35 Jahre InterRail Freiheit auf Schienen

35 Jahre InterRail: Freiheit auf Schienen Fotos
Uli Booms

Rauf auf die Schiene, rein ins Abenteuerleben: Das InterRail-Ticket war ein genialer Marketing-Coup europäischer Bahngesellschaften - und verhalf einer ganzen Generation von Jugendlichen zum Ausbruch aus der elterlichen Ferienobhut. Ulrich Booms war 1972, im ersten Jahr, auf Achse. Von

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Endlich. In den Sommerferien 1972 konnten und durften wir allein zu unserem Traumziel Griechenland aufbrechen. Die Eltern hatten zuvor unseren Kostenanteil bei gemeinsamen Ferien berechnet - den Betrag gab es als Etat. Nach der Kalkulation von Geld und Zeit entschieden wir uns gegen das Trampen. Wir besorgten Fahrkarten für den Zug. Obwohl wir nicht vorhatten, die Sommerferien auf der Schiene zu verbringen, freuten wir uns über das neueste Angebot der Bahn. Interrail hieß das Zauberwort, das einer ganzen Generation etwas zu spät geborener Achtundsechziger wenigstens die kleine, individuelle Freiheit für vier Wochen in Aussicht stellte.

Die Bedingungen für das Ticket waren simpel: vier Wochen all inclusive Reisen in fast ganz Westeuropa. Interrail war vom ersten Jahr an unglaublich erfolgreich. Überfüllte Züge, verdreckte Gestalten, die nachts im Zug pennten und tagsüber eine Stadt durchstreiften, die klaglos mit der spärlichen Bahnhofshygiene auskamen und sie auch beim Abteilnachbarn tolerierten. Die Bahn hatte dem Zeitgeist, dem Auf- und Ausbruch aus den familiären Zwangsurlauben ein Gesicht gegeben.

Im Waschmaschinenexpress in die Freiheit

Unsere so wild-romantisch geplante Fahrt begannen wir also wie einfallslosen Touristen. Dafür schämten wir uns - aber nur ein bisschen.

Mit einigen Minuten Verspätung donnerte der Hellas-Express am Sonntagmittag in den Bahnhof. Das Ziel: Dortmund - Athen in 48 Stunden. Rasch kletterten wir in den Wagen, um die lästigen Abschiedsszenen von Eltern und Freunden abzukürzen. Der Zug machte seinem Spitznamen "Waschmaschinenexpress" alle Ehre, die Gänge waren mit Elektrogeräte-Kartons vollgestellt und unser reserviertes Abteil bereits von einer griechischen Großfamilie besetzt. Wir wurden unbürokratisch umquartiert. Den Aufbruch in die Freiheit begossen wir mit einer ordentlichen Flasche Lambrusco. Bis München gaben wir uns der Illusion hin, so bequem bis Athen reisen zu können.

Die Freunde stimmten ihre Gitarren aufeinander ein, einer holte die Mundharmonika heraus und wir probierten die ersten Stücke zusammen. Dann schwärmten wir von der uns bevorstehenden Zeit in Griechenland. Mit Kreuzworträtsel und Mau Mau vertrieben wir uns die Zeit. In München hatte der Zug lange Aufenthalt. Auf dem Bahnsteig betrachteten wir belustigt das geschäftige Beladen des Zuges. Die Gänge vor den Abteilen verstopften mehr und mehr durch riesige Gepäckbündel, weitere Waschmaschinen und unzählige Rucksäcke. InterRail schien ein durchschlagender Erfolg, viele Jugendliche stürmten den Zug, ihre Ziele waren die Türkei, Griechenland oder Jugoslawien.

In München war eine griechische Studentin mit in unser Abteil gekommen. Da der Zug jetzt überfüllt war, nahmen wir noch zwei weitere Studentinnen, eine Griechin und eine Deutsche, auf. Es war lustig zu hören, wie sich beide Griechinnen auf Deutsch unterhielten, weil zunächst keine die Nationalität der anderen erkannte. Zum Abendbrot packten alle ihren Proviant aus und wir improvisierten ein kunterbuntes Essen. Dann spielten wir auf dem Tisch in der Mitte des Abteils Mau Mau, manchmal von Griechen unterbrochen, die von den Mädchen angezogen ihre Sprachkenntnisse unter Beweis stellen wollten. Von ihnen erfuhren wir viele nützliche Dinge über unser Reiseziel.

"Es fährt ein Zug - nach nirgendwo"

In den Abteilen herrschte Hochstimmung, die Griechen freuten sich auf die Heimat und wir uns auf die Ferien. Unsere Gitarren wurden bald von griechischer Musik aus Tape-Recordern übertönt. Nicht nur wegen der Enge und der Wärme, sondern auch weil die Räder laut stampften und ratterten, schliefen wir schlecht. Als wir fast im Wortsinn gerädert aufwachten, waren wir schon tief in Jugoslawien und fuhren stundenlang durch eintönige Maisfelder. Die Luft flimmerte und selbst der Fahrtwind, der in den weit geöffneten Fenstern wummerte, kühlte nicht. Wir ließen die Kojen des Liegewagens aufgeklappt und dösten.

Die Agonie im Zug wurde nur an den Bahnhöfen unterbrochen, weil immer mehr Rucksackreisende zustiegen, die aufgegeben hatten, per Trampen an ihre Ziele zu kommen. Die Mund-zu-Mund-Propaganda für die neue Art des billigen Reisens mit InterRail fiel bei den matten Trampern auf fruchtbaren Boden. Die Enge im Zug war unbeschreiblich. Erst gegen Abend kam mit der Kühle wieder Leben in den Zug. Nach und nach erbarmten wir uns noch eines Schweizer Pärchens und zweier schwedischer Mädchen.

Die zweite Nacht schliefen elf Personen auf sechs Kojen, im Gepäcknetz und auf dem Boden. Mitten in der Nacht kamen wir an die griechische Grenze, ein lauter und langer Stopp, bis die Zöllner den Zug kontrolliert hatten. Wir begossen das mit einer Flasche Slibowitz, die wir in Skopje gekauft hatten, um die Fahrt etwas erträglicher zu machen. Gegen sechs Uhr morgens erreichten wir mit zweistündiger Verspätung Thessaloniki. Der Zug wurde schlagartig leer, auch unser Abteil.

Die Abschiedsknutscherei einer Zugromanze auf dem Bahnsteig begleitet ein Freund gefühlvoll auf seiner Mundharmonika mit der Schnulze "Es fährt ein Zug - nach nirgendwo" von Christian Anders. Das brachte den frustrierten Liebhaber so in Rage, dass wir ihn, zurück im Zug, nur mühsam davon abhalten konnten, handgreiflich zu werden.

Wir ahnten da noch nicht, dass sich diese Art des Reisens in den nächsten Jahren zum absoluten Sommerhit entwickeln sollte. Eine ganze Generation erlebte durch das Interrail-Ticket erste Freiheiten auf der Schiene. Die Abenteuer auf den Gleisen von fast ganz Europa trieb auch seltsame Blüten: Zwei Studentinnen fuhren 48 Stunden nach Marokko und kehrten nach zwei Stunden wieder um, weil es ihnen nicht gefiel. Ein junger Mann versuchte sich an Rekorden und fuhr in dem Monat mehr als 29.000 Kilometer - in London auszusteigen hatte er leider keine Zeit.

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1.
Max Schneider 03.03.2008
Frage: 1972 durch Jugoslawien: War das nicht durch den Eisernen Vorhang hermetisch von der westlichen Welt (Deutschland, Griechenland) abgetrennt? Oder war der Eiserne Vorhang (zumindest für Westler) doch durchlässiger als man sich das heutzutage vorstellt?
2.
Jan Milz 14.05.2008
Meine Interrail Stationen waren: Amsterdam Paris (Turm) Bordeaux (versucht englisch zu kommunizieren) Arcanchon (Düne rauf und runter) Cannes (überteuerten Broiler gegessen) Nizza (Jazz Festival) Monaco (Schöne Nächte auf den Steinen am Hafen) Mailand (stinkt) Verona (ja ich hab sie angefasst) Padova (Kugelschreiber vom heiligen Antonius besorgt) Brindisi (fast im Knast gelandet) Patras (hmm) Athen (sehr heiß) 2 Wochen auf einer der Inseln verbracht und zurück über Rom (bei Lui gewohnt), Paris, Amsterdam
3.
Matthias Brömmelhaus 18.05.2008
Drei Mal (1975, 1976 und 1978) fuhr ich mit dem Interrailticket nach Griechenland bzw. in die Türkei. Weil ich damals im Münsterland wohnte, machten wir uns eine Besonderheit des Preissystems zunutze. Für die Strecke in Deutschland musste man die Hälfte des regulären Fahrpreises bezahlen. Um das zu umgehen, fuhren wir zunächst nach Amsterdam und umfuhren dann Deutschland über Paris, Genf und Triest und trafen dann dort auf die klassische Route durch Jugoslawien. Auf diese Weise dauerte die Fahrt nach Athen dann schon mal 80 statt 48 Stunden. Eiserner Vorhang in Jugoslawien? Davon war nun wirklich nichts zu spüren. Ich erinnere mich noch, wie wir nachts in Nis total genervt den völlig überfüllten Zug verließen. Besser auf dem Bahnsteig schlafen, als eine weitere Nacht im stickend heißen, stinkenden und lauten Zug. Also breiteten wir unsere Schlafsäcke aus und fielen bald in tiefen Schlaf. Gegen sechs Uhr wurden wir sanft von Bahnarbeitern geweckt, die uns zu heißem Tee und höllisch scharfer Bohnensuppe einluden. So gestärkt schafften wir dann auch die Fahrt bis Athen, wo wir nachts um zwei Uhr in den Bahnhof einliefen. Viel zu spät für die Jugendherberge, die um Mitternacht schloss. Also gingen wir zu Fuß in die Innenstadt und schlugen unsere Zelte auf einer großen Wiese auf. Als ich morgens gegen sieben Uhr den Kopf aus dem Zelt steckte, staunte ich nicht schlecht. Wir campierten direkt vor dem Nationalmuseum und rings um uns herum waren Rasensprenger in Aktion. Die Arbeiten hatten sie genauso aufgestellt, dass wir trocken blieben.
4.
Gustaf Etmirror 06.03.2009
Ich war 73 und 74 unterwegs. Beim 1. Mal zu fünft haben wir ca. 15.000 Kilometer runtergerissen (235 DM und 15 DM zurück bei Rückgabe des ausgefüllten Tickets (ich Idiot...). 74 dann zu zweit, über Aachen nach Paris - jedenfalls solange, bis irgendwo in Belgien oder Frankreich 'unser' Nord-Express verunglückte. Wovon wir aber erst 4 Wochen später zu Hause erfuhren, denn was interessierte es uns, warum es eine längere Pause gab... Zwar hatte es eine recht heftige Vollbremsung gegeben, aber wir sassen ganz hinten und die Güterlok hatte den Zug ganz vorne erwischt... Falls man nicht zwischendurch mal ne Karte schrieb (die standardmässig erst nach dem Trip ankam) hörten die Lieben daheim 4 Wochen lang nichts; das Handy war noch nicht erfunden. Wichtiger Tip: Wenn Ihr Euch in Bordeaux trennt, dann verabredet Euch nicht "übermorgen in Wien am Hauptbahnhof" - der Wiener kennt keinen Hbf! 74 war Jugoslawien kein Problem, sofern man keinen Ärger mit der Polizei bekam... In Griechenland allerdings war da noch das Obristenregime zugange. Überall hingen aber schon Wahlplakate, die das Ende der Obristen einläuteten. Beim Fotografieren von Radachsen in Thessaloniki (die letzten 3 Bilder des Diafilms sollten verschossen werden) wurde ich von einem Uniformierten einkassiert, dem ich in die Katakomben folgen sollte. Der berichtete seinem Chef stolz vom gefangenen Spion (bdw: ich kann kein griechisch). Diesem sah ich aber wohl doch zu harmlos aus. Auf englisch machte er mir klar, er wolle den Film haben. Den hatte ich aber auf dem Weg zu ihm schon unauffällig bis an den Anfang zurückgespult - und als er sah, dass ich anscheinend zu doof war, einen Film richtig einzulegen, liess er mich auch mit Film wieder laufen. Strecke 73 (nachts fahren, tagsüber rumlaufen): Paris, Rom, Marseile, Barcelona, Madrid, Irun (ca. 400km mit der RENFE in 14 Stunden, incl. Blumenpflücken), Bordeaux, Wien, Belgrad, Thessaloniki, Athen, Pelopones, auf dem Rückweg einige Tage wild gecampt bei Pula (Abbruch durch den Dorfpolizisten mittels Einziehens der Pässe), dann irgendwie nach Paris, Brüssel, Amsterdam, nochmal Paris (Croissants kaufen) und schliesslich heim zu Muttern. 74 hatte ich dann auch ein europäisches Kursbuch dabei ;-)
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