Guillaume-Affäre Maulwurfjagd im Kanzleramt

Es war ein Thriller der Extraklasse: Am 24. April 1974 wurde Günter Guillaume, Referent von Kanzler Willy Brandt, verhaftet. Dass die Stasi Agenten bis ins Machtzentrum schleusen konnte, stürzte die Bundesrepublik in eine Staatskrise. Verraten hatten Guillaume verschlüsselte Geburtstagsgrüße.

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Von Insa van den Berg


Kurz nach halb sieben Uhr klingelt es an der Tür. Der Hausherr wirft sich schnell den Bademantel über. Er rechnet mit dem Milchmann oder dem Postboten. Stattdessen stehen einige Männer und eine Frau mit ernsten Gesichtern vor der Wohnung in Bonn-Bad Godesberg. "Sind Sie Herr Günter Guillaume?", schnarrt einer von ihnen. "Wir haben einen Haftbefehl des Generalbundesanwalts." Die Besucher drängen den Verdutzten rückwärts in den Flur, umringen ihn. Die Zimmertür seines Sohnes öffnet sich einen Spalt; große Augen lugen aufgeregt hervor.

So erinnert sich Günter Guillaume, damals persönlicher Referent des Bundeskanzlers Willy Brandt (SPD) an die entscheidenden Minuten des 24. April 1974 - jenen Moment, in dem er und seine Frau Christel als DDR-Agenten verhaftet wurden. Es ist das Ende des politisch wohl bedeutsamsten Spionagepärchens seit der deutschen Teilung - und der Anfang einer verhängnisvollen Staatskrise in der Bundesrepublik.

In den Fünfzigerjahren hatte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR den gelernten Fotografen als Mitarbeiter angeworben und systematisch zum Spion ausgebildet. Auch seine Frau Christel, die er 1951 heiratete, ist Agentin der Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung (HVA). Dann bekommen die beiden einen besonderen Auftrag: Das Stasi-Pärchen soll sich im Westen unter den "Klassenfeind" mischen und im Verborgenen Informationen aus dem Innenleben der SPD sammeln. Als Flüchtlinge getarnt kommen die beiden 1956 aus der DDR in den Westen.

Keine ganz normale Familie

Das Ehepaar lässt sich in Frankfurt am Main nieder, um von dort aus seine konspirative Offensive zu starten. Guillaume tritt in die SPD ein; seine Frau arbeitet bald als Sekretärin im hessischen Parteibüro der Sozialdemokraten. Beide häufen internes Material an, das sie fleißig dem MfS weitergeben.

Nach außen erscheinen die Guillaumes wie eine ganz normale kleine Familie. Auch ein Sohn kommt 1957 zur Welt. Dass aber die Staatssicherheit zur Geburt gratuliert, ahnt niemand in ihrem westdeutschen Umfeld. "Glückwunsch zum zweiten Mann!" heißt es in dem verschlüsselten Funkspruch aus Ost-Berlin, der noch entscheidende Folgen haben soll.

Das engagierte SPD-Mitglied Guillaume erklimmt nach und nach die parteiinterne Karriereleiter. 1970, kurz nachdem die sozialliberale Koalition die Macht in Bonn übernommen hat und SPD-Chef Willy Brandt Regierungschef geworden ist, wird Guillaume Referent im Bundeskanzleramt. Er ist ein Arbeitstier und Organisationstalent. Zwei Jahre später schon ist der eifrige Mitarbeiter persönlicher Referent und rechte Hand von Willy Brandt - und genau da, wo die Stasi ihn am liebsten haben wollte: im Zentrum der Macht.

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35 Jahre Guillaume-Affäre: Maulwurfjagd im Kanzleramt

Gewissenhaft regelt Guillaume Parteitermine und den Schriftverkehr, hat dafür Zugang zu geheimen Akten und Gesprächsrunden. Und genauso sorgfältig, wie er organisiert, kopiert er auch für seine Ost-Berliner Auftraggeber. Die sind begeistert, denn der gesamte Briefverkehr Willy Brandts geht durch seine Hände - alles, was von Bedeutung ist. Er hat sogar Einblick in das gelegentlich turbulente Privatleben des lebensfrohen Brandt. Guillaume ist für die Stasi wie ein Sechser im Lotto.

Als der Verfassungsschutz im Mai 1973 den ersten Hinweis auf eine Spionagetätigkeit der Guillaumes entdeckt, sind die westdeutschen Agentenjäger entsetzt. Auf die Spur gebracht hat sie ein Anfängerfehler der Genossen: Glückwünsche über Kurzwelle aus dem Stasi-Hauptquartier zu Geburtstagen und zum Nachwuchs, welche die bundesdeutsche Spionageabwehr entschlüsselt hat.

Mit dem Spitzel in den Urlaub

Verfassungsschutz-Chef Günther Nollau informiert den damaligen Innenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP). Der gibt den Verdacht eilig an den Kanzler weiter - doch der ist unbeeindruckt. Solcherlei Vorwürfe gegen seine Mitarbeiter gibt es immer wieder. Brandt hält den Verdacht für unbegründet und Kumpeltyp Guillaume für loyal. Und Nollau will den Referenten sowieso vorerst in seiner Position belassen, denn gerichtsfest sind die Beweise für den unfassbaren Verdacht noch nicht.

Also versuchen die Verfassungsschützer, Guillaume zunächst in Sicherheit zu wiegen. Wie geplant begleitet er den Bundeskanzler im Juli 1973 auf dessen Urlaubsreise nach Norwegen. Es ist eine angenehme Zeit in der nordischen Abgeschiedenheit. Beide Männer werden von ihren Familien begleitet. Guillaume ist so aufmerksam wie eh und je. Brandt fühlt sich sicher.

Erst fast ein Jahr nach den ersten Hinweisen schlägt die Spionageabwehr zu und verhaftet Guillaume. "Ich bin Bürger der DDR und ihr Offizier", entgegnet der Top-Agent, als ihn seine Häscher schließlich stellen: "Respektieren Sie das!" Es ist ein weiterer Schnitzer: Der Stolz, mit dem Guillaume auf seine Enttarnung reagiert, wird ihm endgültig zum Verhängnis. Denn es ist diese unnötige Selbstbezichtigung, die dem Staatsanwalt aus seiner Beweisnot hilft und zur zentralen Stütze für die Anklage wird.

Der Kanzler ahnte nichts

Kanzler Brandt erfährt erst bei seiner Rückkehr von einem Staatsbesuch in Nordafrika am Flughafen Köln-Bonn von der brisanten Neuigkeit. Er ist schockiert, zornig und tief enttäuscht - aber die politische Dimension des Verrats ist ihm noch nicht klar. "Dass seine Entlarvung das Ende meiner Kanzlerschaft bedeuten würde", schreibt Brandt später in seinen Memoiren, "ich wusste es nicht und ahnte es nicht einmal."

Die westdeutsche Öffentlichkeit aber ist entsetzt: Ein Stasi-Mann an der Seite des Bundeskanzlers - das muss Konsequenzen haben. Der innenpolitische Druck nimmt immer mehr zu. Zwei Wochen nach der Verhaftung des Agenten-Ehepaars übernimmt Brandt "die politische Verantwortung für die Fahrlässigkeiten im Zusammenhang mit der Guillaume-Affäre" und erklärt seinen Rücktritt.

Der Sturz des Regierungschefs durch einen Agenten ist ein Debakel für die westdeutsche Politik - und eine Ironie der Geschichte: Ausgerechnet Brandt, der als Regierungschef die Ost-Politik durchsetzte und so die Konfrontation mit den kommunistischen Staaten Osteuropas zu überwinden versuchte, wurde von Ost-Spionen gestürzt. Sein Amtsnachfolger Helmut Schmidt (SPD) jedenfalls erwies sich gegenüber den Warschauer-Pakt-Staaten als durchaus harter Knochen - wie Moskau und seine Satelliten bei der Debatte um den Nato-Doppelbeschluss wenige Jahre später feststellen mussten.

Vor Gericht sehen sich der Staatsmann und der Spitzel, die ehemalig Vertrauten, wieder. Als er im Zeugenstand zu der Spionageaffäre befragt wurde, soll Brandt den Angeklagten keines Blickes gewürdigt haben. Im Dezember 1975 werden Günter und Christel Guillaume des Landesverrats in einem besonders schweren Fall schuldig gesprochen. Das Gericht verurteilt ihn zu 13 Jahren, sie zu 8 Jahren Gefängnis.

Doktor der Spionage

Doch nach rund sechs Jahren wird das Stasi-Pärchen 1981 gegen im Osten einsitzende Westagenten ausgetauscht. In der DDR werden die Rückkehrer bejubelt und mit Auszeichnungen überhäuft: dem Karl-Marx-Orden für "hervorragende Verdienste im Kampf um die Sicherung des Friedens" etwa. Im Januar 1985 erhält Günter Guillaume sogar die Ehrendoktorwürde der Hochschule des MfS in Potsdam.

Privat allerdings läuft es nicht so gut für die Ex-Spione. Nach seiner Rückkehr in den Arbeiter- und Bauernstaat beginnt Günter Guillaume eine Affäre - mit einer deutlich jüngeren Krankenschwester. Die Scheidung von Christel folgt auf dem Fuße. Nach dem Mauerfall 1989 ist es auch mit dem Starkult um den "verdienten Kundschafter" vorbei. Er veröffentlicht noch seine Memoiren, heiratet die Geliebte, deren Nachnamen er annimmt. Mit ihr verbringt er seine letzten Jahre zurückgezogen bei Berlin. 1995 stirbt Günter Bröhl, geborener Guillaume. In Interviews hatte er bis zu seinem Tod erklärt, er würde alles so wieder machen.



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Karl Wilhelm Meier, 26.04.2009
1.
Nach Aussagen der Birthler-Behörde war Guillaume aber nicht sehr erfolgreich. Die Spione des MfS bekamen nämlich für alles, was sie lieferten, Noten. Der Super-Spion Guillaume kam aber nie über eine drei hinaus. Die schlechte Lieferung war wohl eine Rede Willy Brandts, die am Tag darauf in der Zeitung stand. Richtig geheim, und dafür ist Guillaume wohl auch verurteilt worden, war wohl so ein Nato-Papier. Das ist aber in den Akten der Birthler-Behörde nicht auffindbar. Der Mitarbeiter der Birthler Behörde vermutete auch etwas ganz anderes: Da war noch eine " ganz große Nummer " im Kanzleramt für das MfS tätig. Und um den zu schützen, hat das MfS Guillaume geopfert. Richtig oder falsch - ich weiß es nicht. Richtig ist wohl eher, dass es falsch ist, was Wolf über Guillaume gesagt hat: Er habe ihn an der falschen Stelle eingesetzt gesehen. Warum hat er ihn dann nicht zurückrufen lassen?
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