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Barbarella Halbnackt im Weltall

Barbarella: Halbnackt im Weltall Fotos
ddp images/ mptv

Blaue Hasen, Exzess-Maschinen und ein Strip in der Schwerelosigkeit: Das Weltraumabenteuer "Barbarella" ist eines der schrillsten Dokumente der 68er-Generation - und beeinflusste die Popkultur wie kaum ein zweiter Film. Nur die Hauptdarstellerin kann mit dem sexy Space-Trip bis heute nichts anfangen. Von Wiebke Brauer

Es beginnt mit einem Striptease in der Schwerelosigkeit. Lasziv entblättert sich eine Astronautin, zupft erst die schwarzen Handschuhe von den Fingern, dann folgen Raumanzug und Helm. Sie schwebt durch das in Flausch und Fell ausgekleidete Raumschiff, ihre blonde Mähne wallt um das bildhübsche Gesicht. Dann: ein Funkruf. Es meldet sich der Präsident der Erde. Er hat eine Mission für Barbarella.

Die Astro-Agentin soll den Wissenschaftler Durand Durand finden, der am anderen Ende des Universums eine Geheimwaffe entwickelt hat und damit den intergalaktischen Frieden bedroht. Die Suche nach dem machtbesessenen Forscher wird zu einer wahren Odyssee der sexuellen Abenteuer - mit sehr haarigen Männern, einer lesbischen Tyrannin, blinden Engeln und einer Exzess-Maschine.

Zugegeben, "Barbarella" ist nicht gerade eine cineastische Meisterleistung. Die phantasievollen aber billigen Space-Sets und die mehr als dürftigen Dialoge lassen den Film von 1968 kaum aus der Masse der Weltraum-B-Movies hervorstechen. Und die Figur Barbarella ist eine nur notdürftig verhüllte männliche Masturbationsphantasie. Doch trotz allem hat es der Film, der im Oktober 1968 in die Kinos kam, es zu einem zentralen Puzzlestück der Popkultur gebracht. Denn er überzeichnete die Phänomene seiner Zeit so schrill und ironisch wie kein zweiter.

Interstellarer Sextourismus

Und die Zeit war bewegt. Während der Sci-Fi-Sexfilm in Frankreich gedreht wurde, stand die Flower-Power-Bewegung in voller Blüte, und der Gedanke von Liebe und Pazifismus ging auch in der Realität um die Welt: Scott McKenzie sang "If you're going to San Francisco", man feierte den "Summer of Love", Nickelbrillen waren genauso en vogue wie Blumen in den hemmungslos wuchernden Haaren. Auch vor Deutschland machte die Bewegung nicht halt. In Berlin wurde die Kommune I gegründet, und die Friedensbewegung formierte sich. Unterdessen unterzeichneten die USA, Großbritannien und die Sowjetunion zusammen mit 60 anderen Staaten einen Vertrag über die friedliche Nutzung des Weltraums. Die Macher von "Barbarella" nahmen all diese Einflüsse auf und vermengten sie zu einem überdrehten Mix aus Sexklamotte, Drogentrip und interstellarer Friedensphantasie.

Die Unschuld von der Erde erlebt Orgasmen zuerst ausschließlich per "Verzückungsübertragungspille". Doch auf ihrer Mission lernt sie schnell die Freuden der körperlichen Liebe auf ganz altmodische Art kennen. Die Agentin wird zur interstellaren Sextouristin. Ein Jäger rettet Barbarella vor gefräßigen Puppen, und sie verspricht ihm als Dank eine Belohnung durch den Präsidenten der Erde. Der bepelzte Kerl jedoch zieht Leibesübungen vor und weiht Barbarella in das Geheimnis der Liebe mit Vollkörperkontakt ein. Es geht eben auch ohne Pille.

Aber nicht nur, denn zum Teil wirken die Kulissen wirklich wie im LSD-Rausch erdacht. Man schreibt schließlich das drogenschwangere Jahr 1968. Da hoppeln schon mal blaue Kaninchen durch die Gegend, ziehen rote Mantarochen Kinder auf Plexiglasskiern durch unwirkliche Schneewelten und die Wände von Schlafgemächern verwandeln sich in wabernde Blasengebilde, als befände man sich im Inneren einer Lavalampe.

Alice im Wunderland trifft Dildano

Dazu rauchen in der Stadt Sogo - in Anlehnung an Sodom und Gomorrha - spärlich in Lack und Leder gekleidete Frauen Wasserpfeife mit der Geschmacksrichtung "Essence of Man". Ein Untergrundkämpfer mit dem unverhüllt zweideutigen Namen "Dildano" verrät Barbarella ein geheimes Kennwort: Es heißt "Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch" (und ist übrigens der Name eines walisischen Dorfes). Der Regisseur Roger Vadim wollte mit diesen Mitteln "eine Art zukünftige Alice im Wunderland" aus der Filmheldin machen. Es wäre aber auch möglich, dass er selbst etwas zu beherzt ins Pillendöschen gegriffen hat.

Wobei die leicht wirre Geschichte über die Rettung des Universums gar nicht aus seiner Feder stammt: Als Vorlage für das Skript - an dem sich acht Drehbuchschreiber verwirklicht haben - dienten die Abenteuer der gleichnamigen Comic-Figur des französischen Zeichners Jean-Claude Forest. Die Geschichten waren ab 1962 im französischen "V-Magazine" erschienen. Der Stil war grell, bunt und poppig. Die Heroine aus dem All schockierte mit ihren sexuellen Eskapaden im Weltraum das Bürgertum am Nierentisch.

Es folgt ein kleiner Skandal: Nachdem 1964 ein Album mit den ersten acht Episoden erschien, wurde es wegen seiner erotischen Darstellungen zunächst verboten. Die Öffentlichkeit geriet in Aufruhr, das Interesse stieg - und das Verbot wurde aufgehoben. 1966 und 1968 kamen leicht retuschierte Neuauflagen auf den Markt.

Eine Ikone der Popkultur

Obwohl der Film bei Kritik und Publikum durchfiel, waren die Folgen unübersehbar - gerade in der Mode. Barbarellas "Space Look" verhalf Modemacher Paco Rabanne zum Durchbruch. Für den Film kreierte er hautenge Catsuits, Korsagen aus Fell und Minis aus Pailletten. Die Kleider waren kurz, die Stiefelschäfte lang und die Materialien ungewöhnlich.

Doch nicht nur Rabanne profitierte von dem Film: Bis heute ist die gesamte Popkultur mit Barbarella-Zitaten gespickt. Die Musikgruppe Duran Duran nannte sich nach dem Wissenschaftler aus dem Film, Kylie Minogue strippte 1994 schwerelos in dem Video "Put Yourself in My Place". In Wien feierte im März 2004 ein gleichnamiges Musical Premiere, und wer genau hinschaut, wird auch in so unterschiedlichen Filmen wie "Aliens", "Austin Powers" und "Conan der Barbar" Einflüsse erkennen. Deutliche Parallelen weist auch das Science-Fiction-Opus "Das fünfte Element" von Luc Besson auf, in dem Milla Jovovich in aufreizenden Kostümchen die Liebe verkörpert. Hier hatte der französische Modeschöpfer Jean-Paul Gaultier die Outfits entworfen.

Nur eine kann mit der Pop-Ikone Barbarella bis heute nichts anfangen - und das ist ihre Darstellerin Jane Fonda. Bis sie "Barbarella" drehte, hatte sie als Schauspielerin vergebens versucht, aus dem Schatten ihres berühmten Vaters Henry Fonda herauszutreten. 1965 heiratete sie dann den Regisseur Roger Vadim, zog zu ihm nach Paris und ließ sich von ihm in "Barbarella" als Fantasy-Pin-Up inszenieren. Und tatsächlich: Der Space-Sex-Streifen machte sie endlich berühmt - aber nicht stolz. Sie verbuchte ihre Rolle unter "Jugendsünde" (sie war bei den Dreharbeiten 30 Jahre alt) - und trennte sich nach dem Film von Vadim.

Es folgte eine Zeit der Identitätssuche und die Ära als Aerobic-Queen in den achtziger Jahren. Jane Fonda ist vieles: Kämpferin gegen den Krieg, Schauspielerin, dreifache Ex-Frau und Mutter dreier Kinder. Doch ihre Rolle in "Barbarella" hat sie immer begleitet. "Wir alle machen Fehler", sagte sie einmal dazu, "nur mir werden sie immer wieder unter die Nase gerieben."

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1.
Hans-Henning Schmidt, 14.08.2011
Barbarellas Berufsbezeichnung ist nicht "Astro-Agentin" sondern "Astro-Navigatrice". mfG
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