Bitdinger, 12.02.2011
2.
Opa Bernd erzählt wieder vom Krieg ;-)
Matthias Bergmann, 12.02.2011
3.
"Das Heft mit der Auflösung ist bis heute das bestverkaufte." Tatsächlich ? Gottschalk hatte sich damals äußerst souverän verhalten und noch in der Sendung angekündigt, "man brauche sich das Heft nicht zu kaufen, er würde den entsprechenden Artikel in der nächsten Sendung vorlesen". Und so war es dann auch....
Gerd Diederichs, 12.02.2011
4.
Schon seltsam - für mich ist der Begriff "Buntstiftlecker" seitdem der Code für all die vielen Wetten, die eigentlich jeglicher Spannung entbehren. Davon gab es leider schon immer zu viele. Der Aspekt der Mogelei hat dabei für mich eine eher untergeordnete Bedeutung. Der dumme Witz von dem Papst , der wettet, daß er dreißig Flughäfen am Geschmack der Asphalts erhkennen kann, beschreibt es auf ähnliche Weise. Selbst der Telefonbuch-Zerreißer oder der Wärmflaschen-Zerplatzer, ein eigenes Genre der "Jahrmarkts-Wette" tut's nicht für mich. Übrigens auch die über-spaktakulären Wetten a la Sebastian Koch machen es nicht aus. Ganz ehrlich? An guten Tagen, wenn auf dem Sofa die Chemie stimmt, und wenn zündende Show-Acts angesagt sind, dan kann ich Wetten-daß auch ohne Wetten schauen - die sind dann wie beim Privat-Fernsehen die Werbe- bzw. Pinkelpausen. Hin- und wieder gibt es aber auch hübsche Wetten. Da war zum Beispiel mal ein kleines chinesisches Mädchen, das auf Rollschuhen in Limbo-Manier unter einem sehr niedrig aussehendem Couchtisch hindurchrollte. Das hatte eine spielerische Leichtigkeit und war schnell vorbei. Kein zähflüssiges Zählen der Sekunden oder "noch vier Versuche, einmal darf er noch patzen"-Dramatik. Oder die endlosen Besprechungen - "der Schweiß riecht doch eher nach Katja" oder "nein, die Schmatzgeräusche klingen doch eher nach meiner Lieblingskuh, der Elfriede." Apropos Kühe - der Trompeter, der durch sein Blasen am Ende die ganze Herde anlockte, der hatte nun wieder etwas. Aber letztendlich gilt wohl auch, daß der wahrhaft Große seine Neider anzieht wie das Licht die Motten. Das ist beim Tommy so, das wird auch bei der Michelle so sein, wenn sie eines Tages in seine Fußstapfen treten wird, aber das war auch schon beim Kuliso - einer der bestbeneideten Fernsehmacher seiner Generation. Aber auch die Größe von Peter Frankenfeld oder Heinz Erhardt hat man ihnen erst posthum zugestanden, wo sie sich nicht mehr bedanken - oder wehren - konnten.
Stefan Schramm, 12.02.2011
5.
Ich fand damals schon die Sendung zum k...... .und heute auch noch ! doch diese Minuten habe ich damals mit meiner Familie gesehen. welche Wette war nicht gefakt ? danach und davor ???? gefühlte 100 Jahre später ,gibt es einen Unfall ;die Bildzeitung veröffentlicht die Verträge der Wettkandidaten,und jetzt die riessige Mitleidswelle des Senders mit dem armen Koch wo der Sender vielleicht entgegen der verträge das Geld der gebührenzahler für das Unfallopfer springen lässt?! was für eine Moral ? mfg theope
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