Legendäres DDR-Liebesdrama Als Honecker aufs Publikum hörte

Legendäres DDR-Liebesdrama: Als Honecker aufs Publikum hörte Fotos
Progress Filmverleih/Norbert Kuhröder

Der SED-Chef persönlich verhalf dem Film in die Kinos: Vor 40 Jahren lief in der DDR "Die Legende von Paul und Paula" an und wurde Kult. Doch als sich die Hauptdarsteller gegen das System stellten, wollte die Staatsführung das Werk wieder verschwinden lassen - und seine Stars mundtot machen.

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Am Ende war die schöne Paula tot. Ausgerechnet sie, die kesse Revoluzzerin im aschgrauen DDR-Alltag. Ausgerechnet jetzt, wo gerade alles so perfekt für sie und ihren schlaksigen Paul lief. Der war nach dem Auf und Ab ihres Liebesabenteuers plötzlich allein - mit dem gemeinsamen Kind und einem zerstörten Traum. Nach 105 Minuten glühender Romantik hätte das Publikum im Ostberliner Kosmos-Kino an diesem Frühlingsabend also Grund zum Weinen gehabt. Doch es rollten keine Tränen, stattdessen erhoben sich die Zuschauer in den hinteren Sitzreihen des Saals, Hunderte applaudierten. Minutenlang.

Allerdings reagierten nicht alle Premierengäste an diesem 29. März 1973 so euphorisch. Die 800 SED-Parteikader etwa, die auf persönliches Geheiß von Parteichef Erich Honecker in den vorderen zehn Reihen des Vorführraums saßen: Deren Minen waren ebenso steif wie ihre Körperhaltung. Inmitten des frenetischen Beifalls der anderen Zuschauer starrten sie apathisch den geschlossenen Vorhang an. Wäre es nach ihnen gegangen, hätte es diesen Premierenabend gar nicht erst gegeben, niemals hätte dann ein Mensch diesen Film gesehen. Doch Honecker hatte "Die Legende von Paul und Paula" durchgewinkt.

"Wir lassen es dauern, solange es dauert"

Schon am nächsten Tag lief das Drama in den Kinos an, und innerhalb weniger Wochen wurde ein Werk des volkseigenen DEFA zum populärsten Film der DDR, der auf den ersten Blick nichts weiter als eine harmlose Liebesklamotte war: Paula, gespielt von Angelica Domröse, arbeitet in der Flaschenannahme einer Berliner Kaufhalle und erzieht nebenbei ihre beiden Kinder aus zwei gescheiterten Beziehungen. Da tritt eines Abends im trostlosen Stadtteil Prenzlauer Berg ein unglücklich verheirateter Außenhandelsreferent in ihr Leben: Winfried Glatzeder in der Rolle des Paul. Es entspinnt sich eine dramatische Liebesgeschichte, die Regisseur Heiner Carow nach der Buchvorlage des populären Dramaturgen Ulrich Plenzdorf entwickelt hatte. Und der Erfolg des Duos überstieg alle Erwartungen.

Drei Millionen DDR-Bürger sahen den Film allein im ersten Jahr, Paul und Paula avancierten zu Volkshelden. Das lag – mutmaßlich – daran, dass ihre Geschichte oberflächlich zwar bloß von romantischer Liebe handelte, aber durchaus auch politisch gelesen werden konnte. Denn das zentrale Thema des Streifens war die Sehnsucht nach privatem Glück, Freiheit und Selbstbestimmung - ein Wunsch, den Protagonistin Paula in wenigen Worten beschrieb: "Wir lassen es dauern, solange es dauert", sagt sie ihrem Geliebten im Film. "Wir machen nichts dagegen, nichts dafür. Wir fragen uns nicht allerlei blödes Zeug. Nur die Namen. Ich bin Paula." Seine Antwort: "Paul."

Es war der Beginn einer Leinwandromanze, die alle Grenzen des Kinos in der DDR durchbrach - und mit Unterstützung der von den Puhdys legendär interpretierten rockigen Filmmusik den Nerv einer ganzen Generation traf: Erstmals begehrten Titelhelden gegen starre Konventionen und sozialistisches Spießertum auf, Leidenschaft trat Parteiräson und verordnetem Sozialismus entgegen. Nie zuvor waren in der DDR gesellschaftliche Probleme, persönliche Ängste und die Hoffnungen der Jugend so authentisch dargestellt worden.

Und genau das war das Problem.

Denn die Realität des Kultfilms passte so gar nicht in das propagierte Gesellschaftsideal des Regimes: Wie sollte ein Liebespaar gesellschaftliche Grenzen überwinden und gegen soziale Widerstände ankämpfen - wenn die Gesellschaft doch offiziell vollkommen und klassenlos war?

Gesamtdeutscher Kult

Bedenken dieser Art hatte wohl tatsächlich auch Parteichef Erich Honecker. Seine erste Reaktion sei gewesen, sagt der Historiker Cyril Buffet, dass der Film verboten werden müsse, "aber der Generalsekretär änderte seine Meinung angesichts des Erfolges beim Publikum während der Vorpremiere".

So setzte im Politbüro nun ausgerechnet der sonst oft rigorose Honecker die Aufführungserlaubnis für "Die Legende von Paul und Paula" durch - inklusive der Freigabe für das westliche Ausland. Wenn auch mit Einschränkungen: So musste etwa die Szene herausgeschnitten werden, in der sich der Staatsbeamte Paul im Kampfgruppenanzug die Dienstmütze vom Kopf schlagen lässt. Dem Erfolg des Films im Westen tat das keinen Abbruch. Auch auf der anderen Seite der Mauer lachten und litten deutsche Kinobesucher mit dem Liebespaar auf der Leinwand. "Die Legende von Paul und Paula" wurde zu einem der wenigen gesamtdeutschen Kultfilme im Kalten Krieg. Daran änderte auch die Bewertung seitens des SED-Massenblatts "Neues Deutschland" nichts, das der Erzählung "wenig innere Logik" attestierte.

Für die Protagonisten bedeutete das einen Karrieresprung in der DDR: Angelica Domröse erhielt nun zahlreiche neue Angebote für Filme, die SED-Diktatur ehrte sie zudem mit dem Nationalpreis 2. Klasse, der zweithöchsten Auszeichnung des Landes. Winfried Glatzeder legte nach seinem filmischen Durchbruch schon ein Jahr später als Hauptdarsteller in "Till Eulenspiegel" den nächsten Erfolg nach, Drehbuchautor Plenzdorf war mit dem Segen des Politbüros endgültig in die Riege der großen Schriftsteller des Landes aufgerückt.

Dennoch trauten die Machthaber ihren neuen Filmstars offensichtlich nicht über den Weg.

Einsatz gegen das Regime

Auslöser dafür war die Empörung der ostdeutschen Kunstszene über die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976 aus der DDR. Plenzdorf wurde von der Stasi bespitzelt - erst recht, nachdem er aus Protest aus der SED ausgetreten war und eine persönliche Beschwerde an Honecker geschickt hatte. Einen öffentlichen Protestbrief unterschrieben hatte auch die bis dahin linientreue Schauspielerin Domröse.

Der Einsatz für den Künstlerkollegen sollte sie teuer zu stehen kommen - und das Ende der "Legende von Paul und Paula" in der DDR bedeuten. Das Regime ließ den Kultfilm für immer aus dem Fernsehprogramm streichen; die "Legende" sollte aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden.

Die Strafe für die Rebellin Domröse fiel hart aus: Immer seltener erhielt die Schauspielerin Angebote für Filme und Serien in der DDR, bis sie 1980 frustriert in die Bundesrepublik übersiedelte. Zwei Jahre später folgte ihr "Paul"-Darsteller Glatzeder.

Das Ende des Filmmythos von Paul und Paula erreichte ihre ursprünglichen Förderer indes nicht: Denn mit der Mauer fiel zur Wende auch die Filmzensur. Im März 1993 saßen Domröse und Glatzeder gemeinsam im Berliner Freilichtkino Friedrichshain - und sahen sich auf der Leinwand als Paula und Paul, 20 Jahre nach ihrem großen Erfolg. "1300 begeisterte Zuschauer" seien zur Aufführung gekommen, sagte Glatzeder später in einem Interview, "und mehrere hundert hingen an den Zäunen".

Es war der Anfang der Renaissance des Klassikers, dem inzwischen auch ein Denkmal gesetzt wurde: Am Rummelsburger Spreeufer in Berlin, wo 1973 eine Schlüsselszene des Films gedreht worden war, steht heute die "Liebesbank" des Filmpaars. Daneben erklärt ein Schild den Spaziergängern, wo sie sich befinden: am "Paul-und-Paula-Ufer".

Zum Weiterschauen:

Heiner Carow: "Die Legende von Paul und Paula". DDR 1973.

Die DVD erhalten Sie bei icestorm.

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1.
klaus dudeck 30.03.2013
Mir ist es so, als wenn der Bezirk eher Lichtenberg war, indem sich Paula und Paul getroffen haben.
2.
Uwe Wegener 29.03.2013
Was für ein abgrundtief dämlicher Kommentar. Es war kein Film gegen sozialistisches Spiessertum, sondern einer gegen Spiessertum jeglicher Art. Dieser sah ja 1970 im Westen kaum anders aus. Nur wurden im westen freilich keine solch Klasse Filme gedreht,weil damit nun mal keine große Kohle zu machen ist.
3.
Klaus Jantke 30.03.2013
Wieso "im trostlosen Stadtteil Prenzlauer Berg"; das Haus stand im Stadtbezirk Friedrichshain, fast in Sichtweite vom Ostbahnhof. Warum haben Journalisten so wenig Ahnung von dem, worüber sie schreiben? Ist das Bedingung ...?
4.
Klaus Emmerot 30.03.2013
>Was für ein abgrundtief dämlicher Kommentar. Es war kein Film gegen sozialistisches Spiessertum, sondern einer gegen Spiessertum jeglicher Art. Dieser sah ja 1970 im Westen kaum anders aus. Nur wurden im westen freilich keine solch Klasse Filme gedreht,weil damit nun mal keine große Kohle zu machen ist. Ich dachte, der Film wäre auch im Westen ein Erfolg gewesen, also große Kohle gemacht worden. --> Ihr Kommentar ist das elektronische Papier nicht wert, auf dem er erscheint. q.e.d p.s. Immer noch beleidigt, seit 1989?
5.
Werner Tresor 30.03.2013
Dieser Film ist einer der Wenigen, die für immer in der WEST und OST Erinnerung bleiben werden. Das Streben nach persönlichem Glück steht an Nr. 1.
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