Nixon-Rücktritt Trickser im Weißen Haus

Rassist, Kontrollfreak, Größenwahnsinniger: Richard Nixon war ein Mann der Extreme, selbst bei seinem Abgang. Als erster US-Präsident der Geschichte trat er 1974 zurück - um seiner Amtsenthebung zuvorzukommen. Seine Vorliebe fürs Unkonventionelle zeigte sich nicht erst in der Watergate-Affäre.

Getty Images

Von


Zum Schluss besaß der 37. Präsident der USA nicht einmal mehr das Vertrauen des Militärs. Verteidigungsminister James Rodney Schlesinger hielt seinen Chef für amtsunfähig und gab die Direktive aus, dass "jegliche dringliche Order des Präsidenten" nicht ausgeführt werden dürfe, ohne dass er sie vorher geprüft habe. Richard Nixon, von Depressionen gebeutelt und vollgepumpt mit Psychopharmaka, war in den letzten Wochen vor seinem Rücktritt im Sommer 1974 ein Präsident ohne jede Macht und Rückhalt. Das Detail aus den letzten Tagen seiner Amtszeit wurde erst im Jahre 2000 bekannt. Dem Bild Nixons in der Öffentlichkeit konnte es nichts mehr anhaben, dafür fügte es ihm eine weitere skurrile Facette hinzu.

Richard Nixon war der "vielleicht merkwürdigste Mann, der jemals ins Weiße Haus einzog", befand 2001 das "Time"-Magazin. Da war schon eine ganze Reihe der Protokolle und Telefonmitschnitte, die sogenannten Nixontapes, aus dem Weißen Haus veröffentlicht und hatten sich einstige Mitstreiter zu Wort gemeldet. Der Präsident gebärdete sich demnach mal als Antisemit und Rassist ("Gottverdammtes New York voll von Juden, Katholiken, Schwarzen und Puerto-Ricanern"), mal als ätzender Spötter zum Beispiel über den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt ("Wenn der Deutschlands Hoffnung ist, dann hat Deutschland nicht viel Hoffnung"), mal als Größenwahnsinniger ("Bombardiert den Flughafen von Damaskus" nach einer Flugzeugentführung 1969) oder als fluchender Unflat ("Die italienische Lira interessiert mich einen Scheißdreck!"). So kann es kaum verwundern, dass ihn ausgerechnet ein eher harmloser Einbruch im Hauptquartier der Demokraten im Washingtoner Watergate-Hotel zu Fall brachte.

Doch Richard Nixon deshalb zu einem Wahnsinnigen zu stilisieren, der gegen Ende seiner Karriere jeglichen Bezug zur Realität verloren hatte, wird dem Politiker Nixon nicht gerecht. Er war ein Mann mit vielen Gesichtern: gnadenloser Machtpolitiker, talentierter Schauspieler, weitsichtiger Außenpolitiker, notorischer Kontrollfreak und auch Realitätsverweigerer. Ein Mann der Extreme. Das zeichnete sich schon ab, lange bevor er vor vierzig Jahren ins Oval Office einzog.

Pinkeln oder vom Topf aufstehen?

Bereits als Abgeordneter im Repräsentantenhaus fiel der 1913 in der kalifornischen Kleinstadt Yorba Linda geborene Republikaner durch "demagogischen Eifer" auf, etwa 1948 bei der Aufklärung der Spionageaffäre um den ehemaligen Roosevelt-Berater Alger Hiss und den "Time"-Reporter Whittaker Chambers. Zentrales Beweismaterial waren Abschriften geheimer Staatsdokumente, die in einem Kürbis im Garten des Journalisten versteckt waren und angeblich Hiss zugeordnet werden konnten. Dass Nixon den Regierungsbeamten, der alle Vorwürfe bestritt, mittels dieser Beweise als sowjetischen Spion zu enttarnen trachtete und schließlich wegen Meineids ins Gefängnis brachte, bescherte ihm viel Beachtung. Außerhalb des republikanischen Lagers aber auch viel Abscheu: "Das Land des Nixon - das wäre ein Land der Verleumdung und Panik, der verschlagenen Unterstellung, der vergifteten Feder, des anonymen Telefonanrufs", warnte der einflussreiche Demokrat Adlai Stevenson.

Dass man aber auch mit unkonventionellen Methoden der Macht näher kommen konnte, bewies Nixon 1952. Sein Ruf als gnadenloser Kommunistenjäger hatte ihn als Vize auf das Ticket des Präsidentschaftskandidaten General Dwight D. Eisenhower gebracht. Doch Berichte über dubiose Spenden drohten seine Kandidatur zu gefährden. Der 39-jährige Senator entschloss sich zur Flucht nach vorn: "Einmal kommt im Leben eines jeden Mannes die Zeit, da muss er entweder pinkeln oder vom Topf aufstehen." In seiner berühmten im Fernsehen ausgestrahlten "Checkers-Rede" erzählte er tränenreich von seiner Kindheit in Armut, von seiner Frau Pat, die keinen Pelzmantel trage, und dem Cockerspaniel Checkers. Der sei das einzige Geschenk gewesen, das er angenommen habe, und das könne er seinen Töchtern doch nicht wieder wegnehmen. Mit ihm auf dem Bildschirm zu sehen waren seine Frau Pat - und ein traurig blickender Hund.

Eisenhower und die Öffentlichkeit verziehen dem aufstrebenden Jungpolitiker. Der General versicherte ihm: "Dick, Sie sind mein Junge!" Nixon soll daraufhin an der Schulter seines Senatoren-Kollegen Bill Knowles geweint haben.

Beleidigter Verlierer

Als Nixon 1960 selbst als Nummer eins auf dem Wahlzettel für die Präsidentschaftswahl stand, musste er erneut mit seinem schlechten Image kämpfen. Sein Gegner: John F. Kennedy. Zusammen bestritten sie die ersten TV-Wahlkampfduelle in der Geschichte der USA, doch der verbissene Nixon konnte gegen den smarten Kennedy nicht punkten. "Schon beim ersten Auftritt wirkte Kennedy besser als der Eisenhower-Vize: Nixons Fünf-Uhr-Bartschatten war so dunkel, dass er auf der Schwarzweiß-Fernsehscheibe wie der leibhaftige 'finstere Gustav' erschien", schrieb der SPIEGEL in einer späteren Rückschau.

Die Demokraten klebten Wahlplakate mit Nixons Konterfei und der Frage "Würden Sie von diesem Mann einen Gebrauchtwagen kaufen?" Dennoch war Kennedys Sieg später hauchdünn: Er bekam 110.000 Stimmen mehr als der Republikaner, eines der knappsten Wahlergebnisse überhaupt.

1962 verlor Nixon auch das Rennen um den Gouverneursposten in Kalifornien. Beleidigt machte er die Medien dafür verantwortlich und kündigte an: "Dies war meine letzte Pressekonferenz." Die Drohung machte er allerdings nicht wahr.

Wundenheiler

1968 kandidierte Nixon erneut für das Präsidentenamt - und gewann diesmal. Mit einer erstaunlichen Botschaft: Er wolle Amerikas Wunden heilen. Endlich im Amt erwies sich der Regierungschef als Mann der Taten: Er schuf das weltweit erste Ministerium für Umweltschutz, besuchte die kommunistische Volksrepublik China und beendete den US-Kriegseinsatz in Vietnam. Wie kein Präsident zuvor griff Nixon mit Lohn- und Preiskontrollen in die schwächelnde US-Wirtschaft ein. In seine Amtszeit fiel auch die Mondlandung. Bei seiner Wiederwahl 1972 fuhr Nixon dann einen der höchsten Siege ein, die jemals ein US-Präsident erringen konnte.

Doch den langersehnten Ruhm machte er durch notorisches Misstrauen zunichte: Sofort nach seinem Einzug installierte der Chef des Weißen Hauses eine Spezialeinheit, die Kritiker ausspionieren und Informationslecks gegenüber der Presse abdichten sollte. Die "Klempner", wie die Truppe auch genannt wurde, waren schließlich auch für das Watergate-Debakel verantwortlich. Das Misstrauen war so groß, dass sich sogar Berater, Mitarbeiter und der Präsident gegenseitig belogen und in die Irre führten. Nixon selbst ließ dazu alle seine Gespräche im Weißen Haus heimlich aufzeichnen - sein späteres Verhängnis.

Mit einem Einbruch im Hauptquartier der Demokraten im Washingtoner Hotel Watergate, bei dem sie offenbar versuchten, Abhörwanzen zu installieren und Dokumente zu fotografieren, sorgten die Klempner vor der Präsidentschaftswahl 1972 für einen folgenschweren Skandal. Nixon behauptete eisern, von dem Einbruch erst aus der Presse erfahren zu haben - später überführten ihn die Aufzeichnungen im Weißen Haus: Aus einem Telefonat sechs Tage nach der Tat ging hervor, dass er mit Hilfe der CIA die Aufklärung des Einbruchs durch das FBI verhindern wollte.

"Ich war nie ein Drückeberger"

Bekannt wurde Nixons Verstrickung in die Affäre nach einer quälend langen Posse von Dementis und Halbwahrheiten. Sie gipfelte in der Eröffnung des ersten Amtsenthebungs-Verfahrens gegen einen US-Präsidenten seit 100 Jahren. Der hielt bis zuletzt an seinem Posten fest: Wenn die Vorwürfe gegen ihn berechtigt seien, würde er "keine Minute länger im Amt bleiben. Aber ich weiß, dass sie nicht berechtigt sind", behauptete er noch im Mai 1974.

Als Nixon am 9. August 1974 als erster US-Präsident von seinem Amt zurücktrat, tat er dies nicht etwa von Schuld und Gram gebeugt, sondern grinsend, mit hochgereckten Armen und Victory-Zeichen. Noch in seiner Rücktrittsrede am Abend zuvor hatte er lieber seine Errungenschaften und Kämpferqualitäten referiert: "Ich war nie ein Drückeberger. Das Amt vorzeitig zu räumen, widerstrebt jedem Instinkt meines Körpers."

Ein echtes Schuldeingeständnis konnte ihm erst der britische Journalist David Frost in einer Interviewserie drei Jahre später entlocken. Sie zeigte Nixon erstmals als gebrochenen Mann und damit auch ein wenig menschlicher: "Ich habe meine Freunde im Stich gelassen, ich habe das Land im Stich gelassen. Ich habe das amerikanische Volk im Stich gelassen, und ich habe diese Bürde bis ans Ende meiner Tage zu tragen."

Zum "schlechtesten Präsidenten aller Zeiten" reichte es dennoch nicht: In einem Historikerranking des Senders C-Span vom Frühjahr 2009 landete Nixon zwar im unteren Mittelfeld der 43 US-Präsidenten - allerdings noch weit vor George W. Bush.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.