Erfolgsgeschichte des Zauberwürfels "Wenn du nicht warten kannst, verlierst du"

30 Jahre Zauberwürfel: "Wenn du nicht warten kannst, verlierst du" Fotos
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1980 durchbrach der Ungar Ernö Rubik mit einem handtellergroßen Spielzeug den Eisernen Vorhang und startete einen weltweiten Siegeszug. Im einestages-Interview spricht der Erfinder über die Schattenseiten seines Rubik's Cube - und die Jagd nach der ersehnten Gotteszahl.

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einestages: Auch wenn Sie der Erfinder des Zauberwürfels sind, haben Sie doch eines mit Millionen von Cube-Spielern gemein: den Moment, in dem sie den Würfel zum ersten Mal drehen, mit ein paar Bewegungen die perfekte Harmonie zerstören und dann feststellen, dass es keinen einfachen Weg zurück gibt. Erinnern Sie sich noch an das erste Mal?

Rubik: Ehrlich gesagt: Nein. Für mich war das damals kein Puzzle, das man lösen muss. Ich habe mich anfangs ausschließlich nur um die technische Problematik gekümmert, darum, den Würfel so zu konstruieren, dass er funktioniert. Als ich das geschafft hatte, und zum ersten Mal ein funktionierendes Exemplar des Cube in der Hand hielt, habe ich allerdings sofort die Nebeneffekte bemerkt. Es war eine große Herausforderung für mich. Damals gab es keine Lösungsbücher zu kaufen, keine Tutorials auf YouTube, ich war auf mich alleine gestellt, um die Lösung dafür zu finden.

einestages: Aber gibt es für Sie einen ganz bestimmten Schlüsselmoment in der Geschichte des Cube?

Rubik: Nein, für mich nicht. Es gibt eine Reihe von Momenten auf dem Erfolgsweg des Cube, aber nicht den einen. Für mich waren und sind immer nur die Gefühle entscheidend, die ich mit Dingen verbinde. Und beim Cube habe ich daran geglaubt, dass er die Menschen begeistern könnte. Es hat sechs Jahre gedauert von der ersten Idee zum Cube bis zur Marktreife, aber ich habe die Faszination gespürt, die darin liegt und die hat mir die Kraft gegeben, weiterzumachen. Ich habe Geduld gehabt und es hat sich ausgezahlt. Wenn du nicht warten kannst, verlierst du.

einestages: Es heißt, sie wären sich anfangs selber nicht sicher gewesen, ob es für den Zauberwürfel, wenn er einmal durcheinandergebracht ist, überhaupt ein Zurück, eine Lösung gibt.

Rubik: Ich wusste immer, dass es eine Lösung geben muss. Theoretisch. Aber ob man, ob ich es praktisch schaffen kann, da war ich mir nicht sicher, das stimmt. Das ist ja mit vielen Dingen so. Theoretisch können wir ewig leben. Praktisch nicht. Und genau das gleiche Gefühl hatte ich beim Cube. Ich wusste, irgendwie muss es gehen. Aber es gab Momente, in denen ich daran gezweifelt hatte, dass es eine praktische Lösung dafür gibt.

einestages: Haben Sie den Würfel gelöst, bevor Sie ihn zum Patent anmeldeten?

Rubik: Ja, das hatte ich. Ein Jahr später, 1975, bewarb ich mich beim ungarischen Patentamt um das Patent für den Würfel.

einestages: Wie lange haben Sie damals gebraucht, bis Sie ihn zum ersten Mal gelöst hatten?

Rubik: Ich weiß es nicht. Ich bin kein Mensch, der sich stark an der Zeit orientiert. Ich weiß zum Beispiel selten, welches Datum gerade ist. Welchen Tag haben wir heute? Den 26. Mai? 27. Mai? Nein, es muss der 25. sein, denn gestern war der 24. Mai. Sie sehen, Zeit interessiert mich nicht sonderlich, ich habe auch keinen Terminkalender. Insofern weiß ich nur noch, dass es schwierig war und ich lange gebraucht habe. Mehrere Wochen, so viel ist klar.

einestages: Der Zauberwürfel wurde schon bald nach der Markteinführung ein Erfolg in Ungarn, ohne jegliche Werbung, allein durch Mundpropaganda breitete er sich aus. Trotzdem war es schwer, einen Vertriebspartner für die Territorien jenseits des Eisernen Vorhangs zu finden. Warum?

Rubik: Der Würfel war ein Spielzeug, wie es westliche Firmen nicht kannten. Die Spielzeugindustrie hatte ganz klare Vorstellungen davon, was ging und was nicht, was ein Erfolg werden kann und was ein Ladenhüter wird. Der Cube fiel aus diesem Raster raus, die Leute konnten damit einfach nichts anfangen, für sie schien es nicht wie das ideale Produkt. Vor allem, weil es zu kompliziert war. Sie sagten, nur ein Bruchteil der Käufer würde den Zauberwürfel je lösen können, also würden auch nur wenige Menschen den Würfel kaufen. Sie haben nicht damit gerechnet, dass die Leute auch Spaß daran haben würden, selbst wenn sie den Würfel nicht lösen.

einestages: Die Ideal Toy Company kam trotzdem zu Ihnen nach Budapest, ging auf Risiko und erwarb die Lizenz.

Rubik: Sie rechneten mit einer Million verkaufter Cubes im ersten Jahr. Das war eine optimistische Einschätzung - und ein Riesenfehler zugleich. Denn tatsächlich verkauften sie 30 Millionen Cubes weltweit im ersten Jahr. Wir kamen mit der Produktion gar nicht mehr hinterher.

einestages: Erinnern Sie sich daran, wie es war, als die Vertreter der Ideal Toy Company hier in Ungarn waren?

Rubik: Ja, aber es war keine einfache Situation für mich. Wir lebten damals hinter dem Eisernen Vorhang, im Schatten Moskaus. Es gab nur eine einzige Behörde, die Außenhandel mit westlichen Ländern treiben durfte. Außerdem herrschte hier eine vollkommen andere Mentalität als im Westen. Hier in Ungarn kümmerte sich niemand um Marketing, der Markt war stabil, die Absätze von vornherein absehbar. Die ungarischen Unterhändler fragten sich also nicht: "Wie können wir möglichst viel verkaufen?", sondern: "Wie produzieren wir am meisten?" Das machte die Verhandlungen kompliziert.

einestages: Waren Sie bei den Verhandlungen dabei?

Rubik: Nein, als Erfinder hatte man damals nicht viel zu melden. Ich besaß zwar das Patent, aber verfügen konnte ich über mein Produkt nicht. Das war alles in der Hand der produzierenden und exportierenden ungarischen Firmen.

einestages: Aber immerhin haben Sie finanziell profitiert. Andere Erfinder im Ostblock, wie zum Beispiel der Russe Alexeij Pajitnov, Entwickler des Videospiels "Tetris", haben jahrelang keinen Rubel gesehen, während die Regierung damit Millionen verdiente.

Rubik: Ein Alptraum. Er war nicht der einzige.

einestages: Sie aber sollen der erste Dollar-Millionär hinter dem Eisernen Vorhang gewesen sein. Stimmt das?

Rubik: Oh, ich bin ganz sicher, dass das nicht stimmt (lacht). Es gab bestimmt auch andere.

einestages: Was haben Sie sich denn von Ihrem ersten Zauberwürfel-Geld gekauft?

Rubik: Ich erinnere mich nicht mehr (lacht). Außerdem bin ich kein Typ, der gerne Sachen kauft. Ich hasse Einkaufen. Ich hasse es, in Läden zu gehen und noch mehr hasse ich es, vor diesen Entscheidung zu stehen. Kaufe ich jetzt dieses Teil oder lieber dieses?

einestages: Aber sie werden sich doch von Ihrem Anteil am Erfolg des Cube irgendetwas gegönnt haben.

Rubik: Ja, einen Volkswagen Golf habe ich mir gekauft. Einen Golf 1. Vorher fuhr ich einen Fiat 500.

einestages: Ihr Name steht auf jedem der schätzungsweise bis heute verkauften 350 Millionen Rubik's Cubes. Sind Sie ein Star?

Rubik: Um Gottes Willen, nein. Der Würfel ist ein Star. Ich nicht. Ich wollte nie ein Star sein, und ich glaube auch nicht, dass ich einer bin. Mein Name ist bekannt, ja. Aber das ist was Anderes.

einestages: Führende Mathematiker auf der Welt beschäftigen sich mit Ihrem Würfel. Sie sind auf der Jagd nach etwas, das sie "God's Number" nennen, den kürzesten Weg zur Lösung des Würfels von allen 43 Billionen möglichen Würfelkonstellationen. Verfolgen Sie die Suche nach der Gotteszahl?

Rubik: Ja, natürlich. Sie gehört zur Geschichte des Cube dazu. Schon früh haben sich Mathematiker mit dem Würfel befasst, und schon früh gab es die Vermutung, dass die Gotteszahl irgendwo bei 20 liegt. Doch um das zu beweisen, braucht man unglaublich viel Rechnerpower, die es damals nicht gab. Im Laufe der Zeit waren die Wissenschaftler in der Lage, die Zahl weiter und weiter herunterzuschrauben, aktuell liegt sie wohl bei 22 Zügen.

einestages: Was bedeutet Ihnen die Suche nach der Gotteszahl?

Rubik: Ich finde es interessant. Für mich ist es der Beweis dafür, dass auch scheinbar einfach Dinge unglaublich komplex sein können, dass einfache Fragen unglaublich vielschichtige Antworten erfordern können. Aber ich bin kein Mathematiker. Ich war in der Schule gut in Mathe, aber ich wollte nie Mathematiker werden, dazu haben mich andere Dinge viel zu sehr fasziniert, vor allem Kunst.

einestages: Der Zauberwürfel hat sich im Laufe der Jahre in seiner Wahrnehmung stark verändert. Früher war er ausschließlich Spielzeug, heute wird er viel ernster genommen. Die sogenannten Speedcuber haben aus ihm ein Wettbewerbsgerät gemacht, sie messen sich darin, wer ihn am schnellsten löst. Gleichzeitig benutzen Mathematiker ihn als Beispiel für Gruppentheorien und suchen nach der Gotteszahl. Welcher Würfel ist Ihnen lieber: der spielerische oder der ernste?

Rubik: Mich freut vor allem, durch wie viele Hände er gegangen ist. Hunderte Millionen Menschen haben damit gespielt, auf der ganzen Welt. Und niemand hätte gedacht, dass er so beliebt wird. Er ist ein verbindendes Element, das geografische Grenzen genauso übersprungen hat wie Sprachbarrieren. Jeder kann ihn verstehen.

einestages: Macht es Sie nicht stolz, dass Sie etwas geschaffen haben, dass Wissenschaftler auf der ganzen Welt beschäftigt und dessen Lösung Jahre braucht?

Rubik: Nein, warum? Ich habe damit nicht zu tun. Das ist die Natur, die Gesetze der dreidimensionalen Symmetrie und der Gruppentheorie. Gruppentheorieberechnungen können helfen, Lösungen für Probleme in unserer immer komplexer werdenden Welt zu finden, zum Beispiel im Bereich Logistik. Und wenn mein Würfel als Lernbeispiel dabei hilft, dann freut mich das.

einestages: Gab es je einen Moment, in dem Sie bereut haben, den Cube erfunden zu haben?

Rubik: Nein, nicht wirklich. Manchmal, gerade am Anfang, als ich den Würfel überall auf der Welt promoten musste, hat er mein Leben anstrengend gemacht. Aber das war nichts Ernstes.

einestages: Was verdanken Sie dem Cube?

Rubik: Freiheit.

einestages: Was genau meinen Sie?

Rubik: Was kann man daran nicht verstehen? Es gibt nur eine Freiheit: zu machen, was du magst und wozu du talentiert bist.

einestages: Sie haben nach dem Cube noch viele verschiedene Puzzlespiele entwickelt, keines von denen aber hat die Beliebtheit des Zauberwürfels erreicht. Wie sind Sie damit fertig geworden?

Rubik: Nein. Das ist doch oft so. Es gibt viele Beispiele in der Musik oder in der Literatur, wo Künstler vor allem für ein Meisterwerk bekannt sind. Außerdem kann ich die Leute verstehen.

einestages: Viele Künstler verspüren nach einem so erfolgreichen Debüt einen enormen Druck. Sie wollen den Erfolg unbedingt übertreffen. Manche zerbrechen daran. Wie ging es Ihnen? Haben Sie auch Druck bei Ihrer nächsten Entwicklung verspürt?

Rubik: Überhaupt nicht, im Gegenteil. Der Würfel hat viel Druck aus meinem Leben genommen.

einestages: Wie sieht ein ganz normaler Tag in Ihrem Leben aus?

Rubik: Ich bin ein Frühaufsteher. Gegen fünf oder sechs wache ich meist auf. Dann gehe ich spazieren, mit meiner Frau und unseren Hunden. Und um 12 Uhr gibt es Mittagessen. Das war's (lacht).

einestages: Das kann doch nicht alles sein.

Rubik: Nein, aber viel mehr ist da auch nicht. Wir wohnen in einem grünen Viertel von Budapest. Wir haben einen netten Garten, in dem ich gerne Zeit verbringe. Ansonsten arbeite ich, meist zu Hause.

einestages: Sie gelten als sehr medienscheu. Warum? Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht?

Rubik: Nein, überhaupt nicht. Aber es ist nicht meine Lieblingsbeschäftigung, im Rampenlicht zu stehen. Ich hatte das oft genug, damals, als ich den Zauberwürfel auf der ganzen Welt promoten musste. Irgendwann hat es mir gereicht, ich bin froh, wenn ich meine Ruhe habe.

Aufgezeichnet von Michail Hengstenberg

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1.
Mathias Völlinger 08.06.2010
Ohja! Dieser Würfel hat mir damals zum erstenmal gezeigt, dass das Kommutativgesetzt i.A. nicht gilt. Da war ich 16. Und später, komplex abstrahiert, hat das bei mir im Physikstudium das mathematische Verständnis der Quantenphysik zumindest etwas erleichtert. Den Würfel hab ich heute noch, und mein "Rekord" liegt bei ca. 40 Zügen. Je nachdem. lol. Danke, Herr Rubik!
2.
Gunter Amonn 08.06.2010
Hier (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14319775.html) bzw. hier (http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=14319775&aref=image036/2006/06/16/cq-sp198100401830184.pdf&thumb=false) findet man den Lösungsvorschlag, den Der Spiegel 1981 veröffentlicht hat - und den ich mal auswendig konnte. Allerdings ist man damit ganz weit weg von irgendwelchen Gotteszahlen und 22 Zügen
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