"Sesamstraße" Opium fürs Kind

Menschenhasser in Mülltonnen, Ghetto-Ästhetik und Pornofilm-Soundtracks als Kinderlieder: Als 1973 die deutsche Version der "Sesamstraße" startete, waren Eltern und Pädagogen schockiert. Heute kämpft der TV-Klassiker gegen das Vergessen.

DPA

Von


Wer? Wie? Was?! Am 8. Januar 1973 startete die deutsche "Sesamstraße" und machte Eltern und Pädagogen einigermaßen ratlos. In kurzen Episoden tauchten in der TV-Kinderserie merkwürdige Gesellen auf: ein unverschämtes Monster, das unentwegt lauthals nach Keksen brüllte, eine verdächtige Männer-WG, die ab und an gemeinsam badete, und ein Misanthrop, der in einer Abfalltonne hauste. Unterbrochen wurden diese Auftritte von Szenen, in denen Kinder gelangweilt in einer vermüllten amerikanischen Straße abhingen, bis wahlweise ein paar Erwachsene oder ein zweieinhalb Meter großer gelber Vogel vorbeischaute und mit ihnen Lieder über das Teilen oder das Alphabet sang. Ein abgefahrener Ghettofilm.

Doch die Kinder saßen euphorisiert vor der Flimmerkiste und krakeelten das "Lied von der Sechs" mit, während die Erwachsenen verzweifelt versuchten, nachzuvollziehen, was ihre Kleinen an diesem absurden Flickenteppich aus Mitsingliedern, Geschichten und wirr redenden Puppen so faszinierte. Tja, und die Pädagogen ... Manche sahen darin das Heilmittel für die "Bildungskrise" (so hieß der "Pisa-Schock" in den Siebzigern) und statteten, wie in Hamburg und Bremen, schnellstmöglich alle Kindergärten mit Fernsehern aus, damit die Kinder nur keine Folge der "Sesamstraße" verpassten. Andere sahen die Sache eher wie Harald Hohenacker, seiner Zeit Leiter der Projektgruppe Erziehungswissenschaft und musische Programme beim Bayrischen Rundfunk. Er diagnostizierte der Sendung "unerträgliche Inhalte und Haltungen" und einen "Missbrauch der pädagogischen Mittel in infamster Weise".

Süd gegen Nord

So spaltete die "Sesamstraße" die Republik nicht nur in Eltern und Kinder, sondern auch in Nord und Süd: Bayerischer Rundfunk, Süddeutscher Rundfunk, Südwestfunk und Saarländischer Rundfunk boykottierten zum Starttermin die tägliche Kindersendung. Helmut Oeller, der Fernsehdirektor des Bayrischen Rundfunks, begründete dies mit den Worten, die Szenen aus dem Slum-Millieu kämen ihm "zu amerikanisch" vor, weil es "in Deutschland keine unterprivilegierten Kinder gibt". Helmut Zilk, der Direktor des Österreichischen Fernsehens, das ebenfalls nichts mit der "Sesamstraße" zu tun haben wollte, wurde noch deutlicher: Die "Sesamstraße" zeige "den österreichischen Kindern nicht ihre eigene Umwelt". "Hierzulande werden die Kinder bekanntlich nicht mit Negern und Puertoricanern, sondern mit Türken und Jugoslawen konfrontiert." Auch der Erfolg der Serie in Norddeutschland konnte Zilk nicht überzeugen. Sein Kommentar: "Auch Haschisch ist bei vielen beliebt - der Bekanntheitsgrad ist kein Beweis für Bekömmlichkeit." War die "Sesamstraße" am Ende Opium fürs Kind?

Sicher nicht. Die "Sesame Street", wie die Vorschulsendung in Amerika heißt, ist einer der grandiosesten pädagogischen Kniffe des letzten Jahrhunderts.

Lernen von der Welt der Werbung

Ende der sechziger Jahre erkannten amerikanische Pädagogen, dass viele sozial benachteiligte Kinder ihre Freizeit größtenteils damit verbrachten, in die Röhre zu gucken. Dies taten sie aber mit so viel Hingabe, dass die ansonsten chronisch lernfaulen Kids ohne Probleme Jingles nachsingen und Slogans auswendig hersagen konnten. So wurde 1968 in den USA der "Childrens Television Workshop", kurz CTW, ins Leben gerufen. Dieses Team aus Psychologen, Erziehungswissenschaftlern und TV-Produzenten begann, eine TV-Serie für Kinder zu entwickeln, die sich das Fernsehverhalten der Jüngsten zunutze macht. So entstand eine Sendung, die in Look und Rasanz locker mit der knallbunten Werbewelt mithalten konnte. Nur, dass die Kids eben nicht lernten, wie fantastisch Pepsi schmeckt, sondern wie man zählt, buchstabiert oder Freundschaften schließt.

Am 10. November 1969 ging die "Sesame Street" erstmals in den USA auf Sendung - und feierte riesige Erfolge. Schon im ersten Jahr schalten sieben Millionen Kinder regelmäßig ein. Die Sendung gewann drei Emmys, und Bibo, der große gelbe Vogel, zierte das Cover des "Time Magazine". Noch im selben Jahr erwarb der NDR als erster Sender weltweit die Rechte an dem Format.

Zuerst wurde in Deutschland allerdings nur das Original in synchronisierter Form gezeigt. Doch zeitgleich wurde ein Komitee ins Leben gerufen, das an einer eingedeutschten Variante arbeitete. Am 8. Januar 1973 startete dann die erste deutsche "Sesamstraße" mit dem Ohrwurm "Wer, wie, was, ...". Nach und nach stießen 1977 Tiffy und ein Jahr später Samson zur Puppenstube. Für die beiden Figuren wurde extra ein Mitarbeiter der Jim Henson Company nach Deutschland eingeflogen, der mehrere Wochen durch die Republik reiste, um sich zu zwei Figuren inspirieren zu lassen, die dem deutschen Wesen entsprachen: eine überfürsorgliche Vogeldame und ein gemütlicher Bär. Zuletzt wurden dann noch die Ghettoszenen aus dem amerikanischen Original getilgt und durch eine sonnige Hinterhofkulisse ersetzt. Darin erlebten dann Liselotte "Lilo" Pulver, Henning Venske, Samson und Tiffy Abenteuer wie "Henning hängt Wäsche auf" oder "Tiffy geht zum Friseur". Später stießen Charaktere wie die Schnecke Finchen und das kartoffelige Etwas namens Herr von Bödefeld zur Show.

Politik und Pornos

Sie gesellten sich zu einer Familie, an die sich jeder im Alter zwischen 25 und 35 Jahren heute noch mit wohligen Gefühlen erinnert. Und mit viel Verständnis. Wer benimmt sich nicht manchmal zwanghaft wie der Nummern-Neurotiker Graf Zahl, führt absurde Diskussionen mit seinem Mitbewohner wie Ernie und Bert oder spackt herum wie Grobie, als er uns den Unterschied zwischen Nah und Fern erklärte?

Ein weiterer Star der "Sesamstraße", an den sich die Fans von damals wohl mindestens ebenso gut erinnern wie an Krümelmonster und Co., sind die Songs. Nicht nur das schmissige "Wer, wie, was, ..." kann noch heute jeder auswendig mitträllern. Kermits herzzerreissende Ballade "Es ist nicht einfach, so allein", Ernies "Hätt' ich dich heut erwartet, hätt' ich Kuchen da" oder "Ich mag Müll", Oskars Liebeserklärung an den Abfall, sind Mantren unserer Kindheit, die wir oft tagelang Zeile für Zeile in unseren Köpfen kreisen ließen. Und natürlich der dadaistische Evergreen "Máh-Ná-Máh-Ná", dessen Original 1968 für die Softporno-Dokumentation "Schweden - Hölle oder Paradies" geschrieben wurde. Gesungen wurde der Titel für die Sexfilm-Doku von Giorgio Moroder. Der berühmte Komponist hat unter anderem die Soundtracks zu "Scarface", "Flashdance" und "Top Gun" geschrieben und die Musik für die olympischen Spiele von Los Angeles 1984 ("Reach Out") und Seoul 1988 ("Hand In Hand") komponiert. 1968 aber stand er für "Máh-Ná-Máh-Ná" hinter dem Mikrofon. Wenige Monate später war der Softporno-Song ein Kinder-Hit.

Ein halbes Jahr nach dem Start der "Sesamstraße" in Deutschland lenkten auch Bayern und das Saarland ein und ließen Ernie, Bert und die anderen Puppen auf ihre Kinder los. Die "Sesamstraße" wurde vom umstrittenen Phänomen zum weltweiten Erfolg. Mittlerweile wird die Sendung weltweit in über 140 Ländern ausgestrahlt.

So heißen Ernie und Bert in Mexico "Enrique" und "Beto", in der Türkei "Edi" und "Budu" und in China "Eh Ni" und "Bo Te".

In einigen Ländern erregten eigens auf die dortigen Verhältnisse zugeschnittene Figuren weltweites Aufsehen. In der afrikanischen "Takalani Sesame" klärt seit 2002 der HIV-positive Kami die Jüngsten über die Gefahren von Aids auf. In einer israelisch-palästinensischen Co-Produktion der "Sesamstraße" proben das israelische Stachelschwein Kipi und der palästinensische Hahn Karim Toleranz. Und in den USA erschien im letzten Jahr eine DVD, auf der Figuren wie Elmo oder Ernie und Bert über den Krieg und die daraus resultierenden Behinderungen der Soldaten erzählen. Sie soll an die Familien der im Irak-Krieg verwundeten Amerikaner verteilt werden.

Zurück ins Ghetto

In Deutschland hingegen scheint die Bedeutung der Serie langsam zu schwinden. Nicht etwa weil die "Sesamstraße" schlechter geworden wäre. Der NDR machte der noch immer weltweit erfolgreichsten Kinderserie zum 30. Geburtstag der deutschen Ausgabe im Jahr 2003 ein zweifelhaftes Geschenk: der prominente Sendetermin um 18 Uhr wurde gestrichen. Die "Sesamstraße" läuft mittlerweile nur noch im Sendeghetto der TV-Landschaft morgens irgendwann zwischen sechs und acht.

Zwar wurde versucht, die Sendung mit Dirk Bach als Zauberer PePe oder dem gewieften Schaaf Wolle und seinem Kumpel - einem Pferd - weiter aufzupeppen. Doch mit dieser Sendezeit kämpft die Institution "Sesamstraße" gegen die "Yu-Gi-Ohs" und "Teletubbies" im TV auf verlorenem Posten. Bei so fragwürdigen Alternativen gilt für Kinder heute wohl mehr denn je: "Wozu habt ihr Kopf und Hände? Denkt euch selber etwas aus!"



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Jürgen Schulze, 09.01.2008
1.
Was für ein herrlicher Artikel. Ja, es ist wirklich schade, dass die Sendung nicht mehr um 18:00 Uhr läuft. Wüsste gern, welcher Sesselschwitzer sich das ausgedacht hat. Es gab eine Zeit, in der Sendung für Kinder und Sendungen im Fernsehen allgemein Qualität hatten. Das ist vorbei. Fernsehen ist nur noch Absatzkanal und sprachrohr für Kommerz. WERBUNG IST DIE PEST UNSERER ZEIT
christoph moar, 10.01.2008
2.
Erinnere mich auch mit Freude an die herrlichen Gags aus der Empore. Schön, den Artikel zu lesen. Der Autor hat auch einen youtube link zum Klassiker manah manah mitgereicht, samt der Geschichte des Songs. Wer das Original von Giorgio Moroder in der italienischen "Reportage" über Schweden hören möchte, schaue sich mal das hier auf YouTube an: http://www.youtube.com/watch?v=PFXLhIrykL4 Keine Sorge - die Szene ist jugendfrei.
Christoph Peter, 14.02.2008
3.
>Ja, es ist wirklich schade, dass die Sendung nicht mehr um 18:00 Uhr läuft. Wüsste gern, welcher Sesselschwitzer sich das ausgedacht hat. DAS würde mich auch einmal interessieren - eine entsprechende Anfrage von mir beim NDR blieb bislang unbeantwortet. Interessanterweise hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ganz klar definiert, daß Kinder morgens gar kein Fernsehen schauen sollen : "Morgens vor dem Kindergarten oder vor der Schule, während der Mahlzeiten und unmittelbar vor dem Schlafengehen bleiben Fernseher bzw. Computer ausgeschaltet." (Quelle : http://www.bzga.de/?uid=2baa65507662787923ac03b50e0f9a4c&id=presse&nummer=436) Da sich die Kinder die Sesamstraße um die Zeit gar nicht anschauen sollen, wäre es doch für den NDR viel kostengünstiger, die Sendung gleich einzustellen - dann müssten sie auch nicht noch alibihaft die Schauspieler bezahlen. In solchen Momenten frage ich mich ernsthaft, ob der Realitätsbezug mancher Menschen völlig verschwunden ist.
Volker Volkersen, 29.11.2010
4.
bild 4 zeigt ernie und bert vor ihrem wohnzimmerbild, auf dem sie ebenfalls zusammen zu sehen sind. dieses bild suche ich :) http://einestages.spiegel.de/hund-images/2008/01/07/58/d4b2e30b53e85c96ea101fae7f522681_image_document_large_featured_borderless.jpg also ich möchte ein bild von diesem bild samt rahmen, zum ausdrucken und verschenken :)) meine suche förderte bislang nichts brauchbares in guter auflösung zu tage... falls jemand fündig würde, wäre ich auch für die mitteilung der suchstrategie dankbar. lg vocvoci
Ilse Biberti, 09.01.2017
5. wow... ab 1978 war ich dabei
... fordern wir doch eine wiederaufnahme ins programm ab 18.00 ... es hat großen spaß gemacht die deutschen teile als ilse mit horst janson als partner zu drehen ... mit samson und tiffy... in münchen wurde ich damals als "rote socke" beschimpft ... überall woanders wurde ich umarmt und auchmal gezickt, um zu testen, ob ich nicht vielleicht auch ne puppe bin ... ist manchmal auch heute noch so:-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.