40 Jahre "Aktenzeichen XY... ungelöst" "Wir schalten nun in eines unserer Aufnahmestudios"

40 Jahre "Aktenzeichen XY... ungelöst": "Wir schalten nun in eines unserer Aufnahmestudios" Fotos
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Schmallippig, das Haar korrekt zurückgekämmt, strenger Blick in die Kamera. Am 20. Oktober 1967 moderierte Eduard Zimmermann zum ersten Mal "Aktenzeichen XY ... ungelöst". Zum Jubiläum spricht "Ganoven-Ede" über Verbrecherjagd, RAF-Kampagnen und Post aus dem Knast. Von

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"Noch weiß Gerlinde H. nicht, dass es ihr letzter Arbeitstag sein wird", dräut eine Stimme aus dem Off. Hölzerne Laienschauspieler agieren in einer Kulisse, die in Gelsenkirchener Barock gehalten ist, maskierte Männer nuscheln durch schwarze Sturmhauben: An Spiel-Szenen wie diese ergötzt sich das Fernsehpublikum Ende der sechziger Jahre bei "Aktenzeichen XY ... ungelöst", der ersten Reality-Sendung im deutschen TV. Einmal im Monat, freitags um 20.15 Uhr, geht die Nation auf Verbrecher-Jagd.

Frontmann der Kripo-Show: Der spröde Eduard Zimmermann, gewandet in knapp geschneiderte Wirtschaftswunder-Anzüge. Das pechschwarze Haar mit Pomade gebändigt, das beigefarbene Wählscheiben-Telefon griffbereit. Der Spitzname "Ganoven-Ede" eilte ihm voraus. "Wenn ich mich recht erinnere, kam der schon mit der Sendung 'Vorsicht Falle' Mitte der sechziger Jahre auf", sagt Eduard Zimmermann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE und betont: "Ich habe diesen Namen nie als verächtlich empfunden."

Noch gut erinnert sich der heute 78-Jährige an die erste "XY"-Ausstrahlung am 20. Oktober 1967: "Das BKA hatte uns in letzter Minute einen vorher nicht eingeplanten Fall gegeben. Es ging um einen Großbetrüger, der seit Jahren sein Unwesen trieb. Dieser Fall hat dann Geschichte gemacht, denn es war der erste, der mit Hilfe der Sendung geklärt werden konnte." Insgesamt kommen 3750 Fälle auf den Tisch in dem Studio mit dem Charme eines freudlosen Polizeireviers. 1570 davon können mit Hilfe der Sendung gelöst werden - macht eine Erfolgsquote von 42 Prozent.

Mit dem Erfolg und Traumquoten von 79 Prozent zu einer Zeit, als es ganze drei Fernsehprogramme inklusive "Flipper" und Bonanza" gab, ging jedoch auch harsche Kritik einher. "Ganoven-Ede" wurde zum Feindbild der antiautoritären 68er, die der Sendung Denunziantentum vorwarfen. Allen voran: Heinrich Böll, der die Sendung als ein "muffiges Grusical für Spießer" bezeichnete. "Zu Bölls Zeiten hatte die Sendung 30 Millionen Zuschauer. Dreißig Millionen Spießer?", fragt Zimmermann zurück.

"Dem Fernseh-Sheriff muss das Handwerk gelegt werden!"

Auch die boshafteste Kritik scheint an dem Moderatoren, den die Münchner Filmkritikerin Ponkie als "geölten Rechtsstaat-Yuppie mit liberaler Bügelfalte" bezeichnete, abzuprallen. Ulrike Meinhof verlangte gar: "Dem Fernseh-Sheriff muss das Handwerk gelegt werden!" Auf die Kritik der späteren Terroristin angesprochen, sagt Zimmermann lässig: "Worum es substantiell ging, erinnere ich nicht mehr genau. Ich erinnere mich jedoch gut, dass ihre Kritik nicht zu ihrem hohen Bildungsniveau passte."

Als Ulrike Meinhof in den Untergrund geht, landet Zimmermann sogar auf einer der Todeslisten der RAF. Jahrelang gilt der gebürtige Münchner als gefährdet und wird unter Polizeischutz gestellt. "Ich gehöre nicht zu den besonders ängstlichen Menschen", sagt er. In erster Linie sei der Personenschutz "lästig" gewesen. "Ich war froh, als sich die Sicherheitslage wieder entspannte." Todesangst habe er in all der Zeit nicht empfunden.

"Ganoven-Ede" freut sich noch heute über 568 gefasste Mörder und 579 verhaftete Räuber, die in den ersten 30 Jahren auf sein Konto gehen. Zu den "xy"-Erfolgen gehört auch die Aufklärung des vierfachen "Soldatenmordes von Lebach": "Er gehört bis heute zu den spektakulärsten Verbrechen, die in Deutschland je stattgefunden haben", sagt Zimmermann. "Dass wir bei der Aufklärung dieser Fälle entscheidend mithelfen konnten, macht mich durchaus stolz." In der Nacht zum 20. Januar 1969 wurden in der saarländischen Kleinstadt vier Bundeswehrsoldaten des Fallschirmjägerbataillons 261 im Schlaf erschossen. Eine der Kultsendung verfallene Wahrsagerin konnte einen ihrer Kunden als Täter identifizieren.

Wie so viele Zuschauer meldete sich auch jene Hellseherin bei einer der emsigen Damen, die im Studio-Hintergrund eifrig die Telefone bedienten. Damit die Drähte glühten, musste der herbe Zimmermann noch herbere Fragen stellen wie "Wer hat in der Nacht zum 30. März einen weißen Lieferwagen mit Münchner Kennzeichen beobachtet?" oder "Wer kennt diesen Mann?". Schmallippig, ernster Blick in die Kamera, schob er nach: "Sachdienliche Hinweise nimmt die Kripo in München oder jede andere Polizeidienststelle entgegen." Ein Großteil der Deutschen scheint es geradezu als Staatsbürgerpflicht angesehen zu haben, bei der Aufklärung der vorgestellten Verbrechen zu helfen.

"So groß kann die Angst nicht gewesen sein"

Unvergessen auch die Live-Schalten in die deutschsprachigen Nachbarländer. Hier ein nüchternes "Hallo, Wien!" zu Peter Nidetzky in Österreich, da ein karges "Hallo, Bern!" zu Konrad Toenz in der Schweiz. Kurz vor Sendeschluss wurden die eingegangenen Zuschauerhinweise wie Wasserstände verlesen. "Aktenzeichen XY ... ungelöst" wurde Vorbild für zahlreiche internationale Fahndungssendungen wie "Crime Watch" bei der BBC, "Opsporing Verzocht" in den Niederlanden, "Crime Investigation" in Israel oder "Americas Most Wanted" in den USA.

Zu Zimmermanns Zeiten war "Aktenzeichen XY ... ungelöst" der hassgeliebte Gruselschocker am Freitagabend. Nicht wenige Ehemänner und Elternpaare mussten im Anschluss an die Sendung hinter Vorhängen und unter Betten nach dem Rechten sehen. Trotz Fracksausen saßen alle Feiglinge einen Monat später wieder vor der Glotze. Ponkie fasste für jene spezielle Fangemeinde einst zusammen: "Er spaltet unser Bewusstsein in einen verbrecherjagenden Gschaftlhuber und einen vom Verfolgungswahn gebeutelten Angsthasen."

Dass seine Sendung Traumata ausgelöst haben soll, mag Zimmermann nicht akzeptieren. "Es fällt schwer zu glauben, dass eine ganze Generation aus Angst vor XY unter die Bettdecke gekrochen sein soll. Diese Legenden begleiten die Sendung bis zum heutigen Tag. Fakt ist, dass eine ganze Generation die Sendung gesehen hat. So groß kann die Angst also nicht gewesen sein", sagt der Gangster-Jäger.

Seit zehn Jahren ermittelt "Aktenzeichen XY ... ungelöst" ohne Zimmermann. Nach einem Bundesverdienstkreuz, dem Orden Pour le mérite, einer Goldenen Kamera und einem Bayerischen Fernsehpreis übergab er 1997 an Butz Peters, der wiederum 2002 an Rudi Cerne. Die Sendung läuft inzwischen donnerstags, die Kulisse hat Soap-Charakter, ebenso die Laiendarsteller.

Doch der Kult, von dem die Sendung noch heute zehrt, gebührt "Ganoven-Ede", dem selbst die schrieben, die er hinter Gitter brachte. "Sehr gut erinnere ich mich an einen Einbrecher, der sich darüber beschwerte, dass ich in der Sendung gesagt hätte, er habe während des 'Bruchs' weiße Schuhe getragen. Das stritt er vehement ab. Fakt war, dass er genau wegen dieser Schuhe überführt worden war."

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 19.10.2007

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1.
Andreas Heinze 06.11.2007
Im SPIEGEL-online Bereicht heisst es, heute hat die "Kulisse Soap-Charakter, ebenso die Laiendarsteller". Das finde ich gar nicht. Ein wenig moderner ist die Sendung geworden, doch in ihrer Nüchternheit und Seriösität weiterhin einzigartig in Europa und nicht weit von Zimmermanns Original entfernt. Natürlich sind wir mit Zimmermann, Niedetzky udn Toenz genauso gross geworden wie mit Captain Kirk, Flipper und den Leuten von der Shiloh-Ranch, aber "Aktenzeichen" hat sich prima entwickelt und ist bei seinen Grundlagen und seinem Rahmen geblieben.
2. Ganoven-Rudi am Mi
Milan Brezina 26.06.2014
Nicht am Donnerstag, sondern mittwochs 20:15 laeuft XY nun.
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