Rocky Horror Show Strapsalarm im Kinosaal

Rocky Horror Show: Strapsalarm im Kinosaal Fotos
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Wie nennt man einen singenden Transvestiten aus Transsylvanien in Strapsen und Korsage? Kult! 1973 feierte die "Rocky Horror Show" in London Premiere. Als Film machte die schräge Story dann richtig Furore - und schuf die wohl schrillste Fangemeinde aller Zeiten. Von

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Ein ostdeutsches Landestheater, das eine Siebziger-Jahre-Strapsklamotte wieder und wieder ins Programm hebt? Eine Amateur-Theatergruppe aus der Nähe von Köln, die statt 500 Karten für zwei Abende locker das Drei- bis vierfache hätte verkaufen können? Und das alles bloß wegen eines Musicals mit ein paar B-Movie-Schauspielerparodien, die sich als Außerirdische ausgeben, um auf der Erde einen ominösen Jahreskongress abzuhalten?

Was wie der irre Plot eines schlechten Films klingt, ist in Wirklichkeit der irre Plot eines echten Musicals, das im Juni 1973 an der kleinen, auf experimentelle Stücke spezialisierten "Upstairs"-Bühne des Londoner Royal Court Theatre seine Uraufführung erlebte: die "Rocky Horror Show". Geschrieben hatte das schräge Stück der mäßig erfolgreiche Schauspieler Richard O'Brien, nachdem er - so die Legende - bei einer Jesus-Christ-Superstar-Produktion rausgeflogen war und daheim seinen kleinen Sohn Linus hütete, während er auf ein neues Engagement wartete. Zuerst hieß das Stück noch "They came from Denton High", später wurde dann die "Rocky Horror Show" daraus.

Die Erfindung des Kultigen

Und die Show schlug ein wie ein Meteorit: Ursprünglich sollte sie nur ein paar Wochen laufen, doch schon nach wenigen Monaten wurde sie als "Best Musical of 1973" ausgezeichnet. Zum globalen Dauerbrenner entwickelte sie sich mit der 1974 gedrehten Kino-Version. Akteure wie Tim Curry als rockender Transvestit Frank'n'Furter, der sich in Korsage und Strapsen durch die Story röhrte, Susan Sarandon in der Rolle der verklemmten College-Jungfer Janet oder Rock-Klops Meat Loaf als Eddie, der schließlich von Frank'N'Furter mit dem Eispickel gemeuchelt und den Gästen serviert wird, machten das schrille Kostümdrama zu einem Erfolg, für den bald der Begriff "Kult-Musical" geprägt wurde - damals noch kein abgedroschenes Etikett, sondern der Hipness-Orden schlechthin. Autor Richard O'Brian persönlich übernahm übrigens den Part des anämischen Butlers Riff Raff.

Die durchgedrehte Geschichte der beiden Erdlinge Janet und Brad, die nach einer Autopanne im Schloss des Transylvaniers Dr. Frank'N'Furter landen, wurde schnell zu gesunkenem Kulturgut bei Unter-Dreißigjährigen: Die beiden naiven Verlobten werden Zeuge, wie Dr. Frank'N'Furter sich den muskulösen Gefährten Rocky erschafft - und lernen bald, dass im Reich des Hausherren nur das Lustprinzip gilt. Geschockt und fasziniert zugleich genießen Brad und Janet ihre ersten sexuellen Erfahrungen in den unterschiedlichsten Konstellationen. Als Frank'N'Furter jedoch allzu sehr über die Stränge schlägt und auch noch ein Alien-Forscher auftaucht, erheben sich seine Diener gegen ihn - und verlassen am Ende die Erde mit ihrem Raumschiff wieder.

Plüsch und Party

Völliger Nonsens? Ja klar - aber Nonsens, der "eine unglaubliche Faszination ausübt", sagt Markus Wünsch. Der 34-jährige spielt am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin derzeit den Frank'N'Furter. "Als wir das Stück 2004 zum ersten Mal ins Programm genommen haben, kannten hier die Leute das gar nicht", erzählt Wünsch. Doch das Ost-Publikum holte schnell auf, und innerhalb weniger Tage hatte sich das Mitmach-Programm unter den Zuschauern herumgesprochen. Der Hauptdarsteller ist immer noch ein bisschen überrascht, "wenn in diesem altehrwürdigen Schweriner Theater mit viel Gold und rotem Plüsch dann plötzlich gefeiert wird wie bei einem Rockkonzert." Die Karten für die zwölf Vorstellungen, die ab Anfang Februar als Wiederaufnahme auf dem Spielplan stehen, gingen auch diesmal wieder "wahnsinnig schnell weg", sagt Wünsch.

Seine eigene Rocky-Horror-Initiation erfuhr der Schauspieler durch seinen Vater. Der war Englischlehrer und setzte den Film im Unterricht ein - Sohn Markus profitierte davon und ist bis heute begeistert von dem so unkonventionell entstandenen, mit rasantem Spaß niedergeschriebenen Stück. Eines allerdings, grinst Markus Wünsch, sei nach 35 Jahren Rocky-Horror-Hype schon seltsam: "Die ganze Anarchie der Show ist mittlerweile längst zur Konvention geworden." Wahrscheinlich mache aber gerade das den Kult-Charakter aus - zusammen mit dem schier endlosen Ausdeuten des Films durch nimmermüde Fans.

"You are wet!"

So widmen sich ganze Internet-Foren etwa der Frage nach der schönsten Sequenz. Ist es die, in der der langhaarige, bucklige Diener Riff Raff die völlig durchnässten und verschüchterten Erdlinge am Schlosstor mit einem lapidar genuschelten "You are wet" begrüßt? Oder Janets kurzer, unnachahmlich lüsterner Blick, bevor sie mit Muskelmann Rocky entschlossen zur Sache kommt? Oder der gefühlte drei Minuten lange Pingpong-Dialog, als sich alle Beteiligten in Frank'N'Furters Labor treffen: "Janet!" "Dr. Scott!" "Janet!" "Brad!" "Rocky!" "Janet!" "Dr. Scott!" "Janet!" "Brad!" "Rocky!" "Janet!"...

Klar ist jedenfalls: Dieser Film lässt niemanden kalt. Entweder findet man sie einfach nur albern - oder man kommt immer wieder, möglichst in Strapsen und Mieder und mit einem ganzen Sack voll Utensilien, die während der Vorführung eingesetzt werden. Das fängt mit dem Reis-Schmeißen bei den Hochzeitsszenen an, führt über Wasserpistolenschlachten in den Regenszenen sowie exzessive Konfetti- und Klopapierwürfe und hört beim rituellen Beschimpfen der Schauspieler ("Brad - Asshole!") noch lange nicht auf. Wenn der Zuschauerraum nach der Vorstellung nicht knöchelhoch mit Papier und Reis bedeckt ist, war's eine schlappe Show. Kein Wunder, dass so ein Streifen vor drei Jahren als "bedeutendes Werk der Filmgeschichte" in das amerikanische National Film Registry aufgenommen wurde. Oder besser: werden musste.

Auch Opa trägt Strapse

Und es gibt sogar eine Fortsetzung: "Shock Treatment" heißt sie, kam 1981 in die Kinos und zeigt Brad und Janet in den Fängen einer alles kontrollierenden Medienmaschine - ganz so, als ob Richard O'Brien das Berlusconi-Imperium vorausgeahnt hätte. Doch der Film floppte an den Kinokassen und wurde bald vergessen.

Für den Rocky-Horror-Erfinder kein Grund zur Traurigkeit. "Es ist an der Zeit, dass die Menschheit einfühlsamer wird; die Barbaren haben diesen Planeten lange genug beherrscht", beschreibt Richard O'Brien sein Credo: "Also, wenn du Lust hast, in ein kleines schwarzes Straps-Outfit zu schlüpfen, nimm dir die Freiheit - denn es steht geschrieben (jetzt jedenfalls), dass noch niemals eine Armee in Netzstrümpfen und 15-cm-Pfennigabsätzen marschiert ist." Im März wird Riff Raff 65 Jahre, kürzlich wurde er Großvater - was ihn nicht davon abhält, immer mal wieder die Strapse aus dem Schrank zu holen.

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1.
Andrea Schmidt 29.01.2008
Ach ja, das ist noch ein echter Kultfilm... It's just a jump to the left! Rocky Horror (Picture) Show forever!
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